Fanfic: Orion
Kapitel: Erinnerung IV
Jaa, das stimmt - war vor Eileens Schwangerschaft. Ich hopse generell wild in der Zeit herum, haha, dazu hab ich die Macht... denn schließlich kommen Orions Erinnerungen nicht chronologisch und auch nicht alle auf einmal, sondern eher so peu à peu und nicht unbedingt geordnet. Das Ordnen müsst ihr hinterher selbst übernehmen, hehe!! Seht es als großes Puzzle oder so ähnlich... Ich hoffe, ihr mögt Puzzles?! Also, ich bin ein Fan ^^
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Sie sieht mich durchdringend an, sagt aber nichts. Ich kann den leisen Vorwurf trotzdem hören und er macht mich fast wahnsinnig, aber ich kann einfach nicht darüber sprechen, kann und will den Schmerz nicht wieder aufquellen lassen, der damals mein Leben so entscheidend verändert hat.
"An was erinnerst du dich noch?" fragt sie schließlich, und mit Erleichterung nehme ich zur Kenntnis, dass sie zwar etwas enttäuscht, aber nicht mehr wütend klingt. Sie hat mir verziehen - wenn auch mit Widerwillen.
"An vieles - und an nichts", antworte ich vieldeutig und lasse mich an der Wand entlang zu Boden sacken, "an nichts, an dass ich mich gerne erinnern möchte... Nur an die Sachen, die ich wohl früher verdrängt habe."
Sie nickt ruhig und betrachtet mich mit einer Art von Interesse, die man wohl einem besonders einzigartigen Studienobjekt entgegen bringt. "Erinnerst du dich.. an deinen Bruder?"
Ich wende ihr müde meinen Kopf zu. "Brüder", verbessere ich, "eigentlich hab ich drei Brüder. Einer starb als ich 10 war, mein Zwilling als ich zwölf war. Und dann hatte ich noch meinen Halbbruder."
"Drei?" Sie runzelt ihre Stirn.
Ich nicke und lege meinen Kopf in den Nacken um die Decke anzustarren. "Dorian, Allan und Calvin."
"Lass das, Ryan", sagt Dorian unwirsch und sieht mich genervt an, "hör auf, an meiner Jacke rum zu zupfen - du machst sie noch kaputt!"
Enttäuscht lasse ich sie los und ziehe einen Flunsch. Er seufzt und zerwuschelt mir mit seiner Rechten die Haare. "Ich komm doch in ein paar Stunden wieder", meint er, "und solange hast du ja Allan!"
"Ja", sage ich trotzig, "aber Allan ist nicht du!"
Er lächelt leicht und geht vor mir auf die Knie, womit wir auf Augenhöhe sind. Seine weißblonden Haare fallen sacht um sein Gesicht und rahmen seine braunen Augen ein. "Aber er sieht mir ziemlich ähnlich, weißt du", sagt er neckend.
Ich grinse schief. "Hmm", mache ich nur, "er ist trotzdem nicht wie du."
Ein leises Lachen entringt sich seiner Kehle, dann erhebt er sich und legt mir seine Hand auf die Schulter. "Ich muss jetzt wirklich los."
Ich nicke traurig und bleibe etwas verloren stehen, während er zur Tür schreitet. Er öffnet sie und ist auch schon halb draußen, als er sich dann noch einmal umdreht und mir aufmunternd zulächelt. "Hey Kleiner."
Ich hebe den Blick und sehe ihn erwartungsvoll an.
"Morgen gehen wir ein Eis essen, versprochen!"
Ein Strahlen huscht über mein Gesicht, ich nicke enthusiastisch und sehe zu, wie sich die Tür langsam schließt.
Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.
"Wie... sind sie denn...?" fragt sie stockend, und ich werfe einen angelegentlichen Blick auf meine Fingernägel. Es tut weh, darüber zu sprechen - berührt Stellen in meinem Herzen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt - und doch ist es um ein Vielfaches besser als über Leia zu sprechen. Also beginne ich.
"Dorian starb bei einem Autounfall", sage ich langsam, nicht etwa weil die Erinnerung so unscharf ist sondern viel mehr weil es mir unsägliche Mühe bereitet, ihr von ihm zu erzählen, "er... er..." Ich schlucke und schließe die Augen. Plötzlich wird mir bewusst, dass diese Brüder - zumindest zwei von ihnen - mir unlängst wieder begegnet sind, jedoch in völlig anderer Form und ohne, dass ich sie erkannt hätte. Mir läuft ein kalter Schauer die Wirbelsäule entlang und ich balle unbewusst die Fäuste. [i ] Narziss... [/i] Etwas wie ein elektrischer Schlag durchzuckt mich und lähmt meine Sinne. Verflucht...
"Er...?" hakt sie nach und ich blinzele ein paar Mal um wieder in die Realität zurück zu finden.
Sie weiß nichts von den drei Rassen, die sich in mir vereinen - kennt bisher nur den Boten und den Menschen in mir. Wie soll ich plötzlich erklären, dass ich einst, lange vor ihrer Geburt, Kronprinz einer aussterbenden Rasse war, der Rosar - und es vielleicht jetzt noch bin? Dass ich diesen Bruder, den ich als Mensch so vergöttert habe, vor 40 Jahren getötet habe?
Müsste ich ihr dann nicht auch von der Frau erzählen, Molin, die damals mein gesamtes Denken beherrscht hat und mich auch jetzt noch in meinen Träumen heimsucht?
Und von Can, meinem Lehrer und Freund, der inzwischen wohl durch meine Schuld die größten Schmerzen erleiden muss oder schon gestorben ist, unter den Qualen der Folter - nur meinetwegen?
Ich kann schon mehr als dankbar sein, dass sie noch da ist obwohl sie über Bathelem Bescheid weiß.
"Er hat mir viel bedeutet", schließe ich schlicht und bin froh, dass ich mein Gesicht so trainiert habe, dass man meine Gefühle kaum ablesen kann.
Sie fragt nicht weiter, lässt sich nur mir gegenüber an der Wand niedersinken und schweigt. Eine kleine Welle der Dankbarkeit überflutet mich - dafür, dass sie bereit ist, mir diesen Moment der Erinnerung zu schenken und dafür, dass sie spürt, dass ich dabei nicht berührt werden möchte, obwohl sie sicherlich das Bedürfnis danach hat mir durch ihre Nähe Trost zu spenden.
Ganz anders als Leia, die immer das Gegenteil getan hätte. Die nie das tat, was ich wollte... sondern immer nur das, wovon sie meinte es sei das Beste für mich.
Der Schatten eines Lächelns huscht über mein Gesicht.
"Deine Nase läuft."
Ich werfe dem Mädchen, das mir in der Schulpause diese schonungslose Neuigkeit mitteilt, einen bösen Blick zu. "Ach ja?"
"Ja", sagt sie, "und deine Augen sind ganz rot und dick."
Ich strecke trotzig das Kinn nach vorne und sehe demonstrativ in eine andere Richtung.
"Ist alles in Ordnung?"
Meine Lippen pressen sich zu einem schmalen Strich zusammen und ich kämpfe gegen die aufkommenden Tränen an. Nicht hier , denke ich verzweifelt, nicht jetzt .
Sie setzt sich neben mich auf die Bank und legt mir ihre kleine, dreckige und warme Hand auf den Unterarm. "Weißt du, du musst es gar nicht sagen", meint sie und lächelt leicht, "ich weiß schon, dass es nicht so ist."
Die Weisheit, die in den Worten der Neunjährigen mitschwingt, ist so umfassend, dass mir für einen Augenblick die Luft wegbleibt und ich nichts erwidern kann.
Auch sie verfällt in Schweigen, und die Ruhe die sie ausströmt schwappt langsam aber sicher auf mich über und verdrängt die Trauer.
Wir sitzen in stummer, friedlicher Eintracht nebeneinander, bis der Pausengong ertönt und die nächste Stunde ankündigt.
Ich hebe langsam den Blick und sehe in ihre Augen. Sie sind haselnussbraun und mir fällt auf, dass sie Ähnlichkeit mit Dorians Augen haben.
"Mein Bruder ist gestorben."
Sie verzieht keine Miene, nickt nur wissend und steht auf. "Es wird wieder gut", verspricht sie, und ein kleines Wunder geschieht: Ich glaube ihr.
"Und, bevor ich es vergesse, mein Name ist Leia."
"Bathelem", breche ich das Schweigen schließlich und zwinge das Bild des kleinen, braungelockten Wesens aus meinem Kopf, "ist mein anderer Bruder. War. Ist. Wie auch immer."
Ich fahre mir nervös mit der Zungenspitze über die Lippen und fahre mir durch mein Haar.
Sie nickt verstehend. "Dein... Zwilling?"
"Ja", erwidere ich, "Allan."
"Dorian ist nicht tot!"
Ich fahre wütend herum und versetze ihm einen heftigen Stoß. "Hör auf, dass zu sagen! Er ist tot! Mausetot! Wir haben seine Leiche gesehen und er ist begraben! Seine Seele ist im Himmel!"
In seinen Augen flammt Zorn auf. "Nein", widerspricht er stur, "ich hab ihn gesehen! Er ist nicht tot!"
Mir läuft unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Der Gedanke, meinen älteren Bruder jetzt noch einmal zu sehen erfüllt mich ebenso sehr mit einer wilden Furcht wie auch mit einer unbändigen Freude. Aber das tut nichts zur Sache - denn er ist tot!
"Du hast ihn nicht gesehen", erwidere ich, "du kannst ihn gar nicht gesehen haben!"
Sein Gesicht wird undurchdringlich. Wir beide beherrschen diesen Trick, unsere Gefühle vor der Außenwelt zu verbergen - aber vor uns selbst klappt das nicht. Ich weiß genau, was er fühlt, so wie ich es fast immer weiß - er ist wütend. Und verletzt, weil ich ihm nicht glaube.
"Doch", beharrt er störrisch, "ich erkenne ihn, wenn ich ihn sehe - und das war er, eindeutig, auch wenn seine Augen anders waren..." Auf seiner Stirn entsteht eine kleine, steile Falte, wie immer, wenn er nachdenkt.
"Ach", höhne ich spöttisch, "aber seine Augen waren anders, ja? Dann war er es nicht. Er kann es nicht gewesen sein!"
Er sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck an und ein zweiter Schauer überläuft mich. Es ist, als würde ich in ein verjüngertes Gesicht Dorians sehen - denn sie sehen sich ähnlich, sehr sogar, viel mehr als ich meinem eineiigen Zwilling ähnele, mal davon abgesehen, dass Allans Augen grau und Dorians braun sind. Waren , verbessere ich in Gedanken, braun waren.
"Rot", antwortet er, und einen Moment lang weiß ich nicht, wovon er spricht, "sie waren glühend rot."
Stille breitet sich zwischen uns aus wie ein Leichentuch, und meine Stimme zittert leicht als ich schließlich erwidere: "Du irrst dich. Dorian lebt nicht