Am Rande der Nacht

auszusprechen. „Ich kann Dämonen nicht von Vampiren unterscheiden... Oder von anderen dieser Wesen“, fuhr er fort „Aber ich weiß, dass Drachenblut für alle dieser Art giftig ist. In kleinen Mengen wirkt es wie ein Rauschmittel, aber wenn sie zuviel trinken... passiert sowas.“
Scheintals wüsste das noch jemand. Ich beschloss, ihm lieber nicht von meinem Traum zu erzählen. Schlimm genug, dass mein Blut das Mädchen umgebracht hatte. Was würde Rick dazu sagen, dass ich das quasi vorausgeahnt hatte? „Also hab ich sie auf dem Gewissen“, sagte ich in bemüht neutralem Tonfall. Ich fühlte mich schuldig, obwohl sie es gewesen war, die mich hatte umbringen wollen.
Ricks Kopf flog geradezu hin und her. „Nein, sie hat sich selbst auf dem Gewissen“, versicherte er mir hastig. „Sie können Drachenblut riechen und normalerweise machen sie einen Bogen drum, es sei denn... Naja, es sei denn, sie wollen den Rausch.“
Irgendetwas an dieser Erklärung kam mir seltsam vor. Sie schien meiner Erinnerung an den nächtlichen Besuch zu widersprechen, doch ich konnte nicht sagen, in wiefern. Also beließ ich es dabei, nicht zuletzt, weil es mich ein wenig beruhigte und meine Schuldgefühle linderte. Immerhin bedeutete es, dass sie sich nicht hatte beherrschen können und deshalb gestorben war.
„Was machen wir also mit ihr?“ überlegte ich laut. Ich wollte Rick nicht direkt fragen. Es war mir schon unangenehm genug, auf die Hilfe von jemandem angewiesen zu sein, der um Jahre jünger war als ich. Natürlich hatte er bereits eine Idee. Meine Dankbarkeit für diese Tatsache beheilt ich jedoch für mich.
„Naja, wir haben einen Bannkreis“, begann er und zeigte schüchtern auf sich selbst, um dann in meine Richtung zu deuten „und jemanden, der Feuer speien kann.“
Ich dachte an meine letzten paar Erlebnisse in Zusammenhang mit meinem Feuer. „Oh nein-nein-nein-nein-nein“, versetzte ich und fuchtelte abwehrend mit den Händen. „Ich gebe dir gern ein Feuerzeug, aber ich werde mich hüten, hier drin noch mal Feuer zu speien. Wir wohnen erst seit zwei Wochen wieder hier, falls du das vergessen hast. Und ganz nebenbei hättest du es das letzte Mal beinahe nicht überlebt.“
Und dieses Mal ist kein Ronga da, zu dem ich dich notfalls bringen kann, damit er die Verbrennungen heilt, dachte ich weiter.
Ich hatte hier drin einen Wutausbruch gehabt, der seine Konsequenzen nach sich gezogen hatte. Das Wohnzimmer hatte sich kurzzeitig in ein flammendes Inferno verwandelt, das Rick erfolglos einzudämmen versucht hatte. Der Preis dafür war hoch gewesen. Nicht nur dass ich ihn geröstet hatte, nein wir hatten auch noch bei ihm unterkommen müssen und meine Laune war auch schon schlecht genug, ohne Nicholas Gary Mischu.
Zu meinem Entsetzen zeigte sich Rick von meiner Warnung vollkommen unbeeindruckt. „Wir können kein solches Feuer benutzen“, erörterte er mir. „Ich könnte es nicht kontrollieren und es würde Spuren hinterlassen. Bannkreis oder nicht: Du hättest ein verbranntes Bett und die Nachbarn würden den Rauch bemerken.
„Du kannst meins auch nicht kontrollieren“, gab ich bissig zurück. „Ich werd mich hüten, das noch mal zu riskieren.“
Aber er ließ nicht locker. „Das war anders. Du hattest keine Ahnung von deinen Kräften und sie sind einfach aus dir hervorgebrochen. Aber jetzt... Du hast doch sicherlich was bei... ihm gelernt in der einen Stunde?“
Wieder mied er Rongas Namen. Ich ging darüber hinweg, bevor es mir einen Stich versetzen konnte. „Ich werd hier trotzdem nicht herumkokeln“, wehrte ich weiterhin ab. Mein Entschluss stand fest und mein Mitbewohner würde mich nicht umstimmen.
„Welche Farbe hat dein zweites Feuer?“ fragte Rick plötzlich.
„Was?“
Er ließ sich nicht beirren. „Dein zweites Feuer. Welche Farbe hat es?“ Sein Arm schnellte hoch und er vollführte mit der Hand eine komplizierte Bewegung, die mir, Rückblickend betrachtet, verdächtig hätte vorkommen müssen.
„Grün“, antwortete ich völlig perplex, aber wie aus der Pistole geschossen, noch bevor ich mich überhaupt an meine erste und letzte Unterrichtsstunde bei Ronga erinnerte, in der er es mir gezeigt hatte. Rick dankte es mir, indem er mit einem Speer auf mich losging.