Fanfic: Orion
Kapitel: Rosar IV
Keine Erwiderung kommt über meine Lippen, denn ich bin mir sicher, dass sobald ich meinen Mund öffne nur ein frustrierter Schrei aus diesem dringen würde. So presse ich meine Zähne fest zusammen und warte auf den abklingenden Schmerz in meinen Augen, der irgendwie nicht kommen will. Die Heilung ist langsam, schrecklich langsam, und das Gefühl, derart ausgeliefert ausgerechnet Narziss gegenüber zu sitzen ist nicht gerade beruhigend.
"Was hast du erwartet, Orion? Dass es wieder so einfach werden würde wie letztes Mal? Wir haben dazu gelernt." Die kühle Arroganz in seiner Stimme entzündet ein kleines, schwach züngelndes Feuer der Wut in meinem Geist, die jedoch fast völlig untergeht in der wieder erwachten erdrückenden Furcht vor ihm. Verdammtes Rosarblut.
"Diese - zugegebener Weise - äußerst geschmacklose Wandfarbe dämmt deine berühmten Boten-Kräfte auf ein Minimum ein. Verblüffend, nicht wahr, was so ein wenig Farbe bewirken kann?" Ich erwidere noch immer nichts, auch wenn sich allmählich ein bitterer Geschmack auf meiner Zunge breit macht. Na toll.
Seine Hand senkt sich auf die Lehne meines Stuhls und sein Gesicht kommt nahe an meines heran, bis seine Lippen fast mein Ohr berühren. "Weißt du, wie wir das herausgefunden haben, Bruder? Dein kleiner Freund Can hat uns als erstklassiges Studienobjekt gedient."
Die Wut in mir wächst zu einem brodelnden Vulkan heran und meine Nägel bohren sich in meinen Handballen. Allein die Nennung Cans aus seinem Mund erscheint mir so dermaßen falsch, dass sich mir empört der Magen umdreht.
"Er lebt noch, keine Sorge", redet Narziss weiter, während er sich allmählich wieder von meinem Gesicht entfernt und sich erneut zu seiner imposanten Größe aufrichtet, "auch wenn er leider den Verstand verloren hat. Aber Abstriche muss man überall machen, nicht wahr?"
Der Zorn in mir explodiert förmlich und mein Kopf fliegt hoch, sodass ich ihm aus bluttriefenden Augen einen mörderischen Blick zuwerfe. Zu meiner Überraschung wohl ebenso wie zu seiner eigenen fliegt er daraufhin wie eine übergroße Puppe durch den Raum und schlägt dumpf an der Wand auf, woraufhin er zunächst benommen liegen bleibt. "Wage es nicht", fauche ich wütend und springe auf, die Fesseln an meinen Füßen vergessend - die darauf von meinen Knöcheln abspringen als wären sie aus Spinnweben gemacht und nicht aus diesem Titan-ähnlichen Metall, "dich über mich lustig zu machen!"
Meine Stimme dröhnt sogar in meinen Ohren überirdisch laut und bevor ich richtig realisiere, was ich tue, halte ich einen Flammenball in der Hand und werfe ihn mit langgeübter Präzision genau auf sein Gesicht. Er kann nicht mehr ausweichen, es zischt dumpf - und nur noch ein rotes Auge starrt mich hass- und schmerzerfüllt an, während von dem anderen nur eine verbrannte Augenhöhle übrig geblieben ist - soweit ich das durch den immernoch über meinen Augen hängenden Blutschleier bestimmen kann.
"Kuhaugen", erklingt es angeekelt neben mir, "warum müssen wir uns ausgerechnet mit Kuhaugen beschäftigen?"
Ich lupfe ironisch eine Augenbraue und schnappe mir das Skalpell, während ich ihm die Pinzette in die Hand drücke. "Hättest du lieber einen anderen Spender?" frage ich spöttisch und achte nicht auf sein angewidertes Gesicht, während ich die Klinge direkt auf der Iris ansetze, "wir müssen schließlich was darüber lernen. Und das Auge ist als Studienobjekt erstklassig, weil es so komplex und doch so einfach nachvollziehbar ist."
Mit einem leichten Lächeln entferne ich ein Stück der Netzhaut und halte sie ihm hin. "Siehst du das hier? Das könnte nie wieder nachwachsen, die Reproduktion der Linsenzellen ist minimal!"
Er betrachtet mich skeptisch und sieht nicht wirklich begeistert aus, während er sachte den Kopf schüttelt. "Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du nicht ganz normal bist, Ryan?"
"Dauernd", erwidere ich grinsend und fasse den Griff etwas fester, um langsam einen präzisen Schnitt genau durch die Pupille durchzuführen.
"Hälst du das für klug, Orion?" fragt Narziss mit drohendem Unterton und legt, das Gesicht vor Pein verzerrt, eine Hand schützend über die schreckliche Wunde in seinem Gesicht, "mich zu verletzen, wo du und alles, was dir wichtig ist, dermaßen allein meinem Gutdünken ausgeliefert ist?"
"Keine Ahnung", fauche ich wütend zurück, "aber ich schätze, das interessiert niemanden, wenn ich dich töte!"
Er lacht hohl auf und tritt einen Schritt auf mich zu, woraufhin ich mich beherrschen muss um nicht um die gleiche Entfernung zurückzuweichen. "Ich kann nicht sterben", meint er mit einem unheimlichen Lächeln und einem Blick in den Augen, den ich nur mit dem Begriff "Wahnsinn" in Verbindung bringen kann, "und du solltest dass doch am besten wissen, oder?"
Mit einem Ruck reißt er sein Hemd auf und entblößt seinen Oberkörper vor mir, und mein Blick saugt sich wie automatisch auf der Stelle fest, die über seinem Herzen liegen müsste -- sofern er denn eines hat, was ich ernstlich bezweifele. Dort befindet sich eine ringförmige Narbe, deren Ränder nach oben etwas ausgefranst sind und irgendwie an drei Zacken erinnern --- wie ein gekröntes O.
Ein leichter Schauer überläuft mich, während der Blutstrom meiner Augen allmählich versiegt und sich meine Sicht endlich klärt.
"Wie du siehst", spricht er leise in seinem hypnotisierenden Singsang weiter, "ist dies der einzige Makel an meiner sonstigen Vollkommenheit. Oder in anderen Worten: Alles, was mich von der endgültigen Perfektion trennt, bist du."
Die Aussage mag in seinem Kopf vollkommen logisch und nachvollziehbar klingen, aber in diesem kotzgrünen Raum und seinen vor lauter Hass entstellten Gesichtszügen scheint sie lachhaft und so wenig wahr wie die Behauptung, dass die Sonne sich um die Erde dreht. "Ich?" wiederhole ich daher mit bitterem Spott und ziehe eine Augenbraue hoch, dankbar, dass meine Rosarkräfte anscheinend endlich in Wallung gekommen sind und sich so trotz der vermaledeiten Farbe meine Augen und sonstige kleinere Wunden endlich regeneriert haben, "glaub mir, du wärst nicht annähernd perfekt, auch wenn ich nicht existieren würde!"
Bitterkeit zieht sich durch das Rot seines noch sichtbaren Auges und für einen Moment erscheint er fast menschlich, fast so wie der Bruder den ich einmal kannte - und bewunderte.
"Aber ich wüsste nicht, dass ich es nicht bin", flüstert er leise zurück, und ungewollt wallt fast so etwas wie Mitleid in mir auf.
Wie macht er das nur? Wie bringt er mich dazu, ihm irgendwelche positiven Gefühle entgegen zu bringen - ihm, der mir wahrscheinlich mit größter Freude bei den schlimmsten Todesarten zusehen würde?!
"Ja", sage ich daher noch eine Spur härter, als ich es sonst getan hätte, nur um nicht noch in Trost zu verfallen, "weil dir alle anderen die Füße küssen und dich für den Held der Welt erklären."
"Nein", erwidert er und begegnet meinem Blick mit einer merkwürdigen Art von leisem Spott, indem fast so etwas wie Amüsiertheit mitschwingt, "weil ich nie die Perfektion in deinen Augen gesehen hätte."
Allmählich geht mir das Gerede über die angebliche Perfektion meiner Augen gehörig auf den Geist und ich seufze entnervt auf. "Perfektion ist ein unerfüllbarer Begriff", zische ich wütend zurück und frage mich abstruserweise im gleichen Moment, welchen Farbton meine Augen wohl gerade haben, "und hat ganz gewiss nichts mit mir oder meinen Augen zu tun."
Narziss' Ausdruck verändert sich weiter, wird noch eine Spur weicher, was ich sehr irritierend finde. Mit Hass und Anfeindungen von seiner Seite komme ich klar - nicht aber mit diesem locker-gelösten Mienenspiel, dass mir vorgaukelt, er wäre nicht der Feind und willens und bereit, mich jederzeit zu töten. "Es ist die Farbe", fügt er erklärend an, woraufhin ich fast gewillt bin, ihm tröstend zu sagen, dass Rot auch eine sehr außergewöhnliche Farbe ist, kann diesen Impuls jedoch unterdrücken.
"Und was ist daran so besonders?"
Seine Augenlider flackern und für den Bruchteil einer Sekunde bilde ich mir wieder ein, das warme Braun früherer Tage in seinen Augen sehen zu können. Dann jedoch sind sie wieder rot, blutrot und voller Hass.
"Sie ist rein."
"Reinheit ist ein irreführender und unbegriedigender Begriff, den Poeten gerne anwenden um die von ihnen geschaffenen Wesen zu beschreiben. Sie benutzen dieses Wort, wenn ihnen nichts anderes einfällt, das aussagekräftiger ist. 'Rein' beschreibt einen Zustand, den höchstens Wäsche erreichen kann."
Leises Lachen ertönt, während meine Lehrerin mich mit einem merkwürdig ausdruckslosen Gesicht ansieht und leicht den Kopf schief liegt. "Und deswegen gibt es deiner Meinung nach keine Engel?"
Mein Blick irrt nicht eine Sekunde in Leias Richtung, trotzdem bin ich mir ihrer Augen auf meinem Gesicht mehr als sicher. "Vielleicht gibt es Engel. Sie sind nur nicht rein." Das Gefühl ihres Blickes auf mir - ein mir nur zu gut bekannter sanfter Druck auf meinem Herz - weicht allmählich und mit einer fast perversen Befriedigung schleicht sich ein zufriedenes Lächeln auf mein Gesicht.
Meine Augenbraue wandert leicht in die Höhe und ein dumpfes Knurren entweicht meiner Kehle, während meine Finger sich wie automatisch zu Fäusten ballen. "Ich wusste ja, dass du vollkommen irre bist", zische ich leise, "aber wie weit dieser Wahnsinn reicht, übersteigt sogar meine Vorstellungen."
"Rein", wiederholt er stoisch und mit einer brennenden Wut in den Augen, die mir sogar für seine Verhältnisse übermäßig angesichts dieses kleinen, belanglosen Wortes vorkommt, "rein und schlicht."
"Schlicht", echoe ich spöttisch, woraufhin ich auch meine andere Augenbraue hochziehe, "stimmt, das ist natürlich wirklich toll."
Er schüttelt in einer entnervten Geste den Kopf, die mir völlig unpassend erscheint. Rein und schlicht - was redet er hier? Anscheinend haben die letzten Jahre ihm nicht