Project Soul [MMFF]
1 Project Soul
1. Project Soul
Der Tag begann mit einem Lächeln.
Das Klingeln ihres Weckers riss Shizuka Souma aus ihrer Traumwelt. Sie öffnete die Augen einen Spalt weit und…
„Guten Morgen, Zuka!“, rief Nana mit ihrem strahlenden Lächeln. Die Siebenjährige saß an Shizukas Bett und hielt ihr den Wecker hin.
Shizuka stellte den Wecker aus und lächelte verschlafen. „Morgen, Nani. Was sollte das denn gerade?“
„Du musst aufwachen, Zuka. Es gibt doch Frühstück!“ Nana sprang auf, drehte sich und stellte den Wecker zurück auf seinen Platz – und das alles in einer einzigen schnellen Bewegung. „Ich hab versucht dich zu wecken! Aber du hast einfach weitergeschlafen, Zuka!“ Sie war schon fertig angezogen.
Shizuka nickte und setzte sich auf. Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen und seufzte. Es war ganz anders als in ihrer Welt… Das Zimmer, das Shizuka uns Nana sich teilten war klein. Es war Platz für zwei schmale Betten, einen Schrank und einen kleinen Tisch. Eine Tür führte aus dem Zimmer auf den Flur, eine andere führte in das kleine Badezimmer.
Shizuka stand auf und suchte sich etwas zum anziehen aus dem Schrank. „Ich hatte so einen schönen Traum. Du kamst auch darin vor! Es war das erste Mal, dass du in einem meiner Träume warst, Nani. Sonst sehe ich manchmal meine…Eltern.“, erzählte sie, während sie sich anzog und sich zwei hellblaue Bänder in die weißblonden Haare flocht. „Sieht das so gut aus?“ Es gab keine Spiegel in den Zimmern.
„Ja!“ Nana strahlte. „Ich habe von einem großen, blauen Hasen geträumt“
Shizuka erwiderte ihr Lächeln. Sie steckte Nana, wie jeden Morgen eine von den Blumen, die auf der Fensterbank wuchsen, ins Haar. Dann verließen die Beiden ihr Zimmer.
Der Flur der sie erwartete schien in beide Richtungen endlos weiterzugehen. Im gleichen Abstand waren auf beiden Seiten Türen in den Wänden und ebenfalls immer im gleichen Abstand waren Lampen an den Decken angebracht.
Shizuka seufzte. Das war die Welt in der sie leben mussten: Grau, bis ins letzte Detail berechnet und immer gleich. Nichts änderte sich hier. Nie. Die Regierung sorgte dafür, dass sie Betten, Essen und ausgesuchte Bücher bekamen. Aber…die Einrichtung erinnerte immer noch an ein Gefängnis…
Nana nahm Shizukas Hand und sagte: „Schau doch nicht so traurig, Zuka!“ Dann hüpfte sie los in Richtung Frühstückssaal. Shizuka lächelte und lief hinter Nana her.
Es dauerte eine Weile, bis sie die graue Doppeltür, die zum Frühstücksaal führte, erreichten, denn der Saal lag im hintersten Teil des Gebäudes. Shizuka hielt Nana die Tür auf und folgte ihr in den Raum dahinter.
Die Halle war voller Tische und Bänke an denen die „Studenten“ saßen. Die Essensausgabe war am Fenster links von der Tür und wie immer war eine lange Schlange davor. Von einem Podest am Ende der Halle beobachteten die Aufpasser, die die Regierung eingestellt hatte, alles.
„Zuka, Nani! Wir sind hier!“, rief ihnen eine Stimme entgegen. Shizuka entdeckte die Ruferin sofort, denn mit ihren roten Haaren war sie kaum zu übersehen.
Keiko Diamand stand an einem der vielen Tische in der Mitte der Halle und winkte ihren Freunden zu. Sie hatte wie fast immer ihre Kopfhörer auf. Die blonde Sidney Mendoza saß neben ihr und sah sich gelangweilt in der Halle um.
Shizuka und Nana bahnten sich einen Weg durch die Halle und setzen sich zu den Beiden.
„Guten Morgen! Wir haben euch schon mal etwas zu Essen geholt, damit ihr nicht anstehen müsst“, meinte Keiko und schob zwei Tablette über den Tisch. Es war das übliche Frühstück: Haferflocken mit Milch und ein Glas Saft.
„Danke.“ Shizuka lächelte.
Sidney seufzte und stocherte gelangweilt in ihren Haferflocken herum. „Jeden Morgen das gleiche und das seit vier verdammten Jahren!“
Keiko lächelte. „Stimmt, du bist ja auch schon vier Jahre hier…glaub mir nach einer Weile gewöhnt man sich an den ganzen Kram. Stimmt’s, Zuka?“ Die Rothaarige war nun seit ganzen elf Jahren ein Teil des Projekts.
Shizuka nickte nur. Sie war seit sechs Jahren dabei.
Sidney nickte langsam. „Das kauf ich euch nicht ab! Wie soll man sich an diesen Kasten gewöhnen?“
Crystel Lawrance beobachtete die vier über den Rand ihres Glases hinweg. Sie waren alle schon so viel länger hier…vielleicht wussten sie auch, wie man hier wieder weg kam.
‚Nein‘ Crystel lächelte und strich sich eine schwarze Haarsträhne hinters Ohr. ‚Wenn sie einen Weg raum kennen würden, wären sie schon längst nicht mehr hier. Außerdem kann ich auch alleine wieder nachhause kommen!‘
Der Gedanke an ihr Zuhause versetzte Crystel einen Stich. Die Flammen loderten wieder vor ihrem Inneren Auge auf. Das Glas fiel ihr aus der Hand und erst das Klirren, als es auf dem Steinboden aufschlug riss Crystel in die Wirklichkeit zurück. Einen Moment lang konnte sie nur verwirrt auf die Scherben sehen, dann seufzte sie und begann sie eilig die Glassplitter aufzusammeln.
„Alles in Ordnung?“, fragte eine Stimme.
Crystel sah auf und blickte in Shizukas blaue Augen. Die Jüngere lächelte. „Kann ich dir helfen?“
„Nein. Ich schaff das schon alleine“, antwortete Crystel und hob die letzte Scherbe auf. Dann stand sie auf und lief in Richtung Essensausgabe, um die Scherben wegwerfen zu können. Die Köchin ließ sie mit einem aufgesetzten Lächeln hinter die Theke und in die Küche.
Crystel lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Schrank und schloss die. Seit einem Jahr war sie nun hier. Und seit einem Jahr verfolgten sie die Erinnerungen an ihr brennendes Zuhause… und wenn es nach ihnen ging, würde sich daran nie etwas ändern.
Verwirrt sah Shizuka Crystel nach, bis diese in der Küche verschwunden war, dann setzte sie sich wieder auf ihren Platz.
Sidney schüttelte leicht den Kopf. „Gib es doch einfach auf, Zuka. Sie will nicht, dass man ihr hilft, wie oft willst du es noch versuchen?“
„Aber sie hat mir geholfen. Ich will doch nur, dass sie sich hier nicht so allein fühlt“, antwortete Shizuka leise.
Keiko lächelte. „Du weißt doch, wie das in der ersten Zeit hier ist. Crystel kennt sich eben noch nicht so gut aus und weiß nicht genau, was sie mit der Situation hier anfangen soll. Gib ihr etwas mehr Zeit.“
Shizuka nickte.
Sie beendeten das Frühstück schnell und verließen die Halle. Während Nana und Shizuka noch einmal in ihr Zimmer liefen um Nanas Schultasche zu suchen, gingen Keiko und Sidney schon voraus auf den Hof.
Als sie aus dem Gebäude raus waren seufzte Keiko erleichtert. „Endlich! Ich kann den Geruch da drin nicht leiden.“
„Wenigstens muss man da diese Aussicht nicht ertragen“, antwortete Sidney und blickte an der hohen Mauer hinauf. Sie ließ nichts aus der Außenwelt hinein…und nichts von hier wieder heraus.
„Stimmt“, murmelte Keiko und folgte Sidneys Blick.
Sie machten sich auf den Weg zu ihrem Trainingsplatz. Auf dem Weg erzählte Sidney wie immer von den neusten Geschichten der Stars der Außenwelt. Es war mehr als nur verboten die Klatschzeitschriften, die Sidney so mochte, zu lesen. Aber irgendwie schaffte die Blonde es immer wieder eine zu bekommen. Unter ihrer Matratze waren schon Dutzende solcher Hefte.
Die Beiden erreichten den Trainingsplatz gleichzeitig mit Crystel. Die Schwarzhaarige nickte ihnen kurz zu, dann ging sie auf das Trainingsgelände. Keiko und Sidney warteten noch auf Shizuka.
Sie kam nach ein paar Minuten. „Tut mir leid. Ich musste noch mit Nana auf ihre Mutter warten“, erklärte sie hastig. Dann gingen die Drei auf das Trainingsgelände. Es war ein weiter Platz mit mehreren Hindernisparcours und Zielattrappen.
„Warum darf Nana eigentlich in die Schule gehen?“, fragte Sidney.
„Soll sie etwa mit uns trainieren?“, wollte Keiko wissen.
Sidney schüttelte den Kopf. „Das meine ich gar nicht. Seit ich hier bin bekomme ich ständig dieses ganze Gelaber über die „nationale Sicherheit“ und dass sie durch uns in Gefahr wäre zu hören und dann lassen die Nana einfach so in die Schule?“
„Sie ist erst sieben. Vielleicht ist sie noch nicht so gefährlich“, meinte Keiko schulterzuckend.
Sie erreichten das Zentrum des Trainingsgeländes. Die Anderen warteten schon. Außer Crystel waren noch drei Personen anwesend. Zwei Jungen und ein junger Mann. Die Jungen waren Luciano Dracel und Jake Davis und gehörten zu den Teams der Mädchen.
Ihr Ausbilder Arian Blake, eine schwarzhaariger Mann, dessen linkes Auge von einer Augenklapper verdeckt wurde, nickte den drei Mädchen zu. „Ihr seid spät.“
„Verzeihen Sie, ich habe die Beiden aufgehalten“, erwiderte Shizuka leise.
Arian nickte. „Gut. Setzt euch einfach zu den Anderen. Ich habe zwei wichtige Mitteilungen für euch.“
Sidney, Keiko und Shizuka setzten sich zu den Anderen.
Arian musterte sie kurz, dann schloss er das Auge und begann. „Die unwichtigere Nachricht zuerst. Gestern ist eine Neue…Soul… angekommen.“ Er sprach das Wort nur wiederwillig aus. Soul. Es war der Name den die Regierung den „Studenten“ der Einrichtung gegeben hatte.
Arian räusperte sich und fuhr fort. „Sie wird bis auf weiteres in Infiltrationsgruppe zwei eingeteilt, das heißt, sie wird deine Partnerin, Keiko. Du wirst ihr nachher das Gelände zeigen.“
Keiko hob überrascht den Blick. Sie hatte bisher keine Partner gehabt…und sie war ohne ganz gut klar gekommen. „Ist das Ihr Ernst?“
„Ja und du wirst das akzeptieren“, antwortete Arian kühl. „Katharina, du kannst jetzt erscheinen!“
Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein schwarzhaariges Mädchen neben Arian. Sie musterte die Anwesenden aus gefühllosen, schwarzen Augen, dann lächelte sie.
„Das hier“, erklärte Arian. „ist Katharina Sanderson. Sie wurde aus dem Institut bei New York hier her verlegt und wird von nun an mit euch ausgebildet. Katharina, willst du etwas über dich erzählen?“
Sie