Fanfic: Orion

im Moment nur recht ist. So muss ich wenigstens nicht über meine derzeitige oder meine damalige Lage nachsinnen sondern bin wieder auf die niedere Art meiner Existenz herabgesunken, mich nur von Instinkten und irgendwann gelernten Verhaltensweisen leiten lassend - auch wenn ich in diesem Zustand kaum mit dem wohltrainierten Jäger vergleichbar bin, der ich sonst bin. Aber leider ist "sonst" zu einer mir abhanden gekommenen Gemüstlage geworden, vermutlich für länger wenn nicht sogar für immer.
Die Tür ist nur angelehnt, aus was für Gründen auch immer - und wahrscheinlich sollte ich mich mehr über diese Tatsache aufregen, da dieses Haus ja inzwischen nicht mehr nur meine Schlafstätte sondern zu meiner Königsresidenz mutiert ist, aber es lässt mich denkbar kalt - und ich stoße sie geistesabwesend mit der Hand auf und bade eine Sekunde lang in der kühlen Nachtluft.
Die Natur hat die vergangenen Stunden genutzt um die blutigsten Spuren des hier abgelaufenen Massakers zu vertuschen und über die ganze Szenerie eine barmherzige Schneeschicht gelegt, die mir zwar auch ein diffuses Gefühl des Friedens aber größtenteils eine Gänsehaut beschert. Ein Blick in den Himmel verrät mir, dass die Wolken sich verzogen haben und ich somit in silbernes Mondlicht getaucht bin, was auch meine Vermenschlichung erklärt.
Die Lust, hier draußen anstatt in einem behaglichen Bett zu sein, sinkt von Sekunde zu Sekunde mehr, aber ich kümmere mich nicht um meinen protestierenden Körper und stapfe langsam durch den Schnee auf das Eisentor zu. Dieses ist, zum Hohn meiner vorangegangen Gedanken, verschlossen und bewegt sich keinen Zentimeter.
Entmutigt lasse ich meinen Blick an den langen Eisenstangen empor wandern und überlege kurz, daran hochzuklettern - was ich allerdings sofort für unmöglich erkläre. Ich bin bis auf die Knochen ausgelaugt und für eine Kletterpartie dieser Größenordnung einfach viel zu erschöpft. Das letzte Mal, als ich das machte, hatte ich dabei auch nicht gerade eine besonders gute Figur gemacht - und dass ich es jetzt besser machen könnte ist mehr als lächerlich. Ich seufze leise und drehe mich wieder um, den Kopf in den Nacken legend um die Sternenpracht über mir besser wahrzunehmen.
Der Mond ist nur als schmale Sichel erkennbar, halb verdeckt hinter schleierartigen Wolken, die mehr einen Nebel- als einen wirklichen Wolkencharakter haben, und die Sterne scheinen mich anzublinzeln als wollten sie mir Geheimnisse erzählen oder von meiner mir ungewissen, ihnen aber sicherlich bekannten Zukunft berichten.
Die Bäume rauschen sacht und ich schließe die Augen, die Stille und den trügerischen Frieden des Augenblickes genießend, als über mir ein keckerndes Lachen ertönt.
Ich fahre herum und aus alter Gewohnheit gleiten meine Hände sofort an meinen Gürtel, eines der Messer daraus heraus lösend. Ein weiteres spöttisches Lachen ist die Antwort auf meine Bemühungen, und endlich erkenne ich die Quelle dieses Lachens.
Es ist eine Frau - oder eher ein junges Mädchen - das mit überschlagenen Beinen auf dem Eisentor sitzt. Keine Ahnung, wie sie dort so geräuschlos heraufgekommen ist, dass ich es nicht wahrgenommen habe - vielleicht war ich auch einfach so in meine Himmelsbetrachtung versunken, dass ich die Klettergeräusche einfach überhört habe. Kein Kompliment für meine Fähigkeiten, aber trotzdem gefällt mir dies besser als die Möglichkeit, dass sie tatsächlich lautlos da oben angelangt ist.
"Wenn das nicht der Sohn der Sonne ist", spöttelt sie, während ihre Haare sanft um ihr Gesicht wehen, "der große Orion, wenn ich nicht irre?"
Ich lasse langsam das Messer sinken, behalte es jedoch in der Hand - man kann ja nie wissen. So ungefährlich dieses Mädchen auch aussieht - in meiner derzeitigen Verfassung könnte mich wahrscheinlich sogar ein Dackel zu Tode beißen.
"Orion reicht", antworte ich und versuche vergeblich, Einzelheiten ihres Gesichts zu erkennen, das durch ihre Haare und die Dunkelheit der Nacht verdeckt wird, "und du bist?"
"Ich bin Louise", erwidert sie, springt in einer behänden Bewegung auf die Füße, elegant auf dem dünnen Metall balancierend, "eine Lahrdi."
"Lahrdi", echoe ich leicht zweifelnd und versuche, den Begriff irgendwo einzuordnen, was mir jedoch nicht gelingt.
"Ja", antwortet sie und springt vom Tor, sodass wir durch die Stäbe getrennt sind, "einer der gefallenen Engel."
Ich sehe sie ungläubig an und sie lacht - wieder einmal, anscheinend bin ich für sie eine einzige Lachnummer - glockenhell auf und verschwindet mit einigen langen Sätzen in der Nacht. Ich sehe ihr nachdenklich hinterher und überlege einen Moment, ob ich mir die Begegnung nur in meinem ohnehin schon angeschlagenen Geist eingebildet habe oder ob sie wirklich passiert ist.
Mit einem leisen Seufzer drehe ich mich um und gehe ins Haus zurück, auf direktem Weg in die Bibliothek. Dem Mondlicht entronnen werde ich wieder zum Boten und meine Augen werfen ein schwaches Licht auf die sich mir darbietenden Bücherrücken. Hier irgendwo, da bin ich sicher, muss eine Art Enzyklopädie sein - und tatsächlich, nach einigen Minuten werde ich fündig. Ich hieve den Teil von K - L aus dem Regal und schleppe ihn zu einem kleinen Tischchen.
Die Seiten sind abgegriffen und fleckig, anscheinend ist das nicht die allerneueste Auflage des Werks, und doch gibt es einen kleinen Abschnitt zu den "Lahrdi", in den ich mich sofort versenke.

Als Lahrdi bezeichnet man eine bestimmte Spezies weiblicher Sagengestalten mit übernatürlichen Fähigkeiten. Ihre Existenz konnte nie nachgewiesen werden.

Das, und mehr nicht. Als könnten diese zwei Sätze irgendwie helfen. Frustriert will ich das Buch wieder zuschlagen, als ich eine kleine Notiz auf der Buchseite bemerke: Geister.
Geister?!
Meine Verwirrung ist komplett, und ich bin zu mitgenommen um noch eine Sekunde länger über dieses unsägliche Thema - geschweige denn irgendein anderes - nachzudenken, lege die Beine hoch und schließe die Augen. Komme, was da wolle, jetzt muss ich erst mal schlafen.