Fanfic: Fire Curse

Kapitel: Die fünf Auserwählten

Nun standen beide Teenager vor dem Tor. Efeu schlängelte sich wie eine Schlange an den beiden hölzernen Pfosten hinauf und verflocht sich am Ende zu einem dichten Gestrüpp von grünen Blättern. Es sah ziemlich alt aus, hielt sich aber noch gut auf dem Boden.
Von dem Tor ab fiel Keichis Blick auf eine kleine Dorfstraße, die durch das Wohngebiet direkt vor ihm hindurchführte. Auf jeder Straßenseite erkannte er winzige Häuschen und Hütten aus Holz mit Dächern aus Pflanzenfasern oder Stroh, die eng aneinander gereiht auf der Erde standen. Jede Hütte besaß eine kleine abgenutzte Tür mit ein bis zwei Fenstern, durch die jedoch genügend Licht hereinfiel. Der Boden bestand aus hellbrauner Erde, die sich mit grauem Kies vermischte.
’Es ist wirklich wie im Mittelalter’, dachte Keichi. Das Sarutei-Mädchen blieb jedoch dessen ungeachtet vor dem Eingang stehen und sagte: „Du, Keichi, bitte wundere dich nicht, wenn alle dich anstarren oder miteinander tuscheln, okay? Sie…“, ihre Augen deuteten in die Richtung der Dorfbewohner, „ wissen, dass du kommst.“
„Sie wissen, dass ich komme?“ Verdutzt schaute er Shiori an.
„Ja.“
„Aber woher?“ Der Junge verstand nicht ganz. „Na ja, wenn der Oberälteste einen Auftrag erteilt spricht sich das entsprechend schnell herum. Und jetzt, da es um unser aller Schicksal geht…“, sie verdrehte die Augen. „Also los, gehen wir. Wagen wir uns in die Höhle des Löwen. Aber lass uns schnell gehen, ich hasse es, von allen angestarrt zu werden.“
„Ist gut.“
Zögernd folgte Keichi der Rothaarigen durch das Portal. Schon als er die ersten paar Schritte getan hatte, beschlich ihn ein seltsames Gefühl. Der unheimliche Verdacht, von allen fixiert und beobachtet zu werden. Von der Seite her nahm er die Blicke der Leute in Augenschein, an denen sie vorbeiliefen und ihm wurde ganz elend zu Mute, in Anbetracht der vielen unerwarteten Reaktionen. Die Jüngeren, darunter Mädchen und Jungen seines Alters, begannen aufgebracht miteinander zu tuscheln, deuteten aufgebracht mit dem Finger auf ihn oder warfen ihm neidische und missbilligende Blicke zu. Vor allem die Jungen schienen ihm diesen Auftakt nicht zu gönnen und musterten ihn abschätzend. Ältere Frauen und Männer unterbrachen augenblicklich ihre Arbeit und wandten sich neugierig den beiden Halbwüchsigen zu, die da eben vorüber liefen.
Keichi gefiel dieses Aufsehen nicht. Er wurde zunehmend unsicher und lief immer dichter an Shiori. Schon immer hatte er es gehasst, wenn alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet war, das machte ihn nur nervös und außerdem war es ihm peinlich. Die junge Sarutei ließ sich von ihrer Abneigung, von allen beäugt zu werden, jedoch nichts anmerken. Mit starr nach vorn gerichteten Augen ging sie rasch weiter und tat so, als bekäme sie nichts von ihrer Umgebung mit. Doch sie täuschte sich gewaltig, wenn sie dachte, dass jeder nur zusehen aber nichts weiter passieren würde. Denn da geschah es:
„Shio, Süße!“ Ein großer Junge mit goldblondem Haar kam eilig und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht angerannt. „Hey, meine Kleine!“, spielerisch umarmte er das völlig verblüffte Mädchen und küsste sie auf die Stirn. „Lange nicht mehr gesehen, was?“ Er grinste. „KITE! Was fällt dir ein???“, rief Shiori aufgebracht und stieß den Jungen hastig von sich weg. Noch immer saß ihr der Schreck in den Gliedern. „Sag mal, was sollte das jetzt schon wieder?“, stieß sie wütend hervor. Der Blonde lächelte nur, zwinkerte ihr verschmitzt zu und antwortete belustigt:
„Darf man denn nicht mal mehr seine Gefährtin begrüßen?“
Keichi verfolgte das Geschehen mit verwirrten Blicken. Der große blonde Junge, der anscheinend den Namen Kite trug, musste mindestens drei Jahre älter sein als die beiden Jüngeren. Er hatte ein hageres Gesicht mit zwei türkisgrün schimmernden Augen und schmalen Lippen. Seine goldblonden Haare standen merkwürdig nach allen Seiten ab, und doch sah es irgendwie ordentlich aus. Kite hatte breite Schultern und trug eine Weste aus schwarzem Leder, die ärmellos war und den schwarzen Kragen eines Umhangs hatte. Keichi bemerkte an manchen Stellen an seinen Armen Muskeln, aber auch Schorf alter Wunden, die er sich wohl bei einigen Kämpfen zugezogen haben musste. Er trug eine blaue Hose aus einfachem Stoff, die er an den Knöcheln ballonartig zusammengebunden hatte und die sich wahrscheinlich gut zum bewegen und kämpfen eignete. Seine Schuhe waren ebenfalls aus schwarzem Leder gemacht.
Wie bei Shiori, machte der Blonde auf Keichi zuerst einen etwas merkwürdigen Eindruck, die Kleidung, sein Temperament…aber er sollte ihn schon noch kennen lernen, das war sicher.

Die Sarutei schaute den Jungen immer noch böse an und hatte die Arme trotzend vor der Brust verschränkt. Sofort erwiderte Kite entschuldigend: „Sorry, Shio, kommt bestimmt nicht wieder vor.“ Doch da war sich das Mädchen nicht so sicher….
Der Blonde schien den weiteren Jungen, der da neben der Rothaarigen stand, überhaupt nicht wahrzunehmen, sondern redete munter weiter, als gäbe es ihn gar nicht. Doch dann, als sich der Brünette räusperte, sah er auf. „Ist er das?“, fragte er Shiori interessiert, die daraufhin stolz anfing zu nicken. Aber Kite schien nicht sonderlich begeistert zu sein. „Das soll wirklich unsere ‚letzte Rettung’ sein?“ Er warf ihm einen abschätzenden Blick zu. „Sieht mir ehrlich gesagt nicht danach aus. Ich dachte, der Chef schickt uns einen echten Helden…aber einen ganz normalen Jungen?“ Er schüttelte fassungslos en Kopf.
Keichi schrumpfte innerlich zusammen. Was konnte er denn dafür, dass man ausgerechnet ihn haben wollte? Er hatte sich das doch schließlich nicht ausgesucht oder sich freiwillig gemeldet, und ein Held wollte er schon gar nicht sein. Ganz egal wie unzufrieden sie alle mit ihm waren.
Shiori stellte sich schützend vor den Jungen und sagte: „Lass ihn in Ruhe, Kite, klar? Ich werde ihm schon alles Nötige beibringen, was er zu können und zu wissen hat. Ich werde schon einen echten Helden aus ihm machen!“
Mit diesen Worten packte sie Keichi am Arm und zerrte ihn weiter, vorbei an dem blonden Jungen und weg von den neugierig gaffenden Menschen auf der Straße.

Nach einer Weile konnte man die Stimmen der Leute nicht mehr hören. Vielleicht lag das daran, dass ihnen nun immer weniger Hütten und Leute entgegen kamen und auch die Straße immer schmäler wurde und sich zu einem einzigen Weg zurückbildete. Daryvell lag nun weit hinter ihnen. „Unser Dorfältester wohnt etwas abseits“, entgegnete das Mädchen, wie als Antwort auf seine innerliche Frage. „Er kann es nicht leiden, gestört zu werden.“
„Mmh. Du, Shiori?“ Sie sah ihn amüsiert an und grinste. „Nenn mich ‚Shio’, ja? Sonst komm ich mir so alt vor.“
„O-ok. Shio…dieser Junge, Kite, war das dein Freund oder so?“ Ihre Augen weiteten sich. „Mein FREUND?“, stieß sie lachend aus. „Wenn Kite mein Freund wäre, würde ich wohl davonlaufen! Nein, er ist nur einer der fünf Auserwählten, der sich eben gerne an Mädchen ranmacht.“ Sie verdrehte genervt die Augen. „Ein bescheuerter Casanova. Weiß nicht, warum ausgerechnet er auserwählt wurde. Er stammt aus dem Stamm der Heritei, dem Drachen-Clan.“
„Dem Drachen-Clan? Heißt das, er…?“ „Ja“, Shiori seufzte. „Er kann sich in einen Drachen verwandeln. Das ist seine Fähigkeit, und sie ist nicht zu unterschätzen. Die Heritei sind sehr gute Krieger, also reize sie besser nicht. Und ihr Blut hat heilende Kräfte. Jede Wunde kann durch das Blut eines Drachens geheilt werden.“ Sie seufzte erneut: „Eigentlich sollte er auch noch gar nicht hier sein….“
Keichi warf dem Mädchen einen fragenden Blick zu. „Ach so, ich vergesse immer wieder, dass du ja noch gar nichts davon weißt!“, sie lachte peinlichst auf. „Tut mir Leid. Aber vielleicht ist es besser, wenn dir das jemand anderes erklärt.“ Shiori nickte wissend nach vorne und erst jetzt bemerkte der Brünette die große Hütte, die sich vor ihnen aus dem Boden zu erheben schien. Sie war größer als die anderen, viel größer. Das einzige was gleich geblieben war, war die Bauweise. Keichi kam sich urplötzlich winzig klein vor. Er bekam auf einmal ein mulmiges Gefühl, wollte plötzlich schnell weglaufen und wieder nach Hause. Doch er wusste, dass es jetzt kein Zurück mehr gab, nicht mehr, jetzt wo er endlich erfahren sollte was hier vor sich ging.
Shiori musterte den Brünetten verwundert. Dann lächelte sie.
„Hey“, sprach sie und legte ihm aufmunternd eine Hand auf seine Schulter. „Keine Angst, niemand wird dich beißen. Und ich bin ja auch noch da.“ Sie zwinkerte ihm tröstend zu. „Na los, komm schon!“ Sie bedeutete ihm mit einer Handbewegung, ihr zu folgen und betrat leichtfüßig die große Hütte. Keichi zögerte. Dann entschied er sich ihr zu folgen. Was hatte er schon groß zu verlieren? Jetzt konnte er sowieso nicht mehr zurück, also konnte er sich genauso gut auf dieses Spiel einlassen. Ein Spiel, das vielleicht schon bald das größte Abenteuer aller Zeiten werden sollte.

Der Junge stieg über die steinige Türschwelle hinweg, immer noch mit einem unsicheren Gefühl im Bauch, und betrat vorsichtig den Raum. Seine Knie wurden weich und er musterte ehrfürchtig die Innenausstattung der Hütte. Die Wände waren aus uraltem, grauem Holz gezimmert worden, und an einigen Stellen waren tiefe Narben in die Bretter geritzt worden. Sie waren grob aneinander geschraubt worden, so als hätte es der Erbauer ziemlich eilig damit gehabt, und man fragte sich, warum das Haus sich eigentlich noch so gut über dem Boden hielt. An den grauen Wänden hingen Felle und Tierhäute riesiger Bestien, aber auch Regale, ebenfalls aus Holz, Pflanzen und bunte Teppiche schmückten den dunklen Raum. Fast wie in einer alten Jagdhütte. In der Mitte des Wohnbereichs, auf einem