Fanfic: Orion

Kapitel: König II

Jaja, es geht weiter. Übers WE hat mich irgendwie die Schreibwut gepackt, und das Kapitel ist sogar recht lang geworden. Dismas ist ein bißchen out of control, aber so kennen wir ihn ja schon...

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Da ich keine Anstalten mache, mich irgendwie zu bewegen und so den mir wie eine tickende Zeitbombe zugeschobenen Platz des Königs der Boten einzunehmen, fängt Dismas leise und kontinuierlich an zu knurren, ein dumpfes Grollen, das tief aus seinem Brustkorb zu kommen scheint, und es hätte mich wirklich nicht sonderlich gewundert, wenn er im nächsten Augenblick angefangen hätte seine Zähne zu fletschen.
"Kommst du jetzt?" fragt er sichtlich genervt und seine goldgelben Augen bohren sich herausfordernd in die meinen.
"Ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll", sage ich schwach und versuche vergeblich, die auf mich einschwappende Riesensturzwelle der Verantwortung zu überleben, die da so plötzlich auf mich einströmt. Eben saß ich hier noch hier und habe krampfhaft versucht herauszufinden, wer ich wirklich bin - und jetzt soll ich einer Horde von Boten entgegen treten und mich aufführen wie ihr König?
Ich habe mich noch nie weniger majestätisch gefühlt als in diesem Augenblick und lasse langsam die Lider sinken.
"Sie sehen zu dir auf, Orion", dringt Dismas Stimme leise an mein Ohr, zu meinem stillen Erstaunen frei von jeglichem Spott, "du darfst sie nicht enttäuschen."
Ich seufze und sehe ihm in die Augen. Und was ist mit mir? frage ich mich still, mich selbst darf ich enttäuschen?!
Er legt leicht den Kopf schief und hebt auffordernd das Kinn. Ich hole noch einmal tief Luft und wünsche mir sehnlichst, das Wort Prophezeiung niemals gehört zu haben - sobald irgendetwas über meine vorbestimmte Zukunft verlautet wurde, hatte ich nur Pech. Aber konnte man damit überhaupt Glück haben? Konnte man jemals zufrieden damit sein, dass man nur als Spielfigur auf einem riesigen Schachbrett diente, selbst wenn man als König auftrat?
Ich seufze abermals, diese Gedanken zwar als durchaus richtig aber auch als völlig irrelevant erkennend, und drehe mich zu Eleonora um. "Du solltest schlafen", weise ich sie an, "oben sind genug Zimmer."
In ihren Augen blitzt Unwillen auf, doch bevor sie irgendetwas dementsprechendes sagen kann drehe ich ihr demonstrativ den Rücken zu und eile, Dismas vor mir her schiebend wie einen zu groß geratenen Einkaufswagen, aus dem Flur. Auch wenn ich das Gefühl hartnäckig zu bekämpfen versuche - ich bin fast erleichtert, nicht mehr bei ihr sein zu müssen. Zu anstrengend ist der Balanceakt zwischen meiner bekannten sowie meiner bisher unbekannten Vergangenheit, der Gegenwart und den plötzlich wieder erwachenden Gefühlen. Leia...
Ihr Name hängt wie ein Damokles-Schwert über meinem Kopf und mein schlechtes Gewissen raubt mir schier den Atem. Wobei mir nicht mal ganz klar ist, wem gegenüber ich mich schuldig fühle - Leia gegenüber, weil ich sie vergessen hatte und mich wieder verliebte?
Oder Eleonora gegenüber, weil ich mich an eine vergangene Liebe zurückbesonnen hatte, die niemals ersetzt werden kann?
Von Molin und Can ganz zu schweigen, die ich irgendwann einfach ihrem Schicksal überlassen und selbst den Versuch aufgegeben hatte, sie jemals zu retten.
Ich schüttele betrübt den Kopf, lasse meine Hand von Dismas' Schulter heruntersinken und verlangsame meine Schritte. Solange habe ich all das erfolgreich verdrängen können, die ganze Zeit die ich bei Bathelem hatte dienen müssen sorgsam in dem hintersten Winkel meines Gedächtnises verborgen, und nun hatte ich all die alten Wunden wieder aufgerissen wie um zu prüfen, ob sie noch immer so schmerzten wie vor 80 Jahren.
Und, wie ich ohne das geringste Erstaunen bemerke, das tun sie. Es tut noch immer genauso weh, dass ich die Frau die ich liebte und meinen besten Freund verloren habe - und schlussendlich, auch wenn mir keiner von beiden wohl einen Vorwurf machen würde, allein durch meine Schuld.
Aber als ist dieser erneut in mir aufbrechende Schmerz nicht genug, gesellt sich jetzt auch noch das Wissen dazu, dass ich bereits vorher geliebt habe - sogar noch endgültiger und verhängnisvoller als zuvor. Dass ich die Brüder, die ich nun hasse und verabscheue, einstmalst bewundert und verehrt habe.
In Gedanken versunken bemerke ich kaum, wie Dismas vor mir stehen bleibt und mich prüfend mustert. Als ich den Kopf hebe und ihn ansehe, bemerke ich die stumme Frage die in seinen Augen steht. Was ist los?
Ich schlucke und fahre mir mit den Händen durchs Haar. "Ich weiß nicht, ob ich das kann."
Er neigt leicht den Kopf, die Andeutung eines verständnisvollen Nickens. "Du kannst das", sagt er zuversichtlich und wirft einen Blick in den Gang vor uns, als würde er die Boten, die nicht weit von uns entfernt sind, schon riechen können, "ganz sicher."
Ein leises Schnauben entfährt mir und ich werfe ihm einen ironischen Blick zu. "Ganz sicher?" wiederhole ich fragend, "oder sagst du das jetzt nur, damit ich endlich die letzten paar Schritte gehe und du nicht mehr mit mir alleine sein musst?"
Der Anflug eines Lächelns spielt in seinen Mundwinkeln und er wendet seinen Blick wieder mir zu. "Vielleicht beides", antwortet er vage, bevor er schließlich tief und laut Luft holt.
"Was ist denn los, Orion? Wo ist der Mann hin, der eben noch eine ganze Armee angeführt hat? Wo ist dein Selbstvertrauen?"
"Tja, genau das ist das Problem", erwidere ich leise und sehe kurz in einen der zahlreichen Spiegel, die die Flurwand säumen, "ich schätze, diesen Mann gibt es nicht mehr."
Er runzelt unwillig die Stirn und tritt einen Schritt an mich heran. "Weißt du, es trifft dich vermutlich hart, aber auch ohne deine hübschen blauen Augen bist du immer noch du. Außerdem sieht grün auch nicht übel aus."
Seine Ironie prallt an mir ab wie an einem Schutzschild. "Darum geht es überhaupt nicht", sage ich mit immer noch abgewandtem Gesicht, "ich habe mich an meine Vergangenheit erinnert."
Eine seiner Augenbrauen hebt sich fragend und er wirft mir einen schiefen Blick zu. "Und? Hast du vorher an Amnesie gelitten?!"
Ich verdrehe die Augen und sehe ihn böse an. "Untote erinnern sich für gewöhnlich nicht an ihr Leben."
Er starrt mich einen Augenblick lang wortlos an und zuckt dann mit den Schultern. "Und?" fragt er dann, ganz offensichtlich nur aus Höflichkeit und nicht aus Interesse, "wie war dein Leben so?"
Der Geruch von Schießpulver und Blut... Dorian... Allan... Und Leia. Leia. Leia...
Ohne, dass ich es bemerke, bohren sich meine Zähne in meine Unterlippe. "Nichts besonderes", antworte ich schließlich gedämpft und blinzele die sich bildenen Tränen hartnäckig weg.
Sein Blick liegt noch einen Moment lang skeptisch auf mir, dann zuckt er abermals mit den Schultern und dreht sich um. "Wenn du es sagst", meint er mit leicht genervtem Unterton, "dann ist es wohl so." Er wirft mir über seine Schulter hinweg einen auffordernden Blick zu. "Komm schon, du wirst erwartet!"
Ich setze mich seufzend in Bewegung, innerlich immer noch völlig durcheinander.
"Ich verstehe das nicht", murmele ich leise, während ich wie ein zum Schlachten bereites Schwein hinter ihm hertrotte, "die Boten... Sie haben mich nie als einen der ihren akzeptiert. Mich nie gemocht. Aber nachdem ich mir ein dämliches Schriftzeichen auf die Hand gemalt habe, halten mich alle für den König."
Er bleibt abrupt stehen und ich wäre um ein Haar in seinen Rücken gerannt. "Bist du wirklich so blöd?" fragt er mit schon etwas mehr als bloßer Ungeduld in der Stimme, "oder tust du nur so?"
"Was?!" frage ich ein wenig entgeistert, "hast du grade blöd gesagt?"
Er dreht sich mit einer blitzschnellen Bewegung um und schnaubt genervt. "Die Boten haben mich nie gemocht, buhuu", äfft er mich affektiert nach, "ich war nie einer der ihren, buhuu."
Mein Gesicht verhärtet sich und bevor ich wirklich weiß, was ich tue, habe ich ihn auch schon so heftig vor die Brust gestoßen, dass er wie betrunken durch den Flur taumelt. Seine Augen blitzen wütend auf.
"Denk doch mal nach, Orion", knurrt er, "du warst schon immer der König. Ihr König. Sie haben es immer gewusst, ihre Gefühle aber nicht einordnen können. Jetzt wissen sie es. Du konntest nicht dazu gehören - Könige gehören nicht zum Volk!"
Eine Sekunde lang bin ich wie vor den Kopf gestoßen. "Zum ... Volk?" echoe ich schwach, und er verdreht die Augen.
"Ja", bestätigt er mit einem entnervten Nicken, "zum Volk. Den Boten."
"Oh", sage ich leise und schlucke schwer.
Er schüttelt mit einem müden Lächeln den Kopf, dreht sich dann um und geht weiter. "Steh da nicht rum wie ein Schaf..."

"Diese Wolke da sieht aus wie ein Schaf", meint sie schläfrig und bewegt ihren Kopf etwas, mich durch ihre Haare zum Lachen reizend.
"Hör auf zu lachen", verlangt sie und drückt ihren Kopf zur Untermalung ihrer Wort etwas fester in meinen Bauch, wodurch sie mir erfolgreich die Luft aus dem Körper presst.
Ich japse leise auf und lege ihr begütigend meine Hand auf die Stirn. "Hey, keine Aufregung", flüstere ich und streiche sanft mit dem Daumen über ihre Schläfe, "ich lache gar nicht."
Sie gibt ein zufriedenes Geräusch von sich und kuschelt sich noch enger an mich. Ganz langsam lasse ich die Lider sinken, das friedliche Bild des Himmels über mir ausblendend, und gebe mich ganz der Perfektion des Augenblickes hin. "Ich liebe dich", sage ich ganz leise, kaum mehr als ein Wispern, aber sie hat es trotzdem