Fanfic: See der Träume
Gartens stehen und Holz hacken. Als er sie sah, winkte er ihr zu und schwank ein weiteres Mal die Axt. Es war ein eindrucksvolles Bild, das sich Claire bot. Er trug kein Hemd, sodass seine muskulösen Arme zur Geltung kamen, und die aufziehenden, grauen Wolken im Hintergrund bildeten einen starken Kontrast zu seinen dunkelblonden Haaren. Wie gebannt starrte Claire einen Moment lang auf den Mann vor sich.
Nachdem sie sich aus ihrer Starre gelöst hatte, ging sie auf Ryan zu. „Was machen Sie hier?“ Ihre Stimme hörte sich krächzend an. Schnell räusperte sie sich und wartete auf eine Antwort.
Mit einer Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirne. „Ich sorge dafür, dass wir Feuerholz für den Kamin haben. Ich wollte es noch vor dem Regen schaffen.“ Ryan warf einen Blick zu den Wolken und lachte. „Wie ich sehe gerade noch rechtzeitig. Helfen Sie mir mal.“ Er drückte ihr zwei Holzscheite in die Hand und nahm sich selber sieben auf die Hand. Schnell trugen sie das Holz ins Haus. Drinnen war es ein wenig wärmer, dennoch trat Claire noch einmal auf die Terrasse hinaus. Der Himmel hatte sich verfinstert und schon konnte man die ersten Regentropfen fallen sehen. Als schließlich auch die ersten Blitze zu sehen waren, schlang sie ihre Arme um ihren Körper. Sie mochte Gewitter. Schon als kleines Kind war sie ganz versessen darauf gewesen.
Ohne, dass sie es merkte, trat Ryan hinter sie. Mit einer Hand lehnte er sich gegen den Pfosten, der das Dach festhielt und zog die nach frischem Regen riechende Luft ein. „Einfach herrlich. Finden Sie nicht auch? Das letzte Mal hatte es vor einer Ewigkeit geregnet.“
Mit einer kleinen Enttäuschung stellte Claire fest, dass er sein Hemd wieder an hatte. Nach einem kurzen Seufzer, blickte sie auf den See hinaus, wo sich die Regentropfen wie Nadeln hineinbohrten. „Ja das ist es. Ich liebe dieses Wetter. Früher stand ich immer mit meinem Vater genau an der Stelle, an der Sie stehen.“ Für einige Zeit hörten sie nur das Prasseln des Regens. Verstohlen musterte Ryan Claire. Sie wirkte so zerbrechlich und schwach, dennoch wirkte sie sehr gefasst, obwohl sie erst ihre Eltern verloren hatte. Er schätzte diese Härte an ihr, da er mit Tränen nicht umgehen konnte. Außerdem, fand er, sah sie mit einem Lächeln viel bezaubernder aus. „Die beiden fehlen mir sehr. Bob und Marge waren so nett zu mir. Wenn ich den Fahrer des andern Autos in die Hände bekomme, dann kann er sich auf etwas gefasst machen. Wie kann man nur Fahrerflucht begehen?“
Die Frage war rhetorisch gemeint, dennoch schreckte Claire hoch. „Fahrerflucht? Ich dachte, dass es ein Unfall war. Was ist wirklich geschehen?“ Ryans Blick glitt in die Ferne und er schwieg kurz. „Ein Zeuge hat beobachtet, dass ihre Eltern von einem Wagen geschliffen wurden und sie deshalb gegen einen Baum gefahren waren. Das feige Schwein ist abgehauen und hat die beiden einfach verwundet am Straßenrand alleine gelassen. Man konnte nicht genau erkennen, um wen es sich in dem Auto handelte, aber es soll ein junger Mann gewesen sein. Wahrscheinlich war er nicht von hier, denn wer würde Bob und Marge einfach verletzt zurücklassen?“ Wütend über seine Hilflosigkeit wandte sich Ryan ab. Claire hingegen war entsetzt und musste erst das Gehörte verarbeiten. >Meine Eltern wurden von der Straße gedrängt? Aber warum und wer würde so etwas zu Stande bringen?<
Eine eisige Kälte breitete sich in ihr aus und sie fröstelte. Wie in einem Nebel ging sie ins Haus und ließ sich neben dem Kamin nieder, in dem schon ein Feuer brannte. Ryan dürfte es entfacht haben, bevor er zu ihr hinaus getreten war. Obwohl es im Zimmer warm war, zitterte Claire noch immer. Cleo streckte sich neben ihr aus und die Nähe des Tieres tröstete Claire. Wenigstens einer, dem sie immer vertrauen konnte.
Mit der Zeit wurde es wärmer und auch Ryan kam hinein. Als er Claire so in Gedanken sitzen sah, begann er sich Sorgen zu machen. Es schien ihr nicht gut zu gehen, obwohl sie sich von außen her stark gab. Dennoch stand ihr die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Was wäre, wenn sie plötzlich zusammen brechen würde? Was sollte er dann tun? Ryan hatte keinerlei Erfahrungen, wie er andere trösten konnte. Vor einigen Jahren hatte er das selbe durchgemacht, als man ihm die Nachricht von dem Tod seines Vaters und Wochen später das Ableben seiner Mutter mitgeteilt hatte. Den Schmerz, den Claire fühlte, war ihm nur zu sehr vertraut. Die Leere, die man fühlte, wenn einem bewusst wird, das man ab heute niemanden mehr hat, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte und der einem liebt. Er musste auf jeden Fall Claire so gut es ging zu unterstützen. „Claire?“ Seine Stimme war ein Flüstern neben dem Knacksen des Feuers und dem Aufprall der Regentropfen auf dem Fenster.
Claire schreckte aus ihrer Trance auf. Zum wiederholten Male hatte sie sich wieder in ihre eigene Welt zurückgezogen. Peinlich berührt von ihrem Auftreten senkte sie den Blick auf den Boden. Dabei fiel ihr Erst jetzt auf, dass sie noch ihre verschwitzte Leggins anhatte. Sie erklärte kurz, dass sie sich duschen würde und ging anschließend hinauf in den ersten Stock. Ryan sah ihr wachsam und vorsichtig nach.