Fanfic: Bloody Tears
des Kaffeeholens gab. Sie stellte das
Tablett mit einem ausdruckslosen "Hier, Ihr Kaffee" auf seinen aufgeräumten
Schreibtisch, neben einem Stapel von Akten und Ordnern. Er nickte ihr dankend zu
und sie lächelte. Dann ging sie an mir vorbei und grüßte mich kurz, offenbar
hatte sie mich erst jetzt bemerkt. Als sich die Tür hinter ihr wieder schloss,
begann mein Chef zu sprechen. "Was ist für heute vorgesehen, Roland?" Sofort
holte ich einen kleinen Planer aus meiner Hosentasche und blätterte ihn ihm, bis
ich den richtigen Tag gefunden hatte. "Neun Uhr: Konferenz. Zehn Uhr dreißig:
Bewerbungsgespräch. Zwölf Uhr: Gespräch mit der Präsidentin von ²Cyber Master²
Corporation. Vierzehn U..." Das Telefonklingeln unterbrach mich. Mein Chef sah
mich an, während er nach dem Hörer griff, sein Gesicht war emotionslos, doch aus
Erfahrung wusste ich, dass es hieß: "Entschuldigen Sie"."
Es ist schon fragwürdig, weshalb ich heute noch genau weiß, was sich an diesem
Tag abgespielt hatte. Haben sich diese vierundzwanzig Stunden in mein Gehirn
gebrannt, auf dass sie dort für immer verweilen mögen?
"Beim Telefonat blickte er kühl auf seinen Schreibtisch. "...Ja. ...Ja. Gut,
wenn es sein muss. Aber nur zwei Tage. Wie bitte? ...Jaja." Er legte auf. Ich
fragte nicht nach, wer angerufen hatte und aus welchem Grund. Ich konnte es mir
ohnehin denken, wenn ich das Gehörte kombinierte. Ein Mitarbeiter hatte sich für
zwei Tage von der Arbeit entschuldigen können. Zwei Tage! Mein Chef mochte es
gar nicht, wenn einer seiner Bediensteten nicht erschien, und doch hatte er zwei
Tage Arbeitsbefreiung erlaubt. Er schien bester Laune zu sein. Doch sein Gesicht
sagte etwas anderes.
"Fahren Sie fort.", befahl er mir, und schon wollte ich zum Sprechen ansetzen,
wäre da nicht diese Unterbrechung in der Form eines eifrigen Klopfens gewesen.
Wir beide starrten auf die Tür. Ein Mann trat ein, ich kannte ihn nur vom
Vorbeigehen. In der Hand hielt er einige Briefumschläge und - es war kaum zu
fassen - an diesem Tag war kein einziger Brief rosa, rot oder blau und mit
Herzen oder kitschigen Stickern versehen. "Die Post ist gekommen.", sagte er,
"Wie Sie es wünschten, haben wir die ganze Fanpost der Mädchen entsorgt." Mein
Chef ließ sich auf seinen ledernen Bürostuhl nieder und ich glaubte, ein
erleichtertes, kaum wahrnehmbares Seufzen von ihm zu hören. "Zwei neue
Praktikanten haben geschrieben.", erzählte der Mann und suchte zwei Briefe aus
dem kleinen Stapel, "Damit haben wir schon dreizehn zur Auswahl für das
Praktikum im Februar." Ich war mir sicher, dass diese dreizehn Jugendlichen nur
einen Grund hatten, ihr Praktikum in der Kaiba Corporation abzuhalten: Den Chef
persönlich. Dieser unterhielt sich nun mit dem mir fremden Mann, der an dem
Schreibtisch stand."
Damals hatte mein Chef sein grünes Hemd und seine ebenso grüne Hose getragen,
die schwarzen Lackschuhe, den Gürtel und den violetten, dünnen Mantel, der
leicht auf seinen Schultern lag. Sein rehbraunes Haar hatte er sich ordentlich,
stattlich gekämmt und immer, wenn er unscheinbar wie ein Windhauch an einem
vorbeizog oder man ihm ganz nahe kam, nahm man diesen leichten Duft eines
teuren, frischen Aftershaves wahr, ebenso den Geruch von weißen bis roten Rosen,
der mich immer wieder an den Blumenstrauß meiner Gattin auf unserer Hochzeit
erinnerte. In dieser Aufmachung wirkte mein Chef erwachsen und elegant, da ist
es nicht verwunderlich, dass ihm die Mädchen und Frauen zu Füßen liegen. Und ich
glaube, ihm ist gar nicht bewusst, dass er anders ist als jeder andere Mann,
dass er begehrter, dass er ein Ideal ist. Andere Männer, so wie auch ich, werden
niemals so attraktiv auf das weibliche Geschlecht wirken, und die Tatsache, dass
er auch so manch männliche Person anzieht, bestätigt meinen Verdacht noch. Und
ich muss zugeben, dass ich mehr als einmal eifersüchtig auf ihn war, obgleich er
doch unschuldig ist.
"Um neun Uhr fand die erste Konferenz an diesem Tag statt und ich begleitete
meinen Chef bereits um 8.30 Uhr bis zur Tür des Konferenzsaales, wo ich ihn
alleine ließ. Mit schnellen Schritten trat er ein und somit aus meinem
Gesichtsfeld. Mir hatte er die ehrenvolle Aufgabe gegeben, während seiner
Abwesenheit die Mitarbeiter und Arbeiten der Firma zu überprüfen. So ging ich
lange durch das Gebäude, richtete hier und dort etwas zurecht, und schon war es
kurz vor Zehn Uhr. Hin und wieder sah ich Geschäftsmänner und -Frauen, die an
der Konferenz teilgenommen hatten. Sie gingen aus dem Gebäude und stiegen in
ihre Limousinen, bis plötzlich ein roter Renault vor dem Eingang parkte. Das
musste der Neue sein, dachte ich bei mir, und ich sollte Recht behalten. Ich
führte ihn in einen Raum mit einem Tisch, an dem eigens vom Chef ausgewählte
Personen saßen und bereits gewartet hatten. Auch mein Chef selbst saß dort, und
für den Neuen schien es eine Ehre zu sein, ihn persönlich zu treffen. Er war
scheinbar derart aufgeregt, dass er das Vorstellungsgespräch versäumte und nach
einer halben Stunde vor die Tür gesetzt wurde. Ich konnte ihn verstehen. Aus
eigener Erfahrung weiß ich, wie man sich vorkommt, wenn man meinem Chef
gegenübersitzt.
Ich sah meinen Chef nach dem misslungenen Bewerbungsgespräch noch ziemlich oft,
meist in seinem Büro, wo er Schreibkram erledigte und Kaffee trinkend aus dem
Fenster schaute. Die Disskusion mit der Frau von ²Cyber Master² schien keine
Erfolge gebracht zu haben, das merkte ich an der schlechten Laune meines Chefs,
auch wenn er sie zu unterdrücken versuchte. Doch dann endlich gab es einen Grund
zum Aufatmen: Die neue Duel Disk, entwickelt für das neue Spiel ²Dungeon Dice
Monsters², für das die Kaiba Corporation ebenfalls Hilfsmittel erstellte,
erweckte die volle Zufriedenheit meines Chefs. Das glaubte ich jedenfalls, denn
er tadelte die Entwickler nicht, sondern verabschiedete sich mit einem kurzen
Nicken. Ich traf ihn wieder in seinem Büro, wo er das neue Produkt mit ernster
Miene von allen Seiten genau betrachtete. Er achtete nicht auf mich, so ging ich
zum Fenster und starrte auf das graue Domino City, suchte das Interessante, was
auch meinen Chef immer wieder zum Fenster zog. Ich wurde nicht fündig.
Die Duel Disk bestand die Prüfung der messerscharfen Augen meines Chefs, bald
würde er sie in der Praxis testen. Ich wollte ein Gespräch beginnen. "Darf ich
mir die Frage erlauben, ob Sie sich schon einen konkreten Namen für die Duel
Disk überlegt haben?" Er sah mich kurz an, dann antwortete er: "Ich dachte an
Dice Disk oder Dice Duel Disk, aber erster ist schwachsinnig und zweiter zu
lang." Er sprach mit einer Ruhe, die ich einem Pfarrer bei einem Gebet
zuordnete. "Mir persönlich gefällt der Name Dice Disk doch sehr gut.", sagte
ich, teilweise um ihn aufzumuntern. Aber als ich die Worte ²Dice Disk²
gedanklich noch einige Male hintereinander wiederholte, fiel mir auf, dass es
wie ein kleiner Zungenbrecher war. Ich verhakte mich öfter in den Worten,
bildete unsinnige Paare und gab es schließlich auf. "Überlegen Sie sich in Ruhe
einen Namen.", meinte ich, "Schlafen Sie noch eine Nacht drüber." Oder hätte ich
lieber sagen sollen: Arbeiten Sie noch eine Nacht drüber? Wieder klingelte das
Telefon und das darauf folgende Gespräch dauerte fast eine Dreiviertelstunde.
Ich erinnerte ihn daran, dass er noch zu einer Konferenz musste, aber er meinte,
er wüsste es und ich müsste ihn nicht ständig an seine Termine erinnern.
Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht vergaß er seine Termine wirklich nicht, er
war schließlich der Chef!
Am Nachmittag schaute der kleine Bruder meines Chefs in der Firma vorbei. Er war
traurig, dass er ihn jetzt schon seit zwei Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen
hatte und wollte ihn deshalb unbedingt sehen. Zwei Tage! Schon zum zweiten Mal
an diesem Tag hörte ich dies. Ich bedeutete Mokuba, so war der Name des Jungen
mit der wilden, langen Frisur, dass sein Bruder gerade mit dem Testen der neuen
Duel Disk beschäftigt war und er doch bitte warten möge, doch als er ²Duel Disk²
vernahm, war er sofort Feuer und Flamme. Es brauchte Mühe, ihn zurückzuhalten
und zu beschäftigen, denn mein Chef verabscheute es, wenn man ihn in einer
Testphase störte. Ich fragte mich, weshalb eigentlich ausgerechnet ich mich mit
Mokuba beschäftigen musste, denn der Kleine war ziemlich albern und frech, wenn
es ums Spielen ging, und als mein Chef endlich in sein Büro trat, spürte ich die
rettende Erlösung. Mokuba fiel ihm gleich um den Hals und erzählte ihm vieles,
was er in der Schule erlebt hatte. Mein Chef tätschelte den Kopf des Jüngeren
und begab sich dann zu seinem Schreibtisch. "Die Dice Disk funktioniert
einwandfrei.", ließ er mich wissen, "Setzen Sie für Morgen eine Konferenz an, in
der ich das Produkt vorstellen werde. Wann ist dafür Zeit?" Ich warf einen
flüchtigen Blick in den Planer. "Dreizehn bis Sechszehn Uhr wäre noch frei.",
gab ich ihm bekannt. "Gut. Tragen Sie den Termin dort ein und lassen Sie Duke
Devlin und den Besitzern der wichtigsten Spieleläden in Japan eine Einladung
zukommen." "Wie Sie wünschen." Er überreichte mir eine Liste mit den, wie er
gesagt hatte, Besitzern der wichtigsten Spieleläden in Japan. Er selbst hatte
sie zusammengestellt, er übernahm immer die wichtigsten Arbeiten und ließ die
Mitarbeiter nur die Routineaufgaben machen."
Ich blicke von meinem Text auf und gieße mir Wasser in das Glas. Während ich mir
eine kurze Pause gönne, frage ich mich, was wohl mein Chef in diesem Augenblick
tat. Als ich heute die Firma verlassen hatte, war er noch da. Obwohl er seinem
Bruder doch