Fanfic: Jahr des Feuers
Kapitel: Ein neuer Anfang
Raffael hatte schon von dem Turnier gehört. Doch bei dem Gedanken daran, was für Unsummen dieses Spektakel verschlingen würde, machte sich in ihm maßloser Ärger breit. Es herrschte Ebbe in den kaiselich-garetischen Kassen, dazu musste man sich mit Finanzen nicht besonders auskennen. Es genügte, wenn man sich die Elendsviertel der Stadt ansah.
So gut Reichsregentin Emer das Land auch regierte und für Frieden sorgte, so schlecht war ihr Urteilsvermögen, was ihre Finanzminister anging. Immer wieder machten Gerüchte die Runde, dass sie ihre eigenen Taschen füllten, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Und dieses Turnier, zu dem der gesamte Hochadel des Mittelreiches anreisen würde, war nicht mehr, als eine Taktik, um die Streitereien unter den einzelnen Fürstentümern und Baronien zu schlichten. Schon lange gab es Unfrieden zwischen dem Haus Gareth und den Provinzen Almada und Albernia. Besonders Herzog Jast Gorsam vom großen Fluss, dessen Einfluss über die Jahre gewachsen war, machten der reichsregentin das Leben schwer. Dies war ein offenes Geheimnis und die Spatzen pfiffen es von den Dächern. Immer waren Brot und Spiele gut gewesen, um Missstände zu überdecken.
"Ach komm schon!“ sagte Marie und zupfte an Raffaels Ärmel. „Lass uns hingehen und zusehen!“ Ihre blauen Augenn strahlten mit dem Himmel um die Wette.
„Ich möchte nicht.“ knurrte er. „Wir passen da ohnehin nicht rein und außerdem haben wir noch Vorstellungen zu geben!“ Raffael nahm ihre Hand und küsste sie sanft.
Marie zog sie gespielt verärgert fort. „Blödsinn! Ich habe mit Fadime gesprochen und ihr habt eure letzte Vorstellung bereits vor zwei Tagen gegeben! Gib´s zu, du hast nur keine Lust, dich unter den Adel zu mischen!“
Raffael verdammte in Gedanken seine geschwätzige Schwester. Marie lag ihm seit Tagen in den Ohren, sie wolle beim Frühjahrsturnier zusehen und ihm war bald keine Ausrede mehr eingefallen, nicht hingehen zu müssen. Der beste Grund war immer die Arbeit gewesen und den hatte Fadime ihm jetzt zu nichte gemacht. Er gab ein missmutiges Knurren von sich. Ja, er wollte sich nicht unter den Adel mischen. Denen dabei zuzusehen, wie sie sich die Köpfe einschlugen, um am Ende eine riesen Menge Geld zu bekommen, das sie ohnehin nicht brauchten und das an allen Ecken und Enden im Volk fehlte. Dazu hatte er wirklich keine Lust.
Marie schaute ihn herausfordernd an. Die lange Pause gefiel ihr nicht.
„Und, wie sieht´s aus? Fällt dir keine Ausrede mehr ein?“ fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.
„Nein“ gab Raffael verstimmt zu. Er sah sie noch für einen Moment ärgerlich an und beschloss seine Taktik zu ändern. Er ließ die Schultern hängen und setzte den besten Hundeblick auf, den er hatte „Müssen wir denn da hin? Bitte, zwing mich nicht dazu!“ bettelte er verzweifelt.
Marie hakte sich bei ihm ein. „Ja, müssen wir. So schnell kommen wir nicht wieder nach Gareth. Und ich wollte schon immer mal ein Turnier sehen. Und wenn erst unser Kind auf der Welt ist, habe ich keine Gelegenheit mehr dazu!“ Sie deutete auf ihren gerundeten Bauch.
Raffael lächelte, als sein Blick auf Maries Unterkörper fiel. Als die Flucht aus Oron geglückt war und sie weit genug von diesem Land entfernt gewesen waren, hatten sie nach langem Suchen einen Perainegeweihten gefunden, der in der Lage gewesen war, die schlimmsten Entstellungen zu heilen.
Die zertrümmerten Knochen ihres Gesichtes und Körpers waren erneut gebrochen worden und sie hatte geschriehen, dass Raffael das Blut in den Adern gefroren war, doch das Richten hatte sich gelohnt. Ihr Gesicht würde zwar immer gezeichnet bleiben, aber sie sah nicht mehr aus, wie ein Monster, das auf den Straßen mit Steinen beworfen wurde. Dieses unrühmliche Varhalten hatten die Menschen ihnen überall, wo sie hingekommen waren, entgegen gebracht. Auch ihre krumme Haltung hatte sich deutlich verbessert. Es fiel ihr schwer, in schwangerem Zustand weit zu gehen, ließ es sich aber nie nehmen und wies jede Hilfe stets von sich.
Da ihr eigenes Haar nicht nachwachsen wollte, trug Marie jetzt eine Perrücke aus rotgefärbtem Menschenhaar. Sie war teuer gewesen und der neugegründete Zirkus hatte mehrere Monate auftreten müssen, um sie kaufen zu können. Aber sie war die Mühe wert gewesen. Das halblange Haar stand ihr gut. Insgesamt hatte es ein halbes Jahr gedauert, bis ihr Aussehen wieder so weit hergstellt worden war, dass sie sich unter Menschen wagte und sich im Spiegel betrachten konnte, ohne zu weinen. Und selbst heute wurde Raffael noch von Fremden gefragt, was er an dieser Frau fand und warum er gerade mit ihr den Traviabund eingegangen war. Er traf zumeist auf Unverständnis, da er in ihren Augen durch sein Aussehen so gut wie jedes Mädchen im Alter zwischen sechzehn und dreißig Jahren hätte haben können. Doch keine dieser Frauen hatte sein Schicksal in solcher Weise geteilt, wie Marie. Zu Anfang war es vielleicht Schuldbewusstswein gewesen, das ihn an sie band, oder der Wunsch es wieder gut zu machen. Doch mit der Zeit konnte er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Und das Aussehen spielte nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie war seine Familie und bald würden sie zu dritt sein.
Raffael lächelte sie an, rollte mit den Augen und gab sich geschlagen. „Also schön, wir gehen hin“
Ein Grinsen breitete sich auf Maries Gesicht aus, als sie ihm mit einem begeisterten Schrei an den Hals sprang.
Der Hexer wurde heruntergerissen und hätte um ein Haar den Korb mit den Markteinkäufen fallen gelassen. Marie drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Die umstehenden Leute auf dem Markt kicherten und einige begannen auch zu tuscheln.
„He! Du zerdrückst noch die Eier!“ rief Raffael und rang nach Atem, doch Marie ließ sich in ihrer Freude von seinem Einwand nicht beeindrucken.