Fanfic: Bloody Tears
Kapitel: Sein Geheimnis
Die rote, brennende Abendsonne senkt sich langsam hinab, um sich schon bald
hinter dem Horizont schlafen zu legen, damit sich der dunkle Schleier der Nacht
kurz darauf über unsere schöne Stadt legen kann, wie eine kühle Decke, die der
Mond behutsam über sie streift, während die Sterne sie in den Schlaf wiegen. Bei
dem Übergang von Morgen zu Tag, von Tag zu Abend, von Abend zu Nacht und von
Nacht wiederum zu Morgen, spielen Sonne, Mond und Sterne mit verschiedenen
Instrumenten das gleiche Lied, spielen es im völligen Einklang, um den
Vierundzwanzig-Stunden-Takt nicht durcheinanderzubringen.
Ich öffne die Tür des Schlafzimmers und trete müde ein. Es war wieder ein langer
Tag gewesen, wie so oft. Dennoch muss ich sagen, dass ich diesen Beruf sehr zu
schätzen weiß. Die Arbeit ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Denn
immer, wenn ich den Hauptsitz der mächtigen Firma betrete, erkenne ich erneut,
dass ich unabdingbar bin, dass ich etwas Nützliches tun kann. Immer, wenn ich
die Kaiba Corporation sehe, wird mir bewusst, dass ich eines der Räder war,
welches das Auto brauchte, um in Gang zu kommen.
Die erschöpfte Sonne rückt dem Horizont unmerklich näher, und ich lege meine
dunkle Sonnenbrille auf den Schreibtisch ab. Sie gehört zu meiner
Arbeitskleidung, die ich stets trage, wenn ich meinem Beruf nachgehe, und ich
trage sie gerne. Zusammen mit meinem schwarzen, eleganten Anzug vermittelt sie
mir das Gefühl gewisser Macht. Doch für heute ist meine Aufgabe getan. So
streife ich mir das schwarze Jackett ab und lasse es auf die Lehne des
Bürosessels nieder, während eine meiner Hände die Krawatte lockert.
Normalerweise liegt meine Gattin zu dieser Zeit in unserem gemeinsamen Bett,
trägt ihr silbergraues Seidenhemd und liest einen interessanten Fantasy-Roman,
während sie mit ihren rabenschwarzen Locken spielt. Doch heute ist es nicht so.
Das Bett ist leer. Meine Frau ist für zwei Tage geschäftlich auf Reise, zusammen
mit ihrem Vorgesetzten, der scheinbar Gefallen an ihr gefunden hat. Nicht, das
mich das wundern täte. Ganz im Gegenteil. Sie ist eine fantastische Frau und ich
frage mich des öfteren, meist inmitten der Nacht, wie sie es mit mir aushält, wo
ich doch immer so früh aus dem Haus gehe und so spät von der Arbeit
zurückkehre.
Ich freue mich für sie - sehr sogar - dass sie für zwei Tage eine andere Gegend
zu Gesicht bekommen kann, denn ich habe kaum Zeit, sie auszuführen oder mit ihr
zu verreisen. Jedoch wäre ich erleichtert, hätte ich sie jetzt an meiner Seite.
Denn wieder einmal überkam mich das Bedürfnis, mit einer vertrauten Person über
die Sache zu reden. Wir sprachen jetzt schon seit fast zwei Monaten über die
Sache, jeden Abend, wenn ich mich zu ihr ins Bett legte, und ihren leichten
Kirschenduft in mich aufnahm, bevor wir uns schlafen legten oder uns gegenseitig
unsere Liebe bewiesen.
Aber sie ist nicht da und ich habe niemanden, mit dem ich über die Sache
diskutieren kann. Sie bedrückt mich zu diesem Zeitpunkt wahrlich sehr, das tut
sie schon seit längerer Zeit. Wenn ich arbeiten gehe, versuche ich die Gefühle,
die die Sache in mir hervorruft, zu unterdrücken, denn sie könnten entdeckt
werden und dann werde ich über die Sache ausgefragt, das möchte ich vermeiden.
Niemand muss wissen, dass ich von etwas weiß, dass ich besser nicht hätte
erfahren sollen, nur meine Frau, die mir seelischen Halt gibt. Ich weiß, dass
sie es niemandem weitererzählen wird, auch nicht ihrem Vorgesetzten, der sie ja
so ins Herz geschlossen hat.
Wie dem auch sei. Ich schaue mich in unserem Zimmer um, öffne das große Fenster,
schon strahlt mir die Abendsonne ins Gesicht und lässt mich für einen kurzen
Moment erblinden. Dennoch ist der Himmel wunderschön. Tagsüber, wenn ich
arbeite, wird mir die Schönheit der Welt vorenthalten, denn ich trage die dunkle
Sonnenbrille, die mich kalt und mächtig erscheinen lässt, emotionslos, fast wie
er. Aber eben nur fast.
Mir kommt eine Idee. Ich schalte den Computer an, auch den Monitor, und während
sich der Starbildschirm aufbaut, hole ich mir aus der Küche ein Glas und eine
Flasche Mineralwasser. Als ich zurückkomme und besagte Gegenstände auf den
Schreibtisch stelle, zeigt der Monitor bereits den Desktop, ein Urlaubsfoto von
mir und meiner Gattin vor einem Leuchtturm. Ich erinnere mich. Es wurde in
Mallorca geschossen, ein schöner Ort, an dem wir einen unserer wenigen Urlaube
verbracht hatten. Es waren schöne zwei Wochen, und ich hatte meine Frau selten
so glücklich gesehen wie damals.
Ich öffne ein Programm für die Textverfassung und atme tief ein. Dann seufze
ich, ich bin noch müde von der Arbeit, aber ich entschließe mich, es jetzt
niederzuschreiben. Andernfalls würde ich keine Ruhe in der Nacht finden. Ich
überlege. Brauche ich eine Überschrift? Nein. Ich will keine Geschichte
schreiben, nein, ganz und gar nicht. Außerdem kommt mir in den Sinn, dass ich
den Text gleich nach dem Aufschreiben wieder löschen würde. Gewiss. Wen dem so
sei, dann schriebe ich diesen Text ganz umsonst. Aber was soll ich sonst mit ihm
anfangen? Ihn auf meinem Rechner speichern und sehen, was passiert? Ich würde
dieses Dokument niemals wieder öffnen, es für alle Zeiten unberührt lassen, bis
es in einem Haufen von Daten verschwindet. Nein. Es steht fest. Ich werde es
löschen.
Die Überschrift lasse ich aus. Noch einmal seufze ich, dann lehne ich mich vor,
um besser schreiben zu können. Vor mir sehe ich eine weiße Fläche, die nur
darauf wartet, dass ich sie mit schwarzen Lettern zutexte. Das digitale Blatt
schreit schon fast nach Nahrung, und ich habe nicht vor, es hungern zu lassen.
Doch da mir kein gescheiter Anfang einfällt, entscheide ich mich für einen Text
á la Tagebuch.
"Lieber Computer."
Schwachsinn! Ich lösche die beiden Worte wieder. Ich bin keine zwölf Jahre mehr!
Ich bin erwachsen und so sollte ich auch schreiben. Kopfschüttelnd beginne ich
von Neuem.
"Es ist mir schon vor einiger Zeit..."
Nein! Das ist kein Anfang, dass ist Unfug! Bin ich nicht in der Lage, einen
geeigneten Beginn zu verfassen? Für einen simplen Text? Wenn ich schon jetzt
verzweifle, was tu ich dann erst beim Haupteil, dem überhaupt wichtigstem Glied
des Textes? Ich fahre mir stöhnend durch das schwarze Haar und starre den
Bildschirm an, der mir hell und wach entgegen strahlt. Dann widme ich mich
abermals der Tastatur.
"Datum: Sonnabend, 1. April 2005, 19. 44 Uhr
Es ist Frühling. Die kalte Zeit ist worüber und die Sonne lässt die Erde mit
jedem Tag mehr ihrer Hitze spüren. Und auch, wenn sich viele Menschen, ob alt,
ob jung, gerade jetzt, wo das neue Jahr mit jedem Sonnenaufgang an Stärke
gewinnt, in der Freie der Natur vergnügen, gibt es doch auch Dinge, die nicht
derart erfreulich sind. Doch meist bleiben solche unerkannt, werden in eine
Gasse gedrängt, die die Frühlingssonne nicht erreicht."
Ich lächele zufrieden. Ja, so kann ich meinen Text beginnen.
"Ich, Roland, ein einfacher Mann mit Frau und Beruf, habe eines dieser
unerfreulichen Dinge entdeckt. Ganz plötzlich, ich habe nicht einmal danach
gesucht. Und schon gar nicht hätte ich gedacht, es ausgerechnet dort zu finden.
Dort, wo ich dachte, dass immer alles in bester Ordnung ist und jede noch so
kleine Aktion geregelt abläuft. So kann man sich täuschen..."
Ich trinke einen Schluck Wasser. Das, was ich gesehen habe, die Sache kommt mir
wieder hoch und fast habe ich das Gefühl, daran zu ersticken, wenn ich es nicht
sofort aufschreibe. Jedoch sollte ich es mit Ruhe angehen. Dieser Text ist mir
sehr ernst, so ernst wie die Sache selbst.
"Angefangen hat alles vor ungefähr zwei Monaten und zwei Wochen. Ich weiß noch,
dass es an diesem Tag geregnet hatte und ich dennoch zur Arbeit fuhr. Um 6.45
Uhr trat ich in die Kaiba Corporation ein, dort, wo ich arbeite und verdiene,
und auf Befehl fuhr ich per Aufzug in den zweithöchsten Stock des Gebäudes. Dort
lag das Büro meines Chefs. Meines jungen Chefs, sollte ich betonen, denn er ist
gerade einmal siebzehn Jahre alt, auch wenn er absolut erwachsen wirkt. Er ist
stets voller Elan, Tatendrang und ich glaube, dass ihm seine Arbeit sehr am
Herzen liegt, auch wenn er es nie zeigt, da er ziemlich verschlossen und
abweisend ist."
Wieder nehme ich einen Schluck des erfrischenden Getränks und strecke mich aus.
Sollte ich wirklich von dieser Sache schreiben? Sollte ich sie wirklich einem
Computer anvertrauen? Würde mir verziehen werden? Ich bin unentschlossen. Nach
zirka zwei Minuten jedoch ist mir bewusst, dass ich meine angefangende Arbeit
nun auch beenden werde. Mein Chef hasst Angestellte, die ihre Aufgaben nicht bis
zum Ende mit dynamischen Schwung erledigen.
"Er stand mit dem Rücken zu mir gewandt, schaute abwesend aus dem wandfüllenden
Fenster, als ich nach einem ergiebigen Klopfen eintrat. Ich grüßte ihn mit einem
raschen "Guten Morgen, Herr Kaiba" und betrachtete ihn dann stumm, auf seine
Reaktion wartend. Es war noch sehr früh, und ich wusste, dass er die Nacht
wieder einmal durchgemacht hatte. Ich glaube, er war überfordert und gestresst,
da er ein Problem mit einigen anderen Firmen hatte, die auf seinen Erfolg
schielten und diesen gerne ihr Eigen nennen wollten. Als er sich mir zudrehte
und unsere Blicke aufeinander traten, sah man ihm seine Müdigkeit dennoch nicht
an, er schien frisch und in dem Tiefblau seiner Augen regierte Kälte und Härte.
Er wirkte wie immer, und die Blässe seiner Haut kannte ich schon, seit ich für
ihn arbeitete. "Kann ich etwas für Sie tun?", fragte ich ihn. Im gleichen Moment
klopfte es an der Tür und schon trat eine junge Frau ein. Auf ihrem silbernen
Tablett stand eine blütenweiße Tasse mit dampfendem Kaffee. Eigentlich hatte ich
gedacht, dass er mir jetzt die Aufgabe