Fanfic: Orion
mehr als das dreifache der Zeit, die ich als Ryan Ope verbrachte, inzwischen als eben jener Orion verbracht, und auch wenn ich es nur ungern einsehe - Ryan und Orion verschmelzen zu einer Person. Wenn es jemals verschiedene gewesen sind...
Narziss zuckt bei der Nennung meines - ehemaligen? alten? unaktuellen? - Namens leicht zusammen und kurz darauf verengen sich seine Augen zu schmalen Schlitzen. "Schön, dass wir uns darin einig sind", entgegnet er brüsk, bewegt sich so schnell auf mich zu, dass ich es gar nicht mitbekomme, und jagt mir dann seine Faust in den Magen. Die Luft entweicht zischend aus meinen Lungen, ähnlich dem müden Prusten eines löchrigen Schlauchboots, und ich sacke äußert ungalant auf die Knie und halte mir japsend den Bauch.
Mir war klar, dass er mich früher oder später würde angreifen werden... Allerdings hatte ich gehofft, dass ich dem vielleicht etwas vorbereiteter entgegen treten würde, jedoch scheint mir mein jetziger Zustand da einen fetten Strich durch die Rechnung zu machen. <i>Soviel also zu der Würde der Boten</i>, denke ich stupide, <i>hier hockt ihr König vor dem Rosarprinz wie ein Bettler vor dem Herrn.</i> Das kleine Wortspiel hellt leicht mein Gesicht auf und ich schaffe es, ihm ein schwaches Lächeln zuzuwerfen. "Dein Alter-Ego hat mir besser gefallen." Die bittere Wahrheit in den paar Worten wird mir erst ein paar Sekunden später klar, als die Wut in Narziss' Augen schier explodiert und sein Ellenbogen wie aus dem Nichts auf meine Schläfe kracht und wohlige Schwärze mich umfängt.
Dunkelheit. Stimmen. Lichtfetzen...
"Ich hab gestern mein Testament gemacht."
Sie hebt überrascht den Kopf, während ich mich neben ihr in einen Stuhl fallen lasse. "Was? Dein Testament?!"
Ich nicke und werfe einen Blick auf das Buch, dass sie gerade liest. Shakespeare. Mal wieder.
"Ja", sage ich nickend, "wer weiß, ich könnte morgen vom Bus überfahren werden."
Sie schnaubt und runzelt die Stirn. "Tolle Vorstellung."
"Ich sage ja auch nicht, dass ich das gut fände", erwidere ich, "aber ich finde, man muss darauf vorbereitet sein."
"Aufs Sterben?" Sie lacht hohl auf. "Ich denke, darauf kannst du nie vorbereitet sein. Nicht, wenn du selbst stirbst, und noch viel weniger wenn jemand stirbt, den du liebst."
Wie verzweifelt klammere ich mich an die Erinnerung, ihr Bild vor mir, das Funkeln ihrer Augen im kalten Licht der Bibliothekslampe und den so lang vermissten Klang ihrer Stimme, aber sie verschwimmt, engleitet mir wie die Pollen eines Löwenzahns nach einem Windstoß ohne, dass ich es irgendwie verhindern könnte, und ich versinke wieder in Finsternis
Ein Prasseln weckt mich, knisternd und mir wohl bekannt. <i>Feuer</i>, zischt mir mit einem diffusen Gefühl der freudigen Erkennung durch den Kopf, und ich versuche erfolglos meine Augenlider zu heben. <i>Vielleicht bin ich blind</i>, denke ich müde und merkwürdig unbeteiligt, während das Geräusch der Flammen in meinen Ohren immer lauter wird und sich eine wohlige Wärme auf meinen Schulterblättern breit macht.
"Mein Sohn", höre ich plötzlich eine männliche Stimme in unmittelbarer Nähe sagen, mit einem guten Stück Selbstgefälligkeit und wohl auch Stolz, und obwohl ich meine Anstrengungen, doch die Augen zu öffnen, nun noch verdoppele, erreiche ich nichts außer einem sich rasch ausbreitenden, stechenden Kopfschmerz. Ein paar Sekunden später hallen Schritte auf dem Boden nach und das Prasseln verlöscht.