Fanfic: Orion
Kapitel: König III
Tadaaa - das nächste Kapitel. Das mit den Erinnerungen wird jetzt ein wenig zurück geschraubt und die Gegenwart wird etwas wichtiger.. Naja, merkt man beim Lesen zumindest ^^
Einen lieben Gruß an Kirana, meine kleine eiserne Stammleserin - danke für die stete Kommentierung!!! *blumenstrauß und konfetti*
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Das Schwert - mir ist nicht unbedingt klar, wie es dorthin gekommen ist, alles woran ich mich diesbezüglich erinnere ist, dass Mullholland es mir nach dem Kampf zurückgegeben hat - steckt in einem Stein auf dem Boden in sehr merkwürdiger Erinnerung an das sagenumwobene Excalibur, und Dismas führt mich direkt darauf zu. Hoffentlich erwarten sie nicht, dass ich es in einer melodramatischen Pose nach oben reiße und wild über meinem Kopf kreisen lasse, denn nach nichts steht mir im Moment weniger der Sinn als nach Schwertspielchen.
Bei dem Schwert angekommen senke ich leicht meine rechte Hand über den goldenen Knauf und zu meiner Überraschung durchfließt mich ein tiefes, befriedigendes Gefühl des Friedens - so vollkommen und machtvoll, dass ich unwillkürlich lächeln muss und den Blick hebe, den ich bisher auf den Boden gerichtet habe.
Dismas' Augen weiten sich erstaunt und sein Unterkiefer klappt herunter, alle anderen jedoch bewahren sich ihr ruhiges Äußeres und betrachten mich mit einer verwirrenden Mischung aus Faszination und Verehrung.
"Sire", sagt da einer von ihnn und beugt urplötzlich das Knie, woraufhin es ihm alle nachmachen und ebenfalls auf die Knie sinken - alle außer natürlich Dismas, der jetzt den Blick ein wenig pikiert über die Dutzende von Rücken gleiten lässt, die sich uns da so unerwartet darbieten.
Ich bin wie vor den Kopf gestoßen und der Schock dieses Anblicks lähmt mich. Erst nach und nach kommt Leben in meine Glieder. "Steht auf", platze ich dann heraus, weil mir das ganze entsetzlich unangenehm ist, "himmelherrgott, steht bloß auf!"
Zögerlich erheben sie sich wieder, senken jedoch demütig die Köpfe und sehen mich nicht an. Alle, bis auf einen - ein Bote legt nur fragend den Kopf schief und lächelt ganz leicht, nur ansatzweise, und macht eine kleine ironische Verbeugung in meine Richtung. Wider Willen muss ich grinsen - Mullholland, wer auch sonst. Respektlos und ohne jeden Zweifel unverbesserlich.
"Was erwartet Ihr, dass wir tun sollen?" fragt da jemand aus den Reihen der Boten, und es ist mir unmöglich zu sagen, wer die Frage gestellt hat. Ein nervtötendes Gefühl.
"Was ich erwarte?!" frage ich ein wenig entsetzt zurück, und Dismas kann sich ein fröhliches Grinsen nicht verkneifen.
Du bist der König, formt er lautlos mit den Lippen, und ich seufze leise in mich hinein. Richtig, ich bin der König. Ein absolut planloser König, aber davon wollen wir uns ja nicht stören lassen.
"Nun, ähm", sage ich schwach und suche vergeblich nach Worten oder zumindest einer Aufgabe, "ihr... ähm..." Ich räuspere mich und umfasse den Knauf des Schwertes fester. "Ich will einen Rosar", höre ich mich dann sagen und bin selbst ein wenig überrascht - es ist, als hätte mein Unterbewusstsein jetzt die Führung übernommen und würde Wünsche äußern, die ich sonst nicht hätte über meine Lippen bringen können, "lebendig. Zum Verhör." Ich überlege einen Moment und hänge dann an: "Und ich will, dass jemand zu den Boten Bathelems geht und ihm die Nachricht überbringt, dass ich ihn sprechen möchte."
Ein synchrones Nicken der wie die Zinnsoldaten aufgereihten Männer vor mir ist die Antwort und eine mir nicht mal bewusst gewesene Anspannung fällt von mir ab - irgendwo in mir drin hatte ich wohl befürchtet, dass die Boten sich einfach weigern würden, meinen Anweisungen zu folgen und mir wieder, wie früher, den Rücken kehren würden. Wie ein Mann drehen sie sich um und verschwinden schweigend in den Gängen, und ich kann erleichtert aufatmen.
Langsam drehe ich mich zu Dismas um. Er lächelt leicht. "Das lief doch ganz gut, Orion", meint er und legt mir sacht seine Hand auf die Schulter.
Ich löse meine um den Schwertknauf verkrampften Finger und lächele schwach zurück. "Naja", antworte ich müde, "wie man's nimmt." Aber innerlich gebe ich ihm Recht - dafür, dass ich keine Ahnung hatte was ich da tat, habe ich vermutlich einen recht überzeugenden Auftritt hingelegt. Immerhin.
"Du solltest schlafen", weist er mich dann an und deutet mit seinem Daumen nach oben, "du siehst schrecklich aus."
"Danke", erwidere ich ironisch und fahre mir mit der Hand über das Gesicht, "das weiß ich selbst."
Er schweigt und grinst nur vielsagend, während er sich zur Tür wendet. "Ich bleibe noch ein Weilchen hier", erklärt er dann, als er an der Tür angekommen ist, mit mir abgewandtem Gesicht, "es gibt noch etwas, worüber wir reden müssen. Aber nicht jetzt."
Ich sehe ihm ein wenig erstaunt hinterher und bringe nur ein Nicken zuwege, das ihm natürlich verborgen bleibt - wahrscheinlich hätte ihn meine Zustimmung aber sowieso eher wenig interessiert. Glücklicherweise - oder auch nicht, ich bin mir da noch nicht sicher - hat er sich als einziger von meinem neuen Titel kaum bis überhaupt nicht beeindrucken lassen und behandelt mich mit der gleichen Art von nichtvorhandenem Respekt wie zuvor auch. Mal abgesehen davon, dass Mullholland auch noch ein wenig aus der Reihe tanzt, aber das war ein anderes Thema.
Mit schleppenden Schritten gehe ich die Treppe hinauf und laufe durch die Gänge, sorgsam Eleonoras Geruch ausweichend. Ich habe keine Lust mehr auf eine weitere Frage-Antwort-Runde über mein bisheriges Leben und will einfach nur noch schlafen, lange und erholsam, und am besten aufwachen und bemerken, dass alles nur ein böser Traum war.
Ein bläulicher Schimmer blitzt mir von der Wand her entgegen, und als ich einen raschen Blick auf diese Lichtquelle werfe bin ich auf einen Schlag wieder hellwach und stürze wie ein Besessener auf die Wand zu.
Es ist ein Spiegel, nichts besonderes, und ganz sicher nichts, in das ich in letzter Zeit gerne einen Blick geworfen hätte - aber jetzt bin ich wie hypnotisiert, einfach hingerissen von meinem Bild: Meine Augen sind blau.
Ein klares, dunkles Blau, ungefähr die Farbe des Himmels an einem wolkenlosen Tag, und sie fluoreszieren wie eh und je in der Dunkelheit. Fassunglos starre ich in diese unverwechselbaren Lichtpunkte hinein als könnten sie mir Antwort geben auf die in mir brennende Frage: Was zur Hölle ist hier bloß los?!
Die Worte kreisen wie auf einer kaputten Schallplatte in meinem Kopf herum, bohrend und ein Gefühl der Hilflosigkeit hinterlassend, das ich nicht abschütteln kann. Ruckartig drehe ich den Kopf weg und sehe wieder auf den Flur. Es spielt keine Rolle, welche Farbe sie haben, denke ich dumpf, erinnert habe ich mich ja so oder so.
"Ich finde, wir sollten warten", keuche ich atemlos und schiebe ihre Hände von meiner Gürtelschnalle, woraufhin sie mir einen völlig verständnislosen Blick zuwirft.
"Warten?!" fragt sie leicht entrüstet und zieht ihre Augenbrauen soweit hoch, dass sie fast unter ihrem Pony verschwinden.
"Ja", bekräftige ich und rutsche ein wenig von ihr weg, dadurch fast aus dem Bett fallend - 90 Zentimeter lassen nicht viel Platz für Privatsphäre.
"Aber - warum? Liegt es.. Ich meine, bin ich... ?" Sie errötet leicht und zupft automatisch an ihrem hochgerutschten Shirt herum. Der Anblick treibt mir das Blut in die Wangen und ich sehe bemüht zur Seite.
"Nein", antworte ich, "daran liegt es nicht." Ich schlucke und sehe starr zur Decke. "Du und ich... wir... also, das sollte etwas besonderes sein. Nichts, das in einer Lernpause stattfindet. Nichts, was wir später bereuen."
Ich kann fast zuhören, wie sich ein Lächeln auf ihren Zügen bildet. "Manchmal bist du perfekt, weißt du das?" fragt sie und kuschelt sich zurück in meine Arme, diesmal nur des Gefühls und nicht der Nähe wegen, und ich schließe dankbar meine Arme um sie.
"Nein", antworte ich wahrheitsgemäß, "aber ich weiß, dass du es immer bist."
Sie lacht leise, schmiegt sich enger an mich und verpasst mir in der gleichen Bewegung einen spielerischen Schlag gegen die Schulter. "Hör auf, mich zu behandeln als wäre ich etwas besseres", befiehlt sie fröhlich, und ich schließe die Augen und lächele leicht.
Der Erinnerungsschub bringt mich aus dem Gleichgewicht und meine plötzlich erkalteten und von Schweiß überzogenen Finger gleiten an dem glatten Rahmen des Spiegels ab, sodass ich mich nur mit einem lächerlich anmutenden Ausfallschritt nach hinten davor bewahren kann, meine Stirn gegen das Glas zu schmettern.
Ich atme krampfhaft ein und aus, als könnte ich mit der durch meinen Körper strömenden Luft die Erinnerungen wie einen üblen Geruch aus mir heraustreiben, aber dummerweise erweist sich dieser Plan als sehr lückenhaft und äußerst unerfolgreich: Die Erinnerungen bleiben. Stechend und unwillkommen präsentieren sie mir die Vollkommenheit meines früheren Lebens, das so unvergleichlich viel besser als dieses ist - so wenig ich mir das auch eingestehen will und so ungerecht das auch Eleonora und einem immensen Haufen von Boten gegenüber ist, die ihr ganzes Vertrauen in mich setzen.
Auch wenn mein Körper zu Tode ermattet ist und sich nur noch hinlegen will, so beschließe ich doch, jetzt noch nicht schlafen zu gehen - ganz einfach aus der Angst heraus, dass, sobald ich meine Augen schließe, neue Bilder meiner Vergangenheit vor mir aufflackern und mich in noch größere Verzweiflung stürzen. Kein reizvoller Gedanke.
Ich schlurfe wie ein überdimensionierter Wurm wieder die Treppe herunter und durchquere die Flure in einer merkwürdigen Art von Trance, die mir