Reaper
Nicht nur ein Traum?
Reaper – Kapitel 3
Als Suki vorsichtig die Augen öffnet, kann sie um sich herum nur schemenhafte, dunkle Umrisse erkennen. Ihr Hals brennt und sie muss husten. Allmählich werden ihre Sinne klarer und sie erkennt, dass sie sich in einem düsteren Raum aufhält, der hier und da mit grellen Farben gespickt ist. Sie versucht sich aufzurichten, als eine Hand von hinten nach ihrer Schulter greift und sie zurück in die Kissen drückt. Sie dreht sich und sieht in die grünen Augen einer jungen Frau, die hinter der Lehne der Couch steht, auf der Suki offenbar abgelegt worden war. Die Frau hat dunkle, gebräunte Haut, neon-pinke, kurze Haare und mehrere Piercing in dem schmalen, hübschen Gesicht. Zudem rankt sich eine tätowierte Stacheldrahtschlinge aus ihrem Dekolleté hinauf bis um ihren Hals, sodass es aussieht, als wäre es der Strick eines Galgens. Als sie Sukis Blicke bemerkt, grinst sie sie kalt an.
„So, bist also auch endlich erwacht, Dornröschen?“
Die Verächtlichkeit in ihrer Stimmer ist kaum zu überhören.
„Ich bin Amander, meine Freunde nennen mich Amy... aber für dich...“
Sie nimmt einen tiefen Zug an der Zigarette, die sie in der Hand hält und pustet Suki eine Rauchschwade entgegen.
„...Für dich bin Amander, klar?“
Amanders abweisende Art verschlägt ihr einen Moment die Sprache, bis die Erinnerungen an die letzten Ereignisse in ihrem Gedächtnis einschlagen wie ein Blitz.
„Wo ist er?!“
„Wer?“
„Sey! Was ist passiert? Geht’s ihm gut?“
In ihrer Panik setzt sie sich ruckartig auf, wodurch ihr Kopf sich zu drehen beginnt und Übelkeit in ihr aufsteigt.
„Hey, hey reg dich ab, Schätzchen! Er ist da drüben...“
Und tatsächlich, Sey liegt mit geschlossenen Augen auf einem, mit Leopardenmuster versehenen, großen Bett, am anderen Ende des Zimmers. Sein Brustkorb hebt und senkt sich langsam und gleichmäßig. Suki kann ihre Erleichterung nur schwer verbergen.
„Ihm geht’s gut oder?“
Amander drückt den Stummel ihrer Zigarette in der Hand einer hellen Statue aus, die neben einem schmutzigen Aquarium steht.
„Sicher,... was sonst? Diese verdammten Teufel finden immer einen Weg zu überleben... genau wie Ratten, verstehst du.“
„Was ist passiert?“
Amander lässt sich auf einem schmalen Barhocker nieder und schlägt die Beine übereinander.
„Ich hab keine Ahnung, Schätzchen. Alles was ich weiß ist, dass dieser Spinner plötzlich klitschnass und mit dir auf dem Rücken vor meiner Tür gestanden hat. Hat meinen ganzen Teppichboden ruiniert... und ausgesehen hat er, als wär er auf nem schlechten Trip, oder so... Ich hab schon Cracknutten gesehn, die sahen besser aus!“
Sie verzieht amüsiert den Mund zu einem Lächeln.
„Aber in meiner grenzenlosen Güte, hab ich euch beiden Asyl gewehrt... und dafür schuldet ihr mir was!“
Die Wandlung, die mit ihrem Lachen vorgeht während sie diese Worte ausspricht, lässt in Suki Unbehagen aufsteigen.
Nicht, dass sie sich in diesem seltsamen Wohnzimmer nicht ohnehin schon unwohl genug gefühlt hätte... Die Wände des Raumes, sowie die Decke, sind tiefschwarz gestrichen und die düstere Atmosphäre wird nur von einigen, farbigen Neonröhren und dem knallroten Teppichboden aufgelockert. Die Einrichtung besteht hauptsächlich aus einer bunten Mischung aus antiken Möbelstücken aus den verschiedensten Epochen und einer beachtlichen Sammlung an kuriosen, bunten Kunstgegenständen. Die Fenster sind mit schweren, weinroten Samtvorhängen verhängt. Gerade als Amander sich gelangweilt eine neue Zigarette anzündet, bemerkt Suki, dass sie selbst nicht mehr ihre eigenen Klamotten trägt, sondern ein weites, dunkelblaues Top, auf dem mit grellen Farben verschiedene Schusswaffen abgebildet sind und eine schwarze Jogginghose, die ihr wohl gut 15cm zu lang und auch um einiges zu weit ist. Mit geröteten Wangen wendet sie sich fragend Amander zu, die sie offenbar amüsiert beobachtet hat.
„Sieh mich nicht so an, deine eigene Kleidung war völlig durchnässt, von dem langweiligen Style mal ganz zu schweigen... du solltest mir dankbar sein, jetzt trägst du wenigstens ein ansehnliches Oberteil... du solltest mehr Farbe tragen, dann wirkt es wenigstens so als hättest du etwas mehr Oberweite.“
Sukis Kopf wird noch roter und sie dreht sich schnell weg, damit Amander nicht merkt wie unangenehm ihr diese Unterhaltung ist... Als ihr Blick auf Sey fällt, bemerkt sie, dass er noch immer dieselben, nassen Sachen trägt wie vorher, seine Jacke liegt tropfend auf einem Stuhl, unter dem sich bereits ein dunkler Fleck im Teppich gebildet hat. Als eine von Amanders Rauchschwaden von hinten an ihrem Ohr vorbeizieht, zuckt Suki unwillkürlich zusammen.
„... Oder bist du am Ende gar nicht sauer weil ich deine Klamotten gewechselt habe...“
Sie starrt Suki mit einem vielsagenden Grinsen an.
„... Bist wohl nur beleidigt, weil ich es nicht ihm überlassen hab, was...?“
Suki öffnet den Mund um etwas zu erwidern, aber dazu lässt Amander ihr keine Gelegenheit. Mit einem Hüftschwung macht sie auf dem Absatz kehrt und geht Richtung Tür. Bevor sie schließlich den Raum verlässt, hält sie inne.
„Glaub mir Kleine, du solltest nicht den Fehler begehen dich von ihm täuschen zu lassen... diese verdammten Reaper sind echte Meister darin sich zu verstellen, und sowas wie ein Gewissen kennen sie nicht,... bei der ersten Gelegenheit wird er dich ans Messer liefern, das kann ich dir versprechen!“
Suki blickt der, im Türrahmen verschwundenen Amander verunsichert nach. Sie ist sich nicht ganz sicher, was sie von dieser Warnung halten soll. Aber wenn sie sich entscheiden müsste, wäre Sey eindeutig jemand dem sie mehr Vertrauen entgegen bringt, als dieser Amander!... Andererseits,... eine wirkliche Begründung für dieses Vertrauen fehlt ihr noch immer... Mit einem energischen Kopfschütteln, wirft Suki ihre Zweifel beiseite. Immerhin hatte Sey ihr in den letzten 24 Stunden bereits zweimal, nein... sogar dreimal das Leben gerettet! Jetzt noch an ihm zu zweifeln kommt ihr deshalb reichlich undankbar vor. Sie lässt den Blick einen Moment auf dem schlafenden Sey ruhen. Er liegt mit seinen nassen Klamotten rücklings auf dem Bett, so als hätte er sich einfach darauffallen gelassen, kaum, dass er den Raum betreten hatte. Sein linker Arm hängt reglos von der Bettkante herunter, auf seinem Unterarm kann Suki sogar aus dieser Entfernung eine Gänsehaut erkennen. Ein lautes Quietschen ertönt, als sie sich von dem kleinen Sofa erhebt, die warme Decke, unter der sie aufgewacht ist, unter den Arm geklemmt. Mit leicht zögernden Schritten geht sie auf Sey zu und legt sachte die Wolldecke über ihn. Vorsichtig streicht sie einige, noch immer recht nasse Haarsträhnen aus seinem Gesicht. Gerade als ihre Fingerspitze für den Bruchteil einer Sekunde seine Haut berührt, durchfährt Suki ein Gefühl, als würde ein elektrischer Schlag durch ihren gesamten Körper rasen. Ihr wird von einer Sekunde zur anderen schwarz vor Augen und sie fühlt sich, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggerissen werden. Plötzlich reisst die Dunkelheit vor ihr auf und sie kann einige vage Umrisse erkennen, die stetig klarer zu werden scheinen. Verwirrt muss sie feststellen, dass sie sich nicht mehr in dem kuriosen Zimmer in Amanders Wohnung befindet, sondern auf einer kleinen Lichtung, mitten im Wald. Es scheint Herbst zu sein, denn der gesamte Boden ist mit Blättern in den verscheidensten Rot und Gelbtönen bedeckt, und nur einige wenige braune Nachzügler hängen noch an den dürren, grauen Ästen der kahlen Bäume. Eine kalte Brise schlängelt sich zwischen den Stämmen hindurch und weht ihr eine Strähne ihrer Haare ins Gesicht. Als Suki sie mit einer Hand hinter ihr Ohr streicht, bemerkt sie plötzlich, dass ihre Haare um ein vielfaches länger sind als gewöhnlich. Sie trägt auch nicht mehr Amanders seltsames Top oder die Jogginghose, sondern ein altmodisches, schlichtes Klein und eine helle Schürze, deren Ränder mit einem unauffälligen Spitzenstoff verziert sind. Neben ihr auf dem Waldboden steht ein leicht ramponierter, aus Weidenzweigen geformter Korb, indem einige Pilze und andere Gewächse liegen. Wie in Trance hebt Suki den Korb auf und geht einige Schritte nach rechts, einen kaum sichtbaren, schmalen Pfad entlang. Sie hat keine Ahnung, warum sie ausgerechnet in diese Richtung läuft, es ist fast so als würde ihr Körper sich von selbst bewegen. Plötzlich hört sie Stimmen, die sich ihr rasch zu nähern scheinen. Aber da die Bäume die meisten Geräusche um sie herum abdämpfen, kann sie nicht sicher sagen wie weit sie noch entfernt sind oder aus welcher Richtung sie genau kommen. Doch aus irgend einem Grund, ist sie sich plötzlich sicher, dass sie so schnell wie möglich von hier verschwinden muss. Sie läuft so schnell sie kann über den unebenen Waldboden, verliert in ihrer Eile aber den Pfad aus den Augen und bereits nach wenigen Minuten muss sie innehalten, um sich neu zu orientieren. Nachdem sie sich mehrmals um die eigene Achse gedreht hat, in der Hoffnung den Pfad irgendwo in ihrem unmittelbaren Umfeld zu entdecken, fällt ihr Blick plötzlich auf die moosbewachsenen Reste einer alten Steinmauer. Sie verspürt ein Gefühl der Erleichterung, und ohne zu wissen wie sie auf diese absurde Idee kommt, ist sie sich plötzlich sicher, dass sie den Heimweg von dieser Mauer aus genau kennt.
Gerade als sie um die Mauer herumgeht, wird sie plötzlich unsanft am Arm gepackt und auf den Boden geschleudert. Als sie aufblickt, sieht sie in die Augen eines großen Soldaten, der sie einerseits voller Abscheu, andererseits schon fast begierig anstarrt. Neben ihm tauchen zwei weitere Uniformierte auf, beide mit einem unheimlichen Lächeln auf den Lippen. Sie werfen sich ein paar Sätze in einer Sprache zu, die Suki nicht verstehen kann, und brechen daraufhin in schallendes Gelächter aus. Einer von ihnen geht auf Suki zu,