Geschichten aus dem Leben
Ein Nachmittag im Winter..
Durch die Luft flogen winzige Schneeflocken und landeten sanft auf ihrer Fingerspitze. Sie liebt den Schnee, die Kälte, einfach alles in dieser wundervollen Jahreszeit. Die meisten Menschen wurden hektisch und schlecht gelaunt, doch nicht sie. Nein, nie würde sie im winterliche Wetter verfluchen oder den Schnee, der die Straße in ein schmutziges Grau verwandelte. Es war einfach eine besinnliche Zeit und so sollte es auch sein.
Mit einer ihr eigenen Faszination beobachtete sie den letzten Rest der Schneeflocke. Wie schnell doch alles verging und dabei war alles so faszinierend. Zum Beispiel die wunderschönen Winterblumen. Momentan in voller Blüte und schon nach kurzer Zeit würden sie verwelken. Doch was sollten solche Gedanken? Man sollte sowieso in der Gegenwart leben.
Das brachte sie wieder auf den Grund, weshalb sie überhaupt unterwegs war. Heute würde sie ihn endlich sehen. Das lange Warten hatte ein Ende, nachdem er sich endlich entschlossen hatte, sich mit ihr zu treffen. Wie lange hatte sie auf ihn eingeredet? Wochen, Monate, Jahre? Vielleicht war letzteres doch ein wenig übertrieben, gestand sie sich selber ein. Aber was spielte schon Zeit? Die Hauptsache war, dass sie die Kämpfe überstanden hatte und dass sie sich endlich sahen. Was würde er sagen? Wie würde er sich ihr gegenüber benehmen? Und vor allem, wie würde es weitergehen?
Diese Fragen beschäftigten sie auf ihrem Weg zu dem gemeinsamen Treffpunkt. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie sich beeilen musste, denn wie immer war sie zu spät von daheim aufgebrochen und musste sich nun hetzen. Wann lernst du es endlich, sagte sie zu sich. Mit schnellen Schritten überquerte sie die Straße und wurde von einigen Autofahrern unfreundlichen angesprochen, da sie in ihrer Hast nicht auf diese geachtet hatte.
Schließlich sah sie am Ende der Straße die ersten Lichter des Weihnachtsmarktes aufleuchten. Endlich war sie hier. Der Weg war ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen, doch anstatt zu der vereinbarten Stelle zu gehen, blieb sie stehen, weil sich ihre Beine auf einmal schwer anfühlten. Sollte sie es wirklich wagen oder lieber wieder kehrtmachen? Okay, das Treffen war ihre Idee gewesen, doch wollte sie es wirklich? Und was wäre, wenn er nur eingewilligt hatte, dass sie endlich Frieden gäbe und er in Wirklichkeit gar nicht hier sein wollte? Hatte sie etwa etwas heraufbeschworen, was nie hätte passieren sollen?
Nein, so konnte es einfach nicht sein, beruhigte sich sie selber. Immerhin hatte sie ihn nicht gezwungen, also war er freiwillig hier. Ja, genau so musste es sein.
Ein wenig beruhigt, sah sie wieder auf die Uhr. Einige Minuten über der Zeit. Das würde man ihr schon verzeihen, immerhin kam so etwas öfters vor. Mit eisernen Füßen setzte sie sich in Bewegung und setzte ihren Weg fort.
Er hatte sie längst gesehen, wie sie in der erleuchteten Dunkelheit gestanden war. Verloren. Einsam. Unschlüssig. Kurz hatte er überlegt, ob er nicht zu ihr gehen sollte, hatte es aber schließlich gelassen, da er auf diese Weise selber noch Zeit hatte zu Ruhe zu kommen. So aufgeregt war er seit Jahren nicht mehr gewesen, aber das wollte er sich nicht anmerken lassen. Zu unsicher war diese ganze Aktion eines Treffens. So viel konnte schief gehen, besonders wegen eines so wankelmütigen Charakters, wie sie ihn hatte.
Aber jetzt, wie er sie so in der Menge sah, wusste er, dass es die richtige Entscheidung war, sich mit ihr zu treffen. Angst war es, das ihn bis jetzt immer davor zurückschrecken hatte lassen. Vieles konnte sich verändern, musste aber nicht zwangsläufig. Auf keinen Fall würde er zulassen, dass sie sich nach diesem Abend von ihm zurückzog, wie sie immer zu bedenken gegeben hatte. Dafür mochte er sie einfach zu sehr.
Wie in einem Film teilte sich die Menge vor ihnen und jetzt wurde auf sie ihn aufmerksam. Er sah den nervösen Ausdruck in ihrem Gesicht und lächelte. Anscheinend fühlte sie sich genauso wie er.
Langsam kam sie auf ihn zu und brachte ein schwaches Lächeln hervor. „Hallo, schön dich zu sehen.“ Schüchtern sah sie ihm in die Augen. „Hallo.“ Mehr sagte er nicht. Mehr sagte sie nicht. Ein unangenehmes Schweigen kam auf. Sie standen sich beide lediglich gegenüber und musterten den andern stumm.
Was denkt er sich jetzt nur bloß, fragte sie sich, und was sollte diese kurze Begrüßung? Konnte er oder wollte er nicht mehr sagen? Das Treffen würde ein Desaster werden, schallte es in ihrem Kopf wider. Dabei hatte sie sich alles so schön vorgestellt, die Begrüßung, der Spaziergang durch die Marktstände. Vielleicht sollte sie einfach mal über ihren Schatten springen und den ersten Schritt wagen. Genau das würde sie nun tun, entschied sie.
Entschlossen machte sie einen Schritt auf ihn zu und lächelte, dieses Mal aufrichtig und ungezwungener als vorher. Was sollte dies nun? Ein wenig verunsichert verlagerte er seine Position auf das andere Bein. Ihm war klar, dass dieses Lächeln etwas bedeutete, aber ob es gut oder schlecht war, das konnte er nicht sagen. Doch sie sah so süß und irgendwie glücklich aus, wie sie vor ihm stand, ein wenig schüchtern und distanziert. Ihre nächsten Worte überraschten ihn und er stieß die Luft aus, die er unwissentlich die ganze Zeit angehalten hatte.
„Ich schulde dir noch eine Umarmung, nicht?“ Ohne auf seine Antwort zu warten, beugte sie sich vor und schlang die Arme um ihn. Geschockt spürte er ihren Körper auf seinem und nur zaghaft, erwiderte er ihre Liebkosung. Sie roch gut, stellte er fest. Was für ein Parfüm sie wohl benutzte? Er konnte es nicht zuordnen, doch er mochte es. Könnten sie doch immer so umschlungen bleiben. Es wäre ihm egal, ob die Welt untergehen würde, solange sie nur bei ihm wäre.
Mit Bedauern stellte er fest, dass sie sich wieder von ihm löste. Es war zu schön gewesen, um wahr zu sein. Der Wind strich durch ihr offenes Haar und blies dieses in ihr Gesicht. Mit geschickten Bewegungen strich sie es zurück. „Wieso bist du so schweigsam? Hätte ich es nicht tun sollen?“ Sie meinte die Umarmung, stelle er fest. „Nein, das war schön.“ Schön? Am liebsten hätte er sich für dieses Kommentar auf die Zunge gebissen. Schön! Etwas Besseres hatte ihm nicht einfallen können. Jetzt war es sowieso zu spät noch etwas anderes dazu zu sagen.
Ein wenig verärgert über sich selber, wandte er sich dem Eingang des Weihnachtsmarktes zu. „Los geht’s.“ Und mit sanfterer Stimme fügte er ein leises „Danke“ hinzu.
Ohne etwas von seiner gereizten Miene gemerkt zu haben, lächelte sie wieder und ging los. „Okay, ich hoffe, dass es dir hier gefällt. Ich liebe diesen Ort. Jedes Jahr im Winter ist es schon ein Muss für mich hierher zu kommen. Eine Tradition, um es genauer zu beschreiben. “
Nachdem er noch immer nichts sagte, strecke sie ihm einfach ihren Arm entgegen. Verwirrt sah er sie an. „Was soll ich damit?“ Die Härte seiner Worte verunsicherte sie wieder, doch insgeheim beschloss sie, sich nicht abschrecken zu lassen. Er las etwas in ihren Augen, dass er nicht erkannte. Was sollte er nun tun?
Wie schon zuvor, trat sie einen Schritt auf ihn zu und hängte ihren Arm bei ihm ein. „Das sollst du damit tun und nun lass endlich diesen mürrischen Gesichtsausdruck weg. Wir wollen eine schöne Zeit miteinander verbringen und ich wette, dass es dir auch Spaß machen wird. Also stell dich nicht so an. Immerhin kannst du nach diesem Abend entscheiden, ob du es noch einmal mit mir aushältst oder nicht.“ Im Stillen hoffte sie natürlich, dass er sich amüsieren würde und endlich etwas lockerer werden würde. Das würde es für sie beide leichter machen.
Er war doch gar nicht mürrisch, sagte er sich selber. Ganz im Gegenteil, es gefiel ihm, wie sich bei ihm einhackte und ihm nahe war. Er wäre ein Dummkopf, wenn er keinen Gefallen an der Situation finden würde. Also versuchte er sich ihrer lockeren Stimmung anpassen.
„Na dann mal los. Ich möchte sehen, wovon du mir immer vorgeschwärmt hast.“ Mit seinem fast heiter wirkenden Gesicht sah er momentan jünger aus, viel jugendlicher, als er war und überrascht stellte sie fest, dass sie es ihr gefiel. Es geht doch, dachte sie. „Gerne, ich muss dir unbedingt den Stand mit diesen faszinierenden Bildern zeigen und natürlich auch alle anderen Orte.“
Es war praktisch unmöglich sich nicht von ihrer guten Laune anstecken zu lassen. Sie führte ihn zu diversen Ständen, kommentierte zu einzelnen und seiner Meinung nach kitschigen Weihnachtdekorationen und erklärte ihm ständig, wie sehr sie doch Weihnachtsmärkte liebte. Es war einfach unglaublich. Er fand sogar langsam Gefallen an dieser Jahreszeit und das nur durch sie. Interessant was sie alles bewirken konnte, dachte er. Es war definitiv die richtige Entscheidung gewesen hierher zu kommen. Würde es immer zwischen ihnen beiden so sein? Nachdenklich sah er sie an. Ihr Gesicht war vor Kälte leicht gerötet, Schnee haftete in ihren Haaren und sie strahlte. Diesen Anblick würde er sich immer in Erinnerung rufen, wenn er an sie dachte, selbst wenn sich das in seinen Ohren furchtbar kitschig anhöre.
Plötzlich war sie still geworden, das erste Mal seit einiger Zeit, wie er amüsiert feststellte. Mit fragenden Augen sah sie ihn verwundert an. „Was ist los? Habe ich etwas Falsches gesagt? Gefällt es dir hier doch nicht?“ „Nein, es ist schön hier.“ Jetzt lächelte er sie sogar an, was ihr Interesse noch mehr weckte. „Was ist es dann?“ Ein zaghaftes Lächeln umspielte ihre Lippen, auf die sich dadurch unbewusst seine Aufmerksamkeit gelenkt hatte. Als sie die Richtung seines Blickes bemerkte, errötete sie leicht und strich sich verlegen durch ihr Haar. Trotz der Kälte wurde ihr heiß und sie hoffte, dass sie sich das alles nur einbildete. Doch dem war nicht so. Ihre Stimme versagte und entsetzt starrte sie ihn an.
Was würde passieren, wenn er sie jetzt küsste? Würde