Fanfic: Jahr des Feuers

Untertitel: Die dritte Wahl

Kapitel: Das Turnier I

Kapitel 1: Das Turnier I

Raffael kämpfte sich mit Marie und Fadime durch die gestopften Straßen. Weite Teile waren abgesperrt und unzählige Gardisten aus allen Regimentern und Tempeln säumten die Wege, auf denen die Turnierteilnehmer auf ihren geschmückten Pferden sich ihren Weg zu der alten, garetischen Residenz bahnten.
Jubel und begeisterte Zurufe der weit über zweihunderttausend Anwesensenden begleiteten die Streiter. Kinder versuchten immer wieder die Absperrungen zu umgehen, um ihren favorisierten Kämpfern oder Kämpferinnen einen Blumenkranz aufs Haupt zu drücken und ihnen Glück zu wünschen.
Die ganze Stadt war Tage vor Beginn geschmückt worden, mit Blumen, bunten Bändern und Wimpeln der mittelreichischen Königshäuser. Auf fast jedem größeren Gebäude prangte das Banner der mittelreichischen Kaiser unter der Raulskrone: der goldene Greif auf rotem Grund.
Aus den obernen Stockwerken der Häuser warfen Frauen Blütenblätter auf die Streiter, Zuckerbäcker, Hähnchenbratereien und Weinstände säumten die Straßen, priesen ihre Waren an und erfüllten die Luft mit köstlichem Duft. Gaukler waren aus dem ganzen Land angereist und begleiteten den triumphalen Einzug mit Musik und Tanz.
Aus dem selben Grund waren Raffael und seine Familie hergekommen. Wo konnte man besser Geld verdienen, als da, wo fast der gesamte Kontinent zusammen kam?
Am günstigsten wäre es gewesen, hätte der Zirkus in Altgareth einziehen dürfen, wo die hochgestellten Persönlichkeiten und Adligen ihre Lager aufgeschlagen hatten. Dafür hatte Raffael eine Sondergehmigung beantragt, doch nur wenige Schaustellertruppen hatten dieses Vorrecht erhalten. Den neugegründeten Wüstensöhnen war dieses Privileg leider nicht vergönnt gewesen. Der Zirkus befand sich im Wiederaufbau und war daher noch sehr klein. Die aventurienweit bekannten Truppen waren eingelassen worden und auch wenn Raffael sich ansonsten nicht über Konkurrez freute, war heute alles anders. Er hatte viele Freunde seines Vaters und seiner Mutter wieder getroffen. Sich unterhalten, gelacht und zusammen mit ihnen, Fadime und Pawla in Erinnerungen geschwelgt. Zwei Jahre war es mittlerweile her, dass er zusammen mit seiner Schwester sich an den Wiederaufbau des Zirkus´ gemacht hatte. In der kurzen Zeit und den beschränkten finanziellen Mitteln hatten sie einiges erreicht. Nicht zuletzt durch die tatkräftige Unterstützung Karims und seiner Familie. Karim und sein Bruder Eslam packten mit an, wo es nur ging und ihr handwerkliches Geschick hatte sich schon oft ausgezahlt.
Die beiden Brüder, die zu Anfang wenig begeistert von einem fahrenden Leben gewesen waren, hatten sich schnell eingewöhnt und Gefallen daran gefunden, heute hier zu sein und morgen dort.
Man sah was von der Welt, musste sich nicht um Steuerabgaben scheren und nahm sich nur das, was man zum Leben brauchte. Auch wenn man dafür vielleicht jemand anderen -zumeist Leute, die unter der Last des eigenen Vermögens zusammen brechen würden- um eine Kleinigkeit erleichterte.
Raffael hatte sich mittlerweile zu einem passablen Dieb entwickelt. Seine kleinen Beutezüge hielt er zumeist aber vor Marie geheim. Sie konnte sich damit nicht wirklich anfreunden und des öfteren, hatte er schon außerhalb des gemeinsamen Lagers schlafen dürfen, wenn mal wieder etwas an ihr Ohr gedrungen war. Raffael konnte sich einfach nicht gegen sie durchsetzen. Manchmal kam er sich vor, wie ein Kind, das von der Mutter gescholten wurde. Pawla und Fadime waren dabei stets auf ihrer Seite und sich gegen drei rabiate Frauen durchzusetzten, war kein Mann im Stande!
Da hatten sich wirklich drei gefunden! Aber zumindest hatte er einen Leidensgenossen. Karim erging es nicht anders. Oft saßen sie zusammen vor ihren Zelten, wenn sie von ihren Frauen freundlichst hinauskomplimentiert worden waren und tranken eine Flasche Wein, beklagten ihr Schicksal und lästerten. Zumeist gesellte sich Eslam wenige Minuten später auch zu ihnen.
Er hatte eine Frau aus seinem Heimatdorf zur seinigen gemacht und sie ebenfalls mitgebracht. Und sie ergänzte das Frauentrio. Es schien eine weit verbreitete Frauenkrankheit zu sein, ihren Männern das Leben schwer zu machen...
„Oh ihr Götter!“ maulte Fadime „Bis wir das Turniergelände erreicht haben ist es Abend!“ Sie
rempelte sich an einem Bär von einem Mann vorbei, wobei sie nicht darauf verzichtete ihre Ellbogen einzusetzten. An ihrer Hand hielt sie ihren dreijährigen Sohn Nathanael, der begeistert hinterher tapste.
„Ich sage, nicht, dass ich´s gesagt habe!“ brummte Raffael. Er versuchte sich an dem dunklen Riesen vorbei zu schieben und zog Marie mit sich. Der Koloss wollte aber nicht so recht weichen. Warum mussten Frauen immer darauf bestehen Recht zu haben? Er hatte Marie und Fadime davor gewarnt gleich am ersten Tage zuzusehen. Es wäre kein Durchkommen. Das hatte er ihnen gesagt. Doch die Frauen hatten vehement darauf bestanden, bei der Parade dabei zu sein.
„Ja, ja, du kannst uns hinterher eine Predigt halten, dass du Recht hattest!“ schimpfte Fadime nach hinten ohne sich umzudrehen und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne. „Darf ich mal durch?“
Raffael rollte mit den Augen. Er hatte noch nichts vom Turnier gesehen und hatte jetzt schon genug. Bei so vielen Menschen auf einem Haufen fühlte er sich immer unwohl und verloren.
Er quetschte sich an dem Mann, der ihm den Weg versperrte vorbei und rempelte ihn mehr an, als er eigentlich gewollt hatte. Sein breiter Rücken war in eine Weste tuamidysacher Nähweise gekleidet und der dunkelblaue Turban verdeckte schwarze, bis zur Schulter gehende Locken.
„He“ knurrte der Mann, doch sein Protest ging im Jubel der Umstehenden unter.
„Warte“ japste Marie hinter ihm „Bitte, nicht so schnell“ Sie drückte kräftig Raffaels Hand.
Raffael drehte sich um und wartete, bis sie aufgeschlossen hatte. Marie holte ein paar Mal tief Luft und sah ihn dann mit gerötetem Gesicht an. Raffael grinste sie breit an und wollte ansetzten zu sprechen.
„Ja, ich weiss..“ unterbrach ihn Marie hechelnd „du hast es ja gesagt!“
Raffaels Grinsen wurde noch ein Stück breiter, dann aber eher besorgt.
„Geht´s wieder?“
Marie richtete sich vollständig auf, atmete noch einmal tief durch und nickte.
„Ja“
Der Hexer wandte sich wieder nach vorne und suchte in der Menge nach seiner Schwester, die ihn abgehängt hatte. Zu schreien hätte wenig gebracht. Also bahnte er sich weiter seinen Weg zwischen den Leuten hindurch
„He, entschuldigt euch wenigstens“ grollte eine dunkle Männerstimme mit novadischem Akzent hinter ihnen und verschwand dann in der Menge. Raffael drehte sich überrascht um und ging die einzelnen Leute ab. Dann schüttelte er lächelnd den Kopf.
„Was hast du?“ fragte Marie besorgt.
Raffael sah in ihre blauen Augen.
„Ach nichts. Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne“ Er sah sich nochmal die Leute an, aber es war keiner dabei, den er kannte. Er sah zurück auf Marie und lächelte sie mit leuchtenden Augen an.
„Komm!“

Das Turnergelände lag unmittelbar vor ihnen. Sie mussten nur noch durch das große Tor und die große Mauer um Altgareth hinter sich lassen. Menschen strömten zu Tausenden ein. Gardisten und freiwillige Helfer hatten alle Mühe, das dichte Gedränge im Auge zu behalten.
Raffael und Marie hatten Fadime wieder eingeholt, die allerdings ihren Jungen in der Menschenmassen verloren hatte und einem Nervenzusammenbruch nahe war. Raffael hatte seinen aufkommenden Ärger herunter geschluckt und sich auf die Suche begeben. Marie war bei ihr geblieben, um sie zu beruhigen.
Raffael wühlte sich durch die Menge und fragte jeden zweiten nach dem Kind, doch keiner hatte es gesehen. Wie auch?
Er fluchte leise vor sich hin. Er hatte nicht herkommen wollen und ein dreijhäriges Kind mit hier her zu nehmen war das Dümmste, was seine Schwester je in ihrem Kopf ausgebrütet hatte. Dass Karim das erlaubte, wundert ihn. Jetzt hatten sie den Salat.
Raffael suchte die Menschenmenge und die wenigen freien Stellen ab. Er sah zu den Kämpfern und Kämpferinnen, die in ihren schweren Platten auf den gepanzerten Rössern vorbei ritten.
Ein Reiter befand sich in einer anregenden Diskussion mit einem offensichtlichen Magier, andere wurden von ihren Knappen und Schmieden begleitet und wieder andere von hübschen Minnedamen oder Minneherren. Raffaels Blick fiel auf eine muskulöse Reiterin, die das blau-gelbe Wappen der Amazonen führte. Sie war in eine leichte, braune Lederrüstung gewandet und der weiße Mantel der Rondra wehte um ihre Schultern. >>Eine Geweihte<< dachte er beeindruckt. An ihrer Seite hing ein teurer Amazonensäbel in einer fein gearbeiteten Scheide. Die Lanze fürs Gestech trug sie, als wöge sie nichts, in ihrer linken Hand. Mehrere bunte Blumenkränze schmückten den unteren Teil der tödlichen Waffe.
Die Frau trug einen eisernen Helm, unter dem ein langer, dünner Zopf rötlichen Haars hervor schaute. Der Helm erlaubte einen Einblick auf die ausrasierten Seiten ihres Kopfes. Ihren Blick hatte sie stolz nach vorne gerichtet.
Das mächtige schwarz-weiße Ross führte sie mit Leichtigkeit und trotz des gewaltigen Lärms der Zuschauer, war das Tier unbeeindruckt und schritt vertrauend auf seine Reiterin voran.
Die Amazone war eine beindruckende Gestalt. Nie zuvor hatte Raffael überhaupt eine gesehen.
An ihrer Seite ritt ein älterer Mann, von etwa fünfzig Jahren. Auch er war Ehrfurcht gebietend.
Die lange blonde Mähne, die einem Löwen Konkurrenz gemacht hätte, wehte im wärmenden Frühlingswind. Sein Gesicht war gezeichnet von vielen Narben und er trug eine Augenklappe.
Das noch sehende Auge blickte abwechselnd zu der Amazone oder in die Menge.
Er führte die Lanze ebenso spielend wie die Frau. An seiner Seite hing ein mächtiger Rondrakamm, der einen Menschen förmlich in zwei