Lücken füllen

Zähne ziehen

Zähne ziehen

Jess sah auf die Uhr. Ok, sie hatte noch eine halbe Stunde um das Ganze abzusagen. Um ehrlich zu sein, wusste sie nicht einmal, wie man sie zu dieser Party überredet hatte. Ihr Blick wanderte zurück zum Spiegel, wo nicht sie selbst stand, sondern Daenerys Targaryen – ihr Kostüm für den heutigen Abend. Genervt seufzte sie auf, zupfte und drapierte weiter an ihrem Kleid herum und fluchte innerlich.
In letzter Zeit war alles etwas zu viel für sie gewesen. Sie hatte sich von ihrem langjährigen Freund Henry getrennt und durch den Stress lief es in der Arbeit auch nicht gerade glänzend. Andauernd musste sie an ihn denken, konnte sich nicht richtig konzentrieren und machte Fehler. Irgendwie, philosophierte sie, ist das Ganze wie ein Besuch beim Zahnarzt. Man hatte einen Zahn, der einem immer Probleme bereitete, der einem Schmerzen zufügte. Und wenn man dann bereit war, ihn zu ziehen, fehlte am Ende etwas, wenn man mit der Zunge die Zahnreihe entlangfuhr. Man fing an den Zahn zu vermissen und dachte gar nicht mehr an die Schmerzen, die er einem bereitet hatte. Jess vermisste ihren Zahn. Vermisste ihn sogar sehr, musste sie eingestehen. Doch irgendwie musste die Lücke doch zu füllen sein, oder?
Sie fand neuen Mut, ließ die Nachricht mit der Absage unabgeschickt und griff stattdessen zu ihrer Kosmetiktasche. Ablenkung, das war es, was sie jetzt brauchte und die würde sie heute bekommen.
Zur abgemachten Zeit trafen Mary und Ella in ihren Kostümen zum Vortrinken ein. Mary im Pikachu Kostüm war schon fleißig am Stamperl füllen, als mit zehn Minuten Verspätung auch Clara, als Wilma Feuerstein, die Wohnung betrat.
„Ich hab dir deinen Drachen mitgebracht.“, sagte sie lachend und überreichte Jess einen Helium Luftballon in Drachenform.
Jetzt war ihr Kostüm perfekt! „Wo hast du den denn her?“
Clara kam grinsend näher und meinte leise: „Seine Helium-Quellen verrät man nicht.“
„Darauf einen Kurzen!“, rief Ella als Jedi verkleidet und verteilte die ersten Shots des Abends.

Der Mädelsabend hatte gut angefangen. Sie waren reichlich betüdelt und machten sich auf den Weg in die Rock-Fabrik, die heute eine Kostüm-Party veranstaltete. Als sie einen Tisch in einer Ecke gefunden hatten, die wie ein Strand mit Klappstühlen und Schirmen dekoriert war, holte Ella gleich die erste Runde weiterer Shots. Allesamt hatten eine andere Farbe.
„Was ist das denn?“, fragte Marry und hielt das Stamperl auf Augenhöhe um es eingehend zu betrachten. Der blau gefärbte Alkohol schwenkte bei jeder Bewegung mit.
„Der Barkeeper meinte, das ist die Aktion des Abends: fünf 'Konfetti-Shots' für 3 Euro.“
Jess zählte noch einmal nach. „Da sind nur vier Shots.“, stellte sie fest „Wo ist der Fünfte?“
Ella grinste nur über beide Ohren und hielt ihren grünen Mini-Drink in die Mitte „Auf einen guten Abend!“
Die Mädels stimmten mit ein und kippten den Kurzen.
„Oh, Gott.“, meinte Clara und verzog ihr Gesicht. „Der ist ja richtig süß!“
Mary nickte beistimmend. „So schmeckt man aber den Alkohol wenigstens nicht.“
Auf einmal hellte sich Ellas Gesicht auf und sie bedeutete den anderen kurz leise zu sein. „Hört ihr das?“, fragte sie.
Volbeat wurde vom DJ angestimmt, sofort stürmten die Vier auf die Tanzfläche, ohne sich überhaupt Sorgen um den Tisch zu machen. Zwischen hüpfenden Schneewittchens, Piraten, Vampiren und unzähligen Verkleidungsmuffeln tanzten sie ausgelassen. Sie lachten über Kostüme, freuten sich über bestimmte Songs und Jess hatte alle Hände voll zu tun eine gute 'Mother of Dragons' zu sein, da ihr kleiner schwebender Schützling sehr begehrt von den anderen Tanzenden war. Irgendwann verzog sich Marys Gesicht leidvoll und sie rief über die Musik hinweg in die Gruppe, dass Henry hier wäre. Jess's Blick schnellte durch die Menschenmenge, bis er an einem Superman-Verschnitt hängen blieb. Ihr Zahn.
Gut, überlegte sie, die richtige Reaktion wäre es jetzt zu ihm zu gehen, ihn nett zu begrüßen, wieder zur Gruppe zurückzugehen und ganz gelassen zu bleiben. Hätte sie nicht etwas zu viel Alkohol intus gehabt, hätte sie vielleicht auch so reagiert, doch stattdessen machte sie sofort wieder auf dem Absatz kehrt und murmelte sie müsse unbedingt auf die Toilette. Ihre Freundinnen sahen ihr verdutzt hinterher. Jess marschierte einfach an den Frauen-WCs vorbei, weil die Mädels sie dort gleich als Erstes gesucht hätten, und lief nach draußen. Sie brauchte jetzt erst einmal Ruhe um das Chaos, das gerade in ihr wütete unter Kontrolle zu bekommen. Sie ging um die Ecke und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Was machte ER hier? Gerade als sie sich endlich hatte fallen lassen können, tauchte Henry auf. Hatte sie nie die Gelegenheit überhaupt runterzukommen? Jess legte die Hände aufs Gesicht und versuchte sich einfach nur darauf zu konzentrieren genügend Luft in ihre Lungen zu pumpen.
„Musst du dich übergeben?“, fragte jemand.
Überrascht sah sie neben sich. Ein junger Mann im Eisbärkostüm stand da und beäugte sie abschätzend.
„Ähm... nein, mir geht’s g-.“, sie korrigierte sich, denn wenn es ihr im Moment irgendwie nicht ging, dann war das gut. „Ich muss mich nicht übergeben.“, antwortete sie stattdessen.
Er nickte lächelnd. „Du wärst heute Abend nämlich nicht die Erste, der es von den Konfetti-Shots schlecht geworden ist. Mein Kumpel kotzt sich da drüben gerade die Seele aus dem Leib.“ Der Eisbär deutete auf eine kauernde Gestalt zwischen zwei parkenden Autos.
„Müsstest du jetzt nicht bei ihm sein?“, wollte Jess wissen.
„Nein. Ich denke das schafft er alleine, immerhin hat er sich das auch alleine eingebrockt. Wie heißt du?“
Sie musste lächeln. Erst jetzt betrachtete sie ihn näher, auch wenn das durch seinen Ganzkörper-Eisbär-Anzug und das Zwielicht ziemlich schwer war. Um ehrlich zu sein, alles das sie mit Sicherheit sagen konnte war, dass er mindestens einen Kopf größer war als sie, er einen drei-Tage-Bart trug und ein schönes Gesicht hatte. Ein paar dunkle Locken spähten unter der Kapuze hervor.
„Jess. Du?“
„Finn.“, antwortete er und hielt ihr die Hand zur Begrüßung hin. Natürlich nahm sie an. „Wenn du dich also nicht übergeben musst. Was machst du dann so alleine hier draußen?“
Sie überlegte kurz, was sie sagen könnte. Denn mit einem wild Fremden über Henry reden, das wollte sie sicher nicht. Sie wollte im Moment mit niemandem darüber reden. „Ich hab eine Freundin gesucht, aber anscheinend ist sie nicht hier draußen.“, log sie und zuckte mit den Achseln.
„Ich kann dir beim Suchen helfen.“, bot er an.
Jess nickte. „Ich würde mich freuen.“ Er führte sie Richtung Eingang, als sie stoppte und nach hinten sah. „Was ist mit deinem Freund?“
„Ich sag unten gleich seiner Freundin Bescheid, dass sie ihn nach Hause schaffen soll.“

„Er überschätzt sich immer.“, sagte Finn und schlürfte an seinem Cocktail. „Wir sagen zwar immer, er soll sich zurückhalten, aber du kennst ja uns Männer. Wir müssen uns immer Beweisen.“
Nachdem Finn Svenja, der Freundin des Kotzenden, die Aufsicht übergeben hatte und Jess eine halbherzige Suche nach ihren Mädchen gestartet hatte, die erfolglos blieb, saßen sie an einem Tisch nahe der Bar und schlürften Cocktails aus Kokosnussschalen, die Finn ihnen spendiert hatte. Er hatte während des Gesprächs die Kapuze abgestreift und einen Kopf voller dunkler Locken enthüllt. Er war 25, Informatik Student und kam gebürtig aus Leipzig.
„Was hat dich nach Bayern gezogen?“, fragte Jess und band ihren Helium Luftballon an den Tisch fest, damit er nicht immer zwischen ihnen schwebte.
„Natürlich das gute Bier!“, sagte er lachend. Sie stimmte mit ein. Die letzte halbe Stunde war lustiger gewesen als alles, das sie in letzter Zeit erlebt hatte. Jess war andauernd mit dabei, wenn sie etwas mit Freunden unternahm. Und sogar, wenn er einmal nicht anwesend war, spukte er ihr im Kopf umher und zog sie runter. Aber Finn war witzig und brachte sie zum Lachen, doch das Wichtigste war, er drängte Henry aus ihren Gedanken. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, aus dem tiefen, dunklen Wasser in dem sie versank, auftauchen und nach Luft schnappen zu können.
Im Hintergrund sah Jess etwas Gelbes hüpfen. Sie beugte sich an Finn vorbei und erkannte das Pikachu. „Runter!“, rief sie und rutschte vom Stuhl unter den Tisch. Oh Gott!, dachte sie, als sie dort unten kauerte, jetzt hält er mich sicher für ganz bescheuert... Doch Finn tauchte auch auf und sah sie breit grinsend an.
„Was machen wir hier?“, fragte er.
Ja... was machten sie hier eigentlich? Richtig konnte Jess sich die Frage auch nicht beantworten. Im Grunde genommen, wollte sie einfach nicht, dass die Mädchen sie fanden und damit die Zeit mit dem Eisbären unterbrachen, aber so konnte sie ihm das nicht sagen.
„U-Boot-tauchen.“, sagte sie schnell „Ist ein Faschingsspiel. Wer als Letztes unter dem Tisch ist, bezahlt die nächste Runde.“
„Jess“, sagte er und rutschte unter dem Tisch näher. „Du bist ziemlich verrückt.“
„Oh.“, brachte sie nur raus. Also dachte er wirklich, dass sie bescheuert war. Klasse.
Er lächelte wieder und enthüllte zwei Grübchen. „Und genau das mag ich an Frauen.“
Nochmals näherte er sich und war drauf und dran sie zu küssen, doch sie blockte ihn mit ihrer Hand „Wir kennen uns nicht mal richtig.“ Kaum war es ausgesprochen hasste sie sich dafür. Warum konnte sie nicht einfach diese Situation genießen?
Doch Finn überraschte sie. „Du hast Recht. Ich hab noch ein paar Fragen an dich.“
Jess zog die Brauen hoch. „Und die wären?“
„Was zum Beispiel dein Lieblingskuchen ist.“
Da brauchte sie nicht lange überlegen! „Käsekuchen!“, antwortete sie.
„Meiner ist Schwarzwälder Kirsch. So jetzt kennen wir unsere