Fanfic: The coldest eyes

Kapitel: I can't take the shot

Kapitel 4: I can’t take the shot

Sie drehte sich um, ganz langsam. Es war eigentlich unnötig, sie brauchte ihn nicht anzusehen, um zu wissen, wessen Hand dort auf ihrer Schulter lag…
Cole grinste breit, lächelte abwechselnd sie und den Polizeibeamten an. Er spielt wieder sein Spiel, dachte Merry. Er weiß, dass ich jetzt nichts sagen werde, er fühlt sich sicher. Er kann tun, was immer er will. Während sie noch in Gedanken war, verschwand Cole’s Lächeln und verwandelte sich in einen verwirrten Gesichtsausdruck. „Ich bin ziemlich überrascht dich hier zu sehen, ich dachte, du würdest um diese Zeit arbeiten. Oder hast du etwa wieder was ausgefressen?“ Ihr entging nicht der warnende Unterton in seiner Stimme, dem Polizeibeamten aber offenbar schon. Es schien ihm zwar ein Rätsel zu sein, woher sie sich kannten, doch er fragte nicht nach. Als er einsah, dass Merry ihn absolut nicht mehr wahrnahm, ging er weiter nach hinten ins Gebäude, vermutlich zu seinem Büro, um etwas Papierkram zu erledigen.
Was hatte Cole gesagt, sie müsse jetzt eigentlich arbeiten? Er hat Recht, erinnerte sie sich schockiert. Heute war Mittwoch, das heißt, sie hätte wieder Dienst auf der Kinderkrankenstation. Früher hatte es ihr Spaß gemacht, jeden zweiten Morgen die Kinder zu sehen, die in die Klinik kamen. Sie war keine richtige Ärztin oder Krankenschwester, eher so eine Art ehrenamtliche Helferin: Sie redete mit den Kindern, wenn sie sich einsam fühlten oder erzählte ihnen, dass so eine Spritze doch gar nicht so doll weh tun würde, bevor sie ihnen ein Stück Schokolade gab. Würde es überhaupt auffallen, wenn sie nicht mehr da war?
„Kann ich Ihnen helfen, Sir?“ Der Polizist von eben kam wieder, zusammen mit einem Kollegen, und Merry seufzte erleichtert. Sie wollte nicht mit Cole alleine sein, auf keinen Fall…
„Nein danke, das hat sich erledigt“, antwortete Cole mit seinem charmantesten Lächeln. „Ich wollte nur eben meine Arbeitskollegin abholen, alle fragen sich schon, wo sie solange bleibt.“ Er legte einen Arm um sie und bei dieser Berührung stellten sich all ihre Nackenhärchen auf. Er spielte wirklich nur. Er tat für die beiden Beamten so, als hätte alles, was sich zwischen ihm und Merry abgespielt hatte, gar nicht stattgefunden. Als wäre alles nur ein schlechter Traum von ihr.
Sie sagte nichts, stand nur ruhig da.
Wie sie sich gewünscht hatte, dass es so wäre…
Kein Wort kam über ihre Lippen.
Dass alles nur ein Traum wäre…
Sie hob nur langsam die Hand.
Ein schlechter Traum, ein Alptraum…
Sie deutete nun auf Cole und ihre Lippen zitterten leicht, als sie aussprach, was sie schon so lange tun wollte.
Aber sie wachte einfach nicht auf…
„Mörder…“ Das Wort stand ohne Zusammenhang einfach nur im Raum, und ihre Hand, die sie immer noch auf Cole gerichtet hatte, fiel wieder hinunter. „Mörder. Mieser Mörder“, wiederholte sie. Aber warum tat niemand etwas?! Die beiden Polizisten standen geschockt da. Alles schwieg, auch Merry wurde nun ruhig. Der einzige, bei dem man eine Regung erkennen konnte, war Cole. Als er ihre Worte realisiert hatte, schob er immer noch lächelnd die Hände in die Taschen. Der junge Polizist schien sich zu fassen, er wandte sich an Cole. „Sir, wir müssen…“, setzte er an, unterbrach sich jedoch mitten im Satz, als müsste Cole wissen, was er sagen wollte.
Und er wusste es. Er hatte es schon tausend Mal gehört, wenn er an die Polizei geraten war. Aber nie hatten die Beweise ausgereicht. Es war immer nur bei einem: „Sir, wir müssen ihre Personalien überprüfen. Haben Sie einen gültigen Pass?“ und ein paar Höflichkeitsfloskeln geblieben. Da es auch nie Zeugen gab, die gegen ihn ausgesagt hatten. Bis auf dieses eine Mal.
Er begann, langsam den Kopf zu schütteln. „Du weißt, so was darfst du nicht tun, Merry. Das ist falsche Verdächtigung. Ich bin enttäuscht“, meinte Cole und schaffte es sogar noch für einen kurzen Moment ein leicht enttäuschtes Gesicht an. Dann wurde der Platz dort wieder von seinem breiten Grinsen beansprucht.
ER ist derjenige, der denkt, es ist ein Traum. ER ist derjenige, der nicht realisiert was hier passiert, dachte Merry. Er denkt, wenn er nett guckt, kommt er hier wieder raus, doch das wird er nicht. Nicht jetzt, nicht schon wieder. Diesmal darf er nicht davon kommen.
Beinahe bereute sie es schon, etwas gesagt zu haben, es war ein Fehler. Cole hatte schon immer gewusst, wie er aus solchen Situationen wieder heraus kam. Was also, wenn ihm das auch nun gelang? Es würde ihm nicht reichen, sie einfach so zu töten. Es würde schmerzhaft sein…
„Sir?“, begann der Polizist wieder von neuem und trat einen Schritt auf Cole zu. Er stand nun zwischen ihm und Merry.
„Tut mir Leid, Officer, ich weiß, Sie machen nur ihren Job. Aber ich muss auch meinen Job erledigen, verstehen Sie? Und der ist leider, leider gar nicht so einfach.“ Cole seufzte, als würde er das, was er gerade sagte, wirklich ernst meinen. „Und dabei sind Sie mir im Weg.“ Bei dem letzten Satz hatte sich sein Ton schlagartig geändert. Merry hatte diese scharfe, endgültige Stimme nur einmal vorher gehört. Und das war vor zwei Tagen gewesen.
Als ob sie wissen würde, was nun geschah, hockte sie sich auf den Boden, drehte sich von den beiden Männern weg und hielt sich die Ohren zu. Sie sah dem anderen Polizisten nun direkt in die schock geweiteten Augen.
Er ist auch noch viel zu jung, dachte sie und hatte spontan das Bedürfnis, ihn zu trösten. Er sollte das hier auch nicht mit ansehen müssen…
Während Merry sich auf den Boden duckte, hatte Cole schon längst mit einer einzigen schnellen Handbewegung dem Polizeibeamten die Waffe abgenommen und sie auf dessen Kopf gerichtet. Der Mann hatte schon keine Zeit mehr, Cole auch nur noch einmal anzusehen: Cole schoss sofort und der Mann sackte nach hinten, als die Kugel in seinen Kopf drang. Er schlug nur wenige Zentimeter neben Merry auf.
Sie wollte ihn nicht ansehen, konnte aber dann doch nicht anders: Seine Augen blickten leer an die Decke, ohne irgendeinen Ausdruck. In seiner Stirn war ein fingerbreites Loch.
„Lassen Sie sofort die Waffe fallen!“, schrie der noch lebende Polizist und hatte nun seine eigene Waffe gezogen. Dann wandte er sich an Merry: „Gehen Sie in Deckung!“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie stolperte den Flur entlang, tiefer ins Gebäude hinein. Sie fing an, um Hilfe zu schreien, aber niemand hörte sie. Wahrscheinlich waren die beiden Polizisten die einzigen, die noch im Gebäude gewesen waren.
Als ein zweiter Schuss ertönte, hielt sich Merry wieder die Ohren zu. Ein dritter, ein vierter… Und jetzt schlug eine Kugel direkt neben ihr in die Wand ein. Sie stürzte sich auf die Türklinke eines leeren Büros, huschte ins Zimmer und warf so schnell sie konnte die Tür wieder hinter sich zu. Sofort setzten bei ihr auch schon Vorwürfe ein.
Sie hatte die Polizisten im Stich gelassen, alle beide. Was war sie auch so dumm gewesen, hierher zu kommen? Cole hätte ihnen sicher nichts getan, wenn sie ihn nicht hierher geführt hätte. Sie hatte dieses Monster auf sie losgelassen, und nun versteckte sie sich feige irgendwo. Und Cole hatte wieder Blut an den Händen. War sie es vielleicht, die all dieses Unglück heraufbeschwor? War sie es, die Cole immer wieder zu so etwas verleitete? Sie hätte nichts sagen dürfen, hätte ihn nicht als Mörder bezeichnen dürfen. Denn jetzt hatte sie ihn wieder zu dem gemacht.
Sie drehte den Schlüssel im Schloss herum und als sie sich dreimal versichert hatte, dass auch wirklich abgeschlossen war, sah sie sich mit klopfendem Herzen um. Ein Schreibtisch, ein Ledersessel, einige Akten… nichts Besonderes. Aber sie musste einen Weg hier raus finden. Cole würde es sicher irgendwann gelingen, durch die Tür zu kommen, doch es gab hier keine Fenster – und damit auch keinen Ausgang. Sie fing an, die Schubladen nach irgendwas zu durchsuchen, was ihr helfen könnte…
Plötzlich hämmerte es wie wild gegen die Tür und sie schreckte hoch. „Verdammt Miss, lassen Sie mich rein! Ich flehe Sie an!“ Es war der Polizist. Sie hatte ihn schon für tot gehalten, doch er hatte sich wohl noch eine Weile gegen Cole behaupten können. Sein Tonfall verriet aber, dass er verletzt war: er röchelte mehr, als dass er redete und seine Stimme überschlug sich immer wieder, sodass seine Worte nur schwer zu verstehen waren.
„Verdammt… Nein…“, jammerte der Polizist draußen. Es war mehr ein Flehen und sie hörte die schreckliche Angst heraus, die er hatte. Er wollte nicht sterben. Sie wollte gerade aufstehen und ihn herein lassen, als eine zweite wohlbekannte Stimme ertönte. „Ja, lass ihn rein, Merry. Du willst ihn doch nicht hier draußen mit mir allein lassen, oder? So wie du es bei unseren Kindern getan hast. Du weißt, was passieren wird…“ Cole’s Stimme wurde untermalt vom Jammern des Polizisten, und Merry sackte wieder in sich zusammen. Sie durfte nicht aufmachen, aber durfte sie den Polizisten dort draußen alleine lassen? Sie rief sich sein Gesicht in Erinnerung. Sie hatte ihn insgesamt nur zweimal angesehen und beide Male waren erst vor wenigen Minuten gewesen. Sie rief sich alle Einzelheiten von ihm ins Gedächtnis, an die sie sich noch erinnern konnte, und fasste dann ihren Entschluss.
Sie langte in die unterste Schublade des Schreibtisches und fand dort, was sie gesucht hatte: Eine kleine Pistole. Es war keine normale Waffe, wie sie Polizisten im Dienst verwendeten: Sie musste dem gehören, dem auch dieses Büro gehörte. Sie begutachtete den kühlen Stahl in ihrer Hand. Tausendmal hatte sie Cole mit seiner Hobby-Pistole gesehen. Damals, als sie noch glaubte, die Pistole wäre wirklich nur eines seiner Hobbys oder zumindest eine wieder vorbeigehende Phase.
Ein leises Klicken füllte den ganzen Raum, als sie die Waffe entsicherte. Irgendetwas Schweres prallte von