Tainted Blood

Unreines Blut

Prolog part I - Dämmerung

„...Ja...Jaa, Schatz... Nein, ich hab's nicht vergessen... Nein... Ich muss jetzt aussteigen, ich bin gleich zuhause, und dann reden wir weiter... Okay... Ich liebe dich...“
Mit einem leisen Seufzen auf den Lippen, lässt der junge Mann im Anzug sein Handy zuklappen und in seiner Hosentasche verschwinden, bevor er sich wortlos erhebt und in der ruckelnden Straßenbahn auf eine der metallenen Doppeltüren zustolpert.
Er blickt dem Mann über seine dunkle Sonnenbrille hinweg nach, als dieser auf den grauen Asphalt der Haltestelle nach draußen tritt und schnellen Schrittes über die nächste Straße verschwindet. Als der Zug mit einem leichten Ruck wieder anfährt, bleibt er allein in dem nach Schweiß und Kunststoff riechenden Wagon zurück. Er lässt den Blick unauffällig über die verlassenen Sitzplätze schweifen und streicht schließlich mit einem erleichterten Atemzug eine Strähne seiner schwarzen Haare aus seinem Gesicht, bevor er vorsichtig die Sonnenbrille abnimmt. Es ist ohnehin schon düster genug um ihn herum, ohne dass die Brille die spärlichen rotgoldenen Strahlen der Abendsonne verschluckt, die im Rhythmus des dahinbrausenden Zuges durch die verschmierten Fenster flackern. Doch wenn er es vermeiden will unangenehme Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, muss er sich mit dem tristen, düsteren Blick auf die Welt, den seine Sonnenbrille ihm bietet, zufrieden geben. Als er den Kopf hebt und die Augen auf eines der Fenster gegenüber richtet zuckt er unweigerlich zusammen, so grell erscheint ihm die vorbeifliegende Großstadtlandschaft draußen, obwohl sich bereits schleichend der Mantel der Dämmerung über sie legt. Wie in Trance betrachtet er sein unregelmäßig aufflimmerndes Spiegelbild, das vom Lichteinfall in ein sachtes Rot getaucht wird. Ein leichtes Lächeln blitzt über sein Gesicht, als er in die rötlich strahlenden Augen seines Spiegelbildes blickt. Wenn sein ganzes ich so in den Schein der Dämmerung gehüllt ist, fällt die unnatürliche Farbe seiner Augen nicht weiter auf... Als die Bahn in der Kluft zwischen zwei mehrstöckigen, grauen Betonbauten verschwindet und das warme Sonnenlicht plötzlich verschluckt wird, gefriert jedoch auch das Lächeln auf seinen Lippen. Die blutroten Augen seines Spiegelbilds sehen ihn noch immer unverwandt an. Glitzern wie zwei Rubine in seinem jetzt nahezu farblosen Gesicht. Er zwingt sich den Blick abzuwenden und beobachtet stattdessen eine leere, verbeulte Redbull Dose, die leise vor sich hin klirrend von einem Ende des Ganges zum anderen rollt. Plötzlich bemerkt er, wie trocken sein Mund eigentlich ist. Er fragt sich, wann er wohl zuletzt etwas getrunken hat, kann sich aber nicht daran erinnern. Der Hunger hat ihn auch schon längst verlassen. Er ist einem unbestimmten Gefühl der Leere gewichen, mit dem er aber im Moment ganz gut leben kann... zumindest fürs erste.
Die verzerrte Stimme des Lokführers durchdringt mit einem unangenehm blechernen Tonfall seine Gedanken. Er versteht kein einziges Wort und versucht sich stattdessen auf dem alten Linienfahrplan, der oberhalb der Fensterreihe angebracht ist, zurechtzufinden. Ein dunkelgrünes Graffiti verdeckt den für ihn interessanten Teil der Karte. Er hofft, dass die Endstation noch eine Weile entfernt liegt. Am liebsten würde er mit dieser Straßenbahn ans Ende der Welt fahren... die Linie reicht leider nur bis ans Ende der Stadt. Sein Geld hatte gerade mal bis zur dritten Haltestelle gereicht. Wie er am Stadtrand weiterkommen würde, hat er sich noch nicht überlegt, aber das beunruhigt ihn nicht weiter. Es ist nicht das erste mal, dass er Hals über Kopf eine Stadt verlässt, mit nichts weiter als der Kleidung, die er trägt.
Er lässt den Kopf in den Nacken fallen, streckt die Beine aus und schließt die Augen. Das monotone Rattern der Räder auf den Gleisen verschwimmt zu einem sachten Rauschen, während er versucht sich auf seinen eigenen Herzschlag zu konzentrieren. Die Gleichmäßigkeit des Pochens in seiner Brust beruhigt ihn. Vor einigen Tagen hatte er noch befürchtet, sein Herz würde zerreissen, sollte sein Puls sich nur noch ein klein wenig beschleunigen... Wie hatte ihn ein einziger Blick nur so aus der Bahn werfen können? Ein unbestimmtes Schaudern geht durch sein Innerstes, als er an diese eisblauen Augen zurückdenkt. Diese Augen, bei denen ein einziger Blick ihm das Gefühl gab, er würde in ein endloses Meer fallen und für immer auf dessen Grund versinken... Als wäre er in der Tiefe dieser Augen ertrunken...
Für einen Moment klingt das Pochen in seiner Brust unregelmäßig. Er schüttelt sachte den Kopf und fährt sich nachdenklich mit der Hand durch die Haare. Vier Jahre hat er jetzt in dieser Stadt gelebt, ohne dass irgendwer sein Geheimnis erfahren hat. Vier lange Jahre hatte er alles dafür getan nicht aufzufallen und in der Menge an antiindividuellen Geisterwesen, die sich Einwohner nennen, unterzugehen. Und jetzt waren all seine Bemühungen umsonst, nur weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war und diesem einen Mädchen in die azurblauen Augen gesehen hatte?
Mit einem ausgedehnten Seufzen lehnt er sich nach vorn und vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Egal wie sehr er sich bemüht, er kann sie einfach nicht vergessen, und das beunruhigt ihn. Es beunruhigt ihn bereits den ganzen Tag, so sehr, dass er sich vor etwa einer Stunde in diese Straßenbahn gesetzt hatte, mit der Absicht, die Stadt für immer zu verlassen. Er wusste, dass es keinen anderen Weg gab. Beinahe eine Woche war vergangen, seit diese undefinierbaren Augen begannen sein Denken zu bestimmen. Eine Woche, in der er weder gegessen oder getrunken, noch geschlafen hatte. Tagelang war er ziellos herumgeirrt, auf der Suche nach diesem Fluch, der ihn so quälte, und gleichzeitig auf der Flucht vor ihr. Letztlich hatte seine Vernunft doch gesiegt. Wäre er ihr noch einmal begegnet, wäre das ihr Tod gewesen... und damit auch seiner. Bei dem Gedanken an sie, ertappt er sich dabei, wie er mit der Zunge über die spitzen Enden seiner Eckzähne fährt. Das schlechte Gewissen durchzuckt seinen Körper wie ein Blitz und ohne recht zu wissen warum, springt er auf und geht unruhig hin und her. Sein Herzschlag hat seine beruhigende Monotonie verloren und zwingt ihn auch seine Atmung zu beschleunigen. Der verlassene Wagon kommt ihm plötzlich ungeahnt klein vor. Das Wackeln des Zuges droht ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, also krallt er sich beinahe panisch an einer der senkrechten Metallstangen fest, schließt die Augen und lehnt seinen schmerzenden Kopf daran an. Das Metall fühlt sich angenehm kühl an seiner Stirn an. Er atmet tief ein und fixiert seine Gedanken auf das Geräusch der vorbeirollenden Redbull Dose. Ein lautes Kreischen übertönt das Klappern der Blechdose, als die Bahn sich ächzend nach vorn lehnt und an Geschwindigkeit verliert. Er bewegt sich keinen Millimeter, bis ein leichter Ruck den endgültigen Stillstand des Zuges anzeigt und die unverständliche Stimme aus dem Lautsprecher alle Fahrgäste zum Aussteigen auffordert. Mit dem unüberhörbaren Öffnen der Türen weht eine leichte Brise in das Abteil. Beinahe begierig nimmt er die frische Luft entgegen und kramt mit leicht zitternden Händen seine Sonnenbrille hervor. Bevor sie erneut seine Umgebung in Dunkelheit taucht, wirft er einen letzten kurzen Blick auf sein Spiegelbild im Fenster. Die dunklen Ringe unter seinen glühenden Augen lassen eine Art Müdigkeit in ihm aufsteigen. Erleichtert bemerkt er, dass seine Erschöpfung sich glücklicherweise lindernd auf sein erhitztes Gemüt auswirkt. Er setzt die Brille auf und tritt aus dem Wagon auf den Bahnsteig. Mit gesenktem Kopf und den Händen in den Jackentaschen vergraben geht er langsam an dem Zug entlang, bis er vorne am ersten Wagon ankommt.
Weniger als drei Schritte von ihm entfernt tritt plötzlich eine junge Frau, bepackt mit einem schweren Koffer, aus dem Zug und erstarrt bei seinem Anblick förmlich zu Stein. Ohne recht zu wissen warum, hebt er eine Hand und nimmt langsam seine Sonnenbrille ab. Keiner der Beiden sagt ein Wort.
Einzig ihre blonden, langen Haare wehen unruhig im Wind, als wären sie von der Situation unberührt in einen Tanz vertieft, und auf ihrer hellen Haut liegt der glänzende Schimmer der Sonne, die gerade hinter dem Dach des Bahnhofs zu verschwinden droht. In ihren azurblauen Augen liegt ein Ausdruck stummen Erstaunens... untermalt vom rubinroten Farbenspiel der Dämmerung...