Galaxy

Die Vergangenheit holt jeden ein

Albträume & Eis

Albträume & Eis


5. Juli
Riesig. Vielleicht sogar ein wenig protzig.
Ja, so würde ich unser neues Haus beschreiben. Mum und Dad sind natürlich total begeistert, was man von James und mir nicht behaupten kann. Mein Bruder ist die ganze Zeit dabei, an Lu zu denken, was Mum natürlich gar nicht gefällt. Sie meinte doch glatt zu ihm, er solle Luzy vergessen und sich endlich mal ein anständiges Mädchen suchen.
Natürlich! Nur weil sie aus einer nicht ganz so reichen Familie kommt wie wir, soll sich James von ihr trennen. Aber so war meine Mutter schon immer. James hat ihr das ins Gesicht gesagt. Es kotze ihn an, meinte er. Daraufhin wollte sie ihm Hausarrest erteilen, aber Dad hat sie daran erinnert, dass James schon 19 ist. Das heißt: James ist wieder einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.
Ich will gar nicht wissen, was die beiden dann bei mir für eine Show abziehen. Der arme Junge, der der erste sein wird. Der tut mir jetzt schon irgendwie Leid.
Deine Dany


Wieder einmal klappte Dany ihr Tagebuch zu und sah aus dem Fenster. Sie fragte sich, was Zoé denn wohl machte. Das blonde Mädchen fehlte ihr doch schon sehr, und dabei haben sie sich das letzte Mal vor zwei Tagen gesehen. Wie versprochen hatte Dany sie schon ein paar Mal angerufen, nur um sich zu beschweren, dass ihre Mutter schon wieder Stress mache oder um zu sagen, dass sie am nächsten Tag eine Besichtigung der Stadt machen würde. Danielle hatte Zoé ganze drei Stunden geschildert, wie ihr erster Eindruck der Stadt gewesen war. Diese wünschte sich, wieder bei Dany zu sein, woraufhin Dany ihr versprach, sie könne ja in den Herbstferien zu ihnen kommen. Dieser Vorschlag gefiel Zoé, weshalb sie nach weiteren zwei Stunden beruhigt auflegte.
Dany legte sich noch in ihren Sachen vom Tag auf ihr Bett und starrte an die Decke. Sie hatte am Fenster gesessen und nicht bemerkt, wie spät es geworden war. Nun wanderten dunkle Schatten bedrohlich an der Decke entlang; es schien, als wollten sie dem Zimmer auch noch die letzte Fröhlichkeit nehmen und den Trost, den ihr die hellblauen Wände mit den roten Streifen schenkten.
Seufzend drehte sie sich auf die Seite und war nur kurz darauf im weißen Nebel der Träume gefangen.
Die Sterne funkelten fröhlich am Firmament und strahlten um die Wette. Der hellste von ihnen schenkte der Erde wie auch der Mond etwas Licht. Erneut erstreckte sich der Himmel tintenfarben über das Land und deckte die Erde friedlich zu.

Dany wand sich indessen unter einem schrecklichen Traum. Stimmen schrien und flüsterten ihren Namen, während sie durch eine Wand aus weißem Nichts lief. Doch dann hörte sie eine vertraue aus den Tausenden heraus: „Komm zu mir!“
Eindringlich, gar fordernd klang die Stimme und rief, schrie und brüllte schließlich diesen Satz.
Danielle ging in die Richtung, aus welcher diese nun doch sanft klingende Stimme tönte. Wände, bedrohlich, schwarz und kalt, türmten sich zu ihren Seiten auf und zwangen sie, oft die Richtung zu wechseln. Nach einer Weile fühlte sie sich wie in einem unendlichen Labyrinth. Kein Ausweg, doch auch keine Sackgassen. Jemand Fremdes schien die Fäden wie bei einer Puppe in der Hand zu halten und sie in eine bestimmte Richtung zu locken.
Gedanken waren bei ihr fehl am Platz. Sie wusste, was dort hinter den Millionen von Wänden auf sie wartete, war nicht bedrohlich. Nein. Friedlich, sanft und hilflos lag die Person versteckt in diesem Gefängnis aus turmhohen Mauern.
Erneut erklang die Stimme: „Bitte hilf mir!“ Es wurde immer mehr zu einem Flehen, und Dany konnte nicht zurückrufen, nicht einmal sagen, dass sie da war oder sogar, woher sie diese Stimme kannte. Es war zweifellos eine weibliche Stimme, doch konnte Danielle sie nicht zuordnen. Ihre Mutter, Zoé, und auch kein anderer den sie kannte, kam dafür infrage. Dennoch weckte diese Person ihr Vertrauen.
Weiter, immer weiter, immer tiefer in das Labyrinth. Dunkler, immer dunkler, rahmten die Wände Dany ein, nahmen ihr das Licht, welches sie brauchte, um zu sehen, sich zurechtzufinden. Als sie sich schon an den Mauern entlangtasten musste, sie nichts als die Schwärze vor ihren Augen vernahm, und sie nichts, rein gar nichts erwartete, tauchte ein heller Schein vor ihr auf. Sofort zog sie die Hände von der Wand und hielt sie schützend vor ihre Augen. Sehr langsam gewöhnten sich die Pupillen an die Helligkeit; doch dann sah sie das helle Objekt vor sich.
Es war...
„Eine Galaxie!“, schoss es ihr durch den Kopf. Das Licht strahlten die abertausenden Sterne aus, welche die Umgebung in Helligkeit tauchten. Sie wollte gerade dichter herantreten, die Hand nach den Millionen Sternen ausstrecken, als...:

„Dany! Aufstehen!“
Danielle schreckte hoch. Die Sonne schien durch das immer noch geöffnete Fenster. Von unten rief ihre Mutter nochmals: „Steh auf Dany!“
„Ja!“, schrie Danielle zurück. 'Schade', dachte sie sich, 'Ich hätte gern gewusst, was es mit der Galaxie auf sich hat.'
Mit diesem Gedanken setzte sie sich auf und streckte sich ausgiebig. Ihr Blick folgte den Sonnenstrahlen hinaus in die Freiheit. Es war ein wunderschöner klarer Sommertag; das Gras trug noch ein wenig Tau auf den Halmen und die Vögel zwitscherten bereits.
Wenig später stand sie genervt auf der Straße und sah sich um. Ihre Mutter war ihr -wie man so schön sagt- die ganze Zeit auf den Keks gegangen.
Ihre Augen folgten nun der gewundenen Straße. Laternenpfähle säumten den Weg, standen bald wie Wächter an der Seite. Die Häuser -nein, man muss es schon Villen nennen- waren umrahmt von riesigen Grundstücken. Einige beinhalteten eine riesige Garage für protzige Autos, andere wohlhabende Leute hatten sich einen ganzen Golfplatz auf den Hinterhof bauen lassen.
Dany hatte sich dazu entschlossen, die Stadt auf Inlinern zu erkunden. Aus diesem Grund rollte sie nun die Straße entlang; doch bald bemerkte sie, dass heute mit ihrem Gleichgewichtssinn etwas nicht in Ordnung war. Als sie sich ein Eis an einem nahegelegenen Stand kaufte, hatte sie Probleme, beim Bezahlen das Gleichgewicht sowie ihr Eis zu halten. Der Verkäufer fragte sie, ob sie klar käme, woraufhin Dany nur mit einem „Natürlich“ antwortete.
Doch die Probleme sollten erst noch kommen:

Ganz in die Umgebung vertieft rollte sie -das Eis noch immer in der Hand- die Straße entlang, nicht auf die Passanten achtend, sodass sie mit jemanden zusammenstieß.
„Uahhh!“, rief Dany aus, schaffte es gerade noch so, ihr Eis zu retten, fiel aber selbst auf die Erde. „Alles in Ordnung?“, fragte jemand von oben und hielt ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen.
„Jaaaaa.“, meinte Dany und wurde rot. Es musste wirklich bescheuert aussehen, wie sie hier auf dem Boden saß.
„Mit deinem Eis auch?“, fragte der junge Mann und sah sie lächelnd an.
„Ja, alles noch an seinem Platz:“, grinste Dany. Jedoch hielt sie in genau diesem Moment die Waffel so schief, dass das ganze Eis auf das T-Shirt ihres Gegenübers tropfte.
„Ups!“, sagte Danielle und wurde ein ganzes Stück röter. „Tut mir leid...“
Ihr Gegenüber allerdings lachte nur. „Schon in Ordnung!“
Doch für Dany war diese Situation in diesem Augenblick mehr als peinlich, sodass sie am liebsten im Erdboden versunken wäre. Während sie sich ausgiebig für diesen Moment schämte, betrachtete sie ihr Gegenüber zum ersten Mal richtig. Er hatte stark abstehende rotschwarze Haare und blonde Ponysträhnen, die ihm frech ins Gesicht hingen. Seine Augen waren rubinrot und musterten sie mit einer Art aufgewecktem Interesse und unverhohlener Neugier.
'Ausgerechnet einen so süßen Typen muss ich -und ich betone ICH!!!- mit Eis bekleckern!!! Ich hasse mich!', fluchte sie innerlich.
Nach einer Weile der Stille, verabschiedete sich ihr Gegenüber und verschwand schon bald aus ihrem Blickfeld. Das Mädchen konnte nur seufzen. 'Kaum bin ich hier, muss ich meine Tolpatschigkeit auch schon zeigen...Wunderbar! Wirklich!'
Ihre leere Waffel verfrachtete sie in den nächsten Mülleimer; dann fuhr sie nach Hause. Für sie war dieser Tag schlimm genug gewesen, sodass sie hoffte, dass er bald ein Ende finden würde. Doch zu Hause ging es weiter. Einige Koffer, die noch nicht angekommen waren, hatten am heutigen Tag endlich den Weg zu ihnen gefunden und standen nun im Wohnzimmer, in welchem Lianne schon wartete, um ihrer Tochter zwei davon in die Hand zu drücken, damit diese sie auspacken konnte.
„Danach gibt es Essen, dann machst du mit deinem Japanischkurs weiter und anschließend kannst du noch in der Küche helfen!“, zählte ihre Mutter auf und setzte dabei ihren strengsten Blick auf.
„Jaja...“, murmelte Dany und schleifte ihre Koffer die Treppe hinauf. 'Ein wundervoller Tag.', dachte sie sich ironisch und stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf.
Den Traum aus dieser Nacht hatte sie schon längst vergessen.