Fanfic: Bloody Tears

versprochen hat, mit ihm heute Abend Essen zu gehen. Hätte ich ihn
daran erinnern sollen? Nein. Er ist schließich der Chef und er vergisst seine
Termine nicht.

"Mit jeder Stunde, die verstrich, war ich müder geworden. Ganz im Gegenteil zu
meinem Chef, der noch genau so wach war wie am Morgen. Nicht einmal gegähnt
hatte er, nicht einmal hatte er sich erschöpft über die Stirn gewischt, nein.
Aufrecht und stolz arbeitete er hier und da und dort. Ich half wo ich konnte und
freute mich schon auf den Feierabend.
Um zirka halb Acht sah ich ihn in seinem Büro. Wieder stand er am Fenster und
lugte nach draußen. Der Regen hatte längst nachgelassen, doch die Stadt war nass
und der Himmel noch grau. Er nahm einen Schluck Kaffee zu sich, gegessen hatte
er heute wieder einmal nichts. Und das merkte man seinem Körper an. Ich
räusperte mich, um auf mich aufmerksam zu machen, obwohl er schon durch mein
Klopfen über meine Ankunft informiert sein musste. Als er mich nun anblickte,
erschrak ich innerlich leicht. Plötzlich war da etwas Seltsames in seinem Blick
zu erkennen, etwas, was ich nicht von ihm kannte. Ich glaube, es war...
Sehnsucht...

Er nickte mir nur zu und stellte seine Tasse auf den Schreibtisch ab. Ich
wunderte mich, doch ehe ich genau begriff, was er vorhatte, war er schon an mir
vorbeigezogen und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Ich weiß nicht, welcher
Teufel mir diese plötzliche Neugier verpasst hatte, die just in diesem
Augenblick von mir Besitz ergriff und mich ihm folgen ließ."

Ich wünsche mir, ich hätte es bleiben gelassen. Mein Gesicht wird ernst und ich
fühle mich, als würde ich einen Text über einen grausamen Mord verfassen. Doch
jetzt sollte es kein Zurück mehr geben. Ich will mich von der Sache befreien!
Wenn ich denn schon meine Frau nicht in der Nähe weiß, mit der ich über die
Geschehnisse reden kann, so will ich es doch meinem digitalen Freund berichten.

"Ich hatte ihn aus den Augen verloren, weshalb ich einen Angestellten fragte, ob
er nicht zufällig dem Chef begegnet war. Er war es. Unglücklicherweise, muss ich
sagen. Denn sein Wissen hielt mich davon ab, die Suche aufzugeben und mein
schlechtes Gewissen als Einbildung zu bezeichnen. Ich erfuhr, dass mein Chef auf
die Toilette gegangen war. In diesem Moment vergaß ich, dass ich entlassen
werden würde, wenn ich ihm bei dem Gang auf der Toilette störte. Das war ja auch
wahrlich unter aller Manieren! Jedoch war ich mir sicher, dass er aus einem
anderem Grund diesen ruhigen Ort aufgesucht hatte.

Kaum eine Minute später kannte ich den Grund...

Seitdem wünschte ich mir, ich hätte ihm damals nicht nachspioniert...

Es ist schwer, die Gefühle zu beschreiben, die mir durch meinen Kopf schossen,
als ich ihn sah. Und vor allem, als ich sah, was er dort tat. Ich stand unter
tiefem Schock, doch schien er glücklicherweise so sehr mit seiner Tat
beschäftigt zu sein, dass er mich nicht bemerkte. Unmerklich verließ ich den
Raum und als ich draußen war, war ich schweißnass und atemlos. Ich erinnere
mich, wie mich jemand ansprach, mich fragte, ob es mir denn gut ginge, meine
Antwort war ein rasches Nicken. Ich fühlte mich schrecklich, als hätte ich
Fieber, in seinem Büro versuchte ich mich erst einmal zu beruhigen. Zum Glück
war Mokuba schon nach Hause gefahren worden, denn ihm hätte ich jetzt nicht mehr
in das kleine, runde Gesicht schauen können.

Wut oder Trauer - eines dieser Gefühle oder beide stiegen in mir hoch, als ich
an das Fenster trat. Besonders aber spürte ich Verständnislosigkeit. Warum?
Wieso? Weshalb? Ich konnte mich nicht fassen.

Aus welchem Grund, junger Kaiba, stehst du immer an diesem Fenster und schaust
nach draußen? Ist es die Sehnsucht, die ich in deinen Augen gesehen habe?
Wünschst du dir frei zu sein, so wie ein Vogel, der über diese Stadt gleitet und
mit dem Wind zieht? Ein Vogel, der seine federnen Schwingen ausbreitet und die
Freiheit des Lebens genießt? Sag es mir, junger Kaiba. Ich möchte die Antwort
aus deinem Mund hören und dir dabei in die Augen sehen.

Das also, das also war sein Geheimnis. Ich war aber auch derart dumm. Habe ich
wirklich geglaubt, dieses arme, kleine Ding kann ganz alleine ein Unternehmen
managen, ohne psyschichen und körperlichen Schaden davon zu tragen? Er ist nicht
stark, er ist schwach, was in seiner Situation auch sehr verständlich ist. Er
ist einsam, verletzt und hatte niemals die Gelegenheit, die Kinderzeit zu
genießen und sich an dem Leben zu erfreuen. Mir wurde bewusst, dass er nur lebt,
weil er es für einen Befehl hält. Er meint, er muss leben, er muss etwas
erreichen, er muss geben und darf nicht nehmen."

Ich beiße die Zähne aufeinander. Zugegeben, es ist nicht gerade eine Erlösung,
von der Sache zu schreiben. Meine Finger tippen jedoch weiterhin wie in Trance
auf der Tastatur herum und sind bereit, den Text bis zum bitteren Ende zu
vervollständigen.

"Zwei Wochen nach diesem Vorfall sprach ich mit meiner Frau über - wie ich es zu
nennen pflegte - die Sache. Sie war die erste und einzige, die davon erfuhr, und
im ersten Moment war sie genauso fassungslos wie ich. "Der arme Junge...",
murmelte sie mitfühlend, "Das hat er nicht verdient." Ich war der selben
Meinung.

Ich hatte meinem Chef niemals gesagt, dass ich von der Sache wusste. Und so
vergingen zwei Monate. Niemandem außer mir fiel auf, dass er immer, nachdem er
jeden Abend geheimnisvoll auf der Toilette verschwunden war, schrecklich bleich
und erschöpft war, ganz anders als in der Zeit davor. Es fiel mir schwer, an
seinem Geheimnis teilzuhaben, und noch schwerer fiel es mir, ihm ins Gesicht zu
schauen. Wenn ich es doch tat, kam es mir vor, als wüsste er, dass ich ihn bei
der Sache entdeckt hatte.

Dann, es war der heutige Tag, ich ging wieder früh zur Arbeit. Auch mein Chef
war anwesend, und mit Frische und Kraft tätigte er seine Arbeit. Ich half ihm,
vermiet jedoch den Blickkontakt, so gut es ging, und es schien ihm aufzufallen.
"Fühlen Sie sich nicht?", hatte er mich mittags gefragt, und ich hatte
geantwortet: "Ich habe ein wenig Kopfschmerzen, sonst nichts." Es kam mir
seltsam vor, dass er sich nach meinem Befinden erkundigte. Vermutete er etwas?
Wusste er etwas? Diese Fragen quälten mich immer wieder, bis der Nachmittag sich
seinem Ende näherte. Es war sechs Uhr... Und ich besuchte die Toilette.

Es war ein Fehler. Denn abermals entdeckte ich meinen Chef mit seinem Geheimnis.
Seit dem ersten Mal hatte ich es nicht mehr gesehen und so wurde mir in diesem
Moment wieder bewusst, wie grausam seine Tat war. Wieder hatte er mich nicht
bemerkt, obwohl uns nur wenige Meter voneinander trennten. Und plötzlich schlug
meine aufgestaute Fassungslosigkeit und Trauer in Wut um. Ich konnte es nicht
verhindern, so sehr ich es auch wollte. Ich holte aus...

...und schlug mit aller Kraft, die die Wut in mir hervorgerufen hatte, zu.

Meine flache Hand schoss gegen seine Wange und verpasste ihm eine saftige
Ohrfeige. In diesem Moment schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Wir beide
bewegten uns nicht und während die in mir aufgestaute Wut langsam verblasste,
starrte er an die weiße Wand des Raumes. Seine Wange war gerötet, und das nicht
zu knapp. Ich bemerkte, was ich getan hatte, und ließ meine unüberlegte Reaktion
noch einmal Revue passieren. Plötzlich tat es mir Leid... Ich glaube, es war der
Instinkt eines Vaters, der mich so handeln gelassen hatte. Ja, genau... In
diesem Moment war mir Seto wie mein Sohn...

Ich bereute meine Tat. Am Liebsten hätte ich ihn jetzt in den Arm genommen. Am
Liebsten hätte ich ihn jetzt mit nach draußen gezogen und alle angeschrien, die
ihm die Last des Unternehmens tragen ließen und meinten, dass er unerschöpflich
und ein Alleskönner war. Am Liebsten hätte ich ihn jetzt mit nach Hause genommen
und ihn dort ausruhen lassen. Am Liebsten hätte ich ihm jetzt die Schönheit der
Welt und des Lebens gezeigt. Am Liebsten hätte ich ihn jetzt auf meinen Schoß
gezogen und mit ihm geschwiegen.

Er konnte nicht alles. Er war geschwächt und müde durch die ganze Anstrengung,
die ihn unterdrückte. Versteht ihr das nicht?

Bei Gott, er war ein Kind!!!

Ich weiß nur noch, wie ich aus dem Raum rannte und ihn einfach alleine gelassen
hatte. Ein Black-Out versperrt mir die Erinnerung, was danach passierte. Ich
erinnere mich erst wieder an die Szene, als ich noch am selben Abend ohne zu
Klopfen sein Büro betrat. Er saß zusammengesackt an seinem Schreibtisch, bleich,
müde, emotionslos, würdigte mich keines Blickes. Seine Wange war gerötet und
leicht angeschwollen, er hatte sie nicht behandeln lassen. Vorsichtig trat ich
zu ihm und schob die Unterlagen und Akten auf seinem Tisch etwas zu Seite,
stellte ihm stattdessen einen Teller mit heißer Suppe hin. Ich hatte sie ihm
zubereitet, denn ich war sicher nicht der Einzige, der sich seit unserer
unschönen Begegnung in der Toilette nicht wohl fühlte. "Essen Sie.", forderte
ich ihn leise auf und als er nichts erwiderte: "Es wird Ihnen gut tun." Ich
sprach schon fast im Flüsterton, wollte mich mit ihm versöhnen, wollte ihn nicht
unter Druck setzen. Er rührte das Essen nicht an. Sein Blick blieb weiterhin
ausdruckslos. Dann kniete ich mich nieder, sodass unsere Augen auf gleicher Höhe
waren. Mir fiel auf, dass er zitterte. "Es tut mir Leid...", flüsterte ich und
schluckte. Als er sich immer noch nicht regte, wurde mir schlecht. Es ging mir
nicht um meinen Job, und wenn er wengistens gesagt hätte, dass er mich entlassen
würde, so wäre ich glücklich gewesen. Doch er sagte nichts. Gar nichts.

Es tat weh, ihn so sehen zu müssen. Und ich fühlte mich schuldig. Wenn ich ihn
bei seiner Tat nicht unterbrochen hätte, wäre er jetzt nicht so depressiv
gewesen. Ich seufzte resignierend und