Fanfic: Orion

Kapitel: Erinnerung III

soo, rein theoretisch sollte jetzt manches in diesem Text kursiv erscheinen.. Ich hoffe, das funzt auch - irgendwie klappt das bei mir nie so ganz. Nya, wie dem auch sei - das fröhliche Gehopse zwischen Vergangenheit und Gegenwart geht weiter (und wird wohl auch in Zukunft so bleiben) - das löst hoffentlich keine Verwirrung aus?? Also, ihr merkt doch, wann ich in welcher Zeit bin, oder?? Ansonsten bitte melden, ich versuch dann mal, das irgendwie anders zu machen...

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Sie sieht mich mit einem seltsamen Ausdruck von unterdrücktem Entsetzen an und ich wende mein Gesicht ab. Genau davor habe ich mich gefürchtet, vor diesem Blick und dem Gedanken, der damit verbunden ist: Wer bist du wirklich? Und dann noch, etwas leiser aber dafür eindringlicher: Will ich das wirklich wissen?
Ich fahre mir seufzend mit der Hand über die Augen und massiere sacht mein Nasenbein. Die auf mich einströmenden Erinnerungen haben einen immensen Kopfschmerz verursacht, aber wenigstens hören die Erinnerungsschübe damit auf. Vielleicht sollte ich den Schmerz genießen, solange ich ihn habe, bin ich doch so zumindest vor meiner Vergangenheit sicher.
"Orion", höre ich sie sagen, ihre Stimme zu meiner Verwunderung sanft, und doch traue ich mich nicht sie wieder anzusehen, "dein Leben als Mensch..." Sie macht eine Pause und ich kann bildlich vor mir sehen, wie sie nach Worten sucht. "Ich... ich kann nicht glauben, dass du das warst. Ich meine, vielleicht war es ja dein Körper - aber nicht deine Seele, nicht du! Verstehst du, was ich meine? Du bist nicht verantwortlich für die Vergangenheit! Es war jemand anderes, damals!"
Ich hebe wortlos den Blick. Es wäre schön, ihr zu glauben - mich der Versuchung hinzugeben und all das einfach abzutun als etwas, dass jemand anderes irgendwann einmal getan hat - aber es geht nicht. So leicht kann ich es mir nicht machen. "Nein", widerspreche ich ihr, in ebenso sanftem Ton wie sie, aber bestimmt, "ich war es. Der gleiche, der jetzt vor dir steht, nur unter anderen Umständen."
Ein bitteres Lächeln zieht über ihr Gesicht. "Welche Umstände könnten denn schlimmer sein als diese?"

"Wow!" Sie klatscht begeistert in die Hände, "mach das nochmal!"
Ich lächele ihr zu, schließe die Augen und werfe das Messer mit langgeübter Präzision in die Spielkarte, die etwa 15 Meter von mir entfernt an einem Baumstamm lehnt. "Wow!" sagt sie wieder, kommt auf mich zu und legt sanft ihre Arme um mich, "du machst das super, weißt du das?"
Ich grinse zu ihr herunter - sie ist etwa einen Kopf kleiner als ich, die perfekte Größe, ihr Kopf passt genau unter meinen - und antworte: "Nur für dich."
Sie lacht und versetzt mir einen Stoß gegen die Rippen. Ich lasse sie los und reibe mir mit gespielt schmerzverzerrtem Gesicht die Seite. "Hey", murmele ich, "das tut doch weh."
"Jahaa, und das sollte es auch", gibt sie zurück, "ich hab dir doch gesagt, dass ich Schleimer nicht mag."
Der Wind fährt sanft durch ihre dunkelbraunen Haare und die letzten Sonnenstrahlen glühen golden in ihren Augen auf. Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. "Ja, sicher", erwidere ich, "aber das war - ausnahmsweise - sogar die Wahrheit."
Sie sieht mich mit einem strengen Blick an und stemmt die Hände in die Hüften. Ich lächele nur, packe ihren Oberarm und ziehe sie ganz dicht zu mir hin. "Du weißt, dass du mir gehörst?" flüstere ich, während ich meinen Kopf auf ihren bette. Ich spüre, wie sie lächelt. "So wie du mir."

Die Kopfschmerzen kehren explosionsartig zurück und vernebeln mir die Sicht. Ich keuche auf und kralle automatisch meine Finger in die Wand, deren Putz nachgibt und als graues Pulver meine Fingerspitzen einhüllt. "Was...? Orion?!" Eleonora berührt mich sanft an der Schulter und ich beiße mir auf die Unterlippe um sie nicht anzusehen. Wie könnte ich ihr je wieder in die Augen gucken, jetzt, nachdem ich mich an sie erinnert habe?

"Tanzt du mit mir?" Sie sieht mich bettelnd an, ein mir wohlbekannter Dackelblick, dem ich wohl kaum widerstanden hätte wenn ich ihn nicht an zu genügend anderen Gelegenheiten schon gesehen hätte.
"Nein", antworte ich und grinse sie zufrieden an.
Sie zieht einen Schmollmund. "Ryan, bitte", sagt sie, als würde die Nennung meines Namens sowie dieses lächerliche kleine Wort irgendetwas daran ändern, dass ich wildes Rumgezappel in der Disco für absoluten Kinderkram halte, "ich liebe dieses Lied!"
Ich werfe ihr einen ironischen Blick zu. "Und ich armer Tropf dachte immer, dass du mich liebst?!"
Ungewollt muss sie lächeln und sie lässt sich neben mir auf einem Barhocker nieder. "Und du? Liebst du mich?"
Der Bass wummert laut in meinen Ohren, meine Füße kleben auf dem Boden fest und von der Decke tropft mich Kondenswasser an. Ich sehe ihr warm in die Augen. "Wäre ich hier, wenn ich es nicht täte?"
Sie verzieht ein wenig ihr Gesicht. "Das ist keine Antwort", meint sie und dreht ihr Gesicht weg.
Ich stehe auf und ziehe sie in meine Arme. "Ich liebe dich", flüstere ich leise, und obwohl die Musik meine Stimme bestimmt verschluckt hat weiß ich, dass sie es gehört hat. Ihre Arme schlingen sich um meinen Körper und sie legt ihren Kopf auf meine Brust.

"Leia", sage ich japsend und kneife die Augen zusammen, um den verschwommenen Fleck vor mir besser erkennen zu können, "Leia!"
Eleonora runzelt die Stirn. "Ähh - nein", antwortet sie dann, "ich bin's, Eleonora, schon vergessen?"
Ich reiße erschrocken die Augen auf und sehe sie an. Kurzzeitig bin ich verwirrt, dass ihr Haar blond und ihre Augen in einem gräulichen Grün schimmern, dann komme ich mit Wucht wieder zu mir. "Nein", antworte ich hastig, "natürlich nicht." Das schlechte Gewissen muss in meinen Gesicht abzulesen sein, denn sie runzelt leicht die Stirn und legt ihren Kopf schief. "Wer ist Leia?"

"Lass uns gehen", sage ich, nachdem sie vom Tanzen - mit einem mir unbekannten Mann, der mir nicht sonderlich gefällt - zurückkommt. Sie wendet mir ihr erhitztes Gesicht zu. "Warum denn?" fragt sie unschuldig, doch ihre Augen strafen sie Lügen. Sie weiß genau, dass ich es hasse wenn sie mit anderen Männern tanzt oder sich mit ihnen trifft - es ist jedes Mal, als würde jemand ein heißes Messer in meinen Eingeweiden versenken und mit Genuß einmal um die eigenen Achse drehen.
Mein Gesicht wird ausdruckslos, wie immer, wenn ich meine Gefühle fast mit Gewalt kontrollieren muss. Einzig meine Augen sagen noch was ich fühle, doch ich wende sorgsam den Blick ab und sehe über ihren Kopf hinweg.
"Mir ist langweilig", antworte ich, und sie schenkt mir ein zuckersüßes Lächeln.
"Mir aber nicht", erwidert sie gelassen, "ich bleibe noch." Sie stürzt sich zurück ins Getümmel und ich kann ihr nur hilflos hinterher sehen. Ich weiß genau, was sie bezwecken will - wir beide kennen uns einfach zu gut, um nicht jede Handlung des anderen zu verstehen. Aber ich will ihr den Triumph nicht gönnen, will ihr nicht hinterher laufen, will viel mehr, dass sie zurückkommt.
Steif drehe ich mich um und lasse mich wieder auf den Barhocker fallen. "Ein Bier", bestelle ich, nur um einen Grund zu haben um dort sitzen zu bleiben, von wo aus ich sie gut im Blick habe. "Zwei", sagte eine Stimme neben mir, und ich wende überrascht den Kopf.
"Eileen!" Ein beiläufiges Lächeln huscht über meine Züge.
"Hey Ryan", sagt sie und blickt mich mit einem formvollendeten Augenaufschlag an, "so alleine?"
Ich deute vage auf die Tanzfläche. "Leia ist auch hier", informiere ich sie, "und wo ist Cal?"
Sie zuckt gelangweilt mit den Schultern. "Keine Ahnung", antwortet sie, "ich schätze, irgendwo bei den Pooltischen."
Ich grinse. Ja, da hat sie Recht - mein kleiner Bruder ist begeisterter Pool-Spieler, und ein sehr guter noch dazu. Alles, wobei man irgendwie ein bißchen Denken mit Sport verbinden kann ist seine Leidenschaft - er ist beispielsweise auch Junior-Schach-Meister unseres Bezirks - und zum wiederholten Mal frage ich mich, was dieser Wunderknabe bloß mit Eileen will, die zwar hübsch aber auch unbestreitbar dumm ist.
Der Barkeeper stellt ohne ein Wort zwei Gläser Bier vor uns ab, ich zahle und wehre das Geld ab, dass sie mir zu zu stecken versucht. Es wird eine Art Kabbelei daraus, doch schließlich kann ich sie überzeugen und wir stoßen an. Momente später spüre ich, wie mich zwei wohlbekannte Hände von hinten umfassen und sich jemand an mich lehnt.
"Leia", begrüßt Eileen sie mit wenig Begeisterung in der Stimme, und Leia nickt nur knapp. "Eileen."
Ich lächele. Wenn ich eifersüchtig bin, so ist Leia es erst Recht, und der Gedanke versetzt mir - so albern er auch ist - einen freudigen Schauer. "Hmm, Schönste", murmele ich wohlig, drehe mich zu ihr um und ziehe sie halb auf mich, "wollen wir jetzt gehen?"
Sie wirft noch einen Blick auf Eileen und nickt dann entschlossen. "Ja."

"Sie... sie ist.. war... ist.." Ich hole tief Luft und fahre mir durch die Haare. "Wir waren ein Paar, früher."
Eleonora sieht mich mit einem schwer zu deutenden Blick an. "Ach ja?"
Ich werfe ihr einen kurzen Blick zu. "Kein Grund zur Eifersucht", sage ich tonlos, "sie ist tot."

"Wollen wir ein Taxi nehmen?" frage ich, als wir draußen sind, und reibe mir die Oberarme. Es ist beißend kalt und die Jacke schützt mich nicht sonderlich.
Leia antwortet nich und ich lupfe eine Augenbraue.