Bist du mein Glück?
Bist du mein Glück?
Es war kurz vor elf. Merianne schaute wartend aus dem Fenster. Zu viele Gedanken schwirrten in ihrem Kopf umher. Zu viele Gedanken, die sie in den nächsten Stunden versuchen wollte zu ordnen. „Kann ich Ihnen schon etwas bringen?“ Die Bedienung brachte sie freundlich in die Gegenwart zurück. Die junge Frau schüttelte ihren rotblonden Kopf und wandte sich dann wieder den Passanten zu, die am dem Fenster des Coffee-Shops vorbei liefen. „Wartest du schon lang?“ Eine sanfte, liebevolle Stimme ließ sie einen Moment zusammen zucken. „Ach du bist, Tiara. Nein, ich bin auch eben erst angekommen.“ Die Freundinnen umarmten sich. Tiara, eine 1,76 m große, schlanke, gut aussehende junge Frau mit schwarz gelocktem, schulterlangem Haar und noch dazu Merianne’s beste, ihre einzige Freundin, ließ sich locker auf den einzigen noch freien Stuhl am Tisch fallen. Sie blickte besorgt auf ihre Freundin. „Lass uns erstmal bestellen, ja? Und dann erzählst du mir alles.“ Die junge Frau nickte gedankenverloren.
„Du willst was?“ Der Satz schnitt sich tief in die Seele der hübschen Frau. „Aber wieso denn?“ Wie konnte sie so etwas fragen? Die einzigste, bei der sie sich immer verstanden gefühlt hatte. Merianne blickte mit leeren Augen auf ihren Latte Macchiatto. „Es ist so…“ Ihre Stimme war nur ein leises Flüstern, zu schwer fiel es ihr alles zu erklären, was sie zu diesem Entschluss bewegt hatte. „Früher hatten wir Träume. Gemeinsame Träume. Wir hatten gemeinsame Interessen. Den gleichen Geschmack. Den gleichen Humor. … Aber jetzt… Nein, eigentlich schon seit ein paar Jahren ändert sich alles. Plötzlich gehöre ich zum Inventar. Er bemüht sich nicht mehr um mich, behandelt mich nicht mehr so wie früher. Es ist, als ob ich einfach ein Alltagsgegenstand bin. Jemand, der immer da ist. Um den man sich keine Gedanken machen muss. Wenn ich jetzt irgendetwas aussuche, dann weiß ich, dass es nicht mein Geschmack ist, nach dem ich wähle. Das es das ist was IHM gefällt. Alles was wir früher gemeinsam gemacht haben, das mache ich jetzt allein. Ihn interessiert nur noch sein Kram. Ich vermisse die Kinobesuche, bei denen wir beide entweder fasziniert, lachend oder enttäuscht aus dem Vorführungsraum kamen. Bei denen wir beide einfach das Gleiche gleich gut oder schlecht fanden.“ Sie blieb einen Moment stumm, holte Luft, dann fuhr sie fort: „Aber was für mich ausschlaggebend ist, sind unsere Träume. Nein, jetzt sind es nur noch meine Träume. Als wir uns kennen lernten war unser größter Traum aus zu wandern und ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Er, der talentierte und souveräne Meisterkoch und ich, als seine kleine, süße Assistentin. Wir hatten uns alles richtig schön ausgemalt. Wo wir hin wollten, was für ein Restaurant es werden sollte. Sogar das Geschirr stand schon fest. Und jetzt? Ich gehe meinen Traum allein. Meinen Traum, hier irgendwann einmal raus zu kommen. Er meint die Realität wäre wichtiger. Er könne sich nicht um die Zukunft kümmern. Er könne keine Träume haben. Aber ich will nicht auf meine Träume verzichten. Ist das doch das einzigste was mich all die vielen Jahre hat froh sein lassen. Was mir immer wieder Mut gegeben hat weiter zu machen.“ Sie seufzte leise. Eine Träne rann über ihre Wange. Tiara blickte traurig zu ihrer Freundin. „Und was willst du jetzt tun?“
Ich werde meine Träume nicht aufgeben. Irgendwann werde ich sie verwirklichen. Wenn du diesen Weg nicht mit mir zusammen gehen willst, dann gehe ich allein. Merianne blickte sich noch einmal um. Sah das Bett, welches vom Vollmond in ein sanftes Licht getaucht wurde. Da lag er. Und schlief. Sein Leben war hier. Er schien glücklich zu sein. Die junge Frau atmete tief durch. Dann nahm sie ihre Tasche und ging. Endgültig. Als die Tür ins Schloss fiel wusste sie, dass es kein Zurück gab. Sie steckte den Schlüssel vorsichtig in den Briefkasten. Wenn wir zusammen nicht glücklich werden können, werde ich nicht länger warten. Meine Zukunft wartet auf mich. Die Freiheit ruft nach mir. Verzeih mir. Ich liebe dich!