Fanfic: Orion

jedes Geräusch.
Dann, endlich, höre ich das vertraute Knarren der Tür und fahre herum.
Meine Augen quellen mindestens fünf Zentimeter hervor und es erscheint mir fast wie ein Wunder, dass meine Augäpfel nicht mit einem satten "Klong" auf dem Boden landen.

Ihr Geruch ist verwirrend, nicht ihr usprünglicher, ganz eigener Duft. Zwar kann ich immer noch das Aroma ihres Rosenshampoos riechen, doch ihr persönlicher Geruch ist kaum noch wahrnehmbar, überdeckt durch eine merkwürdige Mischung aus Schweiß und Moschus, die mich wütend macht. Ich schließe die Augen und presse die hervorquellenden Tränen zurück, die nur zu gerne auf den Boden fallen wollen um von meiner Schwäche zu berichten.
"Wo warst du?" frage ich stattdessen und achte sorgsam darauf, dass wir noch etwas Abstand zwischen uns haben. Sie zu berühren wäre mir jetzt unerträglich.
"Ich.. ich war..." Die Schuld steht ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, doch noch stärker ist der Schmerz, der sich in ihren Augen ob meiner Ablehnung widerspiegelt.
Mein Herz krampft sich zusammen - einerseits, weil ich plötzlich mit unumstößlicher Gewissheit sicher bin, dass sie mich betrogen hat. Andererseits aber, und dieser Teil ist fast größer als der andere, weil ich es nicht ertragen kann, sie leiden zu sehen. Mehr noch als mein eigener Schmerz trifft mich der ihre, die seelische Qual, die sie meinetwegen fühlt.
"Wo?" Meine Stimme klingt hart und ich mache keinen Versuch, sie auch nur eine Spur weicher klingen zu lassen. Sie hat mich betrogen, mehrmals sogar - und wie musste ich es erfahren? Durch eines ihrer Abenteuer, der mir ihren BH vor der Nase herumgeschwenkt hat! Und hier steht sie nun, ihr Geruch noch durch seinen überlagert, und erwartet Vergebung von mir!
"Es tut mir so leid, Ryan", sagt sie leise und heftet bittend ihren Blick auf mich, "so leid."
Wieso?! will ich eigentlich schreien, warum zur Hölle hast du das getan?!
Stattdessen sammele ich alle Abscheu in meinem Inneren zu einem eiskalten Blick zusammen und deute auf die Tür. "Du kannst gehen."
Sie wendet sich um und geht langsam von mir weg, mit jedem Schritt die Kluft zwischen ihr und mir um Ozeanesbreite erweiternd und Stücke meines Herzens mit sich reißend, ohne es zu bemerken.
"Ich musste es tun, weißt du", sagt sie schließlich, als sie die Tür erreicht hat und schon die Klinke in der Hand hält, "ich musste wissen, ob das zwischen uns etwas besonderes ist - oder ob es jedem passieren kann." Sie hebt kurz den Kopf und wirft mir einen letzten, scheuen Blick zu. "Das tut es nicht", flüstert sie dann, "es ist etwas besonderes. Aber ich bin nicht wie du, der so etwas sofort erkennen kann."
Mit diesen Worten huscht sie aus dem Zimmer und lässt mich zurück, sich wahrscheinlich nicht einmal dessen bewusst, dass sie mir so eben das Leben um einiges erschwert hat.

Ich senke die Lider, verdränge die Erinnerung und befasse mich wieder mit dem, was vor mir liegt.
Tizian.
Es ist als würde ich einen Geist sehen - und streng genommen ist er für mich nichts anderes. Ein Geist, eine vorbeiziehende Erinnerung an längst vergangene - und verdrängte - Tage. Er sieht mich ausdruckslos an, die grünen Augen stur auf den Boden vor ihn gerichtet als würde er diesen meinem Gesicht vorziehen.
Ich räuspere mich und sehe ihn abwartend an. "Erinnerst du dich an mich?"
Der Hauch eines Lächelns zeigt sich in seinen Mundwinkeln, verschwindet jedoch sofort wieder und macht einer mich verwirrenden Art von Verbitterung Platz. "Wie könnte ich nicht."
Ich blinzele ob dieser kryptischen Antwort ein paar Mal verdutzt und werfe Dismas, der den rothaarigen Rosar aus mir unverständlichen Gründen hereingeführt hat, einen fragenden Blick zu. Dieser hebt abwehrend die Hände und sieht mich mit einem "Frag-mich-bloß-nicht-was-dieser-stinkende-Rosar-meint"-Gesichtsausdruck an, der mich irgendwie zum Lachen reizt. Die vergangenen Stunden haben mich des öfteren an einen hysterischen Nervenzusammenbruch geführt, doch noch nie war ich diesem so nah wie jetzt, und ich muss das in mir aufblubbernde Kichern mit Gewalt unterdrücken.
"Du warst der einzige Rosar, den die Boten finden können", sage ich stattdessen und bin etwas erleichtert, dass meiner Stimme nichts von meinem brüchigen Nervenkostüm anzumerken ist, "wie kommt das?"
Er wirft mir einen leicht genervten Blick zu, den ich als äußerst unpassend empfinde. Verängstigt - ja, verstört - ja, meinetwegen sogar irgendwie erfreut, schließlich bin ich sein Prinz, auch wenn ich das wirklich nicht sonderlich gerne bin - aber genervt? Wirklich, genervt ist einfach unpassend.
"Ich bin der einzige, der heute auf die Erde geschickt wurde", antwortet er als hätte mir das schon längst klar sein müssen.
"Und warum?" hake ich nach, da mir die Zusammenhänge nicht so deutlich vor Augen stehen wie sie es für ihn offensichtlich tun.
Er kräuselt seine Lippen. "Weil ich mit Euch reden sollte", erwidert er, "weil ich dafür ausgesucht wurde."
Mein Blick schwenkt ein weiteres Mal hilfesuchend zu Dismas, doch dieser hat anscheinend genauso große Verständnisprobleme wie ich. Er runzelt seine Stirn und tritt einen Schritt näher an Tizian heran, sich wohl dessen bewusst, wie einschüchternd seine massige Gestalt auf den schmächtigen Rosar wirken muss, und bohrt seinen goldgelben Blick in den des Anderen. "Du solltest mit Orion reden? Warum plötzlich? Es ist nicht unbedingt so, dass ihr in den letzten Jahren ein sonderlich freundschaftliches Verhältnis mit ihm hattet."
Tizian erwidert den drohenden Blick des Anderen trotzig und mit einer unterschwelligen Herausforderung, die mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. Eine gefährliche Mischung, dieser Rosar und der Werwolf. "Es hat eine Verschiebung der Macht gegeben", bemerkt der Rothaarige dann schließlich ruhig, "die Königsfamilie hat dies bemerkt. Ich bin der Botschafter."
Die Königsfamilie.
Na, wenn das nicht mal eine Aussage ist.
Fünf geschlagene Sekunden starre ich ihn einfach nur an wie ein Idiot.
Dann erst kommt etwas Bewegung in meine Glieder. "Wer genau?" frage ich mit leicht zitternder Stimme, während meine Knie sich weich wie Wackelpudding anfühlen und ich mit aller Kraft darum kämpfe, nicht einfach aufgrund dieser Information in Ohnmacht zu fallen, wie es so verlockend wäre.
"Der König natürlich", antwortet er leichthin, und hängt nach einer kurzen Pause mit vor Ärger blitzenden Augen an, "... und sein Sohn."
"Narziss?" keuche ich erstickt und bekomme als Antwort zweimal einen Blick reinsten Argwohns.
"Welcher sonst", erwidert Tizian spitz, "niemand sonst hat Ansprüche auf den Thron gestellt, oder täusche ich mich da?"