Fanfic: Jahr des Feuers

Hälften zu teilen im Stande war.
Der fast zwei Meter große Mann war in feines Tuch gekleidet. Rot, Braun und Gelbtöne wechselten sich ab. Unter der edlen Herrenkleidung zeichnete sich das schwere Kettenhemd ab und auch um seine Schultern wehte ein langer, weißer, samtener Umhang, auf den der goldene Kopf eines Löwen eingestickt war.
Raffael hielt den Atem an. Er kannte dieses Wappen. Dieser Mann gehörte zu den roten Räten. Er war einer der Hochgeweihten der Rondra. Er war eine Legende. Rondrasil Löwenbrand. Ein Name der einher ging mit den Namen Kaiser Hals, seinem Sohn Brin oder dem Schwertmeister Raidri Conchobairs. Helden des Mittelreichs.
Rondrasil Löwenbrand war im Kampf gegen Borbarad dabei gewesen. Er hatte zusammen mit Yppolita der damaligen Königin der Amazonen den Schwertzug gegen Islur geführt und mit nur einhundertfünfzig Kriegern die Stadt von einer erdrückenden Übermacht befreit.
Seit Helme Haffax hatte es keinen besseren Strategen mehr gegebenals ihm. Und dieser Mann hier war ihm ebenbürtig.
Raffael schluckte ein paar Mal, bis er sich aus seiner Erstarrung gelöst hatte und die Jubelschreie der Menschen in sein Bewusstsein zurück gekehrt waren.
Sein Blick kehrte langsam wieder zu der Amazone zurück, der von einem Mädchen ein weiterer Blumenkranz entgegen gestreckt wurde. Sie nahm ihn lächelnd an und hob das Kind zu sich aufs Pferd. Die Menschen waren vor Jubel nicht mehr zu halten. Der Euphorie nahe, schriehen und jubelten sie der Frau entgegen, die sich allerdings wenig darum scherte. Sie drückte das freudestrahlende Kind an ihre Brust, damit es nicht von dem hohen Ross herunterfiel und ritt langsam weiter.
Rondrasil Löwenbrand betrachtete die Situation mit einem väterlichen Lächeln.
Raffael war noch einen Augenblick von dem Bild gefesselt, dann beherrschte die Sorge wieder seine Gedanken. Er bahnte sich seinen Weg weiter durch das Gedränge, drängelte sich an begeisterten Menschen vorbei, bekam hin und wieder einen Ellbogen in die Seite und war froh, als er eine kleine Nische erreichte, in der nur vereinzelt Menschen standen.
Raffael atmete auf.
„Kein Durchkommen mehr.“ Er zog ein bedrücktes Gesicht. „Verdammter Mist!“
Mittlerweile war er mehr als beunruhigt. Dem Jungen konnte weiss Gott was passiert sein. Und wenn er ihn nicht schnell fand, würde er ihn überhaupt nicht mehr finden.
Raffael sah sich in der Nische um. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er ein gutes Stück über ihm einen Vorsprung entdeckte, der zu einem Balkonsimms gehörte. Umgehend suchte er die Wand nach einer Klettermöglichkeit ab. Wenn man das Gedränge nicht von unten überblicken konnte, dann vielleicht von oben!
Der Hexer erspähte einige Einkerbungen. Sie waren nicht sehr groß und ein nicht geübter Kletterer hätte seine liebe Müh gehabt, aber nach einigem Training im Zirkus sollte es ihm nicht weiter schwer fallen. Es konnte durchaus seine Vorteile haben nur einem kleinen Zirkus mit wenig Leuten anzugehören. Viel verschiedene Arbeit, die von allen verrichtet wedern musste. Und Not machte erfinderisch. Raffael hatte in Oruhas altem Zitkus nie aufs Hochseil gemusst, aber da jetzt niemand außer ihm und Meshuha zur Verfügung standen, hatte er sich von der Frau unterrichten lassen. Der Pfahl war zu Beginn nicht wirklich sein Freund gewesen. Die Griff- und Trittmöglichkeiten waren nur begrenzt und mehrere Male war er abgestiegen, bevor er das Seil überhaupt erreicht hatte.
Raffael tastete die Wand weiter ab, bis er eine geeignete Stelle gefunden hatte und begann die Häuserwand entlang zu klettern. Der scharfkantige Stein schnitt ihm einige Male in die Handflächen und einige der Zuschauer störten durch ihre irritierten Rufe und Blicke mehrmals seine Konzentration. Aber nach einiger Zeit und einem beinahe Absturz, kam er auf dem Balkonsimms im zweiten Stock an.
Die beiden Frauen, die darauf standen, staunten nicht schlecht.
„Ich bitte um Vergebung, die Damen..!“ sagte Raffael und klopfte sich den Staub von der Kleidung.
„Aber ich brauche einen erhöhten Ausblick.“
Er wartete die Reaktion der verdutzten Frauen nicht ab und drehte sich der Parade zu.
>>Besser<< dachte Raffael. Er konnte nun den gesamten Brigloplatz überblicken und suchte nach seinem Neffen.
Das irritierte Gezicke der Frauen und den Ruf der einen, nahm er nur zur Hälfte wahr. Erst als eine bärige Männerstimme hinter ihm auftauchte, wurde er bei seinem Suchen unterbrochen.
„Könnte er mir vielleicht erklären, was er auf dem Balkon meiner Töchter verloren hat?“ donnerte die höchst unzufriedene Männerstimme.
Raffael drehte sich nicht um und suchte weiter. Beiläufig beantwortete er die Frage des Mannes.
„Verzeiht meine Dreistigkeit. Ich kam nicht in böser oder unredlicher Absicht. Meine Schwester hat ihren Jungen in der Menge verloren, und ich kann von unten nichts erkennen.“
Raffael redete schnell und hektisch. Er machte sich Sorgen und er hatte kein Interesse daran, dem Mann mehr von seiner Aufmerksamkeit zu schenken, als unbedingt nötig. Wenn er seine Anwesenheit missbilligte, würde er es ohnehin schnell genug bemerken.
„Es sei anmaßend von ihm, hier einzudringen.“ schnaubte der Vater und trat neben Raffael ans Geländer, packte ihn an der Schulter und drehte ihn zu sich herum.
Raffael starrte in ein vor Zorn tiefrot gewordenes Gesicht. Der Mann hatte seinen stattlichen Bart, der in keinem Vergleich zu seiner haarlosen Kopfhaut stand, zu zwei seitlich abstehenden Zwirbeln gedreht und der Hexer musste sich bei dem Anblick das Lachen verkneifen.
„Ich werde die Stadtwache rufen, wenn er nicht alsbald meinen Besitz verlässt!“ sagte er drohend
„Ich bitte nochmals um Verzeihung, aber sobald, ich meinen Neffen gefunden habe, könnt ihr die Stadtwache rufen.“ antwortete Raffael genervt und machte sich geschickt los. „Als Vater von zwei“ er besah die beiden jungen Frauen mit skeptischem Blick „reizenden Töchtern könnt ihr die Sorgen sicher verstehen, die sich meine Schwester macht!“ und setzte sein strahlendstes Lächeln auf.
Bei dem Wort „reizend“ begannen die beiden Frauen zu kichern. Sie hatten Raffael jetzt unter Augenschein genommen und offensichtilch gefiel ihnen, was sie sahen. Zu verachten war der eins achtzig Schritt große Mann, mit seinem langen, schwarzen Haar und den strahlend, grünen Augen auch nicht.
„Ist schon gut Vater. Lasst ihn doch hier bleiben!“ sagte die eine begeistert.
„Oh ja, bitte. Er scheint ja nicht gefährlich zu sein.“ fügte die Andere schnell hinzu.
Der Vater wandte sich entsetzt seinen Kindern zu.
„Ihr könnt doch nicht einen wildfremden Mann in unser Haus lassen! Ihr habt mich doch selbst gerufen!“ schnappte er.
„Ja, aber das war nur der erste Schreck!...“ quiekten sie simultan aus einem Mund.
Ein heftiges Zetern zwischen Vater und Töchtern begann.
Raffael konnte das nur Recht sein. Die drei ignorierten ihn und er konnte endlich weiter nach seinem, Neffen Ausschau halten.
Sein Blick glitt über die Köpfe der Menschen, die Pferde und das große Tor. Die Sonne blendete ihn etwas und Raffael hob eine Hand vor die Augen. Er blinzelte ein paar Mal und entdeckte am Tor eine größere Gruppe Kinder, die mit einem dunkelhäutigen Mann in schneeweißer Robe mit goldenen Verzierungen, Seil sprangen. Sie nahmen nur wenig Notiz von dem Geschehen um sie herum. Sie hatten sich einen kleinen Platz erkämpft und gingen ungestört ihren Kinderspielen nach. Raffael musste zweimal hinsehen, um zu glauben, was er sah. Die Kutte des Utulus mit der Heroldshaube, zumindest vermutete er, dass es einer dieser Waldmenschen war, gehörte einem Diener des Praios. Auf der Rückseite des Gewandes befand sich ein goldener Falke, das Zeichen des Ucuri. Der Mann hatte sein Gewand heraufgekrempelt und hüpfte mit den Kindern um die Wette. Raffael meinte, selbst aus dieser Entfernung das Lachen des Mannes und seine blitzweißen Zähne sehen zu können. Eine eigentümliche Wärme breitete sich bei dem Bild in ihm aus. Was allerdings noch erstaunlicher war, als einen Praioti beim Seilspringen zu sehen, war die Tatsache, dass Nathanael bei dem Mann war. Die umstehenden Leute betrachteten das Schauspiel mit Interesse.
Raffael atmete erleichtert auf, stieg auf das Geländer, wandte sich mit einem Lächeln zu den zankenden Leuten um,
„Besten Dank, ich hab gefunden, wonach ich gesucht hab!“ und sprang die zwei Stockwerke nach unten. Als mittlerweile geübter Akrobat war das, das kleinste Problem.
Raffael drückte sich mit einiger Mühe an den Leuten vorbei und steuerte auf das Tor und den kleinen Platz zu, den er entdeckt hatte.
Er erhaschte weitere Blicke auf die Turnierteilnehmer, beachtete sie aber nicht weiter.
Der Hexer drückte sich an einer rundlichen Frau vorbei und stand schwer atmend vor der Gruppe Kinder.
„Den Göttern sein Dank!“ kam es seufzend von seinen Lippen. Er ging auf Nathanael zu, der von einem kleinen Mädchen mit blonden Zöpfen an der Hand gehalten wurde. Der kleine Ausreißer lächelte ihm aus seinen Zahnlücken entgegen, als er seine Stimme vernommen hatte und tapste aufgeregt auf ihn zu.
„Raffa! Raffa!“ rief der Junge aus. Die anderen Kinder betrachteten den Neuankömmling mit interessiertem Blick.
Raffael beugte sich zu Nathanael herunter und hob ihn auf seine Arme. Der Junge quickte vergnügt und spielte mit den Fingern des Hexers..
„Ist das euer Sohn?“ fragte eine tiefe, freundliche Stimme.
Raffael verspürte wieder die Wärme, die er schon auf dem Balkonsimms bemerkt hatte.
Er sah auf und blickte in tiefschwarze Augen in einem noch schwärzeren Gesicht mit schwarzen Locken. Der Utulu, es war definitiv einer, betrachtete Raffael gütig.
Der Hexer schluckte einmal. Dieser kleine Mann, den er mit zwei Köpfen überragte, hatte eine überwältigende Präsenz.
„Und, ist das Euer