Fanfic: Orion
Schultern und geht weiter neben mir her. "Naja, ich hab mich das schon öfters gefragt... Der Mann deiner Mutter - das ist doch nicht dein Vater, oder?"
Ich sehe kurz zu Boden und trete einen Stein, der dreist vor mir liegt, ein Stück weiter weg. "Nein", antworte ich dann, "er ist nicht mein Vater." Auch wenn ich ihn "Dad" nenne und er für mich das ist, was einem Vater am nächsten kommt - blutsverwandt sind wir nicht. Er ist Calvins Vater, nicht meiner.
"Gut", meint sie daraufhin leicht ungeduldig, "und was ist dann mit deinem Vater?"
Ich werfe ihr einen kurzen Blick zu und verziehe leicht das Gesicht. "Er ist weg", antworte ich dann, "nach der Geburt von mir und Allan ist er gegangen."
Als hätten wir ihn vertrieben. So war es mir zumindest immer vorgekommen.
"Gegangen?" hakt sie nach und runzelt leicht die Stirn, "wohin?"
Ich zucke nur mit den Schultern und sehe zur Seite. "Weg."
Sie betrachtet lange und aufmerksam mein abgewandtes Gesicht, sagt aber nichts. Irgendwann verschränkt sie jedoch ihre Finger mit meinen und ich komme zu der Überzeugung, dass ich auch ohne ihn ein ziemlich schönes Leben habe.
Dismas' Blick huscht zwischen mir und Tizian hin und her, während seine Nasenflügel leicht zittern - wie ein Wolf, der eine Fährte wittert. "Ich kenne deinen Vater ja nicht, Orion", meint er dann und wirft mir aus irritierend hell glänzenden, goldenen Augen einen schwer zu deutenden Blick zu, "aber wenn du ihm wirklich ähnlich bist, muss er ein besserer Mann sein, als man allgemein berichtet."
Tizian blinzelt bei diesen Worten und verzieht unmerklich sein Gesicht. Er presst seine Lippen zusammen und sieht mich aus tiefgrün gefärbten Augen emotionslos an. Alle Schönheit scheint plötzlich von ihm abgefallen, und mir wird mit plötzlicher Gewissheit klar, dass die von uns als Schönheit empfundene Anziehung in den hundertfach verstärkten Empfindungen der Rosar liegen muss - ihre Perfektion ist nichts als ein Abbild ihrer Gefühle, und diese Gefühle machen sie so einzigartig. Für einen Moment macht mich diese Erkenntnis leicht benommen.
"Verzeih", sagt er leise, "wie ich schon sagte - ich bin schon lange nicht mehr der, der ich einst war." Er schluckt und eine einsame Träne rinnt an seiner blassen Wange entlang. Ich habe das irrige Bedürfnis, sie ihm wegzuwischen und kann mich nur schwer davon abhalten. Der Ansatz eines Lächelns streift Tizians Lippen und sieht mich wissend an. "Du bist nicht wie dein Vater", sagt er dann im Brustton der Überzeugung, "wirklich nicht."
Ich reagiere kaum und sehe ihn nur weiter an. In seinen Augen liegt, hinter diesem Lächeln, etwas anderes, das ich noch nicht greifen oder beschreiben kann. Es stört mich irgendwie, auch wenn ich keine Ahnung habe, was es bedeutet.
Er spürt meine Unsicherheit, wirft einen kurzen Blick zu Dismas - was mich noch weiter beunruhigt - und streckt dann seine Hand zu mir aus. "Komm", sagt er, "ich bringe dich zurück. Fordere deinen Platz." Seine Stimme wird weicher, abbittender, ebenso wie sein Blick. "Tu es für uns."
Ein paar Sekunden lang starre ich seine dargebotene Hand einfach nur an, dann trete ich einen Schritt vor und schlage ein. Während sich unsere Hände berühren höre ich plötzlich ein schrilles Aufjaulen von Dismas, und als ich mich im letzten Augenblick umdrehe bemerke ich ein fast panisches Leuchten in seinen goldenen Augen.
Dann ist Leichtigkeit um mich herum, Helle und Licht - und mit einem dumpfen "Klong" berühre ich fremden Boden.
Rosarboden, wie ich nach einer Schrecksekunde feststelle, nachdem tief in meinem Gedächtnis wieder die Erinnerung an die Kälte dieses Ortes aufflammt.
"Danke, Tizian", höre ich eine mir nur zu gut bekannte Stimme und mit vor Schock starren Gliedern drehe ich mich langsam um, "du hast deine Aufgabe gut gemacht."
Rotglühende Augen bohren sich in meinen Blick, und ungewollt beginnt mein Herz vor Panik schneller zu schlagen. Siedend heiß fällt mir ein, dass es Tag ist - und ich somit menschlich bin. Na herrlich.
"Es ist lange her, Bruder."