Am Rande der Nacht

Wut [f. -; nur Sg.] 1 heftig hervorbrechender Unmut [...]

Ich widme dieses Geschmiere meinem neuen Freund Kôri, (Ice), dem Verfechter von Logik und tauben Komponisten..., las ich die ersten Zeilen, die er in den Deckel des Wörterbuchs geschrieben hatte. Meine Finger hielten den dicken Wälzer fest umklammert. Wie unter Blitzlichtgewitter flimmerte die Szene in dem kleinen Imbiss grell und überschärft durch meine Gedanken, vermischte sich mit jener aus meinem Traum. Mein Gott, was konnte denn so schlimm an ein bisschen Suppe und langweiliger, klassischer Musik sein? Wer war dieser Junge und was war an ihm so gefährlich gewesen, dass ich ihn aus meinem Gedächtnis hatte verbannen lassen? ... der im Gegensatz zu meinen Landsmännern meine Sprache spricht.
Möglich, dass das der Grund gewesen war. Ich hatte ihn bestens verstanden und das auf Anhieb. Hatte er mir irgendwas gesagt, was ich mir lieber nicht hatte merken wollen? Unwillig schüttelte ich den Kopf. Die Ereignisse der letzten Tage stiegen mir wohl langsam zu Kopfe, zusammen mit ein paar schlechten Filmen. „Nicolai Andros“, murmelte ich den geschriebenen Namen und kniff überrascht die Augen zusammen als mein Hirn – seit jeher mit einer Vorliebe für Zahlen ausgestattet – mir zwei dazugehörige Nummern schickte. Reichlich irritiert notierte ich eine Telefonnummer. Was wollte ein Taubstummer mit einem Telefon? Abwegig genug, dass er Musik „hörte“, aber telefonieren...?
Die zweite Ziffernfolge war ein Datum. Der dritte September. Ich horchte einen Moment lang in mich hinein, doch mit diesem Tag verband ich nichts. „Nicolai Andros“, sagte ich noch einmal, die Augen auf die Zahlen geheftet, als könnte mir die Kombination aus Namen und Nummern neue Geheimnisse offenbaren.
Doch die einzige Offenbarung, die sich mir zeigte, war Ziehen in der Magengegend, das sich noch verstärkte, als ich mit dem kleinen Zettel zum Telefon schritt. Lass es ruhen, riet mir mein Verstand, du wirst deine Gründe gehabt haben. Millimeterweise nahm ich das Schnurlose auf und legte meinen Daumen auf den Knopf mit dem grünen Hörer. Ich dachte an den Alptraum. Was, wenn ich ihm wirklich irgendetwas angetan hatte? Ein riesiger Kloß bildete sich in meinem Hals und plötzlich stand mir der Schweiß auf der Stirn. „Es ist nur ein Telefon“, versuchte ich, mich zu beruhigen. Wann hatte ich eigentlich angefangen, diese dummen Selbstgespräche zu führen? Ich zwang meine Finger, die Nummer zu wählen und den Knopf mit dem Hörer zu drücken. Sie gehorchten mir nicht sofort. Wie taub, dachte ich mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen.
Duuu, summte mir das Freizeichen entgegen. warst ganz allein duuuu, ergänzte Luv und ließ die Geschehnisse des Traumes dunkel in meinem Kopf nachhallen.
Mit jedem Klingeln wurde ich nervöser. Was war nur los mit mir? Nicht dass ich mich je um’s Telefonieren gerissen hätte - Telefone standen auf der Hitliste der Dinge, die ich am meisten mochte irgendwo zwischen Fußpilz und einem Candlelight-Dinner mit Nick - aber das war doch nun wirklich kein Grund, sich so anzustellen. Reiß dich zusammen, ermahnte ich mich, als es zum vierten Mal läutete.
„Andros und Yoshino“, meldete sich eine helle Frauenstimme. Obwohl sie bedenklich nah an der Stimmhöhe war, die einfach jede Frau dümmlich klingen lässt, schwang doch ein ruhiger, kluger Unterton mit, der mir sofort gefiel, ja mir sogar ein wenig von meiner Nervosität nahm.

Ich wollte mich mit meinem Namen melden, brachte jedoch kaum mehr als ein leises Krächzen hervor. „...Nicolai da?“ erreichte sie nur das Ende meines Satzes. Es genügte, um ihre Freundlichkeit in ein schnarrendes „Kori“, umschlagen zu lassen. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Nicky dich noch sehen will.“

„Ich hasse es, wenn sie mich Nicky nennen. Nenn mich niemals Nicky, wenn dir an mir was liegt. Und überhaupt, was soll das heißen, ich könnte mich nicht wehren? Seh ich aus wie ein Schwächling?! Als nächstes werden sie’s dir anhängen, weil ich ja viel zu schwach bin und keine eigenen Entscheidungen treffen kann! Oh, der böse Kori!“ Er zerreißt das Blatt fast, als er es aus dem Ringbuch nimmt, das ich grundsätzlich bei mir trage, seitdem wir uns länger kennen. Ich fühle mich immer noch seltsam, obwohl wir sein Elternhaus inzwischen mehrere hundert Meter weit hinter uns gelassen haben. Nackt, durchschaut und irgendwie auch ein wenig enttäuscht. Dabei sollte ich froh sein,, dass es so glimpflich verlaufen ist. In flagranti, denke ich abwesend, während ich das Papier überfliege. Ich hätte eher mit einem Rausschmiss gerechnet. Stattdessen dieses überaus peinliche Frühstück...
„Du bist nicht schwach“, versichere ich ihm, doch das scheint ihn nicht recht zu trösten. „Warum müssen sie mich wie ein kleines Kind behandeln, nur weil ich nicht schreien kann, wenn mich jemand bedrängt? Ich kann bloß nicht sprechen und sie behandeln mich, als wäre ich ein Säugling, den man rund um die Uhr beaufsichtigen muss!“

Für einen Säugling lassen sie dir ein paar sehr ungewöhnliche Freiheiten. Ich grinse verschmitzt, während er das Schreiben aufgegeben hat und jetzt mit wütenden Gebärden auf mich einredet. Mehr als ein paar Worte verstehe ich allerdings nicht. Es ist schwer, gleich zwei komplizierte Sprachen auf einmal zu lernen und gleichzeitig auch wieder nicht, erschließt sich mir das Japanische doch wesentlich leichter mithilfe der Handzeichen.
Immer noch schmunzelnd packe ich ihn bei den Handgelenken und schaue ihm direkt ins Gesicht. „Hör auf, so rumzuschreien, Karpfen“, befehle ich ihm. Wegen seiner Behinderung und seiner Vorliebe für Wasser gebe ich ihm ständig irgendwelche Fischnamen, doch das stört ihn nicht weiter. „Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr.“

„Schon gut“, erwiderte ich betont lässig, obwohl ich der Ziege gern an die Gurgel gesprungen wäre. „Muss ja auch nicht sein. Ich dachte nur, ich lass mal von mir hören. Wie war eigentlich noch dein Name?“
„Sag mal, hast du sie noch alle?!“ Sie kochte vor Wut und jetzt hatte ihre Stimme tatsächlich die Dummes-Blondchen-Tonlage gefunden. „Ich lege jetzt auf“, keifte sie, „das muss ich mir nicht - “
Der Rest des Satzes blieb stecken, weil ich meinerseits aufgelegt hatte. Das Telefon fiel auf’s Sofa und mir ein großer Stein vom Herzen. Wenn ihre größte Sorge die war, dass ich diesen Jungen sehen könnte, konnte es ihm so schlecht nicht gehen. Warum dann nur ein solcher Traum?
Nachdenklich zog ich mich an und schlurfe dann in die Küche. Lieber eine Zapfsäule für Tränensucher als eine Bohnenstange. Ich suchte mir etwas Essbares zusammen und füllte mir schließlich noch eine große, bauchige Schüssel mit dem Rest des gestrigen Abendbrots.
Etwas piekste mich in den Rücken, als ich mich, so ausgerüstet, auf meinen Schreibtischstuhl plumpsen ließ und den Rechner anwarf. Wäre doch gelacht, wenn sich zu der Nummer nicht auch eine Adresse finden ließe. Ich nahm einen großen Bissen und kratzte die ziepende Stelle. Eine Unebenheit unter meinem T-Shirt war der Urheber des Juckens.
Als ich den kleinen Gegenstand hervorzog, war mir der Appetit gründlich vergangen.
„Verd-“, spuckte ich den Bissen aus, stand auf und zerknickte die weiße Feder in meiner Hand. Die gezeichnete Schulter erinnerte mich mit gleichmäßigem Pochen daran, dass ich immer noch eine Menge Ärger hatte. Ärger, der mit Lavande zusammenhing. Ich schaute auf meine Hand hinunter, hin- und hergerissen zwischen Zorn und Furcht. Dann fiel mein Blick auf den schlafenden Rotschopf und der Zorn siegte. Diese verfluchte Asche. Damit hatte alles angefangen. Ich würde das Zeug loswerden und zwar jetzt gleich.
Wild entschlossen stapfte ich zur Haustür und zerrte meinen Schlüssel vom dafür vorgesehenen Haken. „Hast du nicht was vergessen?“, fragte mich Rick, als ich schon halb zur Tür hinaus war. Mit finsterer Miene kam er auf mich zu und drückte mir einen zerknüllten Zettel in die Hand. Im Geiste sah ich mein kaputtes Hemd von gestern in hohem Bogen durch den Raum segeln. Ich hatte sogar bemerkt, dass das Blatt aus der Brusttasche gefallen war. Warum war ich so dumm gewesen, es liegen zu lassen?
Rick sagte kein Wort, doch die Art, wie er meinen Rucksack ansah, sprach Bände. Er wusste, dass ich zu der Adresse wollte, die der Eismagier mir für die Abgabe der Asche angegeben hatte. „Der Typ wird noch da sein, wenn du zurückkommst“, informierte mein Mitbewohner mich tonlos und nickte in Richtung meines Zimmers, „Wenigstens einer von uns muss ja seine Versprechen halten.“
Düster sah ich ihn an, schluckte die Entschuldigung herunter, die mir auf der Zunge lag und öffnete die Tür. Nick stand davor und hielt mir die Faust auf Augenhöhe entgegen. Erschrocken machte ich zwei Schritte zurück und prallte gegen Rick, dessen Arm ich packte. Ich brauchte irgendetwas, um mich festzuhalten.
[i]
Da steht er nun, direkt in meinem Türrahmen und schaut mich an, als müsste ich ihn kennen. Die für einen Asiaten so ungewöhnlichen blauen Augen glänzen beunruhigend wässrig. „Tut mir leid, sagt mir nichts“, erkläre ich ihm. Er muss mich mit irgendjemandem verwechseln. Eine Vermutung, die ich auch äußere, die er jedoch nur mit einem eindringlichen Blick quittiert. Er spricht nicht, schweigt mich einfach an, als erwarte er, dass ich alles von seinem Gesicht ablesen kann.
Langsam beginnt es mich zu nerven. „Hör zu, ich kenne dich nicht“, schnauze ich ihn an und gebe ihm seinen Schülerausweis zurück. „Nimm dein Plastik und hau ab.“
Das hätte ich besser nicht gesagt. Völlig unvorbereitet trifft mich seine Faust in den Bauch, er stößt mich mit einem spitzen Ellenbogen zur Seite und rennt in mein Schlafzimmer. „Hey!“, schimpfe ich und setze ihm nach, so gut ich kann, doch er scheint mich nicht zu hören. Als ich ihn