Am Rande der Nacht

Ein bis zwei Alpträume

Mit weit aufgerissenen Augen sah ich am Schaft der Waffe entlang, die auf mich gerichtet war, direkt in Ricks Gesicht. Jegliche Freundlichkeit war daraus gewichen. An ihrer Stelle sah ich diesen einen, ganz bestimmten Ausdruck in seinem Repertoire, den ich nicht deuten konnte, aber schon öfter gesehen hatte. „Was wird das, wenn’s fertig ist?“, fragte ich ärgerlich, bemüht meine Stimme ruhig zu halten und vor allem die Speerspitze zu ignorieren, die einen sachten, aber nicht zu unterschätzenden Druck auf meinen Hals ausübte.
„Ich halte nichts von Menschen, die zu feige sind, ihre Kräfte zu nutzen“, antwortete er in einer Kälte, die mir die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Was war plötzlich mit dem Jungen los? „Wehr dich... Wenn du kannst“, befahl er und zog die Spitze zurück, nur um zwei Schritte Anlauf zu nehmen und erneut auf mich loszustürmen.
Ich rettete mich mit einen Hechtsprung über die Leiche auf mein Bett. „Hallo! Erde an Rick!“, rief ich, während ich mich auf der anderen Seite des Bettes abrollte, in der Hoffnung, dieses als Barriere zwischen uns halten zu können, „Bist du völlig übergeschnappt?!“
Mit einem Satz war er ebenfalls über die Leiche gesprungen und stand mitten auf dem Bett. Im nächsten Moment hatte ich Gelegenheit, die feinen Gravuren in der metallenen Klinge am Ende von Ricks Stab zu bewundern, denn ich hatte diese so gut wie im Auge.
Es war so schnell gegangen, dass ich mich nicht daran erinnern konnte, eine Bewegung wahrgenommen zu haben, doch etwas von mir hatte anscheinend genau das getan. Die Stange, an deren Ende das todbringende Metall angebracht war, klemmte zwischen meinen flachen Händen. Diesem Umstand allein verdankte ich es, dass mir mein Augenlicht vorerst erhalten blieb. „Sieht so aus als wärst du körperlich etwas fitter als im Kopf“, lobte Rick mich mit einem anerkennenden Nicken. Die Speerstange hatte er fest umklammert und stemmte sie mit aller Kraft gegen meinen Griff. Nie hätte ich gedacht, dass der Junge so stark war. Ich hatte alle Mühe, den Speer festzuhalten.
Ich atmete tief durch. „Ich frage dich nochmal: Was soll das?“, zischte ich zwischen meinen aufeinandergepressten Zähnen hervor.
„Du willst deine Kräfte nicht nutzen, also brauch ich dich nicht. Das Feuerzeug finde ich schon selbst“, knirschte er zurück. Ruckartig riss er an der Waffe, doch das führte nur zu einem kleinen Tänzchen, das keinem von uns einen Vorteil verschaffte. Auch ich hatte mich inzwischen an dem Stab festgekrallt und gedachte nicht, Rick sein Mordinstrument so schnell wieder zu überlassen.
„Hör auf, mich zu verarschen und lass dieses Ding wieder dahin verschwinden, wo es hergekommen ist!“, herrschte ich ihn stattdessen an, nicht ohne mich zu fragen, ob er wohl merkte, wie gestrichen voll ich die Hosen gerade hatte. Zwar hatte ich Rick bisher nie kämpfen sehen, doch Ronga hatte es sicherlich nicht versäumt, ihm das beizubringen.
„Wie du willst“, erwiderte er mit einem Lächeln auf den Lippen, das alles war, nur nicht freundlich. Von einer Sekunde auf die andere war der Speer verschwunden. Darum hätte ich besser nicht gebeten. Rick holte aus und schleuderte etwas auf mich zu, das in grellem Weiß leuchtete. „Denk dran, Grün!“ rief er völlig zusammenhanglos, während die weiße Lichtkugel auf mich zuschoss.
Meine Lippen öffneten sich zu einem Schrei, wie auch beim letzten Mal als ich hier in der Wohnung Feuer gespieen hatte. Und wie auch beim letzten Mal entwichen Flammen meiner Kehle, die das Licht verschlangen als wäre es trockenes Stroh. Sie flackerten jedoch in beruhigendem Grün, statt in grellem Orangerot zu leuchten. Anders als beim letzten Mal.
Ricks Speer war so schnell wieder da wie er verschwunden war. Die Spitze zog das Feuer an wie ein Magnet, bündelte es und lenkte es um wie ein Spiegel das Licht. Das Mädchen auf dem Bett ging in Flammen auf. Nicht so allerdings der Rest meiner Schlafstatt. Es schien, als hätte jemand dem Feuer befohlen, einzig und allein die junge Frau zu verbrennen. Alles um sie herum blieb vollkommen unversehrt.
Fasziniert beobachtete ich das Schauspiel, während Rick seine Waffe wieder verschwinden ließ. Mit dem Speer verflüchtigte sich glücklicherweise auch der rätselhafte Ausdruck aus seinem Gesicht und machte einem zaghaften Lächeln platz. „Sorry“, sagte er leise und stieg von meinem Bettzeug.
Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass der kleine Kerl mich gründlich verarscht hatte. „Wenigstens hattest du keine Schuhe an, als du auf mein Bett gestiegen bist“, versuchte ich zu scherzen. „Guter Bluff, muss ich schon sagen. Fast hätt’ ich’s dir abgenommen.“
Er deutete nur auf das Feuer. „Du hast es mir abgenommen. Soviel steht fest“, stellte er richtig, „Ronga legt immer großen Wert darauf, dass man zu überraschen lernt.“ Der verhaltene Stolz in seiner Stimme hatte beruhigend viel von dem Rick, den ich kannte. Auch war ich froh, Rongas Namen vorerst wieder aus seinem Mund zu hören.
„Ist dir gelungen“, gab ich zu. „Lass dir das nur nicht nochmal einfallen. Sonst gibt’s auf meinem nächsten Grillabend Pferdewurst.“ Angesichts der Tatsache, dass Rick als Gelegenheitszentaur von Zeit zu Zeit auf vier Hufen ging, war das eine durchaus ernstzunehmende Drohung.
„Ähm, du musst auf jeden Fall warten, bis sie verbrannt ist. Die Asche solltest du vielleicht aufheben“, beeilte er sich, vom Thema abzulenken und zeigte auf die junge Frau, die sich langsam in einen glühenden, undefinierbaren Haufen verwandelte. Dankbar stellte ich fest, dass es nicht so bestialisch nach verbranntem Fleisch stank wie es eigentlich hätte müssen. Wohl noch so eine Nebenwirkung des grünen Feuers.
„Ich schlaf dann wohl besser noch ne Runde auf dem Sofa“, dachte ich laut, schon auf halbem Wege ins Wohnzimmer.
„Ist gut, ich kümmere mich um die Totenwache.“
Ich seufzte lautstark, machte mit einer theatralischen Geste auf dem Hacken kehrt und schob Rick in sein Zimmer. „Du hast für heute genug getan“, sagte ich entschieden. „Meinetwegen kannst du mir den Hals retten, aber die Drecksarbeit krieg ich gerade noch selber hin. Geh gefälligst schlafen - und lass es dir ja nicht einfallen, mir heut Mittag auch noch Frühstück zu machen!“ Ehe er protestieren konnte, was er tatsächlich getan hätte, so wie ich ihn kannte, schloss ich seine Tür von außen und zog mich in mein Zimmer zurück, wo ich mich auf die freie Hälfte meines Bettes setzte und ins Feuer starrte. Draußen war inzwischen heller Tag, doch ich war noch immer hundemüde von den Strapazen der letzten Stunden. Kaum fünf Minuten hatte ich dagesessen, als ich auch schon in einen leichten Schlaf abzudriften begann.

[i]
„Was ist das?“, will ich wissen.
„Ein Pinsel und ein Glas schwarze Farbe, würde ich sagen“, antwortet sie nüchtern, wie immer mein Gesicht nach der kleinsten Regung absuchend. Ich tue ihr den Gefallen nicht, mich über die knappe Antwort zu ärgern. Wie immer.
„Und was willst du malen?“, frage ich einfach weiter und lächle schmeichelnd. „Bei dem wenigen Licht wird das sicherlich kein Meisterwerk der Kunst.“ Ich nicke in Richtung der Kerze, die sie mitgebracht und auf dem Boden abgestellt hat. So wie fast immer. Manchmal zieht sie es vor, mich im Dunkeln zu besuchen. Die Flamme wirft einen warmen Schein in den kreisrunden Turm aus kaltem Stein.
„Ich weiß noch nicht.“ Sie flüstert fast, als sie fortfährt, weil sie genau weiß, dass ich so oder so jedes der folgenden Worte in mich aufsaugen werde. „Aber ich fand es so inspirierend, dass dein Bruder noch über einer Zeichnung saß, als ich aufgetaucht bin. Da dachte ich mir, es wäre Zeit für ein bisschen Kunst.“ Wieder bekommt ihr Blick etwas Suchendes und dieses Mal ist es verdammt schwer, keine Regung zu zeigen. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augen sich kurz verengen und mein rechter Mundwinkel zuckt. Jede dieser Bewegungen fühlt sich für mich an, als hätte ich ihr meine Wut und meinen Kummer um den Verlust geradezu ins Gesicht geschrieen. „Du hast kein Papier“, wende ich ein. Vielleicht kann ich ihr noch eine Weile standhalten, wenn ich mich an das Offensichtliche klammere.
Sie tut, als wäre sie überrascht. „Oh, jetzt, wo du’s sagst...“, sinniert sie mit einem süffisanten Lächeln. Ich hätte mir denken können, dass es wieder „eng“ werden würde.
„Mein Laken kriegst du nicht, damit das mal klar ist“, flirte ich auf ihr Gesäusel zurück und deute auf den Stofffetzen um meine Hüften, der früher einmal die Bezeichnung Laken verdient haben mag. Sie lacht. Wie ich es hasse, wenn sie lacht. Und wie genau sie das doch weiß, diese Schlange. „Aber ich dachte, ich signiere deinen Rücken.“
„Was willst du schreiben? Ich war hier... und hier... und hier, gezeichnet Lavande?“, grinse ich und drehe ihr den Rücken zu. So sieht sie wenigstens mein Gesicht nicht und ich kann für eine Weile die Augen schließen. Auf diese Weise vielleicht die Maske wiederfinden, hinter der ich meine Regungen verstecke.
„Mal schauen, was mir so einfällt“, murmelt sie und fängt an, auf meinem rechten Schulterblatt herumzukritzeln. Die Farbe fühlt sich an wie zähflüssiges, kaltes Wasser. Um mich von der mir unangenehmen Intimität abzulenken, versuche ich zu erraten, was sie schreibt.

„Ka“, schreibe ich auf den Zettel und lache. Eine braungebrannte Hand nimmt ihn weg, notiert ebenfalls etwas darauf und gibt ihn mir über die Schulter zurück. „So wird das nie was mit dem Reden im Dunkeln“, lese ich ein wenig frustriert.
Er versucht es erneut. Sein Zeigefinger beschreibt auf meiner Schulter zwei übereinanderliegende Bögen, beide in entgegengesetzte Richtungen gewölbt. Aufgeregt greife ich nach dem Zettel und schreibe darauf die Silbe „Ko“. Das Blatt geht wieder zurück zu dem Jungen hinter mir. Kaum höre ich,