Fanfic: Katzenauge
Kapitel: Spät in der Nacht - Die Raubkatze
"Haltet ihn!!", ertönte es durch die eisige Winternacht, die von unzähligen, in alle Richtungen reichenden Lichtstrahlen erhellt
wurde. Sirenengeheule, tausend Schritte im Schnee und quietschende Reifen durchbrachen die sonst übliche Stille in der
deutschen Stadt Domino City. Die Silhouette eines sechzehn- bis achtzehnjährigen Jungen sprang katzenartig, graziös und mit
außergewöhnlicher Schnelligkeit über die Dächer, der lange Mantel der schlanken Gestalt wehte im sanften Wind: Katzenauge.
"Wo ist er hin? Wir dürfen ihn nicht wieder entkommen lassen!", rief der Polizeibeamte, der vor der Kälte zitternd, aber kurz
vor dem Ausrasten auf der Treppe des Domino-Museums stand. Seit genau zwei Wochen führte der sechsundzwanzigjährige Mann ein
Spezialteam an, seit genau zwei Wochen jagten er und sein Team einen einzigen, aber sehr raffinierten Dieb. ...Und das jede
Nacht. Dabei hätte er sich gerne wieder richtig ausgeschlafen, denn die Müdigkeit brachte ihn fast um. Schon vor sechs Tagen
musste er durch einen Ohnmachtsanfall ins Krankenhaus; mangelhafter Schlaf war die Ursache. Selbst sein Vorgesetzter riet
ihm, sich ein paar Tage freizunehmen, doch der Polizeibeamte lehnte ab. Erst wenn diese trickreiche "Katze", die Domino City
und die Umgebung in Atem hielt, gefasst wurde, würde er dem Rat seines Chefs folgen.
Er stieg in seinen Streifenwagen und rief einen Kollegen mithilfe eines Funkgerätes an. "Ist die Falle bereit?" "Ja, es kann
losgehen.", antwortete der Mann an dem anderen Ende der Leitung. "Gut." Heute würden sie die Katze, wie der junge Dieb genannt
wurde, endlich fangen und seine Identität offenbaren. Der Besitzer des Museums kam panisch auf den Polizeibeamten zugerannt.
"So tun Sie doch etwas, Herr Kinneas! Die Katze darf dieses wertvolle Gemälde auf keinen Fall bekommen!" "Wir tun, was wir
können. Lassen Sie uns Zeit.", beruhigte ihn der Polizist. "Das Gemälde ist das teuerste Stück dieses Museums! Diese verdammte
Katze!", fluchte der Museumsinhaber und setzte sich schimpfend auf die Treppe.
Oliver Kinneas holte eine Karte aus seiner Jackentasche. Die Ankündigung der Katze. Sie zeigte einen roten Katzenkopf mit
einem Auge. Daneben stand in Computerschrift geschrieben:
Morgen, am 3. Januar 2003 um genau 0.00Uhr
werde ich im Museum von Domino City erscheinen
und das Gemälde "Altes Schloss im Frühling"
aus der Haintz-Sammlung stehlen.
Cat´s Eye
Das war die Art der Katze: Er kündigte genau an, wann und wo er das nächste Mal wieder zuschlagen würde. Trotzdem war es
Kinneas und seinen Männern immer noch nicht gelungen, ihn zu fassen. Es schien fast so, als wolle die Katze sich über die
Polizei lustig machen, sie bloßstellen. Kinneas hatte die Katze am Anfang unterschätzt, er hielt ihn für ein bedeutungsloses,
kleines Schmusekätzchen. Doch er war ein richtiger Tiger. Auffällig war jedoch, dass er immer nur Gemälde aus der
Haintz-Sammlung stahl. Vielleicht würde dies bald zur Überführung der Katze beitragen. Schweigend, aber mit einem kleinen
Lächeln im Gesicht, steckte Kinneas die Karte zurück in die Tasche seiner dicken Winterjacke und wartete.
Die Katze sprang weiter von einem Dach zum anderen. Unter seinem Arm befand sich das gestohlene Gemälde "Altes Schloss im
Frühling". Der junge Dieb blieb stehen. Sein braunes, weiches Haar wehte leicht im Wind. Seine leuchtenden, saphirblauen
Augen waren auf das Museum weit hinter ihm gerichtet. Die Polizisten schienen ihn nicht mehr zu verfolgen. Heute hatten sie
schon sehr früh aufgegeben. Die Katze atmete erleichtert auf, denn auch dieser Diebstahl war erfolgreich überstanden. Er
betrachtete das Wertstück aus dem örtlichen Museum. Es war wunderschön. Aber das wunderte nicht, denn "Altes Schloss im
Frühling" stammte schließlich von dem begabtesten Maler der Welt: Haintz.
Viele Diebe, Sekten, VIPs, Unternehmen und andere Leute waren an diesen Bildern von dem Künstler sehr interessiert, und
manche scheuten nichts, um an eines dieser Gemälde zu kommen. Genauso wie Katzenauge. Er musste unbedingt alle
Haintz-Gemälde bekommen, es war ihm äußerst wichtig. Im Gegensatz zu den anderen Interessenten aber wollte er die Bilder
nicht für sich selbst, sondern brauchte sie aus einem bestimmten Grund, den die Polizei niemals verstehen würde.
Ein paar Meter weiter versteckten sich elf Polizisten hinter Häusern oder auf Dächern. Sie waren sich sicher, dass die Katze
hier vorbeikommen würde und haben deshalb eine Falle für ihn aufgestellt. Für den Ernstfall mit Pistolen bewaffnet warteten
sie. "Macht euch bereit!", flüsterte einer, "Er kommt!" Und wirklich: Mit einem wieder wunderbar gelungenen Satz landete die
Katze auf der Straße. Jetzt schnappte die Falle zu: Der Kunstdieb trat in eine fast unsichtbare Schlaufe auf dem Boden, die
sich sofort um sein schlankes Fußgelenk schnürte und ihn, bevor er überhaupt realisieren konnte, was hier geschah, nach wenigen
Sekunden kopfüber in der Luft hängen ließ, wobei ihm das Haintz-Gemälde herunterfiel. Er sah durch die Dunkelheit kaum etwas,
und das war auch gut, denn die Polizisten würden genauso wenig erkennen wie er und dadurch sein Gesicht nicht sehen,
andernfalls würde sich sofort herausstellen, wer Katzenauge in Wahrheit ist. Und das durfte nicht passieren! Plötzlich
leuchtete ein grelles Licht auf, wovon die Katze heftig geblendet wurde. Nein! schoss es ihm durch den Kopf, Sie dürfen mich
nicht sehen!
"Chef? Wir haben die Katze. Unsere Falle hat gewirkt.", lautete es aus dem Funkgerät in Kinneas´ Streifenwagen.
"Ausgezeichnete Arbeit.", lobte Kinneas, "Ich werde gleich eintreffen. Vier Minuten, dann bin ich da." Er wollte gerade
auflegen und den Motor starten, da fügte er noch hinzu: "Seid sehr vorsichtig. Die Katze ist mit allen Wassern gewaschen. Er
könnte euch leicht entkommen, wenn ihr nicht gut aufpasst." Der Polizist fuhr los. Endlich, nach so harter Arbeit hatte sein
Spezialteam die Katze fassen können. Er war sehr stolz auf seine Leute.
Langsam ging ein Polizist auf die Katze zu. "Jetzt gibt es kein Entkommen mehr, Katze.", sagte er höhnisch grinsend. Gleich
war der Moment der Wahrheit, gleich würde das Geheimnis des jungen Kunstdiebes gelüftet werden. Der Polizist freute sich wie
ein Kind, hob seine Taschenlampe in das Gesicht der Katze und sah...
...eine Karte mit einem roten Katzenkopf.
"Hä? Was soll das?", fragte sich der Polizist verwundert. Die Katze benutzte ihre speziellen Karten nicht nur als
Ankündigungen, sie hatten auch andere Funktionen wie das Verstecken der Identität. Nun warf der Dieb die Karte geschickt auf
das Seil, an dem er hang. Dieses wurde durchtrennt und er landete mit einer Rolle unversehrt auf den Boden. "Er hat sich
befreit!", rief der Polizeibeamte, der vor Schreck die Taschenlampe losgelassen hatte, und griff nach seiner Waffe. Die Katze
sprang auf ihn zu und trat ihm die Pistole aus der Hand. "Ich sehe nichts mehr!", fürchtete er sich, "Warum schaltet ihr eure
Taschenlampen nicht ein!?" Nun brannten von überall her Lichtstrahlen, alle Personen blendeten sich gegenseitig. "Doch nicht
so viele! Ahh! Ich drehe durch!!" Der Motor eines Autos war zu hören. "Das muss der Chef sein!", vermutete einer aus der
Spezialtruppe. Oliver Kinneas stieg aus. "Wo ist die Katze?" "Das... wissen wir nicht. Ich glaube, er ist uns wieder durch
die Lappen gegangen.", gab einer seiner Männer zu. Kinneas schaute auf das Seil, dessen unteres Ende mit der Schlaufe auf den
Boden lag. Daneben lag eine Karte des Meisterdiebes:
Besten Dank für das Gemälde "Altes Schloss im
Frühling". Ich werde es in Ehren halten. Wir
sehen uns am 4. Januar 2003 um 22.00Uhr bei
der Auktion in Domino City, wo ich mir das
Gemälde "Mutterglück" von Haintz holen werde.
Cat´s Eye
Kinneas zerriss die Karte. "Ich werde dich kriegen, Katzenauge. Verlass dich drauf." Dann ließ er seine Leute mit einer
Handbewegung wissen, dass er zurück zur Polizeistation fuhr. Der nächste Einsatz musste gut vorbereitet werden, denn
"Mutterglück" war ebenso wertvoll wie "Altes Schloss im Frühling". Kinneas warf die Fetzen der Karte auf den Boden und stieg
in den Streifenwagen.
Die Katze sprang von einem Dach direkt in den riesigen Garten von einer der größten Villen Europas: Die Villa Kaiba. Der
junge Dieb schloss die Eingangstüren auf und ging in den Keller. Ein Retinascanner, ein Sicherheitssystem an der Wand neben
einer verschlossenen Tür, identifizierte die Netzhaut der Augen der Katze und öffnete sich daraufhin automatisch. Der Dieb trat in einen
dunklen Raum, wo er "Altes Schloss im Frühling" an die Wand hängte. Dieses Zimmer war das Versteck der gestohlenen Gemälde
von Haintz. Hier wurden die ganzen Wertstücke aufbewahrt.
Nachdem er geduscht und sich umgezogen hatte, setzte sich die Katze auf das Sofa im Wohnzimmer und schaltete seinen Laptop
ein. Er öffnete eine Website über die Auktion in Domino City. Dabei dachte er an seinen kleinen Bruder. Wer hätte gedacht,
dass Seto Kaiba, der erfolgreichste High-Tech-Unternehmer, einmal zu einem Gemäldedieb werden würde? Aber so war es nun
einmal. Seto musste als Katzenauge stehlen, um seinen Bruder Mokuba zu retten. Denn dieser wurde von einer geheimen Sekte
entführt, und nur wenn Seto ihnen alle Gemälde der Haintz-Sammlung gebracht hatte, ließen sie den Kleinen frei. Sie
überwachten jeden Diebstahl der Katze, und sollte er auch nur ein Wort an die Polizei verlieren oder einen Auftrag nicht
erfolgreich