Seine Welt

II. Bokusenos Gedicht

Ich stand langsam auf und versuchte zu fliehen, doch mein verletztes Bein hinderte mich daran und ich fiel unsanft auf den Boden. Für einen Moment schoss mir die idiotische Frage durch den Kopf, ob Inu Yasha auch Erde im Mund hatte, wenn Kagome „Sitz!“ rief. Der Angreifer kam immer näher und ich meinte einen gierigen Ausdruck in seinem Gesicht ausmachen zu können. Erst als er nur noch wenige Meter von mir entfernt war, sah ich, dass es eine riesenhafte Krähe war, zumindest vom Körper her. Der Kopf war der eines Menschen, aber die Zähne erinnertem mich an die, die Schlangen hatten. Klein und spitz und wahrscheinlich giftig. Die Schlitzaugen passten ebenfalls zur Schlangentheorie, auch wenn sie leuchtend rot waren. Blutrot.
Verängstigt stand ich auf und presste mich an den Baum hinter mir. Mein Bein fing wieder an zu protestieren, weshalb ich es ein wenig anhob, sodass mein Gewicht nur auf dem anderen lastete.
Dann geschahen drei Dinge gleichzeitig. Die Bestie schoss nach vorne, ich schrie und der Baum hinter mir umschloss mich mit seinen Ästen, die mich brutal aus der Gefahrenzone beförderte.

Über den beweglichen Baum wunderte ich mich nicht mehr, aber als er zu sprechen anfing, dachte ich wirklich, mich könne jetzt nichts mehr überraschen.
Mein Gesicht war dreckig und durch die Tränen klebte die Erde schön fest, mein Bein, in das wohl oder übel Schmutz gekommen war, brannte, als hätte jemand Salz hinein gestreut.
„Du bist außer Gefahr“, sagte der Baum und seine Äste und Zweige ließen mich los. Ich schüttelte den Kopf, unfähig zu sprechen und deutete auf meine Wunde. Schon wieder weinte ich. Ein Zweig beugte sich zu mir und legte seine Blätter auf die Verletzung. „Das haben wir gleich.“
Und wirklich, Sekunden später fühlte ich, wie das Brennen nachließ und als er die Blätter eine Minute später wegnahm, war von der Wunde nur noch eine feine rosa Linie übrig. Verblüfft starrte ich auf mein Bein und stammelte einen Dank. „Keine Ursache“, winkte der Baum freundlich ab, „Du bist nicht von hier, stimmt’s?“ Ich nickte. „Wie heißt du denn?“, fragte er. „Mizuki Hoshimai.“, sagte ich leise. „Bokuseno. Freut mich.“, stellte er sich vor. Ich lächelte zaghaft.
„Nun, wir sollten uns schnell überlegen, wie wir dich wieder zurück bringen.“, sagte er nachdenklich, nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt habe, „Aber ich glaube, du bist nicht durch Zufall hierhergekommen“, hatte das Kagome nicht auch gesagt?, „Vielleicht hast du eine Aufgabe in dieser Welt.“, schloss er. Ich seufzte. Was für eine Aufgabe sollte das sein? Ich konnte sie mit ziemlicher Sicherheit nicht bewältigen. Es war mir ja nicht mal möglich, im Sportunterricht die Ausdauerprüfung von fünfzehn Minuten Rennen zu bestehen oder beim Volleyball den Ball zu treffen, der mir Angst machte, sodass ich ihm immer auswich. Auch mit Intelligenz hatte ich es nicht sonderlich, ich war letztes Jahr sitzengeblieben und irgendjemanden beeindrucken konnte ich weder durch mein Aussehen, noch durch irgendwelche schlaue Reden.
„Bokuseno… ich glaube kaum, dass ich die Geeignete bin.“, sagte ich deshalb leise. „Na, das werden wir ja sehen. Du weißt schließlich noch gar nicht, worum es geht, nicht wahr? Also warte erst mal ab, bevor du gleich einen Nervenzusammenbruch bekommst.“, antwortete er und ich konnte spüren, wie sein Blick auf meinem Gesicht lag, dass schon wieder drohte, von Tränen überschwemmt zu werden.

In dem Moment kündigte uns ein lautes Krachen einen weiteren Besucher an. Für einen Moment stockte mir der Atem. Er hatte langes, silbrig weißes Haar, Teile einer Rüstung über dem Kimono und bunte Streifen im Gesicht. Und er hatte nur einen Arm, an dem eine Wunde klaffte, neben der die an meinem Bein wie nichts aussah. Obwohl er starke Schmerzen haben musste, verzog er nicht einmal das Gesicht, als er sprach. Und wie er sprach! Mit einer Emotionslosigkeit und Kälte, neben der ein Kühlschrank verblassen würde. „Schick das weg, Bokuseno. Ich muss mit dir reden.“ Ich fragte mich, was er meinte, bis Bokuseno gelassen sagte: „Sie ist verletzt. Lasst sie in Ruhe.“ Ein Schatten von Zorn huschte über die Züge des Mannes, anscheinend war er es nicht gewohnt, dass man so mit ihm sprach. Ich fragte mich, ob sich ihm alle zu Füßen warfen, so sah er nämlich aus. Mächtig und ehrwürdig und stark und schön.
„Tokejin kommt nicht mehr gegen Tessaiga an. Ich brauche Sou’unga. Sag mir, wo es liegt.“, erklärte er. Bokuseno ordnete seine Äste und Zweige und Blätter, ehe er antwortete.
„Aah, Sou’unga… das mächtigste Schwert Eures Vaters. Inu no Taishou hatte seine Gründe, als er es versteckte und Euch Tenseiga gab, Sesshomaru.“, erwiderte er tadelnd.
„Und er hatte auch seine Gründe, als er dir den Aufenthaltsort des Schwertes mitteilte.“, konterte der Mann, den Bokuseno Sesshomaru genannt hatte. Der Baum seufzte.
„Sou’unga ist sehr schwer zu kontrollieren. Sogar Euer Vater hatte zeitweise Probleme mit diesem Schwert.“, sagte er leise. Sesshomarus Augen funkelten.
„Zweifelst du an mir, Bokuseno?“, zischte er. Dieser raschelte unruhig mit den Ästen.
„Nein, natürlich nicht… Verzeiht, aber wie es Euer werter Vater einst ausdrückte: Man braucht eine reine Seele oder die Frau seines Herzens an seiner Seite, um die Kontrolle über diese Macht zu erlangen.“ Sesshomaru gab ein verächtliches Geräusch von sich.
„Vater hat gern solchen Unsinn geredet. Schließlich hat er sich ja auch in dieses Menschenweib verliebt und meinen jämmerlichen Halbbruder Inu Yasha hervorgebracht. Nun, wir wissen, wie das ausging.“ Moment mal. Sesshomaru und Inu Yasha waren Geschwister? Halbbrüder? Dabei waren sie Gegensätze wie der Nord- und Südpol! Ich musste zugeben, ich konnte dem Gespräch der beiden kaum folgen, aber interessant war es trotzdem. Würde ich meinen Augen trauen, würde ich sagen, Bokuseno erbleichte ein wenig bei diesen Worten.
„Euer Vater war ein großartiger Mann, ein Dämon, dessen Herz nicht aus Eis bestand und dessen Handeln stets zum Wohle aller war, auch zu Eurem, Sesshomaru!“, rief er erzürnt. Ein richtiger Dämon?
„Sag mir, wo das Schwert ist, Bokuseno. Ich bin nicht hier, um über meinen Vater zu diskutieren.“, sagte er und klang fast gelangweilt.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete der Baum. Sesshomaru zog eine Augenbraue hoch.
„Wirklich. Ich habe von Eurem Vater ein Gedicht bekommen, mehr nicht.“
„Sag es auf.“
„Nun“, sagte Bokuseno langsam, „ich darf eigentlich nicht. Deshalb müsst Ihr Euch mit meinen Bedingungen einverstanden erklären.“ Sesshomaru schwieg. Ich dachte nie, dass man auf bestimmte Arten schweigen kann, aber müsste ich dieses beschreiben, würde ich sagen, er schwieg zornig.
„Sorge dafür, dass Mizuki – er zeigte auf mich – sicher nach Hause kommt.“
Mir stockte der Atem. War ihm denn nicht klar, dass der Kerl mich umbringen würde? Er hatte doch gehört, wie abfällig er über Menschen gesprochen hatte!
„Du hast die Wahl.“, sagte der Baum mit einem süffisanten Unterton. Sesshomaru musterte mich abschätzig und ich sah ihm an, wie zuwider ihm diese Bedingung war.
„Wenn es sein muss…“, stimmte er wütend zu.
Bokuseno lachte. „Das schadet Euch nicht, Sesshomaru.“
„Bokuseno, das Gedicht!“, befahl er.
Dieser überlegte kurz und sagte dann leise:

Wo Berg und Tal
sich vereinen
wo Schmerz und Qual
niemals erscheinen

Mal nah, mal fern
aber niemals fort
Immer unter’m selben Stern
Immer am selben Ort

Hier sanft, da heftig
für manch einen Lebensgefahr
zieht es dich hinunter kräftig
und Sou’unga ist da.

„Mehr kann ich Euch nicht sagen.“, meinte er, „und jetzt würde ich gerne schlafen. Sorgt gut für Mizuki.“
Sesshomaru sah sehr nachdenklich aus. Dann schaute er zu mir. „Komm mit.“, sagte er und ging, ohne darauf zu warten, dass ich hinterher kam, los. Ich stand so schnell auf, dass mir schwindelig wurde und ohne Bokuseno einen verzweifelten Blick zuzuwerfen, lief ich ihm schnell hinterher. Das konnte ja heiter werden…