Fanfic: O Brothers, where art thou??
Bunny am meisten Sorgen machte, war die Wunde, die an seinem rechten Bein klaffte.
„Oh Gott, ist er tot??“, flüsterte Joe, der jetzt auch hinzugekommen war und hinter Bunny’s Rücken hervorlugte.
„Ich hoffe nicht...“, murmelte Bunny und kniete sich neben dem Jungen in den Sand. Dann legte sie vorsichtig ihren Kopf auf seine Brust um seinen Herzschlag zu prüfen. Ein erleichterter Seufzer entfuhr ihr als sie ein schwaches Schlagen wahrnahm.
„Er ist nicht tot, aber er braucht dringend Hilfe. Er fühlt sich eiskalt an. Schnell, hol Norman und bringt Verbandszeug mit!“, wies sie Joe an, der ihrer Bitte sofort Folge leistete und zurück zum Lager rannte.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern bis die beiden endlich wieder am Strand ankamen. Norman begann sofort damit den Jungen zu untersuchen. Er tastete ihn behutsam ab und besah sich die Verletzung genauer.
„Sieht aus wie ein Biss. Muss aber ein ziemlich großes Tier gewesen sein... Wir müssen die Wunde säubern und schnell verbinden, damit er nicht noch mehr Blut verliert.“, sagte er und ließ sich von Bunny das Desinfektionsmittel aus dem Erste Hilfe-Kasten geben.
Nachdem sie dem Verletzten verbunden hatten, hob Norman ihn hoch und sie machten sich zusammen wieder auf den Rückweg.
Wieder bei Norman’s Hütte angekommen, legte der Koch den fremden Jungen auf einen freien Platz dicht neben das Lagerfeuer.
„Glaubst du das reicht?“, fragte Bunny besorgt.
„Wer weiß wie lange er im Wasser war. Er hat Glück gehabt, dass er nicht ertrunken ist, aber er ist ziemlich unterkühlt. Hol ihm am besten noch eine Decke.“, erwiderte Norman bevor er noch ein paar Holzscheite ins Feuer legte.
Bunny tat wie ihr geheißen und wenig später hatte sie den menschlichen Eiszapfen wie ein kleines Baby in ihre Wolldecke gewickelt.
„Was ihm wohl passiert ist?“, grübelte Joe vor sich hin.
„Und was das wohl für einer ist?? Sieht irgendwie gefährlich aus...“ fügte er hinzu und setzte den ängstlichen Gesichtsausdruck auf, den er in den letzten Wochen schon fast perfektioniert hatte.
„Deine Angst vor fremden Menschen solltest du vielleicht wirklich mal ärztlich behandeln lassen, Kleiner...“, brummte Norman.
„Wir sollten lieber eine Wache einteilen, damit wir den Jungen heute Nacht im Auge behalten können. Wir wollen ja nicht, dass er uns bis morgen früh abgekratzt ist. Ich übernehme gerne die erste Schicht.“, schlug er vor und auch Bunny entschloss sich die Nacht am Lagerfeuer zu verbringen. Buster machte es sich zu ihren Füßen bequem und nach einigem Hin und Her blieb auch Joe lieber bei seinen Freunden, weil er sich nicht entscheiden konnte welche Situation das größere Risiko darstellte.
Einige Stunden später prasselte das Feuer immer noch mollig warm vor sich hin, während Bunny und Norman sich eine heiße Partie Mau Mau lieferten und Joe über dem Atlas, den er aus der Hütte geholt hatte, eingenickt war. Das geheimnisvolle Buch, das eingewickelt unter seiner Matte versteckt lag, hatte er in der ganzen Aufregung völlig vergessen.
Doch dann wurde die friedliche Atmosphäre plötzlich durch ein Rascheln unterbrochen, welches die beiden Kartenspieler aufblicken ließ.
„Ich glaube unsere Frostbeule wacht auf.“, raunte Norman und deutete mit dem Kopf auf die eingewickelte Person, in die nun langsam wieder Leben zu kommen schien. Jedenfalls drehte sie sich stöhnend auf die Seite und schlug kurz darauf die Augen auf.
Zuerst schien der arme Junge nur völlig geschockt zu sein und starrte die beiden mit tellergroßen Augen an, doch angesichts seiner bewegungseingeschränkten Position geriet er langsam in Panik und versuchte sich mit ruckartigen Bewegungen aus seinem Gefängnis zu befreien. Bunny hastete zu ihm hinüber um ihm zu helfen, doch das hatte leider nicht den gewünschten Effekt, denn obwohl sie mit beruhigender Stimme auf ihn einredete, begann er sie laut anzubrüllen und schlug um sich. Bunny wich erschrocken zurück und auch Joe war mittlerweile von dem Lärm aufgeschreckt und rieb sich verwirrt die Augen.
„Was ist denn hier...“, setzte er an, konnte seinen Satz allerdings nicht vollenden, da der dunkelhaarige Junge es trotz seiner Beinverletzung geschafft hatte aufzuspringen um fluchtartig das Weite zu suchen. Leider machten ihm seine noch sehr wackeligen Knie dabei einen Strich durch die Rechnung und er rannte Joe über den Haufen, was zur Folge hatte, dass die beiden nun leicht verknotet übereinander lagen, wobei der verschreckte Junge wild auf den armen Joe einprügelte und dieser wie am Spieß schrie.
Als Norman die beiden trennen wollte, biss ihm der Aufgetaute kräftig in den Arm und rannte dann stark humpelnd davon und verschwand in der Dunkelheit.
„Was war denn das für ein Auftritt?“, stöhnte Norman und rieb sich den Arm, auf dem sich jetzt eine deutliche Bissspur abzeichnete.
„Bei den Zähnen hat er sich wahrscheinlich selbst ins Bein gebissen, der kleine Vampir...“, grummelte er weiter während er Bunny ein bisschen auf die lädierte Stelle pusten ließ.
„Er muss total in Panik geraten sein. Vielleicht dachte er wir wären Kannibalen, die ihn als kleinen Mitternachtssnack verspeisen wollten.“, überlegte Bunny.
„Das ist doch noch lange kein Grund mich fast zu Tode zu prügeln!“, wimmerte Joe und erhaschte so jedenfalls ein mitleidiges Haarwuscheln von Bunny.
„Ich hab doch gleich gesagt, dass man mit Fremden nichts als Ärger hat. Wir versorgen seine Wunden und tauen ihn wieder auf und das ist der Dank!“, ereiferte er sich jetzt lauter.
„Also ich glaube wirklich nicht, dass er das böse gemeint hat. Sollten wir nicht nach ihm suchen? Wer weiß was ihm da draußen nachts ganz alleine alles passieren kann.“, unterbrach ihn Bunny und wendete sich dabei mehr an Norman als an ihren quengelnden Kollegen. Doch auch der erwachsenere Part ihrer Mannschaft schenkte ihr nur ein Stirnrunzeln.
„Im Allgemeinen würde ich dir natürlich zustimmen, aber ich bin erst mal bedient. Der kleine Prinz Reißzahn kann sehen wo er heute Nacht bleibt. Das hat er sich selbst zuzuschreiben.“, brummte er und trottete zurück zur Hütte. Joe folgte ihm in einigem Abstand, denn seine zahlreichen Verletzungen, an denen er seiner Meinung nach sicher bald sterben musste, erlaubten es ihm nicht sich schneller fortzubewegen.
Bunny zögerte einen Moment. Sollte sie vielleicht zusammen mit Buster nach dem Jungen suchen? Einerseits konnte sie den Gedanken ihn dort ganz auf sich gestellt herumirren zu lassen kaum ertragen, andererseits hatte sie Angst vor seiner Reaktion, wenn sie ihn dann tatsächlich finden würde. Wahrscheinlich würde er wieder davonrennen oder sie vielleicht auch noch anknabbern. Also entschied sie sich gegen die nächtliche Suchaktion und für eine weitere Nacht auf ihrer Strohmatte in Norman’s Hütte. Bevor sie zu Bett ging, stellte sie allerdings noch einen letzten Teller Eintopf am Rand der Lichtung auf. Wahrscheinlich würde sich später nur irgendein Tier darüber her machen, aber man konnte ja nie wissen...
Eine ganze Weile passierte gar nichts und wenn man ganz genau hinhörte, konnte man sogar Norman’s Schnarchen durch die Stille der nächtlichen Lichtung wehen hören. Doch auf einmal löste sich ein Schatten aus dem Dickicht und eine dunkle Gestalt huschte fast lautlos über das mondbeschienene Gras hinüber zu dem bereitgestellten Teller. Der fremde Besucher hätte wahrscheinlich überhaupt kein Geräusch verursacht, wenn ihn seine Beinverletzung nicht bei jedem Schritt dazu gebracht hätte leise aufzustöhnen. Er machte sich nicht einmal die Mühe mit seiner Beute wieder in die sichere Dunkelheit abzutauchen, sondern verputzte sie gierig an Ort und Stelle. Dass das Essen mittlerweile kalt geworden war, schien ihn nicht im Geringsten zu stören und nachdem er seine Mahlzeit beendet hatte, strich er sich zufrieden über seinen gesättigten Bauch und brummte anerkennend.
Er hatte lange dort im Dunkeln an einen Baum gelehnt gestanden und mit sich gerungen. Er hatte sehen können wie seine Angreifer einer nach dem anderen von der Lagerstelle verschwanden und der Duft, den ihr Essen verströmte, hatte seine Nase gekitzelt, doch vielleicht war das alles nur eine Falle. Ein Trick um ihn aus seinem Versteck zu locken. Er konnte nicht wissen, was diese Leute mit ihm vorhatten. Er war lange nicht auf dieser Insel gewesen. Früher war sie unbewohnt gewesen und manchmal hatte er sich hier nach einem seiner langen Schwimmausflüge ausgeruht.
Diese Fremden waren ihm nicht geheuer. Er wollte ihnen nicht trauen auch wenn der Verband an seinem Bein darauf hinweisen könnte, dass sie ihm vielleicht doch nichts böses wollten.
Normalerweise wäre es für ihn kein Problem gewesen sich auf so einer Insel selber zu versorgen. Er war ein guter Jäger und Spurenleser und seinen Augen entging nur selten eine Bewegung, aber in seinem jetzigen Zustand blieb ihm einfach nichts anderes übrig als diese Almosen anzunehmen. Einerseits fühlte er sich schlecht als er denn Eintopf in sich hineinschlang und er blickte sich dabei ständig hektisch um, doch nach einer Weile siegte sein Heißhunger und der köstliche Geschmack seiner Beute gab ihm den Rest. Lag es daran, dass er nach all den Strapazen völlig ausgehungert war oder hatte er wirklich noch nie so etwas gutes gegessen? Kein Krümel blieb auf dem Teller zurück und er wischte sich den Mund gleich dreimal mit dem Handrücken ab um auch ja nichts zu vergeuden. Wie gerne hätte er sich jetzt wieder neben das Feuer gelegt und ein kleines Verdauungsschläfchen gehalten, aber so sehr waren seine Sinne dann doch noch nicht benebelt. Das war es doch, was sie wollten. Sie wollten ihn einlullen und in Sicherheit wiegen um ihm dann im Schlaf aufzulauern. Aber nicht mit ihm. Er würde sie ausspionieren und ihre Schwächen auskundschaften. Denn allzu schnell würde er von dieser Insel nicht wegkommen und solange er