Fanfic: Lethal Nightmarez

Untertitel: oder: Was heute wegmuss...

Kapitel: Schneebälle [2002, Kurzgeschichte]

Ich war in Gedanken versunken, versuchte eine Geschichte zuende zu bringen, die nur in meinem Kopf existierte und diesen auch niemals mehr verlassen durfte, als es zum ersten Mal knallte. Ich schreckte hoch, Herz und Verstand begannen zu rasen. Mein Kopf pochte, ich begann wild zu spekulieren, was den Knall verursacht haben könnte. Vielleicht der Fensterrahmen aus Holz, der unter der Kälte der letzten Tage ächzte. Draußen hatte es geschneit. Möglicherweise hatte auch jemand Schneebälle ans Fenster geworfen. Auf jeden Fall kam das Geräusch von eben diesem Fenster, dessen Rouleau ich heruntergelassen hatte - und das Geräusch bedeutete anscheinend keine Gefahr. Herz und Verstand beruhigten sich wieder, die Traumwelt meiner Geschichte kehrte zurück.
Nachdem ich zum vierten Male durch das Schneeball-ächzender-Rahmen-oder-was-auch-immer-Geräusch aufgeschreckt worden war, ging ich auf die Straße und betrachtete mein Fenster von außen. Ich sah Schneeballabdrücke, die - wenn auch über das Fenster verstreut - wohl ein Viertel der Scheibe einnahmen. Entrüstet fragte ich mich nach dem Werfer. Als hätte man mich gehört, ertönte ein Mädchenlachen etwas weiter die Straße hinauf, in Richtung der niedrigeren Hausnummern. Es war bereits dunkel, sodass ich nicht sehen konnte, wer da lachte. Wahrscheinlich Nachbarskinder. Die Geschwister B. wohnten in der Richtung, aus der das Gelächter kam. Sie machten öfter Dummheiten, liefen durch Gärten, übten sich in Klingelstreichen. Beruhigt einen Sündenbock gefunden zu haben, ging ich wieder hinein, griff nach meinem Kopfhörer und drehte am Lautstärkeregler. Den Rest des Abends hörte ich nichts mehr von den Schneebällen.
Ich war sehr müde und ging früh schlafen.
Als ich am Morgen mit dem Rad zur Schule fuhr, warf ich einen raschen Blick auf mein Fenster. Die Kinder hatten wohl weitergewütet. Die Spuren der Schneebälle nahmen bereits die Hälfte der Fensterfläche ein. Mir fiel auf, dass ich vergessen hatte, das Rouleau hochzuziehen, doch ich war in Eile. Wenn ich zurück war, würde ich es hochziehen und feststellen, dass weniger Licht ins Zimmer kam.
Am Nachmittag machte ich einige Einkäufe. Die Weihnachtsfeiertage und Sylvester waren gerade vorüber. Schläfrige Januarstimmung machte jeden Pedalentritt auf dem Weg zum Supermarkt schwer und lästig. Einen Führerschein, geschweige denn ein Auto, besaß ich nicht. Auch gab es niemanden, der mich hätte fahren können. Meine Eltern machten Urlaub im Ausland auf der Suche nach Schnee zum Skifahren. Als ich darüber nachdachte, musste ich schallend lachen.
Endlich angekommen traf ich eine Nachbarin. Die Familie aus Vater, Mutter und drei Töchtern wohnte die Straße aufwärts, in Richtung der höheren Hausnummern. Die drei Mädchen entwickelten sich prächtig, wie mir die stolze Mutter erzählte. Gute Noten, Freund, Fahrstunden. Alles alterstypisch und normal. Sehr beruhigend für die Eltern.
Schließlich schaffte ich es, den Nachbarspfau und seine drei Küken abzuschütteln und machte genervt und müde meine Einkäufe. Ich fuhr im Dunkeln nachhause, räumte alles ein und hörte es einige totgeschlagene Stunden später wieder knallen. Ich war zu erschöpft, um nachzusehen. Stattdessen nahm ich mir den Kopfhörer vor und fiel in meine eigene Welt.
Wieder ging ich früh schlafen.
Als ich am Morgen mit dem Rad zur Schule fuhr, warf ich einen raschen Blick auf mein Fenster. Die Kinder hatten wohl weitergewütet. Die Spuren der Schneebälle nahmen bereits drei Viertel der Fensterfläche ein. Mir fiel auf, dass ich vergessen hatte, das Rouleau hochzuziehen, doch ich war in noch mehr in Eile als am vorigen Tag. Wenn ich zurück war, würde ich es hochziehen und feststellen, dass weniger Licht ins Zimmer kam.
Auf dem Nachhauseweg war ich schlecht gelaunt. Der Unterricht war langatmig und ermüdend gewesen, in den Pausen hatte ich mit meinen wenigen Freunden gestritten. Als ich auf zwei Rädern meine Straße entlangrutschte, fielen neue Schneeflocken vom tiefhängenden, grauen Himmel. Den Nachmittag vertrieb ich mir irgendwie die Zeit. Am Abend knallte es wieder. Dieses Mal war das Geräusch gedämpft durch die Schneedecke, die mein Fenster verdeckte. Ich beseitigte den Schnee nicht, denn wir hatten Minusgrade und er war festgefroren.
Schlecht gelaunt wie ich war, ging ich früh schlafen.
Ich verschlief, denn ich hatte vergessen, den Wecker zu stellen. Seine leuchtend roten Ziffern zeigten zwölf Uhr am Mittag, doch es kam mir vor, als wäre immer noch Nacht. Im Haus war es stockdunkel und eiskalt. Das Thermometer in der Küche zeigte minus acht Grad Celsius. Die Heizung war ausgefallen, doch ich war zu müde, um etwas gegen die Kälte zu unternehmen. Eigentlich war sie mir egal. Ich legte mich wieder ins Bett.
Sämtliche Fenster und Türen waren blind und verschlossen vom Schnee. Als ich einschlief, hörte ich das gedämpfte Knallen von Schneebällen und dachte mir, dass ich den Wecker wohl niemals wieder stellen müsste.