Fanfic: Linn
Kapitel: Erwachen
Dunkelheit. Dunkelheit und ein stechender Schmerz. Das war alles was Sesshoumaru im Moment fühlte. Wie hatte er sich den Tod vorgestellt? Weniger schmerzhaft vielleicht. Wurde man etwa doch nicht von all seinen Qualen befreit? Würde er bis in alle Ewigkeit darunter zu leiden haben? Vielleicht war das die Strafe. Die Strafe für all das Böse, das er verursacht hatte, oder dafür, dass er mit allen gebrochen hatte, die ihm jemals etwas bedeutet hatten. Den Großteil seines Lebens hatte er damit verbracht eine Schutzmauer um sich zu errichten, damit ihm bloß niemand zu nah kam. Wie war es dazu gekommen? Sesshoumaru konnte sich selbst nicht mehr daran erinnern und das wollte er auch nicht, denn jedes Mal wenn er es versuchte, fühlte er wieder diese unendliche Leere in sich, die ihn zu verschlingen drohte. Es war als stünde er am Rand eines bodenlosen Abgrunds mit keiner Möglichkeit zur Flucht. Diese Angst hatte sich mit der Zeit in Hass verwandelt. Einen Hass auf alle anderen aber vor allem auf sich selbst. Nur wenn er seiner Umgebung Schmerzen zufügen konnte, fühlte er sich besser, aber auch dieses Gefühl war nicht von Dauer.
Er musste aufhören diesen Gedanken nachzuhängen sonst würde er bald den Verstand verlieren. Oder hatte er bereits alles verloren? Und womit sollte er sich hier sonst die Zeit vertreiben?
Jetzt hörte er wieder dieses Lachen. Diesmal schien es viel weiter weg zu sein, aber trotzdem hörte er es ganz deutlich. Er hatte den Hohn verdient. Er war ihm in die Falle gegangen wie ein dummer Junge. Hätte er nur noch eine letzte Chance. Er würde sie nützen. Nie wieder würde Naraku über ihn lachen.
Doch langsam veränderte sich das Lachen. Es verebbte immer mehr und wich einer seltsamen Melodie, die Sesshoumaru nicht kannte, ihm aber so vertraut war, als hätte er sie selbst geschrieben. Nie zuvor hatte er etwas vergleichbares gehört. Wärme breitete sich in ihm aus und langsam löste sich seine Anspannung. Hoffentlich würde dieses Lied nie zu Ende gehen...
Linn hatte ein wenig das Zeitgefühl verloren. Wie lange war sie jetzt schon hier im Wald? Waren es zwei oder drei Tage gewesen? Ihr kam es vor wie ein paar Wochen. Die Zeit schien unendlich langsam dahinzuschleichen. Und ihr fehlte Schlaf. Sie traute sich nicht mehr als ein paar Minuten am Stück zu dösen um Sesshoumaru nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht weil sie Angst hatte, er könnte sie im Schlaf vierteilen. In seinem jetzigen Zustand könnte er wahrscheinlich nicht mal eine überreife Banane pürieren... Sie war besorgt, dass sich sein Zustand schlagartig verschlechtern könnte. Die Medizin schien zwar Wirkung zu zeigen, aber sie war immer noch nicht sicher ob er über den Berg war. Seine Wunden sahen immer noch schlimm aus und er schien von einem Fieberwahn in den nächsten zu fallen. Ein weiteres Mal verkrampfte sich sein Körper und er ließ ein leises Stöhnen vernehmen. Linn entfernte den feuchten Lappen von seiner Stirn und tunkte ihn in kaltes Wasser. Bei der Temperatur könnte man locker Spiegeleier darauf braten. Bei der Vorstellung konnte Linn ein leises Kichern nicht unterdrücken. Aber nein, so was durfte sie nicht denken. Solche Schmerzen würde sie nicht mal ihrem ärgsten Feind an den Hals wünschen. Gehörte Sesshoumaru auch in diese Kategorie? Linn wusste immer noch nicht so recht wie sie ihn einordnen sollte. Inu Yasha hatte sie zwar mehrmals vor ihm gewarnt und ihr erstes Zusammentreffen hatte das nur mehr als bestätigt, aber trotzdem fühlte sie sich ihm auf irgendeine Weise verbunden. Die Verbindung war natürlich nicht so stark wie zwischen ihr und Inu Yasha. Aber schließlich lagen zwischen Zwillingsbindungen und Verhältnissen zwischen Halbgeschwistern auch Welten. Trotzdem hielt sie es nicht aus ihn so leiden zu sehen. Sie wollte irgendwie seinen Schmerz lindern, doch langsam war sie mit ihrem Latein am Ende. Auf jeden Fall wurde es mal wieder Zeit seine Verbände zu wechseln. Linn stand auf und ging zu dem Baum, an dem sie die frischgewaschenen Verbände zum Trocknen aufgehängt hatte. Während sie den Stoff von den Ästen nahm begann sie abwesend eine Melodie vor sich hin zu summen. Das Lied hatte ihr ihre Mutter immer vor dem Einschlafen vorgesungen als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Den Text hatte sie leider vergessen, aber die Melodie war ihr tief im Gedächtnis geblieben. Wenn sie manchmal nicht weiterwusste, summte sie es einfach vor sich hin und fühlte sich danach meistens besser.
Als sie sich wieder umdrehte, bemerkte sie, dass sich der Ausdruck auf Sesshoumaru’s Gesicht verändert hatte. Sein Körper schien sich völlig entspannt zu haben und ein sanftes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er war doch nicht etwa...
Schnell eilte sie zu ihm und überprüfte seinen Puls. Erleichtert atmete sie auf. Er ging ganz ruhig und gleichmäßig. Noch vor ein paar Minuten hatte sein Herz gerast wie nach einem Marathonlauf und jetzt?? Was war bloß passiert?
Sie hielt immer noch seine linke Hand als Sesshoumaru plötzlich die Augen aufschlug. Linn bekam einen gewaltigen Schreck und rutschte instinktiv ein Stück zurück. Wie würde Sesshoumaru reagieren?
„Mit Sesshoumaru ist wirklich nicht zu spaßen“ gingen ihr Inu Yasha’s Worte durch den Kopf.
Noch war sein Blick getrübt und er schien nicht zu wissen wo er war.
„Wieso hat es aufgehört?“, fragte er, doch seine Stimme war noch nicht mehr als ein zittriger Hauch.
Linn hatte keine Ahnung wovon er sprach aber sie war froh, dass er seine Krallen noch nicht an ihr gewetzt hatte.
„Sesshoumaru...“, begann sie.
Der Blick des Dämons, der bis dahin nur unfokussiert in die Gegend gestarrt hatte, richtete sich jetzt auf sie und seine Augen weiteten sich.
„Du??“, zischte er und versuchte sich ruckartig aufzusetzen. Das war auf Grund seiner noch nicht verheilten Wunden eine eher unvernünftige Handlung und mit einem lauten Stöhnen und schmerzverzerrtem Gesicht ließ er sich wieder fallen, was seine Lage auch nicht gerade verbesserte.
„Du darfst dich nicht so stark bewegen!“, rief Linn besorgt. Das wäre wohl für sie beide besser...
„Du bist schwer verletzt und deine Wunden sehen immer noch böse aus, also lass es für den Anfang doch erst mal langsam angehen. Ich bin ja froh, dass du überhaupt wieder aufgewacht bist. Ich dachte schon...“, fügte sie hinzu wobei sie versuchte Sesshoumaru’s Blick zu deuten. Warum starrte er sie so merkwürdig an?
„Was hast du getan?“, unterbrach er sie barsch.
„Was? Ich?? Was ich...? Hey, hör mal, ich habe tagelang an deinem Krankenbett gesessen und dich gepflegt obwohl ich eigentlich wichtigeres zu erledigen hätte. Ein kleines Dankeschön wäre jetzt wohl eher angebracht als solche pampigen Bemerkungen!“, rief Linn erbost.
„Ich hab dich nicht darum gebeten.“, erwiderte Sesshoumaru gleichgültig und wandte seinen Blick von ihr ab.
„Das ist wirklich der Gipfel der Undankbarkeit. Du warst doch gar nicht mehr in der Lage um Hilfe zu bitten. Und hätte ich mich nicht um dich gekümmert, würdest du dir jetzt wahrscheinlich die Radieschen von unten ansehen!“, schimpfte Linn.
„Dann wäre das vielleicht mein Schicksal gewesen. Jedenfalls brauche ich keine Hilfe von einem Halbblut wie dir.“, giftete Sesshoumaru mit kalter Stimme.
Linn spürte wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Wie hatte sie nur so dämlich sein können? Welche Reaktion hatte sie von diesem Kerl erwartet? Einen Blumenstrauß?
„Gut, wenn du meinst, dass du alleine klarkommst. Dann kann ich ja gehen!“, schrie sie und funkelte ihn zornig an. Sesshoumaru schien das allerdings völlig kalt zu lassen. Warum sollte er sich auch über das Gekreische eines kleinen Mädchens aufregen?
„Scheint als gäbe es keine Gegenstimmen. Also, gute Reise.“, sagte er und tat erneut so als wäre alles andere in seiner Umgebung viel interessanter als die aufgebrachte Halbdämonin vor seiner Nase.
Das war nun wirklich zu viel.
„Dir ist doch nicht mehr zu helfen!“, brachte sie hinter zusammengepressten Zähnen hervor und begann wütend ihre Sachen zusammenzupacken.
Bevor sie ging schaute sie ein letztes Mal zu Sesshoumaru hinüber doch der würdigte sie keines Blickes. Empört stapfte sie davon.
Na schön. Die anderen warteten sowieso schon viel zu lange auf sie. Dann würde sie sich zwar Inu Yasha’s besserwisserische Bemerkungen anhören müssen- er würde ihr bestimmt liebend gern ganze Vorträge darüber halten warum er Recht gehabt hatte und sie nicht...- aber dann würde sie einfach wieder ein bisschen zu offensichtlich mit Miroku flirten und das Thema wäre passé.
Sie vermisste ihre Freunde, mit denen sie sich vernünftig unterhalten konnte ohne gleich blöd angemacht zu werden. Noch vor ein paar Tagen hatte sie mit Kagome eine angeregte Diskussion über das Thema Eifersucht geführt. Es war wirklich erstaunlich, was...
Doch ein plötzlicher