Fanfic: Alles aus Liebe

der Spitze, während die anderen ihnen folgten. Mokuba und Seto bildeten das Schlusslicht. Die Bewohner des Dorfes waren erstaunt über die sechs Weißhäute, die hinter den Geschwistern Ishtar hertrotteten. Zwar waren es eindeutig auch an der Kleidung zu erkennen Fremdlinge, doch sahen sie freundlich aus, nur der groß gewachsene, brünette Mann mit den wunderschönen blauen Augen, die so furcht erregend und eiskalt waren, kam ihnen so vor, als umgebe ihn eine geheimnisvolle Aura.
Plötzlich krachte es hinter ihnen. Alle wandten sich überrascht und erschrocken um.
„Kneipenrauferei“, entfuhr es Tristan.
Ein alter, weißhaariger Mann mit dürrem Gestell und vielen Falten im Gesicht war von vier großen, kahlköpfigen Muskelprotzen aus einer Kneipe geworfen worden und begannen nun auf ihn einzuschlagen, während alle Menschen, die auf den Straßen waren mit Entsetzen davonrannten in ihre Häuser und Türen und Fenster verschlossen.
„Lasst uns schnell abhauen“, murmelte Marik nervös. „Das sind die vier Stier-Brüder. Mit denen ist nicht zu spaßen.“
„Und was ist mit dem alten Mann?“, fragte Mokuba voll Angst um den Greis.
„Dem passiert schon nächst. Den nehmen sie nur als Prügelknaben“, erklärte Ishizus blonder Bruder mit steigender Nervosität.
„Als hätte der Mann nicht genug gelitten“, fuhr seine Schwester in grob an. „Seht ihn euch genau an. Niemand weiß, wer ist. Eines Tages vor neun Jahren saß er vor der Kneipe, die dann sein Zuhause wurde. Seine Beine sind gelähmt, er ist blind, stumm und manche behaupten auch er ist taub – und das mit 40 Jahren!“
Viele rissen ihre Augen vor Verwunderung auf. Dieser alte Greis, der wie eine lebende Mumie am Boden lag und die Schritte und Schläge dieser Stier-Brüder aushalten musste, war erst 40? Aus Nase und Mund strömte schon Blut. Seine blinden Augen waren mit einer eitrigen Masse verklebt. Sein weiß-graues Haar hang ihm ins Gesicht. Er schrie nicht. Nur seine Lippen bewegten sich.
Seto wusste, was er sagen wollte, wenn er sprechen könnte, doch es waren nicht ‚Hilfe!’, ‚Hört auf!’, ‚Bitte, lasst mich’ oder ‚Warum tut ihr das?’, sondern etwas ganz anderes, etwas was den Brünetten erschütterte. Dieser 40-jährige Greis, dessen Leben durch seine Leiden eine Hölle auf Erden war, bildete immer wieder mit seinen Lippen das Wort ‚Seto’!
Kaiba gab sich innerlich eine Ohrfeige. Wie blind, vergesslich und dumm er doch gewesen war! Flutwellen von Erinnerungen aus seiner Kindheit durchfluteten seinen Verstand. Was hatte er getan?
„Sabir!“, schrie er tief aus seiner Seele heraus. Wie hatte er seinen besten Freund und Lehrmeister nur vergessen können! Hatte er etwa mit seiner Kindheit in Ägypten auch Sabir aus seinem Gedächtnis verbannt?
Mit erstaunten Gesichtern sahen Marik, Odion, Tea, Yugi, Joey, Tristan und Mokuba Seto nach, der die Koffer von ihm und seinen Bruder fallen hatte lassen und nun auf die Muskelprotze zustürmte. Ishizu hielt sich aus plötzlicher Angst um ihn ihre Hände ans Herz. Was war mit ihr nur in letzter Zeit los?
Die Stier-Brüder hatten erschrocken von ihrem Opfer los gelassen, welcher mit Entsetzen seine Augen aufgerissen hatte. Er SAH. Endlich, nach so langer Zeit, hatte er seinen Namen GEHÖRT, und dass aus dem Mund vom dem, nach dem seine Seele verlangt hatte, den er wie seinen Sohn behandelt hatte, bis dieser mit zehn Jahren verschwunden war.
„Seto!“, schrie er Blut hustend. Er konnte auch wieder SPRECHEN.
„Lasst ihn in Frieden, ihr Bastarde!“, brüllte er die vier Muskelpakete an. In seinen dunkelblauen Augen lag Hass und Wut. Niemand schlug seinen Freund, seinen Lehrer, den Menschen, der wie ein Vater zu ihm gewesen war.
Die vier Brüder fassten sich wieder und begannen höhnisch zu lachen. Ohne auch nur etwas zu antworten, ließen sie vom Alten los und rannten auf den wesentlich Jüngeren zu, um den als Prügelknaben zu nehmen, doch sie wussten nicht, welchen Fehler sie damit begingen.
Seto hatte sich innerlich vollkommen verändert, denn er hatte die Ketten der Vergessenheit von sich gelegt. Sein Gedächtnis war lückenlos geworden. Er wusste wieder alles, selbst die Kampfübungen, die er damals als Kind mit Sabir geübt hatte – und er wandte sie auch jetzt an.
Zwar sahen die ‚Stiere’ stark aus, doch waren sie dumm und plump, durch ihre Kombination aus Fett und Muskeln. Der Blauäugige war aber flink, gut im Ausweichen, klug und sein Körper war der eines Kriegers. Schläge und Tritte der Brüder landeten im Leeren, während Setos Fäuste gezielt und mit großer Schmerzensquote trafen.
„Sabir“, sprach Seto den alten Mann an, nachdem die Stier-Brüder vor Angst davongerannt waren. Dieser eine Fremde hatte sie geschlagen, obwohl sie in der Mehrzahl waren und jeder von ihnen doppelt so breit war wie er.
„Sabir“, wiederholte der Blauäugige noch einmal. In seiner Stimme klang so viel Freude, Glück und Güte auf. „Sabir, steh auf. Wenn jemand dein Leid tragen sollte, dann sollte ich das sein, weil ich dich in Stich gelassen habe. Ich bitte dich: Verzeih einem Dummkopf.“
Mokuba, die Ishtar-Geschwister, Yugi und seine Freunde waren näher gekommen und bekamen alles mit, was der sonst so eiskalte, gefühlslose Chef eines Weltimperiums voll Trauer und mit Tränen in den Augen sagte. Um allem noch die Krone aufzusetzen tat Seto etwas, was niemand von ihm geglaubt hätte: Er kniete sich vor dem alten Mann nieder. Seine Nasenspitze berührte den Sand.
„Seto, lieber, dummer, kleiner Seto. Ich habe mir selbst diese Qualen von den Göttern aufgeben lassen, weil ich mir die Schuld an allem gegeben habe, was einst geschah und dein ganzes Leben zerstören würde. Doch als ich deine Stimme endlich nach neun Jahren wieder vernahm, wusste ich dir ging es gut, dass du mir etwas verziehen hast, weswegen du mir nie böse gewesen bist. Seto, ich muss dir nichts verzeihen, denn du bist rein, du bist das Licht der Welt, dass heute nach langer Zeit wieder über Ägypten strahlt. Willkommen Zuhause“, murmelte Sabir und STAND AUF. Auch dieses Leid hatte er bezwungen und gebot dem blauäugigen Jüngling sich zu erheben.