Fanfic: Pantheon - Geschichten der Götter
wurden und er überholte Seth, der jetzt wieder einen ernsten Gesichtsausdruck bekam.
„Wo ist eigentlich Haroeris geblieben?“
Kaum hatte Osiris dies ausgesprochen, kam sein Bruder auch schon vor ihm um die Ecke gebogen.
„Wo bist du denn gewesen?“
„Dachte, ich unternehm´ mal ´ne kleine Tempelbesichtigung, während ich auf euch zwei Bummelanten warten muss!“
Osiris wandte sich an Seth: „Der muss dich damit gemeint haben!“
Bevor Seth auf diese Bemerkung seines ältesten Bruders antworten konnte, verließen sie den Tempel.
Osiris lenkte seinen Wagen nun auf das Gerüst, das den Tempel wegen der Sanierungsarbeiten umgab. Seth folgte ihm. Haroer bevorzugte es, unter dem Gerüst weiter zu fahren.
Das Gerüst war für derartige Strapazen nicht gebaut und so gaben ihm die donnernden Hufe den Rest. Glücklicherweise hatten sich die Arbeiter schon in Sicherheit gebracht, denn auch sie wussten, dass nichts heile blieb, wenn Osiris und seine Brüder zusammen waren.
„Osiris, du musst schneller werden“, brüllte Seth, „das Gerüst kracht zusammen!“
Mit einem Sprung auf eine Düne retteten sie sich; Haroeris, der Seth´s Geschrei mitbekommen hatte, konnte der Katastrophe gerade noch rechtzeitig entkommen.
„Puh, das ging ja nochmal gut.“, sagte Osiris und Seth stimmte ihm zu.
Doch zu früh gefreut: Als sie kehrt machen wollten, gab auch die Düne nach und beide rutschten schreiend mitsamt ihren Wagen nach unten.
Als sie sich durch den herabgekommenen Sand nach oben durchgewühlt hatten, fanden sie einen schadenfreudig lachenden Haroeris vor. Die Wagen konnten sie vergessen, womit der Sieger dieses Rennens feststand, was Haroeris ausdrücklich formulierte.
Seth schnappte sich die jetzt ramponiert aussehenden und verschreckten Pferde, die seinen und Osiris´ Wagen gezogen hatten, und man begab sich wehmütig zurück zur Sonnenstadt, wo Re und Thoth sie bereits erwarteten. Sie brauchten sich nur die völlig zerzausten Pferde anzusehen, um sich ein Bild davon zu machen, was geschehen war.
Die Geschwister hatten sich schon auf eine Standpauke vorbereitet. Diese Vermutung schien sich zu bestätigen, als Thoth sie eilig zu Re geleitete.
Osiris und Haroeris wunderten sich über diese Eiligkeit.
„Wow, der muss echt sauer sein. Vielleicht haben wir´s nun auf die Spitze getrieben und bekommen jetzt richtigen Ärger…“
„Ja, vielleicht legt er uns irgendwelche Strafarbeiten auf, bei denen sich die Menschen lustig über uns machen können…“
Dem folgte Gelächter von Seiten Seth´s.
„Ihr braucht keine unwürdigen Arbeiten zu erledigen, um die Sterblichen zu belustigen! Selbst wenn es so kommen würde,“ fügte er hinzu, „würde man nicht merken, dass ihr Götter seid.“
Osiris und Haroer sahen sich an. Sie wussten, dass Seth´s Gemüt so unberechenbar wechselte, wie die Gezeiten und machten sich deshalb auch nicht viel aus dieser Bemerkung.
Kaum bei Re angekommen, begann dieser auch sogleich, die drei Brüder auf ihre eigentlichen Aufgaben hinzuweisen.
„Osiris, du sollst einst in die Fußstapfen deines Vaters, dem großen Pharao Geb, treten und während ich die Welten zivilisiere, die Herrschaft auf Erden übernehmen...“
„Aber er kann ja nichts dafür, dass...“, versuchte Haroer ich zu verteidigen.
„Unterbrich mich nicht! Du wirst nie so eine Bürde tragen müssen, wie Osiris sie zu tragen hat und ein so mächtiges Imperium regieren. Doch wie soll das gehen, wenn ihr mein Königreich in Schutt und Asche legt?“
Re drehte ihnen den Rücken zu und fasste sich an den Kopf.
„Dann braucht der Feind mein Land nicht mehr zu zerstören. Das übernehmen die drei immerhin“, dachte er bei sich.
Seth schaute Osiris an und fing an zu grinsen. Osiris verpasste ihm einen Rippenstoß.
Re gab ihnen zu verstehen, dass sie sich nun entfernen konnten.
Kaum hatten sie die Große Halle verlassen, beschwerte Osiris sich auch schon, warum immer nur er Ärger bekäme, wenn sie doch alle drei Blödsinn getrieben haben.
„Tja, das ist das Laster, wenn man der Ältere ist.“ kam zur Antwort.
Osiris wandte sich an Seth.
„Jedesmal bringst du mich in irgendwelche Schwierigkeiten.“
„Ach, so ist das also. Du hättest ja nicht mitmachen müssen und außerdem, wer hatte denn die Idee mit dem Wagenrennen!?“ keiferte dieser zurück. „Als ob wir sein Königreich zerstören, nur weil wir aus Versehen seinen blöden Tempel beschädigt haben, der sowieso gerade saniert wird. Da kann der von uns verursachte Schaden doch gleich mitbehoben werden!“
„Wenn es mal irgendein Tempel wäre. Es ist der Sonnentempel. Du weißt genau, dass er ihm sehr wichtig ist!“
Bevor die Streiterei Ausmaße bekam, drängte Haroer sich dazwischen, der die Auseinandersetzung verfolgt hatte.
„Die Idee, ein Wagenrennen zu veranstalten, stammte dieses Mal von mir. Ich muss Seth ausnahmsweise mal Recht geben, Osiris. Du hättest wirklich nicht mitmachen müssen…“
„Hey, was soll das heißen, >ausnahmsweise<?“, wollte Seth wissen.
Doch in einem Punkt waren sie sich einig: das Rennen hatte einen Mordsspass gemacht.
Re schaute den Dreien hinterher. Thoth gesellte sich zu ihm.
„Nehmt es nicht so schwer, oh Herr. Aber Ihr wisst ja, sie müssen sich immer wieder messen und ihre Streitereien austragen und...“
„...und dies geschieht immer auf meine Kosten und auf die Ägyptens. Was soll ich bloß mit ihnen machen?“, fuhr Re fort.
Die Sonne schien in sein Gemach und er spürte plötzlich eine feuchte Zunge, die ihn dazu brachte, die Augen zu öffnen. Er schaute in das Gesicht seines Windhundes Afu. Plötzlich hörte er Stimmen, die immer lauter zu werden schienen. Daraufhin rappelte Seth sich auf und sprang vom Bett, wobei Afu erschrocken die Flucht ergriff und hinter den Vorhängen verschwand.
Auf dem Weg traf der noch total verschlafene Seth auf Haroer und Osiris, die genauso aufgeregt waren, wie der Rest der im Palast Anwesenden. Selbst die Bediensteten rannten orientierungslos hin und her.
„Was ist denn bloß los?“, fragte er, „Hier wollen noch ein paar Leute in Ruhe schlafen…“
„Das können diese Leute auch später noch.“, gab Haroer zur Antwort. „Einige Wachen vom Nil sind zurück und Re verlangt, dass wir sofort in den Sitzungssaal kommen sollen. Anscheinend haben sie schlechte Neuigkeiten mitgebracht!“