Geschichten aus dem Leben

sie zurückschrecken? Ihn wegstoßen? Es wohlmöglich zulassen? Er konnte es nicht sagen, doch er würde es herausfinden. Ein wenig unbeholfen senkte er sein Gesicht und sah die leichte Panik in ihren Augen. Doch da war noch etwas anderes. Überraschung. Verwirrung. Verlangen. Darüber konnten sie nachher noch reden, beschloss er. Sie liebte es sowieso immer wieder ihn in eine Diskussion einzuwickeln. Sollte sie diese einmal bekommen.
Sanft berührte er ihre kühlen Lippen und zog sie gleichzeitig näher zu sich heran.
Ein Beben durchfuhr ihren Körper, als sich der Druck seines Mundes verstärkte und sie seine Hände auf ihrem Rücken spürte. Was war nur mit ihr los? Sie hatte das Gefühl, als ob sie nicht mehr klar denken konnte. Eigentlich sollte sie sich empört wehren, doch die Energie dazu fehlte. Und der Wille, gestand sie sich selber ein. Schon zu lange hatte sie auf so einen Augenblick gewartet und nun war er endlich da. Instinktiv verschränkte sie die Hände hinter seinem Nacken und gab sich schließlich resignierend ihren Gefühlen hin. Nur noch ein paar Sekunden, schwor sie sich selber.
Doch schon im nächsten Moment zog er sie wieder zurück und sah in ihre verträumten Augen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, für den er bitter bezahlen musste, aber noch immer spürte er die Süße ihrer Lippen auf seinen. Er war selber über seine Kühnheit überrascht, weil er so etwas noch nie getan hatte, aber es hatte ihn in den Fingern gebrannt herauszufinden, wie sie auf ihn reagieren würde. Wieso sagte sie nichts? Schlug ihn oder tat irgendetwas anderes. Stattdessen stand sie einfach nur stumm vor ihm und starrte auf den Boden.
„Es tut..“ Er wollte sich bei ihr entschuldigen, das war das einzige, was ihm im Moment einfiel, doch sie unterbrach ihn. „Nein, sag jetzt nicht, dass es dir Leid tut.“ Ihre Stimme zitterte und noch immer konnte sie ihm nicht in die Augen sehen.
Jetzt war er vollkommen verwirrt. Was wollte sie nun von ihm hören? Wenn er darüber nachdachte, dann tat es ihm nicht wirklich leid, aber wie war es nun mit ihr? Konnte sie nicht endlich irgendeine Reaktion zeigen. Ungeduld stieg in ihm auf und so tat er das einzige, was ihm einfiel. Mit einer Hand umschloss er ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Was hast du?“ Eine unerklärliche Welle der Angst schlich sich in seine Gedanken, weil er wie er selbst feststellte, eine Ablehnung von ihr nicht ertragen würde.
Sekunde für Sekunde verstrich und er versuchte in ihrem Gesicht irgendeine Art der Regung, sei es nun im Positiven, wie er hoffte, oder im Negativen, vor dem er sich fürchtete, zu lesen.
Nach einer, wie ihm schien, Ewigkeit bildete sich ein Lächeln auf ihren Lippen und mit Erleichterung erkannte er, dass dieses aufrichtig war. Doch gleichzeitig stellte er auch geschockt fest, dass sich in ihren Augen Tränen gebildet hatten. Das hatte er nun wirklich nicht gewollt.
„Es war einfach wundervoll. Ich hätte nie gedacht, dass es so sein würde. Ich hatte es gehofft, doch nun weiß ich, dass es einfach..“ Ihr fielen nicht die passenden Worte ein, doch er wusste, dass dies auch nicht nötig war. Er kannte nun ihre Ansicht und war erfreut, dass sie es genauso sah wie er selber. Sollte er es noch einmal wagen?
Doch bevor er diesen Gedanken zu Ende fassen konnte, hatte sie sich bereits hoch gestreckt und küsste ihn von sich aus. Vielleicht konnte er ja doch glücklich werden. Mit ihr, wurde ihm klar, aber würde sie es auch wollen? Sie musste es einfach, dafür würde er sorgen, aber wie? Er kannte ihre Ansichten, was eine Beziehung angeht. Sie war da ein wenig mit ihren Vorstellungen festgefahren, doch das müsste man doch ändern können. Da war er sich sicher. Aber für den Anfang reichte es ihm schon, wenn er sie im Moment in den Armen halten konnte und versuchte damit glücklich zu sein.
„Komm schon, ich lad dich auf einen Punsch ein.“ Mit einem Lächeln, das ihr Herz erwärmte, verschränkte er seine Hand mit ihrer. „Einverstanden.“ Glücklich schmiegte sie sich an ihn und lies sich von ihm durch die Menge ziehen. Mit dieser Wendung hatte sie nicht gerechnet, doch das Schicksal ging oft seltsame Wege, dass hatte sie mittlerweile gelernt.