Die Armee der schwarzen Soldaten

Mick

Ich hasse diese „Einer-nach-dem-anderem-liest-vor-Tage“! Und seit heute hasse ich sie noch mehr. Diese Buchstaben, die bösen schwarzen Soldaten, lassen mich einfach nicht in die Welt der Geschichten eintauchen. Früher als mein Vater mir noch Gute Nacht Geschichten vorlas, mochte ich Geschichten noch. Aber jetzt lassen mich diese fremden, schwarzen Soldaten in Geschichten nicht mehr eintauchen. Die Geschichten, die schönen, traurigen oder auch spannenden Geschichten, verschlingen mich nicht mehr. Ich hasse sie, die Soldaten mit ihrem Stacheldrahtzaun, die mich früher doch immer in die Welt der kleinen Hexen reinließen. Damals waren sie noch nicht böse. Aber seit ich vorlesen muss, schauen sie mich nur feindselig an und verraten mir nichts. Ich habe mich sogar extra in die letzte Reihe gesetzt und darauf verzichtet, neben meinem besten Freund zu sitzen. Manchmal hat man Glück, wenn man hinten sitzt. Wenn so ein „Einer-nach-dem-anderem-liest-vor-Tag“ ist, fangen sie meistens in der ersten Reihe an und wenn man dann Glück hat, endet die Stunde schon bevor man vorlesen muss. Deshalb setzte ich mich nach hinten. Anfangs hat alles geklappt, aber heute rief die Lehrerin mich auf. Sie fragte mich, ob ich wüsste, was Colette vorgelesen hatte. Ich wusste es natürlich nicht. Ich höre Colette nämlich nie zu. Colette hat es nämlich gut. Die schwarzen Soldaten haben vor Colette kein Stacheldrahtzaun aufgebaut. Sie lassen Colette in die Geschichte eintauchen. Das ist unfair! Warum darf ich nicht auch in die wundervollen Geschichten eintauchen und darin verschlingt werden. Colette lacht, singt, flüstert und schreit die Buchstaben. Colette wurde in die Welt der Buchstaben aufgenommen. Sie darf diese Wörter genießen und ihnen lauschen was sie ihr erzählen. Mich haben sie nicht aufgenommen. Mich hassen die Buchstabensoldaten und deswegen hasse auch ich sie und Colette, weil sie aufgenommen wurde und die Soldaten sie mögen.
Ich sagte der Lehrerin, dass ich nicht zugehört und mitgelesen habe. Ich hab meiner Lehrerin endlich meine Meinung gesagt, dass ich mir aus dem Lesen nichts mache. Und die Lehrerin dachte doch tatsächlich, dass ich zu blöd zum lesen bin! Diese blöde Kuh! Ich mache mir nichts daraus, das ist doch alles. ICH WILL NICHT! Ich spreche mit meiner Lehrerin nicht mehr. Ich hasse diese dumme Ziege.
Und ich werde ihr bestimmt nicht erzählen, wie ich früher die Gute Nacht Geschichten von meinem Vater gemocht habe. Ich werde ihr nicht erzählen, dass es früher noch keine böse Soldaten gab, die mich nicht in die Geschichte eintauchen ließen, sondern kleine Hexen, die nicht böse waren; Bären und Tiger, die nicht bissen und Kinder, die nicht vorlesen mussten.
Doch dann sagte sie vor der ganzen Klassen, dass ich behindert sei und dass das keine Entschuldigung sei, nicht aufzupassen.
Behindert! Es war so, als müsste ich dankbar sein, dass ich hier überhaupt sitzen dürfte! Was kann ich dafür, dass ich in den schwarzen Soldaten keinen Sinn finde? Was kann ich dafür, dass sie mich nicht wie Colette in ihre Welt hineinlassen? Nichts. Und ich bin nicht behindert. Der Arzt hat gesagt, dass ich eine Leseschwäche habe, aber nicht, dass ich behindert sei. Ich bin NICHT behindert! Ich habe eine Leseschwäche und deswegen habe ich Angst laut vorzulesen. Ich mag nicht laut vorlesen, weil ich Angst habe, dass die anderen mich auslachen. Was kann ich schon dafür, dass nur ich in meiner Klasse, diese Leseschwäche habe. Für mich ist diese Leseschwäche so, wie kein Einlass in die Welt der Buchstaben, Wörter und Geschichten zu bekommen. Sie verbieten mir sozusagen diese wunderbare Welt zu betreten und lassen mich nicht hinein. Mein Vater liest mir auch nicht mehr vor, weil er meint, dass ich ja jetzt selber lesen kann. Aber ich hasse es auch so zu lesen, weil ich dann immer an den Einlass in die Welt denken muss. An den Einlass, dass man andern vorlesen darf oder kann. Die anderen mit Geschichten zu beeindrucken. Das kann ich halt nicht. Es ist unfair, aber nicht zu ändern!
Ich war noch nie in meinem Leben so wütend auf eine bestimmte Person wie heute- auf diese Lehrerinnenziege! Ich bin so wütend auf sie!!!
Dabei habe ich mich doch extra in die letzte Reihe gesetzt, dass ich nicht vorlesen muss. Ich habe Angst vorm Vorlesen, weil die Soldaten mir Fallen stellen und ich über sie stolpere. Die Soldaten machen auch aus den B’s P’s und aus den P’s B’s, aus den N’s M’s und aus den M’s N’s. Ich kann nichts dafür! Die Soldaten haben Spaß dabei, wenn sie die Plätze wechseln, dass ich Buchstaben verwechsle. Das ist auch unfair! Aber was soll ich schon dagegen machen? Ich kann nichts machen und genau das ist das Ungerechte daran. Ich würde so gerne lesen ohne darauf achten zu müssen, ob ich alles richtig mache und sich andere nichts daraus machen, wenn ich mich jetzt einmal ausversehen verspreche. Ich will, dass die Soldaten sich dann bei mir entschuldigen wie sie es bestimmt immer bei Colette machen. Ich will, dass sie sich dafür entschuldigen, dass ich kein Spaß am Lesen finde. Aber sie machen es einfach nicht. Ich kann es mir sooft wie ich will wünschen. An meinem Geburtstag, wenn ich die Kerzen ausblase oder wenn eine Sternschnuppe am schwarzen Himmel vorbei flitzt. Es passiert nichts. Die Armee der schwarzen Soldaten nehmen ihren Stacheldrahtzaun nicht weg. Ich kann aber auch nichts dagegen machen. Ich kann nicht einfach über den Stacheldrahtzaun klettern und mich nicht in die Welt der Geschichten reinschleichen Ich kann auch nicht gegen diese riesige Armee kämpfen. Sie sind zu stark für mich und versuchen alles, dass ich nicht hinein gelange. Aber was soll ich dagegen machen? Warum wollen die Soldaten mich nicht in ihre wunderbare Welt hineinlassen? Ich bin doch nicht anders wie Colette oder meine doofe Lehrerin? Oder?
Ich frage oft meine Eltern, warum ich diese Leseschwäche habe und warum mich die schwarzen Soldaten nicht in ihre Welt hineinlassen. Aber meine Eltern sagen bloß, dass ich nicht so herumphantasieren soll und lieber üben solle besser lesen zu können als mir so einen Schwachsinn auszudenken. Die Armee der schwarzen Soldaten gibt es aber wirklich und ich habe sie mir nicht ausgedacht. Mein Freund Patrick glaubt mir, er ist ein echter Freund. Und ich werde so lange kämpfen gegen diese schwarzen Soldaten bis ich gesiegt habe und sie mich in ihre Welt lassen. Ich werde es schaffen die Geschichten genießen zu können. Ich werde einmal so gut lesen können wie Colette und mein Vater, nein ich werde besser lesen können.

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Schreibt mir bitte wie ihr es findet! Freue mich immer auf Kommentare!!
LG