Tainted Blood
Prolog part II - Nachtschatten
Nachtschatten
Das leise, regelmäßige Surren der Leuchtreklame des Hotels hallt in der sonst so stillen Gasse wieder und lässt die düstere Umgebung der Kulisse eines alten Gangster-Thrillers ähneln. Mit einem leichten Frösteln streicht sie eine Strähne ihrer blonden, lockigen Haare hinter ihr Ohr und wendet der verschlissenen Eingangstür den Rücken zu, um sich mit schnellen Schritten auf die Suche nach einer Bar oder einem Club zu machen. Heruntergekommene Gegenden wie diese ist sie eigentlich nicht gewohnt, und deshalb fällt es ihr schwer die Nervosität, dieses flaue Gefühl, das ihr die Kehle zuschnürt, zu unterdrücken. Doch sie hat in den letzten Wochen gelernt, dass die Verschwiegenheit und Anonymität des Untergrunds ihr neben einigen verhältnismäßig kleinen Nachteilen, auch ein gewisses Maß an Schutz bietet. Andere Menschen würden sicherlich behaupten, dass sie sich in Gefahr bringt, dass sie ausgeraubt, oder vergewaltigt werden könnte, oder schlimmer... Doch sie ist sich dieser Gefahren durchaus bewusst, und dennoch hat sie sich dazu entschieden sich ihnen zu stellen um Schlimmerem zu entgehen. Andere Menschen wissen schließlich nicht, dass die Dinge, die man normalerweise fürchtet, für sie beinahe lächerlich wirken, verglichen mit den Albträumen, die seit einigen Wochen zu ihrer Realität gehören. Mit einem leichten Schaudern biegt sie in eine breitere Straße ab und atmet erleichtert auf, als sie in den hellen Schein einer der Laternen tritt. Das rasche Klackern ihrer Absätze hallt in kleinen Wellen über den grauen Asphalt und wird schließlich in den dunklen Winkeln der Hauseingänge zu beiden Seiten verschluckt. Etwas verloren suchen ihre blauen Augen ihr Umfeld nach Schildern oder anderen Menschen ab, jedoch erfolglos. Die stumme Einsamkeit um sie herum beschleunigt ihren Herzschlag ein wenig und schürt das ungute Gefühl in ihrem Innern... und lenkt ihre Gedanken wieder zu dem Moment am Bahnhof einige Stunden zuvor. Mit einem energischen Kopfschütteln versucht sie ihre Erinnerungen in die letzten Winkel ihres Bewusstseins zu verbannen. Nur um nicht weiter über diese Sache nachzudenken war sie zu dieser späten Stunde noch in die nächtliche Stadt hinaus gestürzt. Sie hatte es in dem winzigen Hotelzimmer, in dem sie sich mit ihren Gedanken eingesperrt hatte, einfach nicht mehr ausgehalten. Frische Luft schnappen, sich unter Menschen mischen, versuchen, für ein paar wenige Stunden ganz normal zu sein... das musste sie jetzt tun, um wieder einen klaren Kopf zu erlangen. Doch die Tatsache, dass dieser kleine Vorort so totenstill und menschenleer vor ihr liegt vereitelt ihren Plan. Mit einem leisen Seufzen verlangsamt sie ihre Schritte und hält kurz inne. Eine schwache Brise weht um sie herum und trägt, kaum hörbar, das monotone Rattern einer Straßenbahn, die wohl in den nahegelegenen Bahnhof einfährt, an ihr Ohr. Sie senkt den Kopf und beißt unwohl ihre Zähne aufeinander. Sofort flackert vor ihrem Geist das Bild des dunkelhaarigen, jungen Mannes mit der schwarzen Jacke und der ebenfalls pechschwarzen Sonnenbrille wieder auf. Diese Sonnenbrille, die er auch bei ihrem ersten Treffen trug, und das obwohl die Stadt an diesem tristen Nachmittag in den grauen Schleier eines Sommergewitters gehüllt war... Sie glaubte, dass es nur Zufall war, dass sie in den letzten Tagen immer wieder aus den Augenwinkeln einen Blick auf diese eigenwillige Person zu erhaschen schien, mal streiften ihn ihre Augen, als sie einen Zebrastreifen überquerte, mal glaubte sie ihn draußen vorbeigehen zu sehen, als sie in einem Buchladen von einem dicken Roman aufsah, doch jetzt war sie sich sicher nicht nur an einer Paranoia zu leiden. Die Art und Weise, wie er sie angestarrt hatte, als sie sich am Bahnsteig plötzlich gegenüberstanden... Und dann diese flüchtige Handbewegung, wie ein automatischer Reflex, die seine undurchsichtige Sonnenbrille, die für sie schon Teil seines Gesichts war, verschwinden ließ... und ihr so den Anblick auf das ungewöhnlichste Paar Augen ermöglichte, dass sie je gesehen hatte... Augen so leuchtend rot wie frisches Blut, scheinbar flackernd, wie die Flammen eines lodernden Feuers. Augen, wie sie ihr bereits in den Zeilen dutzender Bücher begegnet sind... jedoch immer beschrieben als die Augen von Dämonen, Monstern und anderen Wesen, wie sie nur die Hölle selbst auf die Erde der Lebenden spucken könnte. Und doch... in dem kurzen Moment in dem er vor ihr stand, bevor sie sich ruckartig umdrehte und beinahe fluchtartig den Bahnhof verließ, spürte sie keine Angst... Diese setzte erst Minuten später ein, als sie anfing über alles nachzudenken, und als alles was sie bisher gelesen und aufgeschnappt hatte damit begann ihren Verstand mit düsteren Visionen von Gesandten der Hölle zu vergiften...
Auch wenn ein winziger Teil von ihr etwas anderes sagte, befahl ihr an Logik und Vorsicht gebundenes Gehirn ihr, sie müsse Angst empfinden. Angst, weil er ihr offenbar all die Tage gefolgt war... Angst davor, was seine Gründe dafür waren... Angst davor, wer oder was er tatsächlich war und davor, was er ihr antun könnte... Denn Eines ist klar: Er gehört nicht zu den Dingen die normale Menschen fürchten müssen... er gehört zu ihren Albträumen, die nur in ihrer Realität existieren...
Das leise Echo von Stimmen und Gelächter lässt sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Beinahe stürmisch wendet sie sich um und sucht nach dem Ausgangspunkt der Geräusche. In einer schmalen Seitengasse fällt ein warmes Licht auf den Gehweg, verschwindet aber wieder, kaum dass sie den Kopf in die Richtung gewendet hat, und mit dem dumpfen Schlag einer schweren Holztür, die in die Angeln fällt, liegt die Gasse wieder in Dunkelheit. Sie tritt vorsichtig ein bisschen näher und entdeckt das Eingangsschild einer Bar. „Zur Brückenschänke“ verkündet das schief hängende, vergilbte Schild in altmodischen Buchstaben, und sie fragt sich, wie der Laden wohl zu diesem Namen gekommen ist, schließlich kann sie weit und breit keine Brücke entdecken, und erinnert sich auch nicht daran, auf ihrem Weg hier her eine passiert zu haben. Ein tiefes Lachen, begleitet von den unnatürlich laut klingenden Schritten zweier Paar Schuhe, bahnt sich seinen Weg durch die Finsternis vor ihr, bis das Licht der Laternen auf der Hauptstraße die Gesichter von zwei jungen Männern erfasst, die, leicht schwankend und grinsend in ein Gespräch vertieft, auf sie zugehen. Beinahe reflexartig wendet sie den Beiden den Rücken zu, doch noch bevor sie einen weiteren Schritt machen kann, fühlt sie schon den unangenehmen Druck einer Hand auf ihrer Schulter. Sie erstarrt augenblicklich zu Eis und ein, ihr nur zu gut bekanntes Gefühl, zuckt durch ihren Körper, der ihr plötzlich nicht mehr zu gehorchen scheint und die Schreie in ihrem Kopf, die sie dazu ermahnen wegzulaufen, einfach ignoriert. Sie kann es fühlen, dass der Mann, der sie so sanft aber doch bestimmt zurückhält, nicht mehr der Mann ist, der vor Sekunden noch lachend mit seinem Freund über den Gehweg gestolpert war. Die ganze Situation kommt ihr wie ein grausiges Déjà-vu vor, das sich seit ihrem 18ten Geburtstag beinahe ein dutzend mal wiederholt zu haben scheint. Zitternd wagt sie einen Blick über die Schulter, der ihre Befürchtungen jedoch kurzerhand in kalte Wahrheit verwandelt. Die leeren blass-blauen Augen des Mannes starren scheinbar durch sie hindurch, doch hinter dieser Puppen-gleichen Fassade kann sie das hinterlistige Funkeln erkennen, dass ihr schon öfters begegnet ist. Dieses zwielichtige Glitzern, das die Gegenwart eines Wesens verrät, dessen unsichtbare, gierige Klauen unbestreitbar nach ihrer Seele greifen... Ein solches Wesen kann sie jetzt in den Augen des Mannes hinter ihr sehen. Jedenfalls bis dieser ohne Vorwarnung die Hand von ihrer Schulter zieht, stattdessen in ihre Haare greift und mit grober Gewalt ihren Kopf in ihren Nacken drückt. Aus den Augenwinkeln kann sie eine weitere Bewegung ausmachen, die sie daran erinnert, dass der Kerl nicht allein unterwegs war. Sie versucht verzweifelt einen Überblick über das Geschehen zu erlangen, kann aber lediglich anhand eines metallisch, klirrenden Geräusches schlussfolgern, dass der zweite Mann wohl etwas aus dem Berg an Sperrmüll und Blechdosen am Straßenrand herausgezogen hat. Mit einem schweren Keuchen ringt sie nach Luft, um nach Hilfe zu rufen, doch wie so oft in solchen Situationen, versagt ihre Stimme in diesem entscheidenden Moment kläglich. Ein schmerzhafter Ruck an ihrem Kopf erweitert ihr Sichtfeld soweit, dass sie gerade noch aufschnappen kann, wie ihr Peiniger mit einer raschen Armbewegung einen Gegenstand auffängt, der ihm wohl soeben zugeworfen wurde. Als die eiskalte Berührung von glattem Metall an ihrem Hals ihren Körper erschaudern lässt, wird jeder weitere Blick, um die Situation einzuschätzen, für sie überflüssig. Während der Druck des scharfen Objekts auf ihre Kehle sich langsam verstärkt und ihr sogar das Schlucken unmöglich macht, schließt sie resigniert die Augen in Erwartung eines schnellen Endes...
Schnell kommt das Ende ihrer lebensbedrohlichen Lage allerdings... jedoch anders, als sie es erwartet hätte. Gerade als sie in Gedanken bereits warmes Blut ihren Hals hinabfließen spürt, wird sie von einem abrupten Stoß zu Boden gerissen. Noch bevor sie Gelegenheit hat, ihren Blick von dem dunklen Asphalt zu heben, hört sie eine gequälten Aufschrei, gefolgt von dem dumpfen Aufprall eines Körpers direkt neben sich. Es gelingt ihren Augen erst das Geschehen einige Meter entfernt einzufangen, als ein weiterer Körper seufzend auf die Knie sinkt und schließlich reglos auf der Straße zum liegen kommt. Danach ist ihr rasender Herzschlag für einen Moment das einzige, das sie daran erinnert, dass die Zeit nicht plötzlich zum stillstand gekommen ist. Denn als endlich etwas Kraft in ihre Arme zurückkehrt und es ihr gelingt