Am Rande der Nacht
Rausch und Gift
Minutenlang blieb ich liegen, ohne auch nur einen Finger rühren zu können. Ich spürte, wie mein Körper zitterte, fühlte das Gewicht der jungen Frau auf mir und doch kam es mir vor, als wäre ich irgendwo anders, als betrachtete ich diese jämmerliche Gestalt, die dort unter einer Fremden begraben lag aus weiter Ferne.
Schließlich, nach einer Ewigkeit rollte ich das Mädchen unter großen Anstrengungen von mir herunter. Leise entwich Luft durch ihren halb geöffneten Mund und verursachte ein Geräusch, das ein wenig wie ein Ausatmen klang. Dennoch glaubte ich nicht, dass sie noch lebte. Die ganze Zeit, die sie auf meinem Oberkörper gelegen hatte, hatte sich nichts an ihr gerührt. Auch kein Bauch, der sich hob und senkte.
Vorsichtig richtete ich mich auf und wurde dafür prompt mit einer heftigen Übelkeit belohnt, die mich daran erinnerte, dass ich wohl doch einiges an Blut verloren hatte. Reiß dich zusammen, du kannst nicht einfach ihre Leiche voll kotzen, dachte ich grimmig, während ich neben ihr saß und trocken würgte. Es schien mir ewig zu dauern, bis der Brechreiz nachließ, doch er tat es gnädigerweise. Zurück blieben nur ein bitterer Geschmack und eine gewisse Trockenheit im Mund. Auch das Zittern verebbte langsam, wenngleich ich fror, obwohl es draußen Sommer und meine Klimaanlage nie sonderlich hoch eingestellt war.
Ich nahm mir Zeit, die reglose Gestalt, die nun neben mir auf dem Rücken lag, eingehender zu betrachten. Ein etwa sechzehnjähriges Mädchen mit schlohweißer Haut, pechschwarzem Haar und von meinem Blut roten Lippen. Wäre ihr Haar nicht von unzähligen Strähnchen in Neonfarben durchzogen gewesen, hätte sie die Hauptrolle in jeder Aufführung von Schneewittchen übernehmen können, vorausgesetzt, sie trennte sich von ihrem 0815-Punkoutfit. Ihr Gesicht hatte sich zu einer erschrockenen Grimasse verzerrt, um dann zu erstarren, wie ein Standbild aus einem Gruselfilm. Die dunklen Augen, noch weit aufgerissen, waren blicklos, matt und schielten, als wüssten sie bereits, dass sie sowieso nicht mehr gebraucht würden und somit machen konnten, was sie wollten. Zwischen den leicht geöffneten Lippen schauten mit roten Schlieren bedeckte Zähne hervor. Es überraschte mich nicht, dass die Eckzähne ungewöhnlich lang und spitz waren. Reflexartig griff ich mir an den Hals. Dort, wo ich jedoch den Biss vermutete war nichts. Meine Kehle war völlig unversehrt.
„Was...?“ flüsterte ich mir selbst zu, vielleicht nur, um herauszufinden, ob ich überhaupt noch sprechen konnte angesichts des dicken Kloßes, den ich im Hals hatte. Meine Gedanken überschlugen sich. Warum war sie umgekommen, obwohl ich ihr doch nichts hatte anhaben können? Was war sie überhaupt? Ein Dämon? Ein Vampir? Und was war ich infolgedessen? Oh, und übrigens... Du hast süßes Blut, aber es ist giftig, durchschnitt es mein Denken. Ich schüttelte leicht den Kopf. „Ein Traum“, murmelte ich. „Du hast geträumt. Das hier ist real, okay, aber das davor war ein Traum. Nichts weiter.“ Im Grunde wusste ich es besser. Ebenso wie ich wusste, dass es sinnlos war, nach dem Puls des Mädchens zu tasten. Ich tat es trotzdem, mit dem erwarteten Ergebnis. Ich mochte kein Arzt sein, aber für meine Begriffe war sie tot. Dennoch wollte ich Bestätigung und ich wusste auch, woher ich sie bekommen würde.
Als ich meine Füße auf den Laminatboden setzte, hatte ich das Gefühl, sie auf Watte zu stellen, aber zu meiner großen Erleichterung konnte ich ohne weiteres aufstehen. Ich wankte ins Wohnzimmer, von dem sowohl meine als auch Ricks Tür abzweigten und klopfte an die seine. „Rick“, krächzte ich mit müder Stimme. „Wach auf, ich hab hier n kleines Problem.“ Welch maßlose Untertreibung, höhnte mein Verstand, während ich horchte, ob sich hinter der Tür etwas tat. Tatsächlich hörte ich zwei nackte Füße auf glattem Grund, gefolgt von einem lauten Poltern und leisem Fluchen. Hatte ich meinen zurückhaltenden, stets höflichen Mitbewohner jemals zuvor fluchen gehört? Wenn ja, so konnte ich mich nicht daran erinnern. Vielleicht wird er endlich normal, dachte ich, ein wenig verwundert darüber, dass ich mich tatsächlich mit solchen Gedankengängen beschäftigen konnte, während in meinem Bett eine Leiche schlief.
Die Tür öffnete sich einen Spalt und ein ziemlich verschlafener Fünfzehnjähriger schaute mir entgegen. „Was... ist denn?“ fragte er zögerlich.
„Ich hab da nebenan...“ Weiter kam ich nicht. Die Übelkeit kam wieder und mit ihr eine durchdringende Schwärze, die sich über alles um mich herum legte. Das Letzte, was ich von meiner Außenwelt noch wahrnahm, war das Zusammentreffen meines Kopfes mit dem Boden.
„Du hast mich erschreckt“, teilte Rick mir in besorgtem Ton mit, als auf dem Sofa erwachte. „Ich dachte, ich wär’ wieder allein.“ Ich sortierte meine Erinnerungen und stellte dabei verwundert fest, dass von Übelkeit und Zittern nichts mehr zu spüren war. Auch mein Kopf schmerzte nicht, obwohl ich hundertprozentig sicher war, dass ich damit irgendwo aufgeschlagen war. Hatte ich vielleicht doch nur geträumt? „Tut mir leid“, antwortete ich kleinlaut, aber auch ein wenig erleichtert. Ich hatte am Vorabend so einiges Getrunken. Wahrscheinlich war ich auf dem Sofa eingeschlafen und... „Schon gut. Hauptsache, du bist jetzt wieder in Ordnung. Aber wir müssen etwas wegen des Mädchens unternehmen.“
Und da war sie auch schon wieder, meine heißgeliebte Realität. „Sag mir bitte, dass ich einfach nur irgendeine Tusse abgeschleppt hab und sie mich auf mein eigenes Sofa verbannt hat, weil ich ihren Namen vergessen hab“, bettelte ich, doch mein Mitbewohner schüttelte resolut den Kopf, während ihm die Sorge buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand. „Ich habe...“ begann er schüchtern. „Deinen Kopf in Ordnung gebracht, und dir was für den Kreislauf gegeben. Das genügt wohl. Sie dürfte nicht allzu viel getrunken haben.“ Ruckartig setzte ich mich auf, was er offensichtlich falsch deutete. „E-es tut mir leid, ich weiß, ich soll nicht einfach in dein Zimmer gehen, aber du sagtest „nebenan“ und da-“
„Schon gut, ich bin nicht sauer auf dich“, unterbrach ich ihn, ehe er sich selbst weiter in seine Unsicherheit hineinreden konnte. Mein Tonfall klang barscher als ich wollte, doch er reagierte nicht darauf. „Ich wollte sie dir ja eh zeigen“, setzte ich eilig nach. „Und danke wegen des Kopfes.“ Er nickte nur und lächelte leicht. Es war nicht das erste Mal, dass ich als Versuchskaninchen für seine Heilzauber herhielt und verdammt froh darüber war.
Still saßen wir da, er auf dem niedrigen Wohnzimmertisch, ich auf dem Sofa, und wussten beide nicht recht, was zu tun war. „Was ist sie überhaupt?“ brach ich schließlich das Schweigen, als es drückend wurde.
„Ich bin mir nicht sicher. Ronga ist... Ich meine... Ich hatte nicht viel Naturkunde.“
Ronga lebte nicht mehr. Er war zusammen mit Lavande gestorben. Beide hatten sich vor vielen Jahrhunderten etwas gewünscht und die Erfüllung ihrer Wünsche, oder eher das Auge des Orion, das sie ihnen zu erfüllen versuchte, hatte ihre Leben unnatürlich verlängert. In Rongas Fall war es der Wunsch nach unendlicher Weisheit gewesen, die nur jemand annähernd erlangen konnte, der ewig lebte, doch er hatte sich mit einem Treueschwur an Lavande gebunden und als sie starb, ging er mit ihr. Er war Ricks Lehrer gewesen und erst nach seinem Tod war mir klargeworden, dass er dem Waisen wohl auch den Vater ersetzt hatte, denn die Trauer schwebte seit Wochen über dem Teenager wie eine dunkle Wolke. Obwohl ich Lavande aus tiefstem Herzen hasste, bereute ich es manchmal, sie getötet zu haben, wenn Situationen wie diese eintraten.
Ich gab mir Mühe, ein aufmunterndes Lächeln in meine dafür irgendwie nicht gemachten Züge zu bekommen und beeilte mich, aufzustehen. Immer noch war mir ein wenig schummerig, doch es hielt sich in Grenzen. Also ging ich in mein Zimmer, in welches Rick mir folgte. Das Mädchen lag immer noch auf meinem Bett, aber Rick hatte ihr Augen und Mund geschlossen. Eine respektvolle Geste, an die ich nicht einmal gedacht hätte. Durch das noch offenstehende Fenster, das sie anscheinend benutzt hatte, um hereinzukommen wehte ein schwüler Wind, der den Geruch der Stadt herein und den langsam drückenden Geruch heraustrug, der von der Leiche ausging. Draußen dämmerte es und mir fiel auf, dass Rick den Sonnenaufgang mit seltsam interessiertem Gesichtsausdruck betrachtete. Auf meinen fragenden Blick hin antwortete er: „Ich hatte gehofft, sie zerfällt vielleicht, wenn sie ein Vampir ist. Deswegen hab ich’s offen gelassen.“ Er knetete nervös seine Hände ineinander. „Aber meistens stimmen die Geschichten nicht, die man sich über... nun... Leute wie uns erzählt.“
Leute wie uns, sagte er und im Grunde hatte er recht, doch unheimlich war es mir trotzdem, jetzt wo er so offen aussprach, dass etwas an uns ebenso wenig normal war wie an ihr. Zumindest, wenn man „normal“ mit „nicht magisch“ gleichsetzte. „Du meinst, mit Knoblauch und Kruzifix kommen wir nicht weiter“, meinte ich schließlich. Er nickte. „Begraben können wir sie auch nicht“, fügte er hinzu. „Wir haben kein Auto, um sie zu transportieren.“ Innerlich verfluchte ich die Tatsache, dass ich unten in der Tiefgarage nur ein Motorrad stehen hatte. Rick hatte vollkommen recht.
Die Sonne stieg weiter und etwas anderes fiel mir siedend heiß ein. „Was meinst du, wie viel an den Vampirgeschichten dran ist in Bezug auf... äh...“ Ich stoppte meine Hand, die bereits die halbe Strecke zu meinem Hals zurückgelegt hatte.
„Oh das“, sagte er nachdenklich und trat von einem Fuß auf den anderen, als müsse er plötzlich auf die Toilette. „Du bist immun gegen höher entwickelte Blutsauger. Deswegen ist sie auch...“ Er wagte nicht, das Offensichtliche