Seine Welt
I. Reise durch die Zeit
Als ich zu mir kam, befand ich mich in einer Hütte. Ich lag auf einer Decke, die den harten Boden aber kaum weicher machte. Nachdem ich einige Male geblinzelt hatte, sah ich nicht mehr verschwommen. Eine alte Frau beugte sich über mich. Sie erinnerte mich mit ihrer Augenklappe ein bisschen an einen Pirat. „Sie ist wach.“, verkündete sie. Einen Augenblick später war ich umringt von seltsamen Gestalten. Ich wusste nicht, welchen Schaden mein Gehirn durch den erzwungenen Sprung in den Brunnen genommen hatte, aber anscheinend stimmte irgendetwas mit meiner Wahrnehmung nicht mehr. Einer der… Männer… hatte langes, weißes Haar und Ohren die hündischen sehr ähnlich sahen. Irgendwie sah er knuffig aus. „Wie geht es dir, Mizuki?“, fragte Kagome, die hinter meinem Kopf stand. Ich funkelte sie böse an, so gut das von meiner Position aus eben ging. Sie verzog das Gesicht. Langsam setzte ich mich auf. Es schien nichts gebrochen, ich bezweifelte sogar, dass ich blaue Flecken hatte. Vielleicht sollte ich bei meiner Heimkehr nach einem guten Psychologen fragen.
„Wie’s aussieht, geht es ihr gut. Sie soll uns also einfach den Splitter geben und dann wieder verschwinden.“, meinte der hundeähnliche Kerl. „Sitz, Inu Yasha! Sei nicht so unfreundlich!“, rief Kagome. Mit einem lauten Knall landete er mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. „Bitte entschuldige Inu Yashas Verhalten. Er ist zur Zeit ein wenig – sie suchte nach dem richtigen Wort – reizbar.“, meinte die Frau neben mir und lächelte mich an, „Ich bin Sango. Du heißt Mizuki, oder?“ Ich nickte. Inu Yasha hatte sich wieder hingesetzt und schaute grimmig in die Runde, bevor er sich an die alte, einäugige Frau wandte: „He, Kaede! Kannst du sie nicht hierbehalten und wir gehen weiter? Miroku und Shippo sind schon zu lange weg.“ Kagome seufzte. „Inu Yasha, es sind nicht alle Leute so schnell wie du.“ Offenbar nahm er das als Kompliment an, denn sein Gesichtsausdruck wurde sanfter.
„Miroku und Shippo sind Freunde von uns.“, erklärte mir Sango, „sie sind gerade auf der Suche nach etwas zu Essen.“ Ich nickte. Dann blickte ich an mir herunter, meine Kette und den Splitter hatte ich noch. Ich würde ihn auch nicht hergeben, egal was dieser Inu Yasha machte.
Als Inu Yasha sich gerade auf die Suche machen wollte, öffnete sich die Tür und ein Mönch kam mit einem… war es ein Fuchs? Ein Kleinkind? Nun ja, sie traten ein uns Inu Yasha schnauzte sie an, wo sie denn so lange geblieben wären.
Sango stellte mich vor und sagte mir, dass diese beiden Miroku und Shippo seien. Außerdem erfuhr ich, dass Shippo ein Fuchsdämon und Inu Yasha zur Hälfte ein Hundedämon war. Miroku und Shippo hatten sechs Fische und drei Eidechsen mitgebracht, die vor der Hütte gebraten wurden. Sie luden mich zum Essen ein und ich nahm dankbar an – schließlich hatte ich heute erst einen Apfel gegessen.
Kagome betrachtete mich nachdenklich. „Wie wäre es“, fragte sie zögerlich, „wenn Mizuki mit uns ziehen würde? Schließlich hat sie einen Juwelensplitter und der ist nicht gerade klein, das hat vielleicht etwas zu bedeuten.“ „Schwachsinn“, brummte Inu Yasha, „Sie soll uns einfach diesen verdammten Splitter geben und dann wieder in ihre Welt verschwinden. Ich kann schließlich nicht noch mehr Leute beschützen.“ „Sitz!“ Und wieder küsste der Halbdämon die Erde. Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen, woraufhin er aufsah und mich wütend anfunkelte. „Inu Yasha!“, zischte Kagome drohend, als er auf mich zukommen wollte. Er dachte kurz nach, schien sich eines Besseren zu besinnen und setzte sich wieder, um seinen inzwischen kalt gewordenen Fisch zu essen.
„Ich finde die Idee gut.“, meinte Sango und kam damit wieder auf Kagomes Frage zurück. „Ich auch.“, rief Shippo, der auf meinem Schoß Platz genommen hatte. Er war süß. Richtig goldig.
Miroku lächelte Inu Yasha an. „Nun, da haben wir dich wohl überstimmt. Mach nicht so ein Theater, sie bringt dich schließlich nicht um!“ Inu Yashas Antwort bestand aus einem Schnauben.
Während wir durch einen – wie es aussah niemals endenden – Wald liefen, erfuhr ich alles Mögliche über die Gruppe, auch vom Juwel der vier Seelen erzählten sie mir und wie wichtig es sei, dass es einem Typen wie Naraku niemals in die Hände fiel. Um dieses Juwel zu vervollständigen brauchten sie meinen Splitter.
Am Abend erreichten wir ein Dorf, in dem Miroku einen bösen Dämon aus einem Haus vertrieb und uns der Hausherr dafür freundlich einlud, die Nacht bei ihm zu verbringen.
Ich lag noch stundenlang wach und dachte nach. Durch das, was ich über Naraku gehört habe, war mir klar, dass Sango und die anderen versuchten, ihn vom Juwel fernzuhalten, aber Kagome hatte mir auch erklärt, dass ich höchstwahrscheinlich nur wegen des Splitters durch den Brunnen gekommen bin. Würde ich ihn ihnen also geben, um das Juwel zu vervollständigen, wäre ich für immer in dieser Welt gefangen. Oder ich würde ihn Kagome auf der anderen Seite geben, dann könnte sie einfach zurück und ich würde zu Hause bleiben. Mir gefiel diese Idee aber nicht, auch wenn sie sicher und leicht durchzuführen war. Schließlich war der Anhänger alles, was mir von meiner Urgroßmutter blieb, ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich auch nur daran dachte, die Kette wegzugeben. Aber so wie Inu Yasha aussah, würde er mir den Splitter wenn nötig auch mit Gewalt wegnehmen. Auf einmal ergriff die Angst Besitz von mir.
Ich wollte wieder nach Hause.
Leise und langsam, um die anderen nicht zu wecken, verließ ich das Haus und lief zum Wald zurück. Jetzt ging es darum, den richtigen Weg zurück zu finden und mich nicht zu verirren. Da wir vorhin vom Mittag bis zum Abend gebraucht haben, würde ich bei dieser Dunkelheit wohl die Nacht durch laufen müssen, damit ich am Morgen wieder da war. Ich könnte in der Schule einfach sagen, ich sei krank gewesen. Das kann schließlich mal vorkommen.
Nach kurzer Zeit fand ich meine Idee, wegzulaufen, nicht mehr so gut, sondern ehrlich gesagt mehr als schlecht. Es herrschte eine solche Dunkelheit, dass ich kaum die Hand vor Augen sah und ich war sicher, mich verirrt zu haben. Anfangs war ich sehr vorsichtig gelaufen, um keine wilden Tiere oder Dämonen oder was sonst auch diese Welt bevölkerte, aufzuscheuchen. Natürlich würden sie mich trotzdem riechen, und als mir das klar wurde, stapfte ich einfach irgendwie durch den Wald. Tränen liefen mein Gesicht herunter, als irgendetwas einen blutigen Streifen an mein Bein schnitt und ich nicht mehr weiterkonnte. Dreck würde in die Wunde kommen, danach die Infektion und schließlich würde ich sterben. Wenn der Geruch nach Menschenblut nicht vorher irgendein Wesen anlockte. Ich verfluchte Kagome dafür, mich hierher gebracht zu haben, ich verfluchte meine Mutter, weil sie heute Morgen ohne mich gefahren war, weshalb ich ja überhaupt erst zur Haltestelle gekommen bin und ich verfluchte mich selbst, weil ich nicht schneller gewesen war.
Ich verfluchte das ganze Universum und als mir klar wurde, dass ich zu laut war, war es zu spät, denn ein riesiges, sicher gefährliches und tödliches Etwas mit leuchtend roten Augen kam auf mich zu.