Der Hüter des Schatzes

... oder wie Jaken Taler fand

Der Hüter des Schatzes


"Sesshomaru-sama", rief das grünliche Wesen laut. Seine Worte hallten leicht nach, da die hohen Felsen sie wie ein Echo zurückwarfen. Obwohl er den Namen erneut hinaus brüllte, blieb er ungehört, denn der so Angesprochene war weit entfernt. Jaken ließ sich entkräftet zu Boden sinken und sein Kopfstab fiel unbeachtet ins Gras neben seinem Körper.
Sein Herr und Meister war nun schon mindestens zehn Tage fort und fünf Tage vorher hatte er es selbst nicht mehr in Musashi bei Rin ausgehalten und war dem silberweißhaarigen Hundedämon in den Westen gefolgt. Jaken wollte Sesshomarus Residenz finden, denn er war bereits einmal dort und erinnerte sich an die ungefähre Richtung. Bestimmt brauchte sein Herr seine Hilfe, hatte ihn nur in der Eile vergessen.
Am Anfang war ihm der Weg vertraut und bis er die Ebene von Musashi, die Gegend wo er früher selbst gelebt hatte, überquerte, kam er schnell vorwärts. Doch dann erreichte er unwegsames Gebiet, musste einige Umwege nehmen und verlor mitten in der Nacht die Orientierung. Daher irrte er eine Weile in dem dunklen Wald umher, fürchtete sich vor den Schatten, bevor er sich niederließ.
Der Gnom ruhte nur kurz bis nach Sonnenaufgang und sobald die Sonne als glutroter Ball am östlichen Horizont erschien, er eine ungefähre Richtung hatte, rappelte er sich auf und lief weiter. Der Pfad, dem er den ganzen Morgen folgte, endete plötzlich. Größere und kleinere Brocken helles Felsgestein, Baumstämme und Erde türmten sich vor ihm auf. Da Jaken nicht wieder zurück wollte, erklomm er den, durch einen Erdrutsch entstandenen, Hügel. Mühsam kletterte er über die Brocken, rutschte mehrmals ab und verlor fast seinen Stab.
Dann hatte er es geschafft, stand oben auf der Spitze und sah sich um. Wald, nichts außer Wald lag vor ihm. Hin und wieder schimmerten hellere Flecken, die auf, mit Blumen übersäte, Lichtungen in dem tristen dunklen Grün hindeuteten. Plötzlich wurden seine Augen größer, er hob seine kleine Hand, deutete in eine Richtung, obwohl niemand es sah.
Dennoch sagte er halblaut: "Da!", und hatte es eilig den Weg unter ihm zu erreichen. In der Ferne glaubte er nämlich, das westliche Anwesen erspäht zu haben und konnte es kaum abwarten, bis er dort hinkam. Er rutschte den felsigen Hügel mehr hinab, als er kletterte. Doch es war ihm egal, denn er hatte es eilig. Bei seinem Tempo würde es dennoch mindestens zwei Tage dauern bis er sein Ziel erreichte, doch davon ahnte er nichts. In diesem Moment zählte für ihn nur, er war auf dem richtigen Pfad.

Sobald Jaken den Steinhaufen hinter sich gelassen hatte, begann er zu rennen. Oft blieb er mit seinem Kopfstab im Gebüsch hängen oder verhakte ihn im dichten Dornengestrüpp und wurde dadurch sogar, durch die Fliehkraft bedingt, weggeschleudert. Hin und wieder stolperte er über Wurzeln, fiel hin. Aus diesem Grund reduzierte er seine Geschwindigkeit und achtete besser auf den Weg und kam nun tatsächlich schneller vorwärts, da die unfreiwilligen Aufenthalte wegfielen.
Gegen Mittag machte er kurz an einem Bach halt, trank Wasser und suchte sich Beeren. Dabei fand er ein paar Pilze, die er mitnahm, um sie am Abend zu verspeisen. Dazu flocht er einen provisorischen Tragekorb aus dünnen Ästen.
Noch bevor es dunkel wurde, lichtete sich der Wald, die Bäume traten immer mehr zurück und der Gnom freute sich bereits, endlich eine andere Landschaft betrachten zu können. Doch er wurde enttäuscht, denn sobald er, wie er glaubte, ins Freie trat, fand er sich auf einer Lichtung wieder. Ein Flecken, an dem Rin sicher Gefallen gefunden hätte, da hier unzählige Blumen blühten. Die vielen weißen Blüten streckten ihre kleinen Köpfe der Sonne entgegen, während sie von unzähligen Bienen oder anderen Insekten umschwärmt wurden.
Das Summen störte Jaken, da es ihn an die riesigen Bienen Narakus erinnerte, durch deren Stich er einmal fast sein Leben verloren hatte. Deswegen wandte er sich zurück in den Wald, nutzte den großen Abstand zwischen den Nadelbäumen, lief dort hindurch, um die Blumeninsel hinter sich zu lassen.
Es sollte nicht die letzte Lichtung sein, die er auf seiner Reise betreten würde. Er folgte einem kleinen Bachlauf, der ihn zu einem Tal führte, wo er die Nacht verbrachte, da weit entferntes, schauriges Wolfsgeheul ihn ängstigte. Am nächsten Tag lief er weiter und wurde von einem Regenschauer überrascht.
Mit verschränkten Armen hockte er sich zwischen die dicken Wurzeln eines hohen Baumes, dessen weite, dicht belaubte Krone ihm Schutz vor der Nässe bot. Das gleichmäßige Tropfen des Regens, wenn er von den Blättern abperlte und zu Boden auf flaches Gestein fiel, lullte den Gnom ein und er entspannte sich. Wenig später schlief er ein und träumte von seinem Herrn, wie sie gemeinsam große Taten vollbrachten.

Eine angenehme Wärme weckte ihn auf, da die ersten Strahlen des neuen Morgens, sich wie Streifen ihren Weg durch den, in der Nacht aufgezogenen, Nebel bahnten. Das Licht welches sich, in den Abständen zwischen den dicken Stämmen, zeigte und das sich durch die raren Lücken in den dicht belaubten Ästen schlich, verlieh der Gegend einen mystischen Hauch. Doch nichts davon interessierte Jaken, weil er sich über die ungewollte Verzögerung ärgerte. Er schnappte sich seinen Stab, wanderte los und suchte den Bach auf, um sich an dem kühlen Nass zu laben.
Danach erhob er sich, ging in westliche Richtung um wieder auf den Pfad zurückzukommen. Er passierte dabei eine Lichtung, die mit hohem Gras bewachsen war. Während er sich durch die Halme zwängte, da sie ihn überragten, warf er einen Blick nach oben, wo sich der Nebel inzwischen verflüchtigt hatte. Weiße Wolken wanderten über den blauen Himmel und eine davon hatte fast die Form eines Hundedämons.
Jaken seufzte und dachte: 'Sesshomaru-sama, wo seid ihr?'
Beinahe wollte er die Worte laut wiederholen, als er eine dämonische Aura spürte. Sie passierte seinen Standort weit entfernt, und bewegte sich schnell nach Osten, dennoch war sich der Gnom sicher, das konnte nur sein Herr gewesen sein.
Resignierend plumpste das froschähnliche Wesen zu Boden und starrte dem goldenen Ball nach.
'Er hat mich doch nicht vergessen?', ging ihm ein Gedanke freudig durch den Kopf, anstatt es mit einem lauten Ruf zu versuchen. Als er sich endlich besann, war der Hundedämon längst außer Hörweite, dennoch begann er zu rufen und wandte sich nun zurück in Richtung Osten.
So rannte er, stolperte oft und fiel gelegentlich hin. Irgendwann war seine Stimme heiser, seine Kraft erschöpft und er taumelte. Kaum noch konnte er seine Schritte vorwärts setzen, sodass er stehen blieb, ins Gras sank und erneut resignierte.

Lange blieb Jaken liegen, bis er eine Stimme hörte. In der Hoffnung, sein Herr suchte nach ihm, öffnete er seine Augen und erblickte weiße Wolken am Himmel. Wieder bildete er sich ein, das eine davon aussah wie ein Hund. Müde wollte er weiter schlafen, doch die Stimme erklang erneut. Ein Wispern, als ob der Wind durch die Bäume streifte und dabei trockene Blätter berührte.
"Jaken hüte den Schatz!"
Mühselig rappelte sich der Gnom auf, versuchte herauszufinden, wo die kaum vernehmbaren Worten ihren Ursprung hatten. Dazu drehte er sich auf der Stelle und stieß mit der Schulter gegen ein großes Gefäß aus Kupfer. Er rieb sich die Augen, denn er war sich sicher noch zu träumen. Noch nie glaubte er, so ein bauchiges Behältnis mit Henkel gesichtet zu haben. Vor allem, als er hierherkam, befand sich der Kessel noch nicht an diesem Ort
Jaken trat einige Schritte rückwärts, blickte nach oben und betrachtete den Inhalt. Im Gefäß türmten sich gelblich glänzende runde Scheiben und blendeten ihn. Als er realisierte, was genau sein Fund beinhaltete, wurden seine Augen größer, funkelten im Gleichklang mit den Talern und er murmelte von einer inneren Gier getrieben: "Mein Schatz!"

Er sonnte sich noch eine Weile in seinem Fund und überlegte dann, ob er ihn hier stehen lassen sollte oder damit verschwinden. Würde er den Kessel überhaupt transportieren können? Er probierte es einfach aus, hob seinen Stab, fuhr damit unter den Griff und versuchte den Kessel zu schultern. Merkwürdigerweise schien seine Beute kein Gewicht zu besitzen. Mit Leichtigkeit hob er den Behälter an und stampfte dann zum Wald hinüber. Unter den Bäumen würde er Schutz finden und bestimmt ein Versteck.
So ging er eine Weile dahin. Da er jedoch ein Dämon war, der in gewissen Abstand Nahrung brauchte, legte er eine Pause ein, setzte den Kessel ab und erstarrte. Sein Blick hing wie gebannt auf dem Kupfergefäß, denn da fehlte mindestens die Hälfte.
"Wie kann das sein?", fragte sich der Gnom und suchte die Umgebung ab. Bestimmt hatte er etliche Taler verloren. Er ging teilweise den Weg zurück, den er gekommen war. Doch aus Angst jemand könnte den Kessel stehlen, kehrte er um und sah gerade noch, wie sich der Inhalt weiter schmälerte.
In der Annahme, ein kleiner schelmischer Fuchsdämon, trieb hier unsichtbar sein Unwesen, schlug Jaken mit seinem Kopfstab zu, er zischte jedoch nur durch die Luft und traf niemand.
"Merkwürdig", entfuhr es ihm und er musste mit ansehen, wie erneut ein Taler verschwand.
Ein Gedanke griff nach ihm, nahm von ihm Besitz und prägte sich wie ein Mantra ein: "Ich muss den Schatz hüten!" So packte er seine Beute, stürmte los, tiefer in das Gebiet hinein, welches sich vor ihm ausbreitete, in der Hoffnung ein verstecktes Tal zu finden.

So lief er dahin und spähte immer wieder zu dem immer geringer werdenden Inhalt. Oft genug überkam ihm das Gefühl, Menschen waren in der Nähe, suchten nach ihm, weil sie die Taler begehrten. Er rannte den ganzen Tag, tiefer hinein in das westliche Gebirge, nahm unwegsame Wege in Kauf, nur um Sicherheit zu finden. Erst gegen Abend
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