Fesseln
Fesseln
"Mach auf!"
Verzweifelt hielt sie sich die Ohren zu. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. Nie wieder. Langsam rutschte sie an der Tür hinunter. Er hämmerte immer noch an der hölzernen Eingangstür, rief ihren Namen. Sie versuchte ihn zu ignorieren, nicht hinzuhören. Doch es funktionierte nicht. Er war ein Teil ihres Lebens geworden, ein Teil ihrer selbst. Sie konnte ihn einfach nicht verbannen.
"Mia! Mach die Tür auf!"
Nein.
"Bitte ... !" Sein Ton wurde sanfter.
Nein!
"Bitte ... lass mich rein ...!"
Sie konnte seinen milden Gesichtsausdruck vor ihr sehen. Stumme Tränen suchten ihren Weg über die Wangen des Mädchens.
"... lass mich zu dir ...!"
NEIN!
Schluchzer schüttelten sie.
Ich will nicht!
"MIA!" Seine Stimme wurde wieder lauter, wie schon so oft. Doch diesmal war es zwecklos. Sie würde nicht aufgeben! Sie hatte sich entschieden. Entschieden für eine Zukunft ohne ihn.
Schritte. Er ging fort.
Sie konnte nicht mehr. Die Tränen flossen ihr bis tief in die Nacht hinein.
Das milchige Licht des Mondes erhellte den Raum. Wie in Zeitlupe erhob sie sich und ging zu der Balkontür. Der Sichelmond funkelte wie ein Diamant auf dem dunklen Nachthimmel. Sehnsüchtig presste sie ihre Hände an das Glas.
Sehnsucht.
Eine meterhohe Welle aus Gefühlen, eine Macht, stärker als alles andere auf dieser gottverdammten Welt. Eine Kraft, größer als jeder Wille.
Das Mädchen trat auf den Balkon hinaus. Es lehnte sich gegen das kalte Gusseisengeländer. Ihr Blick wanderte zu der Mondsichel. Eine Brise streichelte sie sanft und ihr kam es so vor, als würde der Mond sie anlächeln. Sie beglückwünschen, nicht nachgegeben zu haben.
Doch auf einmal wurde ihr schmerzhaft die Realität bewusst.
Sie war verloren. An ihn. Süchtig nach seiner Nähe. Durstig nach seinen Küssen. Hungrig nach seiner Liebe.
Ein bedrückendes Gefühl breitete sich in ihr aus, erfüllte sie ganz. Es schnürte ihr die Kehle zu, verursachte kalten Schweiß auf ihrer Stirn. Ein erstickter Schrei, der mit aller Macht hinaus wollte. Gehört werden wollte!
Der Druck nahm zu, sie kniff ihre Augen zu.
Und mit einem Mal war es vorbei.
Ein herzzerreißender, schmerzerfüllter Schrei entglitt ihren Lippen. Sie schrie mit aller Kraft. Ließ alle Gefühle frei. Bis nichts mehr da war, außer der unerschöpflichen Trauer, gepaart mit ständiger Angst und Sehnsucht. Zitternd sackte sie in sich zusammen.
"Nie wieder," sagte sie sich. Und doch wusste sie, dass sie schon morgen wieder bei ihm sein würde.