Childs of North - Modern Ragnarök

Die Neuen

Es war noch dunkel. Die Vögel schliefen noch und das einzige was zu hören war, war das knacken und knarzen der Äste. Das Heulen des Windes, der sich seinen Weg durch das Gestrüpp bahnte und den Schnee wild umher fliegen ließ. Unter meinen Füßen knirschte Schritt für Schritt der Schnee unter ihnen. Dann wurde es Still. Ich genoss diese Stille jeden Tag aufs neue. Sie hielt nur für ein paar Minuten an, als wollte der Wald mir einen Moment schenken um Kraft zu sammeln. Als würde die Zeit still stehen. Und trotz der Kälte um mich herum wurde mir warm. Es war die vertraute wärme welche ich als Kind immer wieder verspürte. Jedes Jahr zur Winterzeit kam ich mit meinen Eltern hier in diesen Wald. Wir spielten hier. Tobten. Wir waren Frei...

Plötzlich durchbrach die Stille durch ein rascheln im Gebüsch hinter mir. Ruckartig drehte ich mich um und schrie kurz auf. Der Junge Mann der dort stand hatte ein mir gänzlich fremdes Gesicht. Er hob seine Hände und ging einen Schritt zurück. Seine dunklen kurzen Haare waren durch den Wind völlig zerzaust worden. Er war völlig in Schwarz gekleidet. Mantel, Schuhe, und eine Enge Hose.

„Ganz ruhig. Tut mir leid ich wollte dich nicht erschrecken.“ Seine Stimme klang recht erwachsen, dennoch hatte sie einen warmen Unterton. Gänsehaut überkam mich und ich fasste mir an meine Brust in welcher mein Herz stark gegen diese hämmerte, als würde es drohen heraus zu springen. „Oh mein Gott. Ich dachte du wärst sonst wer... oder was.“ Er senkte die Arme, welche er beschwichtigend gehoben hatte, und kam nur langsam näher um mir keine falschen Signale zu vermitteln. „Es tut mir wirklich Leid. Ich wusste nur nicht wie lange ich wirklich brauche um durch dieses Geäst zu finden.“ Als er näher kam erkannte ich sein Gesicht besser.

Er hatte zum Teil recht markante aber auch sanfte Gesichtszüge. Man konnte einen Drei-Tage-Bart erkennen, und umso näher er kam und so deutlicher wurde mir wie klein ich neben ihm war. Seine Augen waren recht Hell. So Hell dass man selbst im dunklen erkennen konnte. „Wo müssen Sie denn hin wenn ich fragen darf?“ Unbewusst fing ich an ihn zu Siezen. Jetzt vom nahem war ich mir seines Alters kaum mehr sicher. Als ich lediglich seine Stimme gehört hatte, ohne sein Gesicht richtig sehen zu können, fand ich ihn recht Jung. Jetzt wo er jedoch vor mir stand sah er aus als wäre er bereits zwischen Anfang oder Mitte Zwanzig. Natürlich war das kein hohes Alter! Ich jedoch mit meinen 17 Jahren wäre dagegen ein Küken gewesen.

Er lachte kurz auf. Es ließ mein Herz kurz wieder schneller lagen. Sein Lachen war angenehm. „Bitte Siez' mich nicht. So Alt bin ich noch nicht. Aber, um deine Frage zu beantworten, ich bin auf dem Weg in meine neue Schule. Aber irgendwie... Also sagen wir, ich wäre Dankbar wenn du mir den Weg zur Gremorian School zeigen könntest.“ Er grinste verlegen, ich hingegen zog amüsiert und mit einem leichten Schmunzeln meine Augenbrauen hoch. „Du bist Kjell. Du kommst in meine Klasse.“ Seine Augenbrauen zuckten nach oben. Sein Blick wurde argwöhnisch und er musterte mich. „Sherlock Holmes ist wieder unterwegs.“ Ich musste etwas lachen.

„Würden Sie mich begleiten Dr. Watson? Ich zeige ihnen den Weg, vielleicht merkt sich ihr einfacher Menschenverstand ja den Weg. Ich hätte mehr von ihnen erwartet. Und das als Arzt.“ Ich setzte ein empörtes Gesicht auf und schüttelte den Kopf, während ich meine Arme verschränkte. Er verneigte sich gekonnt. „Vergeben Sie mir, Mister ähhh! Misses Holmes.“ Ich zog meine Augenbraue in die höhe und ließ meinen Blick ihn mustern. „'Misses'?“ Er hatte sich inzwischen wieder aufgestellt weshalb ich dann mit meinem Kopf deutete dass er mir folgen sollte. Er verstand.

„Ja Misses. Gibt es etwa keinen Mister Holmes?“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. „Okay, so wurde ich noch nie gefragt ob ich Singel bin. Aber nein, gibt es nicht.“ Er musste ertappt grinsen. „Nicht dass du denkst dass ich... es wundert mich nur. Ich meine, ich sage jetzt offen was ich denke. Also, tue ich immer. Gewöhn dich dran. Also... Du bist keine hässliche junge Frau, wenn du... keinen Freund hast bist du entweder an keinem Interessiert, weil dir niemand gut genug ist. Nein soll nicht heißen dass du Oberflächlich oder herabblickend bist, aber jeder hat doch eine Vorstellung. Und wenn es nicht passt, passt es nicht. Dann besteht noch die Möglichkeit dass du dich lieber auf die Schule Konzentrieren möchtest und dir deswegen keinen Freund suchst, der dir Zeit weg nehmen würde die du für's Lernen nutzen könntest. Dann gibt es die Möglichkeit dass du verletzt wurdest und jetzt Angst hast wieder jemanden an dich heran zu lassen. Oder! Was meistens der Fall ist. Du bist eine Psychopathin.“ Wir sahen einander kurz an.

Ich wusste nicht ganz was ich sagen sollte. Ich wusste nicht was ich von ihm halten sollte. Aber eines wusste ich. Er war mir Sympathisch. Dann lächelte er plötzlich. Es war ein beruhigendes und fast vertrautes lächeln. „Ich will keine Antwort, keine Sorge.“ Ich wurde dass Gefühl nicht los dass man mir ansehen konnte dass er Recht hatte, mit fast allem. Aber er bedrängte mich nicht, sondern ließ mir die Freiheit offen. Ich wandte meinen Blick nach vorne und meine Gedanken zu sammeln welche für einen Moment abschweiften. Zurück bis vor einigen Wochen. Ich seufzte und schüttelte etwas überfordert den Kopf und zuckte mit den Schultern.

„Wo kommst du eigentlich her?“ Ich hörte ein kurzes kaum merkliches Schnauben weshalb ich wieder zu ihm sah. Ich erwartete irgendein genervtes Gesicht wegen des Schnaubens, bekam jedoch ein lächeln zu sehen. „Norwegen. Tromso um genau zu sein...“ „Ist das nicht die Stadt in der man das Polarlicht perfekt sehen kann?“ Als er zu mir sah verriet sein Schmunzeln mir dass mein Blick wohl verraten hatte dass ich mehr als nur ein bisschen Begeisterung für dieses Thema empfand. Ich biss mir auf die Unterlippe und sah schnell nach vorne. Für gewöhnlich schafften es Jungs oder junge Männer es nicht so offen meine Freude zu zeigen. Aber wir hatte das richtige Thema angesprochen.

„Richtig. Hast du das Licht schon einmal gesehen?“ Ich schüttelte den Kopf etwas, ich ließ meine Schultern leicht hängen. „Nein. Wie... Ist es wirklich so schön wie immer alle sagen?“ Langsam sah ich wieder zu ihm, er lächelte ruhig. Dann sah ich jedoch wieder nach vorne. Wir hatten den Wald inzwischen verlassen und waren nun an einer ruhigeren Landstraße angekommen. Er ging mit ruhigen Schritten neben mir. „Ist es.“ Plötzlich lachte er kurz leise auf. „Jedes mal wenn es soweit war und mein Bruder versucht hat mich ins Bett zu bekommen ist er kläglich gescheitert.“ „Noch jemand der die Polarlichter so liebt wie ich.“ Ich musste lächeln. Als ich zu ihm sah, lächelte auch er. „Du wirst es noch mehr lieben, wenn du es irgendwann mal Live gesehen hast.“ Mein lächeln wurde breiter.

„Ich hoffe ich bekomme irgendwann die Gelegenheit...“ „Na ja, wenn wir uns Anfreunden sollten dann kann ich dich ja mal mitnehmen wenn ich meine Familie besuchen geh.“ Ungewollt hüpfte ich kurz hoch, harkte mich bei ihm ein und setzte das niedlichste lächeln auf dass ich besaß. „Wollen wir freunde werden?“ Er sah zu mir, sah mich plötzlich verletzt an. „Nur weil du mich ausnutzen willst...?“ Ich ließ los und zog meine Augenbrauen unsicher zusammen. „Ich... Was? Nein Natürlich nicht ich...“ Ich wurde von seinem lauten lachen unterbrochen. Ich seufzte erleichtert. Für einen kleinen Moment dachte ich wirklich das meine Worte ihn getroffen hätten. „Sehr witzig!“ ich boxte ihn leicht in den Arm, dann musterte er mich schmunzelt. „Wo hast du deine Kraft her du Kampfhamster?“ Ich sah ihn einen Moment mit offenem Mund an, er hingegen sah mich mit einem Herausfordernden Blitzen in den Augen an. Dann hielten wir jedoch beide an und sahen nach vorne.

Man konnte in der Ferne Blaulicht erkennen. Ohne überhaupt zu wissen was vorgefallen war wurde mir unbehaglich. Unser Ort war so klein dass jeder jeden kannte. Und eigentlich passierte hier nie etwas. Vielleicht mal ein zwei Einbrüche von irgendwelchen halbstarken. Aber ansonsten passierte nie etwas. Vor allem nie das man dass ein wirklicher Polizeieinsatz nötig war. Wir bemerkten mit der Zeit einige Polizeiautos und einen Krankenwagen. Kjell und ich sahen einander kurz an. „Können wir nicht einfach zur nächsten Bushaltestelle laufen? Oder ist sie zu weit weg? Ich meine dann müssen wir da nicht vorbei gehen...“ Ich biss mir kurz auf die Unterlippe. „Die nächste Bushaltestellen sind zu Fuß eine halbe Stunde entfernt. Außerdem... Scheint die ganze Straße dicht zu sein. Muss wohl ein Autounfall gewesen zu sein.“ Ich deutete auf die Absperrungen welche wirklich die ganze Straße blockierte. Der Bus würde da nicht durchkommen. Der Fußweg war zwar frei, aber wirklich dran vorbei an dem Spektakel wollte ich nicht gehen. Ich muss hinzufügen ich war schrecklich neugierig. Nein, ich war keiner dieser Unfall-gaffer, aber ich konnte oftmals nicht anders als hinzusehen. Und wenn ein so großer Teil der Straße abgesperrt war, war es wohl auch kein wirklich schöner Anblick.

„Wir können doch durch den Wald durch oder?“ Ich zuckte zusammen bei Kjells Worten welche mich aus meinen Gedanken rissen. Einen Moment starrte ich ihn einfach an ehe ich nur kurz zum besagten Wald sah, dann wanderte mein Blick wieder zu ihm während ich meinen Kopf schüttelte. „Der Weg ist dort zu uneben. Außerdem ist irgendwo dazwischen der Fluss der durch das Eis und den Schnee versteckt ist, wenn wir da einbre-“ „Ach Quatsch. Ich war früher immer mit meinem Großvater wandern, ich kenne mich ein wenig mit Wäldern aus. Gehen wir durch den Wald, okay? Wir müssen da nicht unbedingt dran