Fanfic: Linn

Kapitel: Spontaner Aufenthalt

Es war still geworden. Anfangs hatte im Kreis unserer Freunde stets ein Gespräch oder ein Lachen in der Luft gehangen auch wenn die Lage manchmal brenzlig schien. Doch seit dem letzten Vorfall war davon nicht mehr viel zu spüren. Miroku und Inu Yasha sprachen nicht mehr miteinander sondern begnügten sich damit sich mit düsteren Blicken anzufeinden und die Mädchen waren nach einigen Vermittlungsversuchen dazu übergegangen die beiden einfach zu ignorieren. Nur Shippo war ab und zu zwischen den beiden herumgehüpft und hatte sich einen Spaß daraus gemacht sie ein ums andere Mal an den Grund ihrer letzten Prügelei zu erinnern. Aber seitdem ihn Inu Yasha beim letzten Versuch kräftig in seinen buschigen Fuchsschwanz gebissen hatte, war Shippo schmollend nicht mehr von Kagome’s Seite gewichen. Doch auch für den Halbdämon war die Sache schmerzhaft gewesen, denn zur Strafe hatte Kagome ein wahres „Mach Platz!“ -Feuerwerk auf ihn abgefeuert. Sie nannte das „Erziehung“ und erklärte, dass sie festentschlossen sei aus Inu Yasha doch noch irgendwann ein wohlerzogenes Hündchen zu machen, auch wenn das noch eine Menge Arbeit erfordere. Über diese Unverschämtheit war der Dämon mehr als empört und begann nun zur Abwechslung mit Kagome zu streiten.
„Und du bist eine launische Zicke. Ständig schreist du mich an oder flennst ohne Grund los. Ich hab echt die Schnauze voll davon!!“, brüllte er sie an.
„Ach ja? Und du bist ein gefühlloser Holzkopf, der sich um niemand kümmert und immer nur daran denkt wen er als nächstes vermöbeln kann. Du nervst!!“, keifte Kagome zurück und funkelte ihn wütend an.
Linn wusste nicht ob sie von den ständigen Kabbeleien genervt oder belustigt sein sollte. An dem Spruch „Was sich liebt, das neckt sich“ schien wohl wirklich etwas wahres dran zu sein. Das gleiche könnte man dann vielleicht auch auf Miroku und Sango übertragen... Schon jetzt wusste Linn genau, dass sie diese Gedanken besser nie laut aussprechen sollte, wenn sie keinen gehörigen Ärger von ihren neuen Freunden bekommen wollte.
Während sie noch überlegte wie wohl die passende Freundin für Shippo aussehen könnte, stolperte sie plötzlich über etwas und landete auf allen Vieren auf dem Waldboden. Der war allerdings weitaus weniger hart als sie gedacht hatte. Was vielleicht daran liegen konnte, dass sie gar nicht auf dem Boden sondern auf einem Körper gelandet war, der dort regungslos im Wald herum lag. Erschrocken richtete sie sich auf und betrachtete das Hindernis genauer. Das war doch nicht möglich...
„Sesshoumaru!“, rief sie und schnappte nach Luft.
Die anderen waren bis jetzt noch völlig in ihr aktuelles Streitgespräch vertieft gewesen und schauten nach Linn’s Ausruf leicht irritiert aus der Wäsche. Inu Yasha schaltete als erster und zerrte seine Schwester beschützend von dem Körper weg.
„Hey, was soll denn das? Er ist bewusstlos. Was soll mir da schon groß passieren?“, maulte sie ihren Bruder an.
„Das ist bestimmt nur einer seiner fiesen Tricks. Er will uns in eine Falle locken.“, knurrte Inu Yasha, betrachtete den scheinbar ohnmächtigen Sesshoumaru misstrauisch und stieß ihn dann leicht mit dem Fuß an.
„Glaubst du er ist tot?“, fragte Kagome unbehaglich.
Linn beugte sich trotz zahlreicher Warnungen seitens Inu Yashas zu Sesshoumaru herunter und legte ihren Kopf auf seinen Oberkörper. Erst jetzt bemerkte sie, dass der Boden blutgetränkt war. Es schien aus einer tiefen Wunde an seinem Rücken zu fließen.
„Nein, ich kann sein Herz schlagen hören, aber er scheint ganz schön was abgekriegt zu haben.“, erwiderte sie.
„Aber auch so ist er immer noch gefährlich. Los, wir fesseln ihn und sehen zu, dass wie weiterkommen! Wir haben schließlich noch was wichtigeres zu erledigen.“, zischte Inu Yasha.
Linn wandte ihm jetzt ihr Gesicht zu.
„Ist das dein Ernst? Er ist schwer verletzt. Das können wir doch nicht machen!“, sagte sie vorwurfsvoll.
„Ach und warum nicht? Hast du etwa vergessen, dass er dich bei unserem letzten Treffen eigenhändig aufschlitzen wollte? Das hat nichts mehr mit Geschwisterliebe zu tun!!“, bellte Inu Yasha.
Es war einfach unglaublich. Wie konnte sie nur Mitleid mit diesem blutrünstigen Ekel haben?? Mädchen waren bei solchen Sachen einfach immer viel zu gefühlsduselig.
„Ich hab schon gemerkt, dass unsere Familienbande nicht gerade harmonisch verlaufen, aber ich kann ihn hier nicht so hilflos rumliegen lassen. Egal was er getan hat. Ich weiß aber auch, dass wir uns bei dieser Reise eigentlich keinen Aufschub mehr erlauben dürfen. Darum schlage ich vor, dass ihr schon mal ohne mich weiter geht. Ich werde mich um ihn kümmern und dann nachkommen.“, sagte Linn und sah dann erwartungsvoll in die Runde.
Ihr Bruder reagierte wie erwartet:
„Du machst wohl Witze! Ich lass dich doch nicht mit dem alleine! Das wäre ja noch schöner. Der braucht keine Pflege. Wer immer ihn so zugerichtet hat, verdient meinen Respekt. Schlag dir das aus dem Kopf und komm endlich!“, schrie er und sein Kopf nahm mit jedem Wort eine tiefere Rotfärbung an, so dass die anderen schon befürchteten er würde jeden Moment in die Luft gehen.
„Mach Platz!!“, unterbrach Kagome unsanft sein Geschimpfte und schickte Inu Yasha auf die Bretter.
„Verdammte Kette...“, grummelte Inu Yasha. Bald würde er alle Moosarten am Geschmack erkennen können.
„Jetzt halt erst mal die Luft an und beruhig dich.“, sagte Kagome kühl. Diese Hundekette war wirklich eine fabelhafte Erfindung...
„Linn ist alt genug um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und wir haben wirklich keine Zeit hier lange rumzudiskutieren. Sie kommt schon alleine klar. Find dich damit ab!“, sagte sie und ignorierte einfach den bösen Blick, den ihr der Halbdämon zuwarf.
„Und ich kann bei ihr bleiben und sie beschützen!“, warf Miroku ein.
Jetzt explodierte Inu Yasha entgültig. Ein Raketenstart wäre nicht spektakulärer anzuschauen gewesen.
„DUUUUU! Du Dreckskerl! Da lasse ich sie eher alleine hier zurück als sie ungeschützt in der Reichweite deiner Lustgriffel zu lassen! Na warte, ich...“, brüllte er wie von Sinnen und Miroku machte vorsichtshalber schon ein paar Schritte zurück.
„Dann ist es also beschlossene Sache. Ich kümmere mich um Sesshoumaru und komme dann später nach.“, unterbrach ihn Linn mit einem siegreichen Lächeln.
„Was?? Aber ich... Das hab ich doch gar nicht...“, stammelte Inu Yasha, der jetzt wohl völlig den Faden verloren hatte.
„Ach Inu Yasha, gib’ s endlich auf. Sie hat gewonnen.“, feixte Shippo, der sich auf Kagome’s Schulter in Sicherheit fühlte.
Und so ging das Gezeter noch eine Weile weiter, doch zum Schluss gab Inu Yasha endlich nach. Er hatte einfach keine Lust mehr sich zu rechtfertigen wo doch sowieso alle gegen ihn arbeiteten. Tolle Gruppendynamik...
„Na schön. Macht doch was ihr wollt. Ich habe jedenfalls noch ein Hühnchen mit Naraku zu rupfen und alles andere ist mir egal!“, maulte er und wendete sich ab um zu gehen.
Doch Linn war bereits aufgesprungen und packte ihn am Arm.
„Warte mal. Ich kann nun mal nicht anders. Bitte sei mir nicht böse!“, sagte sie versöhnlich und umarmte ihren Bruder. Dieser schmollte noch einen Moment doch dann erwiderte er ihre Umarmung.
„Ist schon gut. Aber sei bitte vorsichtig. Mit Sesshoumaru ist wirklich nicht zu spaßen.“, murmelte er in ihr Haar hinein.
„Versprochen Brüderchen. Ich werde auf der Hut sein und Augen und Ohren offen halten“, lachte Linn und salutierte scherzhaft vor ihm. Jetzt konnte auch Inu Yasha ein Lachen nicht mehr unterdrücken.
Verwundert beobachteten die anderen die Szene. Es war wirklich erstaunlich wie sich Inu Yasha durch den Einfluss seiner kleinen Schwester verändert hatte. Er war zwar immer noch oft mürrisch und schweigsam wie früher aber jetzt zeigte sich auch immer öfter eine liebevolle und fürsorgliche Seite, die sie bis jetzt noch nicht von ihm gekannt hatten. Doch nachdem die beiden die Blicke der anderen bemerkt hatten und Inu Yasha sie angefaucht hatte, was es denn da zu glotzen gäbe, hatte auch diese rührselige Episode ein Ende und es ging ans Abschied nehmen. Diesmal blieb der Halbdämon betont auf Abstand und reichte Linn die Hand.
„Man sieht sich.“, murmelte er, doch Linn schloss ihn erneut lachend in die Arme. Dann umarmte sie auch alle anderen und als Inu Yasha für einen Moment nicht hinsah drückte sie Miroku einen verstohlenen Kuss auf die Wange. Dieser sah sie zuerst völlig perplex an, doch schnell breitete sich ein verträumtes Lächeln auf seinem Gesicht aus, das er auch auf dem weiteren Weg beibehielt. Sango, die das ganze aus dem Augenwinkel mitangesehen hatte, sah allerdings etwas angesäuert aus...
Linn sah den anderen nach während sie sich immer weiter von ihr entfernten und dann wendete sie sich endlich wieder dem Grund ihres spontanen Waldaufenthalts zu. Sesshoumaru hatte die ganze Zeit über keinen Mucks von sich gegeben und schien sich auch nicht bewegt zu haben.