Fanfic: Im Regen stehen
Kapitel: Im Regen stehen
Ich stand da. Allein. Wie immer, seit jenem Tag. Der Regen prasselte auf meinen Regenschirm und es schien der Himmel zu weinen. Genau wie ich, nur sah man meine Tränen nicht. Ich durfte keine Schwäche zeigen, ich musste stark sein. Wenigsten für ihn. Ich wollte nicht bemietleidig werden, was brachte es auch Schwäche zu zeigen? Es würde nichts ändern, die Vergangenheit konnte man nicht ändern. Aber trotzdem stand ich hier, jede Woche mindesten einmal. An dem Ort, wo er mich gerettet hatte.
Es war eine Kreuzung, trotzdem war nur 30zig erlaubt. Ich war über die Straße gegangen, kein Auto weit und breit, zumindest dachte ich das. Aufpassen tat ich auch nicht wirklich. Ich alberte auf der Straße herum, etwas was ich danach nie wieder getan habe und auch nie wieder tun würde. Ein Porsche näherte sich, er hatte gute 90 Sachen drauf, ihn im saß ein reicher Jungspund, ein verzogener, oberflächlicher Bengel, der sich nur um cool sein kümmerte. Ich sah ihn hinterher völlig aufgelöst und am verzweifeln im Gerichtssaal. Da war es dahin mit seiner Maske.
Ich bemerkte den Porsche nicht, er schon. „Pass auf!“ schrie er noch, doch da war es schon zu spät. Nun bemerkte auch ich den Porsche und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich war erstarrt. Heute noch bin ich darauf sauer, wieso? Wieso versagte mein Körper, wenn ich an meisten brauchte? Heute würde es mir nicht mehr passieren, da war ich mir sicher. Ich hatte trainiert, damit mir so was nicht noch einmal passieren würde.
Ich war damals völlig aufs Auto fokussiert, so bemerkte ich nicht wie er auf mich zuschritt. Ich bemerkte nur wie er mich wegschupste und sah mit aufgerissenen Augen zu, wie er vom Auto erfasst wurde.
Der schlimmste Moment in meinen Leben, noch heute sehe ich alles als wäre es in Zeitlupe passiert. Ich sehe wie er erfasst wird, wie er auf der Windschutzscheibe aufschlägt und wie er sich dann weiter dreht und auf den Asphalt donnert. Auch sehe ich das erschrockene Gesicht von dem Fahrer und seiner Mitfahrerin, mit der er vor Sekunden noch geredet hatte.
Aber woran ich mich am meisten erinnere ist das Gesicht von ihm als er auf den Boden legt. Zwar waren seine Augen nur ein Spalt weit offen, trotzdem erkante ich weder Furcht oder gar Bereuen, seine Augen strahlten Entschlossenheit, Stärke und keine Furcht aus. Und ich sah, dass er wusste, dass er sterben würde. Ein schmales Lächeln zierte seine Lippen und diesen erlosch auch nicht, selbst als der Notarzt versuchte ihn wieder zu beleben.
Genau, sofort riefen wir den Notarzt, ich saß bei ihm leider hattest er schon kurz nach dem Unfall die Augen geschlossen und so blieben sie auch, egal was die Ärzte versuchten. An diesem Tag verlor ich ihn, am 21.10.09, er war gerade mal 15, genauso wie ich. Dieses ist nun genau ein Jahr her und am Anfang war es sehr schwer für mich. Es schmerzte nur, ich wollte mich umbringen.
Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube daran, dass der Tod die unendliche Freiheit ist und man kein Schmerz, kein Kummer, kein Irgendwas mehr hat und genau das wollte ich.
Aber ich tat es nicht, warum? Er hatte mir gesagt Selbstmord ist nur für Feiglinge. Die wirklichen Mutigen, ertragen den Schmerz und versuchen nicht noch mehr Schmerz zu verursachen.
Und genau das mache ich, und wer sagt, dass ich nicht auch wieder glücklich werden kann. Ich bin mir sicher er hätte es so gewollt. Natürlich werde ich ihn niemals vergessen und nicht was er für mich getan hatte.
Plötzlich sah ich es und mein Herz blieb fast stehen. Ein Ball kullerte auf die Straße und ein Junge lief ihm hinterher. Ein Auto näherte sich, aber zum Glück waren meine Reflexe besser geworden, so packte ich das Kind beim Kragen und zog es schnell zurück. Zum Glück hielt sich das Auto auch ans Limit, so hätte es bestimmt keine Probleme gegeben. Aber wie sagt man so schön: Vorsicht ist besser als Nachsicht, zumindest in solchen Dingen.
„Lars, ich hab dir doch immer gesagt, renn niemals auf die Straße. Wieso spielst du überhaupt bei solch einem Sauwetter Ball?“ „Er hat recht. Du hättest dir sonst was tun können.“ „Mir ist aber nichts passiert, ist doch egal. Bääh.“ Ich hielt den kleinen Jungen an der Schulter fest und zwang ihn in meine Augen zu sehen. Er erschrak, ich schaute ihn auch ernst an. Ich haste es, wenn Leute so mit ihrem Leben spielten. Einmal nach links und rechts gucken war nicht so schwierig. „Hör mal zu Kleiner! Siehst du das Kreuz.“ Ich nicht zu seinem weißen Kreuz. „Jemand ist hier umgekommen, weil er Jemand gerettet hat, der einfach nur dumm gehandelt hat und fand man müsste nicht auf sich aufpassen, es würde doch sowieso nichts passieren. Weißt du es sollten lieber die Leute sterben, die so ihr Leben aufs Spiel setzten, statt die Leute die sie dann retten.“ Ich sprach ziemlich kühl. Der Junge hatte wohl etwas Angst bekommen und verschwand.
„Das war hart aber wahr. Und danke für die „Rettung“ meines kleinen Bruders. Ich bin übrigens Olivier.“ Er stellte sich zu mir unter meinem Regenschirm, der Regen prasselte immer noch auf in und untermalte die Unterhaltung mit dumpfen Trommelgeräusche.
Oliver hielt mir die Hand hin. Ich ergriff sie nicht. „Tomari.” „Was ist das den für ein Name?” „Es ist japanisch und bedeutet Nacht.“ „Ist dir nicht kalt, ich meine nur im Top.“ „Nein.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Brüder sind echt nervig.“
„Wasser ist dicker als Blut!“
„Was?“
„Wasser ist dicker als Blut!“
Ja, es war wirklich so. Er hatte es mir oft genug bewiesen. Am Anfang war ich ziemlich sauer als meine Eltern für seine Adoption kämpften, es hatte echt ein schweres Leben. Aber schon bald wurde er zu meinen großen Bruder, obwohl er nur 4 Monate älter war als ich. Er hielt immer zu mir, wir halfen uns immer, egal bei was, wir konnten uns immer auf den anderen verlassen und das obwohl er erst in meinen 9ten Lebensjahr in mein leben trat.
Wasser ist dicker als Blut!
Ich wandte mich zum gehen. „Hey, wo willst du hin, treffen wir uns wieder?“
Ich spazierte einfach durch den Regen. Die Sonne erschien langsam hinter denn Wolken, es würde ein Regenbogen geben.
Es regnete immer noch, trotzdem kam langsam die Sonne aus ihrem Versteck.
„Ich liebe dich, großer Bruder!“