Fanfic: Orion
Kapitel: König
Was bin ich eifrig, hoioioi, auch hier gibt es schon wieder ein neues Kapitelchen. Und ich konnte endlich einen meiner Lieblingscharas wieder ausgraben, haaaaach, was für eine Freude..
***
"Du?!" Ihre Augen wandern über meinen Körper als würde sie mich zum ersten Mal sehen, und sie sieht nicht sehr überzeugt aus.
Vermutlich zu recht - immerhin werden die Rosar auch als "Schönes Volk" betitelt und im Moment bin ich sicherlich alles andere als eine Augenweide. Eher das Gegenteil, mit meiner zerrissenen Kleidung und den ganzen Blut- und Dreckspuren, von meinem abgekämpften Gesichtsausdruck ganz zu schweigen.
Aber das ist im Moment so ziemlich das letzte, an das ich einen Gedanken verschwende. "Ja, ich", antworte ich ruhig und hebe meinen Kopf, um sie ein wenig aufmerksamer zu betrachten - wohl zum ersten Mal seit sie mir eröffnet hat, dass meine Augen jetzt grün sind. Als hätte diese simple Aussage meinen Kopf komplett leergefegt für alles, was jemand anderes als mich betrifft.
Ihre blonden Haare fallen sanft um ihr Gesicht und ihre Augen gleiten immer noch über mich, als würde sie irgendwelche Spuren einer unentdeckten Schönheit in mir suchen. "Woher weißt du von den Rosar?" frage ich, bevor sie noch näher auf meine Verwandtschaftsbeziehung zu diesem hartherzigen Volk eingehen kann oder mir uncharmant mitteilt, dass ich so gar nicht der Vorstellung eines Rosar entspreche, und ein schwaches Lächeln zieht über ihre Lippen.
"Sie sind Sagengestalten, genau wie Drachen, Einhörner und...", sie zögert einen Moment, bevor sie mit einem schiefen Lächeln anhängt: "...Vampire."
Ein trockenes Lachen entfährt mir. "Sagengestalten, was?" frage ich ironisch, während mir plötzlich ein abstruser Gedanke durch den Kopf zischt. Sie hat Recht, wir sind Sagengestalten - und wir existieren! Bedeutet das, dass auch all die anderen Fabelwesen die Erde bevölkern? Einhörner, Drachen, Manticore, vielköpfige Schlangen?
"Meine Großmutter hat mir immer von ihnen erzählt", sagt sie leise, und ihre Stimme durchschneidet meine Gedanken wie ein scharfes Messer, "früher, als sie auf mich aufgepasst hat, damit ich einschlafen kann."
Fast dankbar für die Unterbrechung dieses Brainstormings blinzele ich ein paar Mal und lege den Kopf schief. "Was hat sie denn genau erzählt?"
Sie runzelt ein wenig nachdenklich die Stirn. "Nicht viel. Nur, dass sie wunderschön sind. Dass sie an einem anderen Ort wohnen, weit weg, an dem es schrecklich kalt ist... Und dass sie über die Elemente herrschen. Feuer, Wasser, Wind und Erde." Sie zuckt mit ihren Schultern.
Ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht. "Das stimmt", bestätige ich leise, während ich kurz überlege ob ich ihr davon erzählen soll, dass die Rosar noch dazu eine tiefe Abneigung gegen alles Menschliche spüren und nur darauf warten, dass diese Rasse sich endlich ausrottet und sie dann den Planeten bevölkern können, "aber nicht alle Rosar herrschen über alle Elemente. Ein Halbrosar nur über ein Element, ein ganzer Rosar über zwei... und die Königsfamilie über alle vier."
Sie presst unmerklich ihre Lippen aufeinander. "Und wieviele Elemente beherrschst du?"
Ich zögere. "Drei", antworte ich dann, da ich die Wahrheit ja doch nicht verheimlichen kann.
Ihre Augenbrauen heben sich. "Und wie kann das passieren?" Leichter Spott klingt in ihrer Stimme mit, den ich ihr nicht verübeln kann. Schließlich muss das hier alles für sie noch überraschender kommen als meine Erinnerung für mich. Der Spott ist ein Schutzschild, und doch tut er weh.
Ich lasse mir meine Gefühle jedoch nicht anmerken. "Das passiert, wenn du deinem Bruder ein Element schenkst, damit er deinen Freund am Leben erhält", erwidere ich und beiße meine Zähne so fest aufeinander, dass meine Kiefermuskeln wie kleine, harte Tischtennisbälle aus meine Gesicht hervorgucken.
Sie sieht mich einen Moment lang durchdringend an und wendet dann den Kopf ab. "Ich weiß, dass das für dich alles völlig logisch klingt", sagt sie in bemüht neutralem Ton, "für mich ist das hier allerdings komplettes Neuland. Du verwirrst mich, mehr als du dir wahrscheinlich vorstellen kannst." Ihre Augen blicken mit kühler Sachlichkeit in die meinen. "Wenn du es nicht erzählen willst, dann lass es. Aber hör auf, mir nur Bruchstücke mitzuteilen und zu erwarten, dass ich dich dadurch verstehe!"
In meinem Hals bildet sich ein Kloß von der Größe Australiens. "Es tut mir leid", höre ich mich sagen, und selbst in meinen Ohren klingt die Floskel abgedroschen und nicht aussagekräftig genug für das, was es zu entschuldigen gilt, "wirklich." Ich balle die Fäuste und hole tief Luft. "Ich weiß nicht, ob ich dir alles erzählen kann. Und das nicht nur, weil ich nicht darüber sprechen will..." Ich seufze und sehe ihr in die Augen. "Du würdest gehen, wenn du alles weißt. Und ich will nicht, dass du gehst."
Sie schüttelt humorlos lächelnd ihren Kopf. "Ich bin nicht hier wegen dem, das du warst, Orion", erklärt sie ruhig, "sondern wegen dem, was du bist. Deine Vergangenheit ändert nichts daran." Sie macht eine kurze Pause, sieht auf den Boden und dann wieder in mein Gesicht. "Du weißt auch nicht alles über mich. Sehr wenig sogar. Ich hab auch Sachen getan, auf die ich nicht stolz bin." Sie schweigt wieder, ein langes Schweigen, doch ich ahne, dass sie noch nicht fertig ist und erwidere nichts. Nach einigen Minuten fährt sie fort. "Wir müssen nicht alles voneinander wissen. Aber du..." Seufzend fährt sie sich durch ihr Haar. "An dir ist so vieles, dass ich nicht verstehe! Und wenn das mit uns irgendwie klappen soll - dann musst du mir einen kleinen Ausblick auf das erlauben, was du bist!"
Ich senke betroffen den Blick und mir wird klar, wie Recht sie damit hat. Auch wenn ich Angst habe, sie durch meine Vergangenheit zu verscheuchen - sie zu verschweigen ist nicht unbedingt die bessere Wahl. So würde sie auch gehen, nur würde ich dann nie wissen, was hätte sein können.
Also hole ich tief Luft und beginne, zu erzählen - von dem Augenblick an, als ich als Vampir erwacht bin bis zu dem Zeitpunkt, als ich meinem Bruder den Brustkorb aufgeschnitten habe, um sein Herz zu verbrennen.
Sie sagt keinen Ton während der ganzen Zeit, in der ich ohne Unterlass erzähle und die Dunkelheit sich allmählich über das Haus legt, und auch wenn mich ihre anhaltende Stille verunsichert zwinge ich mich, weiter zu sprechen. Wenigstens das bin ich ihr schuldig.
"Und, was ist mit den Rosar?" fragt sie schließlich, als ich geendet habe, und zu meiner stillen Verwunderung klingt kein Vorwurf in ihrer Stimme mit. Nur Interesse. "Warum suchst du nicht mehr nach ihnen? Nach Can? Und Molin?" Bei der Nennung ihres Namens senkt sie kurz den Blick, und ich lächele ungewollt.
"Die Rosar verachten mich", antworte ich leise und sinnend, während ich im Geiste nochmal die Qual durchgehe von der Zeit, als ich erkannte, dass ich weder Can noch Molin wegen der verfluchten Sturheit der Rosar je wiedersehen werde, "sie helfen mir nicht. Ohne sie kann ich nicht zurück, und sie sterben lieber als mir den Weg zu zeigen."
Sie zieht verwirrt ihre Augenbraue hoch. "Aber du bist ihr Kronprinz! Wenn Narziss tot ist..."
Ich presse die Lippen aufeinander. Ähnlich habe ich auch mal gedacht. "Ja, wenn er tot ist", wiederhole ich, "aber ich bin mir da inzwischen nicht mehr so sicher."
Stille legt sich zwischen uns, eine unangenehme und drückende Stille.
"Begrüßen Sie mit uns das Ballkönigspaar - Ryan Ope und Leia Walker!"
Es war zu erwarten gewesen, dass wir gewinnen würden. Auch wenn mir noch zwei und Leia sogar drei Jahre bis zum Abschluss fehlten, so waren wir doch irgendwie mit zu den beliebtesten Schülern aufgestiegen - was ich persönlich nur daran festmachte, dass ich mit Leia zusammen war. Es gab wohl keinen Schüler, der sie nicht mochte - keinen männlichen, der mich nicht um sie beneidet hätte und keinen weiblichen, der nicht gern wie sie gewesen wäre.
Tja, und ich - immerhin spielte ich im Schulteam Basketball. Sogar ziemlich gut.
Wäre Leia noch Cheerleader gewesen, so wären wir das perfekte Klischee des amerikanischen Teenagerpaares.
Ich werfe ihr ein gequältes Lächeln zu - schließlich weiß sie, wie ungern ich im Rampenlicht stehe und dann auch noch im Anzug, zu dem sie mich überredet hat - biete ihr meinen Arm und führe sie dann auf die Bühne. Sie strahlt mich an, anscheinend mehr als nur zufrieden, und lässt sich mit einem leisen "Danke!" das Plastikkrönchen auf ihr Haar drücken. Mir wird, zu meinem Horror, ein ähnliches Ding aufgesetzt und ich bekomme auch noch einen blauen Umhang um die Schultern gelegt, ebenso wie sie einen roten bekommt.
"Und jetzt - der Königstanz!" kündigt unser Direktor uns enthusiastisch an, und ich nehme gottergeben ihre Hand und geleite sie auf die Tanzfläche. Das Scheinwerferlicht sticht mir unangenehm in die Augen, während ich sie vor den Augen der gesamten Schule sanft in meinen Arm im Takt der Musik hin und her wiege.
"Genießt du das hier nicht ein bißchen?" fragt sie schließlich und sieht mich aus großen braunen Augen ein wenig enttäuscht an.
"Kaum", antworte ich wahrheitsgemäß, "aber immerhin tanze ich mit dir und nicht mit Linda Boyle."
Sie schnaubt und dreht ihren Kopf, um eben jene junge Dame herausfordernd anzusehen. "Sie hat übrigens behauptet, ihr wärd letzlich zusammen weggewesen."
In ihrer Stimme klingt ein klein wenig Eifersucht mit, und ich lächele leicht. "Ach ja?" frage ich unschuldig,