Fanfic: See der Träume

nahm die Autoschlüssel, die er beim Eintreten auf eine Kommode gelegt hatte.

Wiedermal an diesem Tag kam Claire die Autofahrt ewig vor. Mittlerweile war es finster und es hatte leicht zu Regnen begonnen.

Sofort ging fuhr sie im Krankenhaus auf die Intensivstation und fand den diensthabenden Arzt wieder. Er hatte bereits auf sie gewartet.

„Miss McLain. Ich muss mit Ihnen sprechen. Würden Sie bitte zu mir in mein Büro kommen?“ Ryan stand ein bisschen abseits und beschloss den beiden nicht zu folgen. Er würde noch früh genug erfahren, was passiert war.

Der Arzt führte sie in ein kleines, aber schick eingerichtetes Zimmer und machte eine einladende Geste auf einen Stuhl vor sich. „Bitte setzten Sie sich doch.“ Claire befolgte es und sah ihn an. „Es tut mir leid, es Ihnen zu sagen, aber ihr Vater ist vor einer viertel Stunde gestorben. Wie haben alles versucht, aber unsere Bemühungen waren leider umsonst. Ihr Vater hat tapfer bis zum Schluss versucht zu kämpfen.“

Claires Stimme versagte nun gänzlich. Ihre einzige Familie war bei nur einem Autounfall gestorben. Jetzt stand sie alleine in der Welt. Was würde nun geschehen? Alleine und elternlos? Heiße Tränen flossen aus ihren Augen über ihre Wange. Sie fühlte sich wie eine seelenlose Puppe in einem schlechten Horrorfilm. Nicht einmal der Person, die sie am wenigsten leiden konnte, hätte sie so eine Situation gewünscht. Was sollte sie nur machen?

„Miss McLain? Hören Sie mich? Kommen Sie wieder zu sich.“ Als Claire nach einigen Minuten noch immer nicht reagierte, ging der Arzt Ryan holen.

Sofort kam dieser auf sie zu und kniete sich vor sie nieder. Mit leiser und ruhiger Stimme sprach er auf sie ein. „Claire? Kommen Sie wieder zurück zu mir. Bitte.“ Mit starrem Blick sah sie noch immer auf ihn herab. Ihre Stimme überschlug sich beim Sprechen. „Ich bin alleine. Niemand ist bei mir. Alle sind tot. Ich bin so alleine.“ „Nein Claire, dass sind Sie nicht. Ich bin hier und brauche Sie. Sie müssen jetzt stark sein.“ „Ich muss stark sein? Ja, das muss ich. Ryan, Sie haben Recht.“ In ihren Augen erschien wieder Leben und blickten ihn dankend an. Ein leichtes Lächeln deutete sich auf seinem Mund an und er nahm sie in die Arme. „Sie werden es schaffen. Ich werde Ihnen helfen. Verlassen Sie sich darauf.“

Am nächsten Morgen erwachte Claire erst sehr spät. Mit einem bitteren Geschmack im Mund dachte sie an den letzten Tag. Ryan hatte wie versprochen ihr geholfen und die ganzen Formulare ausgefüllt, während sie zusammengesunken daneben gesessen war. Auf der Heimfahrt sprachen sie nicht miteinander und gleich nach dem Aussteigen aus dem Wagen ging Claire in ihr altes Zimmer, um sich niederzulegen. Sie hatte gehofft, dass es ihr am nächsten Morgen besser gehen würde, aber das tat es nicht. >Ich bin alleine und niemand wird mir helfen. Ich muss stark sein< überlegte Claire, doch plötzlich fiel es ihr wieder ein. Sie war nicht alleine. Ryan würde weiterhin bei ihr sein, aber, was wusste sie schon von ihm. An ihre Jugend konnte sie sich noch erinnern, aber nicht an ihn. Konnte sie ihm denn vertrauen? >Wirst du schon können Claire. Das hat er doch gestern schon bewiesen<, schallte sie sich selber.

Durch ein Klopfen an der Türe wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Kurz darauf erschien auch Ryans Gesicht durch einen Türspalt. „Guten Morgen Claire. Wie geht es Ihnen heute?“ „Naja, auf jeden Fall ein bisschen besser als gestern. Ich möchte mich für Ihre Hilfe bedanken.“

„Das freut mich für Sie. Ich werde jetzt Kaffee für Sie machen. Kommen Sie dann einfach hinunter.“

Nachdem Ryan aus dem Zimmer verschwunden war, stand Claire auf. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr die Decke im Schlaf heruntergerutscht war und jetzt am Boden lag. Als ihr das bewusst wurde, färbten sich ihre Wangen rot. >Reiß dich zusammen Claire! Du bist eine erwachsene Frau und hast weitaus größere Probleme als deine nackten Füße. Eine schöne Dusche wird mich sicher gut tun.<

Sofort ging sie ins Badezimmer und wusch sich.

Währenddessen stand Ryan in der Küche und machte Kaffee. >Wieso bringen ihre langen Beine mein Blut nur so in Wallungen? Ich bin hier um ihr zu helfen und was mache ich Trottel? Ich betrachte ihre wohlgeformten Beine. Die Arme hat gestern ihre Eltern verloren. Ich muss mich dringend zusammenreißen.<

Als Ryan aufsah, stand Claire in der Türe. Der Duft von frischer Seife und Shampoo breitete sich im Zimmer aus. „Hier Ihr Kaffe ist fertig. Ich hoffe nur, dass er Ihnen schmeckt.“ Vorsichtig reichte er ihr die heiße Tasse und für einen kurzen Moment berührten sich ihre Finger. Schnell zog Ryan sie wieder zu sich und hackte seine Daumen in seiner Hose ein. „Haben Sie schon überlegt, wie es weitergehen soll?“

Claire nahm einen großen Schluck aus ihrer Tasse und sah ihn an. Darüber hatte sie wirklich noch nicht nachgedacht. Würde sie ihre Karriere als Tänzerin aufgeben und hier bleiben oder würde sie es übers Herz bringen, ihr Elternhaus zu verkaufen? „Nein habe ich noch nicht. Die nächsten Tage und vielleicht Wochen werde ich hier bleiben und mich um alles kümmern. Die ganze Arbeit verrichtet sich nicht von selber. Ich werde mich am besten so schnell wie möglich mit der Bestattung beschäftigen. Dann werde ich weitersehen. Ich kann es noch immer nicht glauben.“

Gedankenverloren sahen sich beide einen kurzen Moment an. Der Gedanke an das Begräbnis hinterließ bei beiden eine Schauer zurück. Sowohl Claire als auch Ryan tranken schweigend ihren Kaffee. Wie sollte es nun weitergehen? Claire nahm einen letzten Schluck und im selben Moment bemerkte sie, wie Ryan sie betrachtete. „Was ist? Habe ich etwas in den Zähnen?“ Sie war irritiert durch seine offene Geste, dennoch versuchte sie so normal wie möglich zu klingen.

Über ihre Worte schmunzeln, schüttelte Ryan seinen Kopf. „Nein haben Sie nicht. Es tut mir auch leid, aber ich musste gerade daran denken, wie Sie damals...“ Jetzt wurde Claire neugierig. „Wie ich damals was?“ Doch ihre Frage blieb unbeantwortet, da Ryan sie mit seiner Hand abwinkte. Stirnrunzelnd sah sie ihn noch einen Moment an, drehte sich dann allerdings um und stellte ihre Tasse in die Spüle. Als sie gerade den Wasserhahn aufdrehen wollte, kam Ryan auf sie zu. „Ruhen Sie sich noch aus. Ich werde das für Sie erledigen.“ „Vielen Dank, aber ich weiß, wie das geht. Sie müssen mich jetzt nicht die ganze Zeit bedienen.“ Sichtlich beleidigt von seinem Angebot hielt sie ihre Tasse untern den kalten Wasserstrahl und begann sie auszuspülen. Jetzt lächelte Ryan und hob resignierend die Hände. „Okay, okay. Wie wäre es dann, wenn Sie abwaschen und ich trockne die Tassen dann ab?“ Claire wunderte sich über die Hartnäckigkeit des anderen, stimmte jedoch ein.

Nachdem sie fertig waren, ging jeder auf sein Zimmer, da es noch genug zu erledigen gab. Die Sonne schien sehr stark und erwärmte die Erde und die Pflanzen. Claire zog tief die erfrischende Luft ein und streckte sich. Als sie vorhin in ihrem Zimmer aus dem Fenster gesehen hatte, hatte sie spontan beschlossen eine Runde zu Joggen. Die Bewegung würde ihr gut tun und sie ein wenig von ihrer Trauer ablenken. Also zog sie sich ein paar schwarzer Leggins an und ein graues Top darüber. Mit einem zufriedenen Blick in den Spiegel verließ sie das Haus und begann mit ihrem Lauf. Früher war sie immer durch den Wald gelaufen und hatte gemeinsam mit ihrem Vater öfters diese Strecke erkundet. Es roch nach Tannennadeln und frischem Holz. Obwohl Claire auch immer in der Stadt einige Runden im Park gelaufen war, konnte man dies mit dem hier nicht vergleichen. Wie wunderbar ruhig es hier war. Keiner würde sie stören und ihr den Weg versperren. Hier konnte sie frei sein und in ihren Gedanken versinken. Die Welt um sich herum begann zu schrumpfen und Claire konzentrierte sich nur an das, was vor ihr lag. Irgendwo im Geäst knackte es und sie fuhr erschrocken zusammen. Als sie sich umblickte, entdeckte Claire ein kleines Eichhörnchen, dass neugierig von seinem Baum herunter gesprungen war. Erleichternd aufatmend, schallte sie sich selber, für ihr Zusammenzucken. >Oh Mann, Claire! Es ist doch nur ein Eichhörnchen. Hier passiert dir schon nichts.<

Als sie weiterlief, erreichte sie eine Lichtung. Obwohl Claire schon früher diesen Weg desöfteren gelaufen war, konnte sie sich an diese nicht mehr erinnern. Für einen kurzen Moment ließ sie sich in das Gras nieder und ruhte sich aus. Ihr Blick schweifte zum Himmel und sie beobachtete, wie zwei Vögel an einer Baumspitze miteinander sangen. >Es ist einfach wunderschön hier. Wenn ich gewusst hätte, wie schön hier alles ist, wäre ich vielleicht früher mal wieder zurück gekommen. Ich hätte mit meiner Mutter gemeinsam den Garten führen können und mit meinem Vater lange Waldspatziergänge machen können. Vielleicht wären wir an dieser Lichtung vorbeigekommen.< In ihren Gedanken stellte sie sich ihren Vater vor, wie er neben ihr im Gras sitzen würde und seinen alten Strohhut tief ins Gesicht ziehen würde. Dieses Bild hatte er oft bei diversen Spaziergängen abgegeben. Die Erinnerung ließ wieder Tränen in ihre Augen steigen. Nie wieder würde sie ihn leibhaftig vor sich sehen und nie wieder würde sie ihre Mutter bei der Pflege ihrer geliebten Rosen zusehen können.

In der Entfernung hörte sie plötzlich ein Donnern. Mit dem Rand des Tops wischte sie sich die Tränen weg und stand auf. Dabei klopfte Claire sich einige Grasbüschel von ihren Leggins und atmete noch einmal tief ein. Man konnte schon den Regen riechen und ein heftiger Wind stieg langsam auf. Schließlich machte sie kehrt und lief zurück in die Richtung aus der sie gekommen war. Da Claire einen ausgeprägten Orientierungssinn hatte, fand sie ohne Probleme wieder zurück nach Hause.

Zu ihrer Überraschung fand sie Ryan im hinteren Teil des