Fanfic: Linn

Aufschrei ließ sie aus ihrem Gedanken hochschrecken. Sofort wusste sie woher der Schrei gekommen sein musste und rannte zurück zur Lichtung. Dort lag Sesshoumaru auf dem Bauch und krümmte sich vor Schmerzen. Er hatte versucht aufzustehen und war dabei ganz offensichtlich kläglich gescheitert. Eine seiner Wunden am Rücken war durch die zu große Belastung wieder aufgerissen und das Blut hatte den Verband bereits völlig durchtränkt. Schnell rannte Linn zu ihm und versuchte den Verband zu lösen doch Sesshoumaru wehrte sie ab.
„Verschwinde!“, knurrte er gepresst.
„Jetzt halt endlich die Klappe und reg dich ab! Ich lass dich hier nicht verbluten, kapiert?“, fauchte Linn und schob seine Hand zur Seite. Zu ihrer Verwunderung ließ Sesshoumaru sie jetzt gewähren und hielt still.
Sesshoumaru war verwirrt. Warum ließ sich dieses Mädchen partout nicht davon abhalten ihm zu helfen? Wieso lag ihr so viel an seiner Gesundheit? Sie konnte doch nicht annehmen, dass er das Selbe für sie getan hätte, denn das hätte er nicht. Um keinen hätte er sich so fürsorglich gekümmert. Warum auch? Er brauchte niemanden!
Er spürte wie Linn seine Wunden mit einer Salbe bestrich. Der brennende Schmerz ließ ihn zusammenzucken.
„Entschuldige.“, vernahm er ihre Stimme über sich und quittierte das mit einem langgezogenen Stöhnen. Doch dann verstummte er. Er hörte wieder diese Melodie. Hatte er das vorhin etwa doch nicht nur geträumt? Ihr Klang war so wunderschön und beruhigend. Er schloss die Augen und vergaß jeden Schmerz.
Auch Linn hatte bemerkt was mit Sesshoumaru passierte. Überrascht unterbrach sie ihr Summen. Sie hatte bereits den Mund geöffnet um etwas zu sagen doch Sesshoumaru kam ihr zuvor:
„Hör nicht auf.“, murmelte er mit gedämpfter Stimme.
Hatte sie sich verhört?
„Wie bitte?“, fragte sie verdutzt. „Was hast du gesagt?“
Langsam drehte Sesshoumaru seinen Kopf in ihre Richtung.
„Du bist doch so um meine Gesundheit besorgt. Also, sing endlich weiter!“, knurrte er genervt. Doch als er ihren empörten Gesichtsausdruck sah, fügte er noch ein gequältes „Bitte“ hinzu. Dieses Zugeständnis fiel ihm unsagbar schwer, aber er wollte es sich jetzt nicht noch mehr mit ihr verscherzen. Dazu war ihm diese Melodie zu kostbar.
Linn verstand die Welt nicht mehr. Warum war er jetzt so versessen darauf, dass sie ihm etwas vorsang? Vielleicht hatte sein Kopf auch was abgekriegt...
Ein siegessicheres Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Kannst du das noch mal sagen? Ich hab dich akustisch nicht verstanden.“, grinste sie. Genüsslich stellte sie fest wie viel Überwindung es ihn kostete weiterzusprechen.
„Bitte- sing- weiter.“ Es war als wären die Worte ihm so zuwider, dass er sie ausspuken musste.
„Buchstabier es!“, sagte sie fordernd.
Ein böses Knurren drang aus der Kehle des Dämons.
„Grr, wenn ich könnte... ich würde dich...“, fluchte er, doch schon hob sich Linn’s rechte Augenbraue und Sesshoumaru sah die Chancen, die Melodie noch einmal zu hören in weite Ferne rücken.
„B-I-T-T-E!“, würgte er matt hervor.
Jetzt hatte sie ihn also in der Hand. Das war bestimmt noch ausbaufähig. Was für Inu Yasha die Hundekette, war für seinen dämonischen Bruder ein Liedchen. Noch vor ein paar Minuten hätte sie sich solch eine Wendung der Dinge nicht träumen lassen.
Doch vielleicht sollte sie ihn nicht zu sehr verärgern. Irgendwann würden seine Wunden heilen und wie sie ihn bis jetzt kennen gelernt hatte, war Sesshoumaru bestimmt nachtragend. Also gab Linn sich einen Ruck und begann erneut ihre Melodie zu summen. Die Wirkung trat sofort ein. Sesshoumaru’s Gesichtszüge glätteten sich und wieder huschte ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht.
Er murmelte etwas unverständliches und schloss dann zufrieden die Augen. Ein paar Augenblicke später war er eingeschlafen.
In den nächsten beiden Tagen verbesserte sich Sesshoumaru’s Zustand zusehends. Ob es an den Heilkräutern oder doch an Linn’s Melodie lag war beiden nicht ganz klar und sie redeten auch nicht mehr darüber. Sie redeten sowieso recht wenig miteinander. Linn hatte anfangs noch ab und zu versucht ein bisschen Small Talk zu betreiben, aber für so was war Sesshoumaru wohl nicht zu haben. Entweder schwieg er sie nur finster an oder speiste sie mit einsilbigen Kommentaren ab. Es musste ihm wohl wirklich zuwider sein mit ihr hier festzusitzen. Linn kam sich alles andere als willkommen vor. Sie musste zugeben, dass sie doch etwas enttäuscht war. Natürlich hatte sie nicht erwartet, dass Sesshoumaru ihr vor lauter Dankbarkeit die Füße küssen würde, aber ein bisschen freundlicher hätte er sich ihr gegenüber schon verhalten können. Vor allem weil sie sich immer wieder dazu erbarmte ihm zum Einschlafen etwas vorzusingen. Beim ersten Mal war sie sich dabei noch ziemlich bescheuert vorgekommen aber mittlerweile genoss sie es sogar dabei zuzusehen wie ihre Melodie den sonst so kalten Sesshoumaru besänftigen konnte. Tief in seinem Inneren schien es also wirklich etwas zu geben, dass so stark auf etwas so zartes wie Musik reagierte. Linn hatte allerdings die Befürchtung, dass Sesshoumaru alles daran setzen würde dieses Etwas niemals an die Oberfläche treten zu lassen.
Außerdem dachte sie jetzt immer häufiger an die anderen. Sie waren jetzt schon fast eine Woche getrennt. Wenn sie sich nicht bald auf den Weg machte, würde sie ihren Vorsprung nie wieder einholen können, wenn sie überhaupt ihre Spur wiederfinden konnte. Sesshoumaru schien jetzt kräftig genug zu sein und wahrscheinlich würde sie ihm mit ihrem Aufbruch sowieso einen Gefallen tun. Ihr Entschluss war gefasst. Nachdem sie Sesshoumaru ein letztes Mal den Verband gewechselt hatte, packte sie ihre Sachen zusammen und machte sich bereit aufzubrechen.
„So, ich werde mich dann jetzt wieder auf den Weg machen, wenn du nichts dagegen hast. Hab schon viel zu viel Zeit verloren.“, sagte sie so beiläufig wie möglich.
Sesshoumaru schien sie nicht gehört zu haben oder vielleicht ignorierte er sie auch wieder mal, jedenfalls gab er keine Antwort sondern saß nur an einen Baum gelehnt da und starrte stumm in die Ferne. Das war mal wieder typisch!

Jetzt war es also so weit. Seine Qual sollte endlich ein Ende haben. Der Quälgeist von Halbblut hatte sich anscheinend tatsächlich dazu durchgerungen ihn als hoffnungslosen Fall abzustempeln und wollte ihn nun verlassen. Hätte er nicht befürchtet, dass sie dadurch ihre Meinung doch noch ändern könnte, wäre er vor Freude in die Luft gesprungen. Gab es für einen stolzen Dämonen wie ihn etwas schlimmeres als sich von einem Mädchen bemuttern zu lassen? Wohl kaum! Er hätte sie erledigen sollen, als er zum ersten Mal die Gelegenheit dazu gehabt hatte. Doch damals hatte sie ihn überrascht. Und er musste widerwillig zugeben, dass sie es wieder getan hatte. Immer wenn er sie ansah, hatte er ein komisches Gefühl. Wieder spürte er diesen Kloß im Hals. Er war wohl immer noch nicht wieder in Form. Oder wurde er etwa weich??
Nein, niemals!!
Aber warum hatte er es dann zugelassen, dass sie nur mit einer einfachen Melodie so eine Macht auf ihn ausüben konnte? Er konnte sich einfach nicht dagegen wehren.
Wie auf Kommando drangen ihm jetzt eben diese vertrauten Klänge ans Ohr. Nein, sie tat es schon wieder! Er blickte auf und sah wie Linn leise vor sich hinsummend die Lichtung in Richtung Westen verließ. Wie durch eine fremde Hand geleitet sprang er auf und folgte ihr. Mit ein paar Sätzen hatte er sie erreicht und stellte sich ihr in den Weg.
„Bevor du gehst...“, begann er.

Verdammt! Sie hätte doch aufbrechen schon sollen als Sesshoumaru noch nicht wieder bei Kräften gewesen war. Jetzt stand er bedrohlich in seiner ganzen Größe vor ihr und starrte sie an. Jetzt würde er sich dafür rächen, dass sie ihn wegen der Singerei am Anfang so getritzt hatte. Er würde sie einfach zerfetzen ohne mit der Wimper zu zucken und ihre Überreste dann wahrscheinlich zum Mittagessen verspeisen. Wieder einmal fragte sie sich warum sie nicht einfach dieses eine Mal auf Inu Yasha gehört hatte ohne ihren Dickschädel durchsetzen zu müssen. Das hatte sie jetzt davon. Adieu schöne Welt...
Doch nein, so einfach würde sie nicht aufgeben. Immerhin war Sesshoumaru noch nicht wieder in Topform. Vielleicht hatte sie eine Chance wenn sie ihn plötzlich angriff und ihn damit überraschte. Mit Gegenwehr würde er wahrscheinlich gar nicht rechnen.
Blitzschnell ließ sie ihre Faust hervorschnellen und war kurz davor sie direkt auf Sesshoumaru’s Nase zu versenken, doch der blockte sie mit einem gekonnten Handgriff ab und hielt sie fest. Seine Reaktionsfähigkeit hatte anscheinend keinen Schaden genommen. Verdammt...
Okay, sie hatte alles versucht. Linn schloss die Augen und machte sich auf das Ende gefasst.
Doch nichts geschah. Was war