Fanfic: Animus viam monstrat 17

den Lichtern ist keine Spur. Auf dem Tisch stehen alle möglichen Essenssachen. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Wie lange hatte ich jetzt schon nichts Anständiges zu essen? Also greife ich zu. Natürlich wie immer manierlich. Schließlich will ich es nicht übertreiben! Nini scheint es sich auch schmecken zu lassen. <br />
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Nach einiger Zeit lehne ich mich satt und entspannt zurück. Wieder, ohne Vorwarnung erscheint ein Licht und meint: „Ihr solltet jetzt schlafen gehen! Habt ihr noch irgendwelche Wünsche?“ <br />
Nini schüttelt den Kopf, aber ich nicke: „Ja, ich möchte andere Kleidung! Schwarze, weite Hose, enges Hemd, von mir aus, wenn ihr unbedingt wollt, auch weiß, aber ohne diese komischen goldenen Streifen! Und dazu einen schwarzen Mantel!“ <br />
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Im nächsten Moment sind wir in einem hellen Zimmer mit zwei Betten, zwei Nachtschränken und einer großen Fenstertür, die zu einem Balkon zu führen scheint. Doch man kann nicht viel erkenne, weil davor weiße Gardinen hängen. Meine Kleidung ist so, wie ich sie mir gewünscht habe. <br />
„Gute Nacht!“, sagt das Licht und verschwindet. <br />
Ich steuere Auf das Bett an der Wand zu, lege meinen Mantel auf den Nachttisch und ziehe meine Schuhe aus. Als ich damit fertig bin, liegt Nini schon im Bett. <br />
„Nacht!“, sage ich. <br />
„Gute Nacht!“, antwortet Nini. Im nächsten Moment ist das Zimmer schon dunkel. Nur etwas Licht kommt von draußen. Ob dort der Mond scheint? Bestimmt! Wenn ich hinausschaue, was werde ich dann sehen? Befinde ich mich in einer Burg? Oder vielleicht auf einem ganz anderen Planeten?<br />
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Ich versuche zu schlafen, aber es geht einfach nicht. Die Frage lässt mich nicht los. Also stehe ich auf und laufe barfuss zur Fenstertür und versuche sie zu öffnen. Tatsächlich, es geht! Ich trete hinaus und kühle, frische, angenehme Luft strömt mir entgegen. Das Balkongeländer ist weiß und aus Stein. Ich lehne mich darauf und schaue mir den Himmel an. Er ist wolkenlos und man kann tausend Sterne funkeln sehen. Doch am schönsten sieht der Mond aus. Er ist hier viel größer, als bei uns auf der Erde! Nun bin ich mir sicher, dass ich auf einem anderen Planeten, als dem vorher bin. Tief atme ich ein und die Luft strömt in meine Lunge und füllt sie mit Sauerstoff. <br />
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Es ist Vollmond. Eigentlich sollte er, besonders mit dieser Größe, die Erde beleuchten, aber man kann nichts von dem Boden sehen. Sind wir so hoch oben? Aber dann müsste ich doch auch etwas sehen können! Aber unter mir und vor mir ist nur Schwärze. Und über mir der Sternenhimmel. <br />
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Ein Geräusch lässt mich hochschrecken und ich drehe mich um. In der Tür steht Nini und schaut mich an. Der Wind wiegt ihr Haar leicht hin und her. <br />
„Stör ich?“, fragt sie. Ich schüttle nur den Kopf und wende mich wieder dem Mond zu. Ich höre, wie Nini die Tür schließt und zu mir kommt. Auch sie stützt ihre Arme auf die Balustrade. Lange schauen wir einfach nur in den Sternenhimmel, ohne ein Wort zu sagen. Doch nach einiger Zeit breche ich die Stille: „Warum isst du kein Hirsch- und Hasenfleisch? Und warum hattest du solche Panik vor dem Fell?“ <br />
Nini schaut mich an und scheint nach den richtigen Worten zu suchen. <br />
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„Nun, an Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch habe ich mich gewöhnt. Aber Hasen- und Hirschfleisch kann ich nicht essen. Immer tauchen vor mir die Bilder der toten Tiere auf. Ihr Todeskampf, die Panik in ihren Augen. Und dann, wenn sie tot sind, diese Ausdrucklosen Augen. Der einst stolz gehobene Kopf liegt kraftlos auf der Erde.“ <br />
Ich kann sie einerseits verstehen, aber andererseits auch nicht! <br />
„Aber manchmal kann der Todeskampf auch nur kurz dauern! Außerdem haben diese Tiere viel mehr Glück! Sie können in Freiheit leben! Sie wurden nie in enge Käfige eingesperrt. Aber für dieses Glück müssen sie auch manchmal mit dem Leben bezahlen, das ist der Lauf der Natur.“, sage ich und schwinge mich aufs Geländer. Dort bleibe ich, mit dem Rücken zum Himmel, sitzen und schaue Nini an. Wieder überlegt sie. <br />
„Ja mag sein. Aber ich kann diese Tiere trotzdem nicht essen. Vielleicht waren sie glücklich. Aber sie hatten keine Chance gegen uns Menschen. Wir nahmen ihnen ihren Lebensplatz und nun müssen sie sich an die Natur anpassen. Wir Menschen sind die stärkste und glückste Wesen. Die Tiere haben gegen uns keine Chance. Irgendwie nützen wir das aus. Ich will niemanden ausnutzen. Und schon gar nicht die Tiere. Das ist gegen alles an was ich glaube. ich kann das nicht. Alles in mir sträubt sich gegen so etwas.“, meint Nini. Ja, ich kann sie verstehen. Aber ihrer Meinung bin ich nicht. <br />
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Wieder verfallen wir in Schweigen. Doch es ist kein peinliches Schweigen. <br />
„Was ist in deiner Vergangenheit passiert, dass du immer so schlecht schläfst? Warum hat dich Jennys Verschwinden so mitgenommen?“, fragt Nini mich. Ich schaue sie an und überlege. Soll ich es ihr erzählen? Will sie es wirklich wissen? <br />
„Du willst es gar nicht wissen! Sie ist zu schlimm!“, antworte ich. <br />
Wieder Schweigen. <br />
„Doch, ich will es wissen! Sonst hätte ich nicht gefragt! Was ist an deiner Vergangenheit anders, als an Talas? Warum bist du soviel verbitterter?“, fragt sie weiter. <br />
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Sie will es also wissen. Okay, dann werde ich es ihr erzählen: „Ich wurde in der Abtei geboren. Mein Großvater hatte mit mir Großes vor. Also habe ich schon von klein an gelernt, zu bladen. Ich denke mal, Tala hat dir erklärt, was bladen ist, oder?“ Als Nini nickt, erzähle ich weiter: „Aber die Erziehung war grausam. Ich durfte keine Gefühle zeigen, sonst wurde ich geschlagen. Freude oder Trauer gab es nicht. Nur Wut! Meine Eltern sahen, wie sehr ich mich veränderte. Zum negativen. Sie wollten nicht mehr mitspielen und befreiten mich. Dann flohen sie mit mir. Durch ganz Russland. Ich kann mich noch an den Abend erinnern. Der erste Schnee war gefallen. Es war schon dunkel. Ich stand mit meinen Eltern an einer Straße. Nur eine Laterne auf der anderen Straßenseite spendete ein wenig Licht. Und dann kamen plötzlich maskierte Männer ganz in Schwarz. Mit Messern stachen sie auf meine Eltern ein. Und ich stand nur hilflos da und konnte mich nicht bewegen. Ich war erst drei Jahre alt.“ <br />
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Tränen schießen mir in die Augen, doch ich unterdrücke sie. Erst nachdem ich mich etwas beruhigt habe, rede ich weiter: „Meine Eltern starben. Sie fielen vor mir in den Schnee und er färbte sich rot. Ihre Augen waren weit aufgerissen und es schien mir, als würden sie mich vorwurfsvoll anschauen. Die Männer nahmen mich wieder mit in die Abtei. Anfangs habe ich geweint. Sie haben mich fast zu Tode geschlagen, damit ich keine Gefühle zeige, aber das war mir Recht. Ich wollte einfach nur sterben. Und dann kamen irgendwann keine Tränen mehr. In mir war nur noch Schmerz.“ Wieder mache ich eine Pause. Es ist einfach zu schwer davon zu erzählen, ohne zu weinen. <br />
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„Also haben sie mich in Ruhe gelassen. Und doch wollte ich sterben. Ich fühlte mich so hilflos und dachte, ich wäre Schuld am Tod meiner Eltern. Bin ich ja indirekt auch. Ich habe mehrere Selbstmordversuche unternommen. Und das mit 3 Jahren! Das einzige, was mich jedoch am Leben hielt, war mein Bitbiest Dranzer. Es gab mir Wärme und linderte den Schmerz ein bisschen. So habe ich überlebt. <br />
Als Jenny plötzlich verschwand, kam wieder diese Hilflosigkeit über mich. Ich konnte sie einfach nicht ertragen!“ <br />
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Wieder Stille. Ich warte, wie Nini reagieren wird. Sie ist bestürzt, sagt aber nichts. Das ist mir auch Recht. Ich brauch kein Mitleid. Nach einiger Zeit, in der ich mich gefasst habe, frage ich sie: „Was ist mit deiner Vergangenheit? Warum warst du so abweisend, als du in diese Welt kamst?“ <br />
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Lange schaut Nini mich nur an. Ihre Arme hat sie immer noch auf die Balustrade gestützt. <br />
„Ich habe mir die falschen Freunde gesucht! Sie gaben mir ein Gefühl von Geborgenheit, ich fühlte mich dazugehörig. So merkte ich nicht, wie ich immer mehr in ihren Bann geriet. Sie brachten mich dazu zu stehlen. Aber auch da ging mir kein Licht auf, denn ich fühlte mich bestätigt. Ich hatte Glück und wurde nie erwischt. Und so hielt ich die Augen vor der Realität verschlossen. Ich habe nur gesehen, was ich wollte. Und dann verliebte ich mich in einen Jungen von ihnen. Ich war so glücklich, dass er mich auch liebte. Wie im 7. Himmel. Doch das Glück währte nicht lang. Er nutzte mich aus und spielte mit mir. Anfangs merkte ich es nicht, aber dann wurde es mir immer mehr bewusst. Die Realität holte mich ein. Also zog ich mich zurück, redete mit niemandem mehr. Meine Zeit verbrachte ich am PC. Dort lernte ich dann nach einiger Zeit ein paar Leute kennen. Sie bauten mich immer mehr auf. Der Schmerz blieb in meinem Herzen und wird dort auch immer bleiben. Und dann kam ich in diese Welt.“ <br />
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Also hat auch sie keine schöne Vergangenheit. Nun verstehe ich auch, warum sie so zickig war. Aber sie scheint mir zu vertrauen, genauso, wie ich ihr vertraue. Ich springe wieder von der Balkonbrüstung und stelle mich neben Nini. So betrachten wir beide wieder schweigend den Mond. Plötzlich erscheint eine Sternschnuppe am Himmel. <br />
„Wünsch dir was!“, sagt Nini und schließt kurz die Augen. Also schließe ich die Augen und wünsche mir etwas (was, wird erst nachher verraten ^^). <br />
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Als ich die Augen wieder öffne, steht Nini vor mir. „Wollen wir hoffen, dass es klappt!“, meint sie und lächelt leicht. Ich spüre, wie sich Wärme in meinem Inneren ausbreitet. Ich schaffe es nicht, meinen Blick, von ihren Augen abzuwenden. Diese blauen Augen, mit den vielen gelben und braunen Tupfen darin. Diese absolut einzigartigen Augen! Langsam, ganz langsam