Fanfic: Jahr des Feuers

Untertitel: Die dritte Wahl

Kapitel: Das Turnier 2

Fadime hätte ihren Jungen fast erwürgt vor Freude, als Raffael ihn zu den Frauen zurück gebracht hatte.
Seine eigenartige Begegnung mit dem Ucuriaten behielt er aber vorerst für sich. Gaukler waren selten gut auf Praiosdiener zu sprechen, da diese ihnen meist mit Arroganz und Ablehnung begegneten, die fast schon an Hass grenzte. Als Diener des Gottes der Wahrheit und des Anstands standen sie im konkreten Widerspruch zu den Dienern des Phex. Hinzu kam, dass sie jede Form der Magie verachteten und Hexen im Besonderen.
Raffael hatte keine Lust, auf dem Scheiterhaufen zu landen und noch weniger Lust sich mit Fadime den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er auch ja kein falsches Wort zu dem Mann gesagt haben könnte, das ihn veranlasste, die Truppe etwas genauer unter das Vergrößerungsglas zu nehmen.

Nach weiteren zwei Stunden Gedränge und Anstehen bei der Kontrolle am Tor der Arena, über dem eine mächtige Rondrastatue prangte, in der einen Hand das mächtige Breitschwert und in der anderen der große Rundschild, wurden sie schließlich auf das Turniergelände eingelassen.
Das weitläufige Areal vor der alten Resindenz, das ebenfalls den großen Turnierhof Gareths beherrbergte, war zu einem gigantischen Zeltlager geworden. Bunte Wappen und Wimpel schmückten die Zeltstangen und Eingänge der einzelnen Zelte. Dutzende Schmiede und Knappen, deren Hämmern und Werken über den Platz hallte, versorgten Waffen und Pferde, die abseits in großen Stallungen untergebracht waren.
Der Geruch von geschmolzenem Metall, zu Asche verbranntem Holz und der allgegenwärtige Geruch der Pferde in ihren Boxen mischte sich mit dem feinen Duft erlesener Parfums, der dem Adel anhing, zusammen mit den verführerischen Gerüchen, frisch gebratenen Fleisches und guten Weines, aus dem gigantischen Festzelt in der Mitte des Geländes. Zusammen bildeteten sie einen wohlriechenden Mischmasch aus Fremden und Vertrautem.
Die Vorbereitungen schienen jedoch noch nicht abgeschlossen zu sein, denn überall wurde gebaut und befestigt, gehämmert und verkeilt.
Die Plätze der großen Tribüne am Tjostengelände wurden mit samtenen Kissen belegt. Von hier aus würden Reichsregentin und Hofstaat, sowie die wichtigsten Vertreter des Reiches das Spektakel verfolgen.
„Beeindruckend“ sagte Marie gebannt. Sie schien nicht zu wissen, wohin sie als erstes sehen sollte und in welcher Reihenfolge, um auch ja nichts zu verpassen. Sie nahm Raffaels Hand und hielt sich daran fest, wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal inmitten eines riesigen Waldes stand und von der Größe der Bäume und ihrer majestätischen Anmut überwältigt wurde.
Der Hexer grinste die junge Frau an und drückte ihre Hand.
„Keine Angst, du wirst schon nicht verloren gehen!“
Marie starrte noch einen kurzen Moment auf die vielen neuen Bilder, bis die versteckte Spitzfindigkeit bei ihr ankam. Sie ließ Raffaels Hand los und warf ihm einen bösen Blick zu.
„Ich bin kein Kind, das verloren geht!“ schnappte sie entrüstet.
Raffael brach in lautes Gelächter aus. Auch wenn Marie mittlerweile ein Kind erwartete, so ganz erwachsen war sie dennoch nicht. In mancher Beziehung war sie immer sechzehn geblieben.
„Sei nicht sauer“ mischte Fadime sich ein „das ist halt seine Art. Er ärgert dich gern!“
Sie grinste sie etwas schief an und fügte hinzu: „Kommt, ich habe uns Plätze besorgt.“
Raffael folgte seiner Schwester zu drei Sitzgelegenheiten. Er fragte sich, wie sie sie organisiert hatte, denn Geld hatte sie keins dabei gehabt und daran, dass sie sie mit Freundlichkeit erworben hatte, glaubte er nicht wirklich. Aber darüber konnte er sich später noch den Kopf zerbrechen.
Es waren gute Plätze. Sie erlaubten Einsicht auf den gesamten Turnierplatz. Die Zuschauer um sie herum tobten, als die Teilnehmer ihre Wappenschilde auf der Schildegallerie aufstellten. Einer neben dem anderen, in trautem Frieden und Freundschaft. Wie verlogen das doch war. Nach diesem Turnier würden sie wieder ihren Intrigen, ihren Ränkeschmiedereien und Plänen nachgehen.
Marie und Fadime kreischten allerdings begeistert mit. Fadime riss die Arme hoch und winkte den verschiedensten Streitern zu und in ihrer Euphorie vergaß sie scheinbar alles um sich herum.
Raffael hingegen nahm sich seinen Neffen auf den Schoß – nur zur Vorsicht- und versuchte die Menge so gut es ging zu ignorieren. Das hier war nicht seine Welt. Er betrachtete gelangweilt, wie die Streiter, unter ihnen auch die Amazone, Aufstellung vor der großen Haupttribüne bezogen. Zu Raffaels Verwunderung nahm auch ein Goblin an dem Turnier teil. Auch er war in die Farben Rondras gewandet, was nicht gerade die Begeisterung der Leute förderte. Im Gegenteil. Neben Gelächter und leisen Beschimpfungen, buhten viele das etwa zwergengroße Wesen mit seinen überlangen Hauern, von denen einer abgebrochen war, aus.
Ein weiterer kurioser Teilnehmer, und mit ihm der Einzige seiner Zunft, war ein großgewachsener Magus, mit blonden Thorwalerzöpfen und stattlichem, rotblondem Bart, der ihm fast bis zur Brust reichte. Er stand mit in die Seiten gestellten Armen vor der Tribüne und bohrte sich, recht unelegant, mit dem Fingernagel in den Zähnen.
Neben diesen zwei winzigen Lichtblicken, verfolgte Raffael das Schaulaufen der Teilnehmer gelangweilt und gähnte breit.
Erst als Fanfarenstöße über das Gelände hallten und die kaiserliche Familie unter begeisterten Jubelrufen einzog, wurde Raffaels Interesse geweckt. Begleitet wurde Emer von ihren Kindern Rohaja und Selindian Hal von Gareth. Die blonden Kinder Reichsbehüter Brins lächelten freundlich in die Menge, ganz wie die Etikette es verlangte, aber Raffael wusste, dass zumindest Rohajas Herz für den Kampf schlug und sie das Korsett der Aristokratie auf den Tod verachtete. Die junge Frau, mit den langen, blonden Haaren und Thronfolgerin des Reiches war eine eigenartige Mischung aus Rondra und Rahja. Alleine ihr Name setzte sich aus diesen beiden widersprüchlichen Göttinnen zusammen, und ebenso war ihr Charakter. Im Volk munkelte man, dass sie sich im Streit mit ihrer Mutter befände, weil diese ihre Gattenwahl missbilligte.
Raffael seufzte tief und für einen Augenblick fielen ihm die Augen zu. Dann wurde er durch ein eigenartiges Gefühl urplötzlich aus seinem Dämmerzustand zurück geholt.
Er beobachtete die Menge. Und da war er. Der dunkelhäutigen Mann, der Ucuriat, dessen Präsenz so überwältigend auf ihn gewirkt hatte. Dem übrigen Publikum schien es nicht anders zu ergehen, denn die Rufe und Schreie verstummten innerhalb eines Augenblicks, als er hinter der Regentin den Hof betrat. Unter weiteren Fanfarenstößen, die speziell die Anwesenheit des Herolds des Reichs ankündigten, stieg der schwarzäugige Geweihte auf ein kleines Podest, das eilig herbei getragen wurde.
Einige Zuschauer murmelten erstarrt: „ Das ist der Herold Greif!“
Raffaels Augen weiteten sich, als die Worte der Leute gesackt waren. Der Greif. Der Herold des Mittelreichs und neben dem Boten des Lichts der höchste Praiosdiener, den es gab! Nichts war über diesen Mann bekannt, weder woher er kam, noch der Ort, an dem er die Weihe empfangen hatte. Aber die Wunder, die er wirkte, übertrafen selbst die Größe der Wunder, die der Bote des Lichts zu sprechen vermochte.
Der Hexer wagte nicht einmal zu atmen, als der kleine Mann auf seinem Podest anhob zu sprechen, und starrte einfach nur nach vorne.
Der Greif lächelte mit seinen strahlend, weißen Zähnen in die Menge, und wandte sich an die Teilnehmer:
„Seid willkommen, Ihr Streiter von Ross, Rüstung und Ruhm, die ihr gekommen seid, um teilzunehmen am großen Frühlingsturnier der Kaiserstadt Gareth!“ Der Greif sah einen kurzen Moment in die Menge und lächelte erneut. Raffael konnte das Leuchten in seinen nachtschwarzen Augen sehen und er glaubte, sein Blick gelte ausschließlich ihm. Für einen Moment vergaß er die Menge, Fadime und Marie. Er sah gebannt in dieses unendliche Schwarz, in dem er zu ertrinken drohte, aber sich dennoch so sicher fühlte, wie lange nicht mehr.
Der Mann lächelte noch einmal und drehte seinen Kopf wieder zu den Streitern.
„Verneigt euch vor der Herrin der Turnei: ihre kaiserliche Hoheit, Emer ni Bennain von Gareth!“
Raffael klebte wie verzaubert an den Lippen des Ucuriaten, unfähig sich auch nur den kleinsten Spann zu rühren. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und nichts auf Dere hätte ihn in diesem Moment von ihm los zu reißen vermocht.
Erst das Klatschen und Schreien der Zuschauer brachte ihn in die Wirklichkeit zurück, als der kleine Mann von nicht einmal einem Schritt Sechzig von seiner Erhöhung herunter stieg.
Eine majestätische Frau mittleren Alters und mit hüftlangem blonden Haar, auf dem die hohe Krone saß, war vor die Menge getreten. Um ihre Schultern wehte der purpurne Thronmantel leicht im Wind. Das verzierte rote Kleid aus samtenem Stoff umhüllte die durchtrainierte Statur und schmiegte sich vollkommen an ihren Körper. Neben ihrer Tochter war auch sie selbst eine große Kriegerin gewesen, nicht zuletzt ihr Kampf um den Leichnam ihres Gatten gegen den untoten Drachen von Warunk.
Razzazor, Diener der Meisterin der Yak Khai und Erschaffer des endlosen Heerwurms war vor nicht einem Jahr durch die Trollpforte gekommen, um sich den Leichnam Brins zu holen, damit er sein Heer der Untoten anführe. Emer war ihm entgegen getreten, hatte ihn zusammen mit Rondrasil Löwenbrand und einigen Geweihten vertrieben und hatte ihn bis zur Trollpforte gejagd. Dort hatte sie ihm eine Herausforderung an den untoten Schädel geworfen, dass sie seinen Karfunkel zerbersten lassen würde, flöge er nur einmal noch über ihr Land.
Jetzt blickte die Reichsregentin stolz auf die Reihe der Kämpfer und Kämpferinnen und ihre klare Stimme trug durch die Arena:
„Das Wesen eines Streitenden ist der Kampf!“
Raffael glaubte, sie sähe jeden